Ausgabe 
12.12.1880 Erstes Blatt
 
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dkr. LSI. Erstes Blast. Sonntag den 12. December 1890.

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Vxpeditiousbureau:

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Theis.

Gefundene Gegen ft ander

A 2 Portemonnaie's mit Inhalt, 1 Kindershawl, 1 Taschentuch, 1 Uhrkette, 1 Buch, 1 Schleier.

Die Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Weidengasie 93) aufbewahrt.

Gießen, den 10. December 1880. Großherzogltche Polizeiverwaltung Gießen.

Fresenius.

Deutschland.

Berlin, 8. December. Dem Bundesrathe wird, bestem Vernehmen nach, in nächster Zeit die Wehrsteuervorlage zugehen. Entgegen früheren Nach­richten hört man, daß dieselbe sich im Wesentlichen ganz an den vorjährigen Entwurf anlebnen wird. Daß eine Vorlage wegen weiterer Erhöhung der Tabakssteuer sich in Vorbereitung befindet, wird bestätigt.

Die Weigerung des Abg. Stöcker, die vielerwähnteGründerliste" vorzulegen, bildet das Tagesgespräch in Abgeordnetenkreisen. Conservattve Abgeordnete machen kein Hehl daraus, daß innerhalb ihrer Partei die Sache sehr unliebsam berühre, aber sie leugnen, daß die Partei als solche irgendwie eine Pression auf Herrn Stöcker üben werde. Jedenfalls wird die Sache jetzt im Abgeordnetenhaus zur Sprache kommen und zwar im Laufe der Debatten des Culiusetat, wobei überhaupt das Treiben der kirchlichen Partei, zu deren Führern Herr Stöcker gehört, scharf beleuchtet werden soll. Mit der neu­lichen Verleugnung derDeutschen Londeszeitung" Seitens der conservativen Partei soll man innerhalb derselben auch nicht überall einverstanden sein. Die Seele dieses Blattes ist bekanntlich der Geh. Ober-Regterungsrath a. D- Her­mann Wagener (KreuzzeitungS-Wogener"). Die Angabe, daß derselbe in keiner Beziehung mehr zum Reichskanzler stehe', begegnet in parlamentarischen Kreisen v eifach Zweifeln.

Kassel, 9. December. Der Oberbürgermeister von Kastel hat das nachstehende Antwortschreiben an Dr. Bernhard Förster in Charlottenburg erl affen:

Das mir gestellte Ansinnen, zur Verbreitung einer an den Reichskanzler zu richtenden Petition um Einschränkung des Einflusses der Juden mttzuwirken, weife ich unter Wiederbeifügung der übersandten Exemplare der Petition hier­mit entschieden zurück, indem ich zugleich der Zuversicht Ausdruck gebe, daß die Agitati n gegen die Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger in dem gesunden Sinne der Bevölkerung Heffens, das diese Gleichberechtigung schon so früh durchsührte, keinen Boden finden wird.

Der Oberbürgermeister der Residenz:

(gez) Weise."

Wen.

Teheran. Aus Konstantinopel meldet ein Telegramm desDaily Telegraph:Russische Jntriguen sind wieder thätig in Teheran gewesen. Ein abermaliges Anerbieten, mit Hülfe russischer Truppen den Kurdenaufstand nie­derzuwerfen, hat der Schah mit dem Bemerken abgelehnt, daß er sich mit dem von der Türket zu leistenden Beistände zufrieden gebe.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Correspoudenz-Bureav.

Breslau, 10. December. Der Berliner Nacht-Schnellzug erlitt eine dreistündige Verspätung in Folge der Entgleisung eines Kohlenzuges durch Achsenbruch zwischen Stegersdorf und Bunzlau. Details fehlen.

Agram, 10. December. Heute Nacht 3 Uhr 25 Min. erfolgte ein kurzer nicht unbedeutender Erdstoß.

Paris, 10. Decbr. Das JournalArm6e fran?atse^ versichert, daß Tiffot, welcher vom Kriegsgericht in Straßburg zu dreijähriger Festungshaft verurtheilt wurde, keinerlei Mission erhalten hätte und, wenn er Notizen über die Befestigungen von Diedenhofen gesucht habe, nur seinem eigenem Antriebe gefolgt fei.

