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MP. 267. Erstes Blatt. Sonntag den 14. November

1880.

AMP- AmtÄÄ fir k» Kreis Gieße«.

} E-iuIstr-ß- B. 18. Erscheint tSgttch mit «nÄahm- M tW

Prki- »ierterjährttch 2 Mark 20 Pf. mir Bringerlohn. Durch die Poft be-ogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Gefundene Gegen st ander

1 Paar Glacehandschuhe, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 silberner Ring, 1 Sylschett, einige Pfennige, 1 Lampenbrenner.

Die Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Weidengaffe 93) aufbewahrt.

Gießen, den 12. November 1880. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

Fresenius.

Deutschland.

Gießen, 13. November. Der Bericht über die gestrige Sitzung der zweiten Ständekammer in Darmstadt kann wegen Raummangels erst in der nächsten Nummer d. Bltts. Ausnahme finden.

Berlin, 12. November. In der gestrigen Stadtverordneter-Sitzung braLte Hermes eine Interpellation über das judenhetzerische Vorgehen zweier Gymnasiallehrer der städtischen Schulen Jungfer und Förster ein. Hermes charoctertsirt mit Entrüstung die Ungeheuerlichkeit antisemitischer Agitation, ungebührliche- Benehmcn in Schule und OeffentltchkUt beider Lehrer unter Beifall der Versammlung brandmarkend. Stadtschulraih Cauer schließt, die Interpellation beantwortend, sich durchaus dem Interpellanten an. Schon sei Einleitung zur Disciplinaruntersuchung gegen beide Lehrer beantragt. Er selbst wie Director Kempf vom Friedrichsgymnasium, dem beide Lehrer angehörrn, seien gleich entrüstet. Cauer erklärt, 'strengste Bestrafung beantragt zu haben. Er besitze Beweise, daß das Gros der Lehrerschaft entrüstet solch schmachvoller Agitation gegen gleichberechtigte Mitbürger fernbleibt. Langerhans weift noch nach, daß der Urgrund der Judcnhetze nur im Gefühl dcs erbärmlichsten Neides zu suchen sei und verurtheilt unter lauter Zustimmung der Versammlung die ganze von Stöcker eingeleitete Hetze. (Frkfir. Joumn.)

Bremen, 11. November. Die Bürgerschaft lehnte mit 76 gegen 45 Stürmen den Antrag ab, welcher dahin geht, die berichtende Deputation mit der Formulirvng der Bedingungen zu beauftragen, welche bei einem etwaigen Zollanschluß von Seiten des Reiches zu erfüllen seien, und nahm mit 89 gegen 30 Stimmen den Antrag an, Wilcher zur Zrit für uropportun hält, die Freihafenstellurg aufzugeben.

DerNordd. Lloyd" Hierselbst hat in diesen Tagen dje Beförderung von 3000 rumänischen Israeliten nach Amerika überromv en, welche ihre längst geplante Auswanderung roch in diesem Jahre zur Ausführung bringen werden. Es hat sich ein Cvmits in Rumänien gebildet, welches unter Beihülse reicher Glaubensgenoflen tn Deutschland und Frankreich die Uetersahrtskostrn und den Ankauf von Wohnungen und Ländereien in Amerika bestreitet. Rituelle Ver­pflegung während der Seereise den Emigranten gewährleistet. Die Aus­wanderung dauert heuer unvermindert fort; der neulich abgefahrene Dampfer Köln" bringt 1020 Personen nach Baltimore und rechnet man sitzt, daß 80,000 Köpfe bis zum Ende dieses Jahres mit den Schiffen desLloyd" be­fördert sein werden.

Amerika.

Washington, 11. November. Durch Circular des Staats-Depar­tements wird bekannt gemacht, daß olle als Bürger der Vereinigten Staaten naturalisirten Deutschen einschließlich der Elsäffer, welche Deutschland in der Absicht, nach Amerika zurückzukehrcn, besuchen werden, Seitens der Unions- Regierung gehörigen Schutz erhalten, obgleich dieselben aufgesorde.rt werden dürften, die Naturalisation zu beweisen, sowie auch, daß sie von der deutschen Armee nicht desertirten.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'- telegr. Correfpondeuz-Burean.