Athen, 10. Decbr. Die Kammer nahm die Convention betreffs der Anleihe von 52 Millionen mit der Bank von Griechenland an; letztere wird sich auch bet der auswärtigen Anleihe betheiltgen. Ein Anhänger Garibaldis, angeblich von einem Sohne Garibaldis abgesandt, soll der Regierung angeboten haben, im Falle etneS Krieges mit der Türkei ein Garibaldt'sches Corps von 6000 bis 7000 Mann aufzustellen.

London, 10. Decbr. Ein Rundschreiben Gladstone's ersucht die An­hänger der Regierung, am 6. Januar zur Stelle zu sein, da dem Parlamente sofort Angelegenheiten von großer Wichtigkeit unterbreitet würden. Mel­dung aus Konstantinopel vom 9. ds.: Die türkische Note bezüglich der griechi­schen Frage ist gestern vom Sultan im großen Staatsrathe genehmigt und wird voraussichtlich Samstag abgesandt. In der Note werden die Mächte ersucht, Griechenland aufzufordern, binnen bestimmter Frist kategorisch zu erklä­ren, ob es die Vorschläge, welche die Pforte im October machte, annehme; verneinende Falls müßte die Pforte die Beziehungen zum griechischen Hofe abbrechen.

Berlin, 10. Decembrr. DieGermania" ist in der Sage, auf das Bestimmteste zu versichern, daß die Mtttheilungen derOesterr. Corresp." über im Laufe des Sommers stattgehabte Besprechungen Jacobint's mit höheren Berliner Ministertal-Beamten jeder Begründung entbehren; seit dem Abbruch der bez. Verhandlungen hätten keinerlei Pourparlers behufs Beilegung des kirchenpolitischen Kampfes stattgefunden.

Petersburg, 10. Decbr. DieAgence ruffe" schreibt gegenüber den Auslastungen hiesiger Zeitungen, welche eine feindselige Haltung Deutschlands gegen England accentutrten: alle Mächte seien gleichmäßig von dem Wunsche der Aufrechterhaltung des Einvernehmens beseelt. Bezüglich der Donaufrage macht dieAgence" darauf aufmerksam, daß die Zeitungen häufig die gemisch­ten Commissionen mit der europäischen Commission verwechselten. Der Ber­liner Vertrag bestätigte die letztere, schuf aber keineswegs erstere; mithin bleibe bezüglich dieser die Frage offen.

Berlin, 10. Decbr. Abgeordnetenhaus. Eingegangen ist der Gesetzesentwurf betreffs Bewilligung von Staatsmitteln für die wirthschaftliche Hebung der Nothstands- bezirke im Regierungsbezirk Oppeln und Betheiligung des Staates an Eisenbahnbauten im oberschlesischen Rothstandsbezirk.

Fortsetzung der Berathung des Cultusetats. Die Positionen für die Con- sistorien in den alten Provinzen werden ohne Debatte genehmigt. Bei der Position für bi< Konsistorien in der Provinz Hannover bringt v. Bennigsen den Fall des Pfarrers Regula zur Sprache, desgleichen den Fall des Stadtvicars Veesenmeyer. Redner macht auf die sehr strenge Absonderung der lutherischen Kirche in Hannover aufmerksam. Die evangelische Kirche habe in der jetzigen Zeit des Materialismus ge­rade die Aufgabe, das Ideale im Deutschen zu pflegen, die Kirche auf breitester Unter­lage aufzubauen. Redner ersucht den Cultusminister um Prüfung der angeführten Fälle und Entscheidung dessen, was Rechtens ist.

Der Cultusminister erklärt: Die allgemeinen Ausführungen des Vorredners könnte ich doch nur mit großem Vorbehalte acceptiren. Es ist zweifellos richtig, daß die Kirche das Ideale zu pflegen berüfen; daß diese Ausbildung aber durch Auflösung der einzelnen Bekenntnisse erreicht werden könne, ist mindestens zweifelhaft. Die Aus­führung der Vorschläge Bennigsen's würde an die Stelle des christlichen Bekenntnisses nur eine verschwommene Humanität setzen. Es ist ein Jrrthum, wenn der Abgeordnete die jetzige Bewegung mit dem 17. Jahrhundert vergleicht. Es handelt sich hier nicht um theologische Schnörkeleien, sondern um Durchführung des positiven Bekenntnisses. Soweit die angeführten Fälle mein Ressort angehen, werde ich das Nothwendige thun. Es ist richtig, daß in Hannover kirchliche Richtungen bestehen, welche nicht unterscheiden zwischen kirchlichen Angelegenheiten und politischen Velleitäten. Diese werden Preußen stets als Feind behandeln; soweit es die Gesetze erlauben, werde ich dieser Tendenz entgegentreten. Brüel weist den Vorwurf zurück, daß das Consistorium leidenschaft­lich in politischer Tendenz gehandelt habe.

Windthorst protestirt dagegen, daß innere Angelegenheiten der evangelischen Kirche im Hause zur Sprache gebracht werden. Er habe'stets auch die Einmischung in die Angelegenheiten der katholischen Kirche zurückgewiesen. Stroßer schließt sich dem Proteste Windthorst's an. v. Bennigsen spricht nochmals im Sinne seiner ersten Aus­führungen und tritt einzelnen Aeußerungen der Vorredner entgegen. Windthorst be­gründet nochmals seinen Protest. Götting schließt sich Bennigsen's Ausführungen an. Alle Titel des Capitel 112 werden nach unerheblicher Debatte genehmigt. Bei Capitel 113 nimmt Stöcker Anlaß, die Angelegenheit der Gründerliste zu berühren und verliest folgende Erklärung: Als die Erklärung vom 14. November erschien, mußte es mit Recht auffallen, daß unter derselben einige am Gründungstaumel der siebziger Jahre hervor­ragend betheiligte Namen sich befanden. Dies wurde Veranlassung, nachzuforschen, wie viele an irgend welchen Gründungen betheiligte Personen sich der Erklärung an­geschlossen hatten. Es fand sich aus zuverlässigen Quellen, Beilagen zum Handels­register und gedruckten Veröffentlichungen, welche den Börsenblättern in jener Periode beilagen, daß mehr als ein Viertel der Unterzeichner irgendwie mit Gründungen ver­bunden waren. Das habe ich in meiner Rede auf meine persönliche Verantwortung zum Ausdruck gebracht. Da die Form meines Ausdruckes Mißdeutung gefunden hat, als hätte ich nur von schlimmen Gründungen geredet, so wiederhole ich, daß ich nichts anderes habe sagen wollen, als daß mehr als ein Viertel der Unterzeichner als Gründer, erste Zeichner, Aufsichtsräthe oder Directoren mit Grnitdungen der siebziger Jahre ver­knüpft sind. Ein sittliches Verbiet in einzelnen Fällen habe ich dagegen nicht abge­geben, vielmehr den Gesammtzustand jener Tage als Hexentanz um das goldene Kalb bezeichnet, woran die einzelnen theilnahmen. Unter diesem Vorbehalt lege ich die Liste auf den Tisch des Hauses. Zelle erklärt seine Befriedigung über die Abgabe dieser Erklärung von Seiten Stöcker's, dieselbe könne jedoch die Unterzeichnung der Erklärung vom 14. November keineswegs befriedigen. Die Beleidigung hätte zurückgenommen werden müssen. Das Urtheil darüber, wer Unrecht gethan und wer es erduldet, gebe er der Allgemeinheit anheim. Präsident von Köller hält den Gegenstand für nicht streng zur Sache gehörig, will aber gegen di» Erörterung nichts einwenden, wenn auch die übrigen Redner zum Wort kommen. An der weiteren Debatte nehmen Theil Struve, Neßler, Parisius und v. Ludwig. Letzterer verdächtigt in seinen Ausführungen gegen das Gründerwesen verschiedene Personen, auch Abgeordnete, und spricht Ent­rüstung darüber aus, daß man seit Jahren schon mit Gründern unter demselben Dache tagen müsse. (Großer Tumult.) Der Präsident ruft v. Ludwig zweimal zur Ordnung, und droht mit Entziehung des Wortes.

Stöcker constatirt, daß ihn nicht seine Fraction, sondern sein Inneres zum Erlaß der Erklärung gedrängt habe. Auch gehe er noch heute von denselben Anschauungen wie damals aus. Nach weiteren Aeußerungen Gringmuth's und Struve's wird das- Capitel unverändert bewilligt, ebenso das Capitel bez. der katholischen Consistorien.

Bei dem Capitel Bisthümer und zugehörige Institute verlangt Reichensperger die Wiederaufnahme der Staatsleistungen für katholische Geistliche, Aufhebung des sog.