Paris, 12. Novbr. Der Deputüte Baudly d'Affon wurde gestern Abend 10 Uhr wieder sreigelaffen.

Loudon, 12. Novbr. DasReuter'sche Bureau" meldet aus Konstan­tinopel vom 11. ds.: Die Chefs der Albanesen-Liga willigten ein, Dulctgno zu übergeben. Delegirte aus Dulcigno trafen in Skutart ein. Die Unter­handlungen sind noch im Gange.

In Teheran vorliegende Meldungen aus Täbris besagen, daß der persische General Cipar Salar nach dem Kriegsschauplätze abging, da der bis- hertge Oberbefehlshaber der persischen Truppen, Hismct Dowlah, erkrankt ist. Gerüchtweise verlautet, Letzterer sei bereits gestorben. Die persischen Truppen belagern die Kurden tn Soojbulagh. Einige Kurdenführer unterwerfen sich, andere find tn westlicher Richtung entflohen.

Petersburg, 12. Novbr. In dem heute Nacht gefällten Erkenntniß verurteilte das Mtlttärkreisgericht die fünf Angeklagten Kwtatoffsky, Schirta- jeff, Tichonoff, Okladsky und Preßnjakcff, unter Verlust der Standesrcchte, zum Tode mittelst Stranges, die übrigen elf Angeklagten zum Verlust der Stanbesrechte und Zwangsarbeit, bezw. auf Lebenszeit und bis zu 15 Jahren. Das Gericht beschloß, den UrtheilSspruch dem Gehülfen des Chefs des Peters- burger Militärbezirke- behufs Milderung zu unterbreiten, mit dem Ersuchen,

die gegen Zuckermann und die Iwanowa verhängte 15jäbrtge Zwangsarbeit durch 8-, resp. 4jährtge zu ersetzen, und hinsichtlich der beiden anderen Frauen Ftgner und Grtasnowa, sowie auch der Angeklagten Bulitsch und Trigv, anstatt der verhängten 15jährigen Zwangsarbeit die Verschickung nach Sibirien behufs Ansiedelung daselbst zu verfügen.

Berlin, 12. November. Abgeordnetenhaus. Der Präsident giebt Kenntniß von dem gestern Abend erfolgten Tode des Abg. Beerbohm. Richter erklärt: Das Facit der kürzlichen Rede des Finanzministers sei gewesen, daß von den bereits Seitens des Reichstages bewilligten 130 Millionen neuer Steuern 14 Millionen zu erlassen gegeben werden sollen und im Ganzen 64 Millionen erlaffen werden, also ungefähr die Summe, die früher ohne Hinzuzühnng von weiteren HO Millionen neuer Steuern als Ersatz in Aus­sicht gefüllt wurde. Nach dem December-Brtef des Reichskanzlers dürften aber erst dann neue Steuern verlangt werden, wenn den 130 Millionen bewilligten Steuern gegenüber 130 Millionen Entlastung gewährt worden seien. Finanz­minister Hobrccht habe seiner Zeit verschiedene Steuererlasse in Aussicht ge­stellt, welche als Consequenz der bewilligten ReichSstemrn zu betrachten seien. Der heutige Erlaß solle ab-r erst eintreten nach Bewilligung weiterer Steuern. Der Haushalt habe sich ziffermäßig um 21 Millionen gebessert, aber doch nur dadurch, daß so viel Stenern mehr aufgebracht werden müffen. Weitere 110 M lliomn ' euer Sünern will Redner wegen der Abfindung von 14 Mill, keinesfalls bewilligen. Tie gegebenen cvnftituttonellen Garantien seien lediglich theoretischer Natur. Redner befürwortet seinen Antrag auf dauernde Sicher­stellung des Steuerer lastet-. Ein einmaliger Steuererlaß könne doch nur in der im Allgemeinen guten Lage der Finanzen während des betreffenden Jahres begründet sein. Das gegenwärtige Jahr habe diesen Charakter keineswegs. Auch dem Verwendungsgesetze entspreche dieser einmalige Erlaß nicht. Ferner laste der neue Finanzplan sich nur durchführen, wenn man im Kriegsbudget Ersparnisse mache. Redner geht zur Kritik der Wtrthschaftspolittk des Reichs­kanzlers über und sucht zu beweisen, daß die ärmeren Klaffen der Bevölkerung durch die neuen Zölle und indirecten Steuern außerordentlich belastet würden. Wenn mit dem Steuererlaß nicht eine organische Reform der Klaffen- und Einkommensteuer verbunden werde, nütze der Erlaß überhaupt nichts. Daher Löge das Haus des Redners Antrag annehmen. v. Heyden erklärt sich für die Börser steuer, Erhöhung der Brausteuer in Verbindung mit der Brannt­weinsteuer und für Et Höhung der Tabakssteuer im Reich. Er beantragt, daß die Etats der Eisenbahnverwaltung, der indirecten Steuern und des Finanz­ministeriums der Commisflonsberathung unterliegen sollen. Die Fortsetzung der Debatte wird sodann auf morgen 11 Uhr vertagt.

Elberfeld, 12. November. DieElberfelder Zeitung" meldet: Der Regierungspräsident a. D. v. Maffenbach in Düffeldorf ist heute Morgen gestorben.

Das Erdbeben am 10. November.

In Wien ist das Erdbeben nur sehr gelinde aufgetreten, viele Bewohner der Stadt haben es überhaupt gar nicht bemerkt und das hier und da vorgekommene Stehenbleiben der Uhren anderen Ursachen zugeschrieben. Viel ernster klingt, was aus der Provinz gemeldet wird. Von der Central-Anstalt für Meteorologie und Erd­magnetismus wird folgende Meldung ausgegeben:Nach den bis jetzt über das heute Morgen stattgehabte Erdbeben bei der k. k. Central-Anstalt für Meteorologie einge­langten Berichten zu urtheilen, ist das Centrum dieser so heftig aufgetretenen Natur- erschrinung in Croaten bei Agram zu vermuthen; daselbst äußerte sich dieselbe am stärksten und es wird von dort telegraphirt: Um 7 Uhr 34 Minuten 15 Secunden früh fand in der Dauer von 10 Secunden ein außerordentlich starkes Erdbeben statt. Der Beginn war wirbelförmig mit nachfolgenden starken Schwankungen in der Richtung Nordnordost. Nach dem ersten Stoß hüllte sich die ganze Stadt in eine Staubwolke: Rauchfänge, Dachziegel, Feuermauern stürzten nieder und bedeckten die Gassen mit Schutt, viele Menschen wurden verwundet, einige sind todt, fast jedes Haus wurde mehr oder weniger beschädigt. Der Schaden ist bis jetzt unberechenbar, doch jedenfalls sehr groß. Diesem ersten Erdbeben folgte nach etwa 5 Minuten ein zweites und um 6 Uhr 27 Minuten 55 Secunden ein drittes, jedoch nur schwaches."

Ferner meldet dieN. Fr. Pr." aus Agram:Ueber die Katastrophe ist Agram berichtet unser dortiger Correspondent noch in später Abendstunde: Das ungeheure Unglück, welches heute Agram betroffen hat, läßt sich in feiner vollen Ausdehnung noch immer nicht übersthcn. Die sofort constituirte gemeinderäthliche Commission stellte bisher an fünfhundert Häusern größere Einstürze fest. Die Bevölkerung hat sich noch nicht von ihrem namenlosen Schrecken erholt. Noch in später Nachtstunde wogte trotz des schlechten Wetters die Menge voll Furcht und Bangen durch die Straßen, weil man einen neuen Stoß befürchtet, der den geborstenen Häusern unfehlbar den Zusammen­sturz bringen müßte. Auf den öffentlichen Plätzen wurden notdürftig Baracken her- gestellt, um zahlreiche delognte Familien aufzunehmen. Von öffentlichen Gebäuden litt namentlich die Domkirche, dann die kürzlich restaurirte Marcus- und die Marien-