außcr den Fürsten von Ujest, von Lichnowsky, den Herzog von Ratibor und \ dem in jener Gegend reich begüterten Wiener Rothschild meist eine arme, bereits oft und schwer geprüfte Bevölkerung trifft, läßt sich noch nicht genau ermitteln.
Da aber die Getreide-Ernte ganz vernichtet und die Kartoffel-Ernte schwer beschädigt ist, so ist ein neuer Nothstand die unausbleibliche Folge des großen Unglücks. Es fällt schwer, immer und immer wieder bei den widrigen, verheerenden Elementarereign'ffen die so oft in Anspruch genommene Privat- wohlthätigkeit zu neuen Opfern aufzusordern, und bei dem geringen Ergebniß der Sammlungen für die Lausitz dürfte es sich empfehlen, daß der Staat helfend eingreift.
Hesterreich.
Wien, 9. August. Meldungen der „Polit. Corresp." Aus Konstantinopel, 8. ds.: Die Pforte beschloß, Truppen nach Dulctgno zu senden, um die Lösung der montenegrinischen Frage zu erleichtern. Hinsichtlich dieser Frage schweben noch immer Verhandlungen, welche sich thetls auf territoriale Details beziehen, theils auf die von den Mächten beanspruchten Garantien, daß die an Montenegro zu cedirenden Gebtetstheile nach ihrer Abtretung gegen Angriffe der Albanesen sichergestellt werden. — Aus Sofia: Der Fürst verweigerte die Sanction des von der gesetzgebenden Versammlung vottrten Gesetzes über die bulgarische National-Armee, weil daffelbe festsetzt, daß der Armee- Commandant wählbar sei.
Rußland.
Petersburg, 9. August. An der unter dem Vorsttze des Wirklichen Geh. Raths Walujew zusammentretenden Commission zur Revision des Preß- gesetzes nehmen Theil: Loris-Melikow, Makow, Laburow, Abaza und andere höhere Beamte. Die Nachricht, daß die Preffe durch Mitglieder derselben innerhalb der Commission selbst vertreten sein würde, bestätigt sich nicht; doch dürfte die Commission sich mit solchen behufs Vernehmung derselben in Verbindung setzen.
Rumänien.
Bukarest, 9. August. Fürst Karl reist morgen nach Wien ab, wo er sich einen Tag aufhalten wird, von da nach Ischl zum Besuche des Kaisers von Oesterreich und von Ischl direct nach Sigmaringen zu seinem Vater.
telegraphische Depeschen.
tBea*er’< telegr. E-rresp»«ve«r • Brrras.
Auffee, 10. August. Kaiser Wilhelm ist gestern Abend um 73/4 Uhr mittelst Separatzug unter strömendem Regen hier etngetroffen und am Bahnhofe von der Fürstin Hohenlohe, dem Grafen Elz und der Baronin Andrian, welche ein prachtvolles Bouquet von Alpenblumen überreichte, empfangen. Bei der am Markte errichteten Ehrenpforte, wo die Gemeindevertretung, die Cur- Commission und mehrere Honoratioren den Kaiser erwarteten, intontrte die Bürgercapelle die preußische Nationalhymne. Der Kaiser nahm hieraus die Ansprache des Bürgermeisters entgegen. Die Seminarien überreichten einen Alpenstrauß. Das Curhaus und viele Prtvathäuser waren decorirt. Heute früh empfing der Kaiser den Bürgermeister und die Vorsteher der Cur Com- Mission. Das Regenwetter dauert an.
London, 10. August, früh. Oberhaus. Minister Granville erklärt auf Befragen Stanley's: Wenn der Türkei gestattet werde, zu bleiben, wie sie ist, wenn in Konstantinopel nicht einmal Leben und- Eigenthum gesichert sei, dann würde man bet dem sehr nahen Ende der bestehenden Zustände in der Türkei angelangt sein. Der Zweck der vereinbarten europäischen türkenfreundlichen Action sei die Verhinderung einer Katastrophe, welche nicht nur für die Türket, sondern auch für Europa sehr gesährltch sei. Die türkische Antwort auf die Collecttvnote über die griechische Frage fet keine Weigerung, trage aber einen dilatorischen Character. Göschen sei von der Haltung und Sprache der übrigen Botschafter sehr befriedigt. Der Vertreter Englands bei der internationalen Commission, Fttzmaurtce, berichte von der herzlichen Einhelligkeit sämmtlicher Delegirten. Die Sprache und Haltung der Vertreter der Großmächte sei bis heute noch fortwährend und vollkommen veretnbarlich mit dem Wunsche ihrer Regierungen, das vereinigte Concert Europas aufrechtzuerhalten. Diese Vertreter glauben ebenso wie Redner, die Pforte könne sich dem geeinten Willen Europas nicht widersetzen. Ukber weitere eventuelle Schritte sich auszusprechen, sei unzweckmäßig. In einer europäischen Frage, welche die anderen Mächte ebenso wie England betreffe, werde England nicht als alleiniger Polizist Europas zu handeln versuchen. Dagegen sei England entschloffen, vor der Verantwortlichkeit einer gemeinsamen Actton mit den anderen Mächten nicht zurückzuschrecken, um eine Katastrophe zu verhindern, welche in gefährlichster Weise enden und gerade die Nebel und Verwickelungen herbetführen würde, welche Stanley befürchte.
London, 10. Aug., früh. Unterhaus. Der Generalpostmeister theilt mit, die Regierung entsendet einen Vertreter zu dem internationalen Packpost- congresse in Parts. Unterstaatssecretär Dilke antwortet Balfour, England, Frankreich, Deutschland und Oesterreich hätten Anfang Juli Griechenland empfohlen, die Mobtlisirung bis zum Emgange der Antwort der Pforte zu verschieben. Am 28. Juli habe England erfahren, daß außer England alle Großmächte ihre Einwendungen gegen die Mobtlisirung zurückgezogen hätten. England habe darauf die Verantwortlichkeit, die Mobtlisirung auszuhalten, nicht allein übernehmen wollen. Griechenland habe erklärt, die Mobtlisirung sei nöthig, um tüchtige^ Mannschaften, deren Dienstzeit sonst abltefe, unter der Fahne zu behalten. Staatssecretär Hartington theilt mit, die Regierung habe die zweifellose Absicht, ungeachtet der Niederlage bet Kandahar, sämmtltche Truppen sofort aus Kabul zurückzuztehen. Dte Absicht habe längst bestanden. Die jüngste Niederlage sei kein Grund zur Modtficatton. General Stewart habe sich mit diesem Entschluffe einverstanden erklärt. Redner glaubt, da alle Zwecke erreicht seien, erübrige e6 nur. Emir Abdurrhaman Kabul zu übergeben. Ein Widerstand bet dem Rückzüge nach Gundamuk werde nicht erwartet. Es sei keine Nachricht vorhanden, daß Chaman von den Afghanen genommen sei. In Betreff des Schluffes der Parlamentssesflon sei es noch unmöglich, den Tag festzusetzen.
Cherbourg, 10. August. Bet einem gestern Seitens des Handelsund Jndustrieveretns den Vertretern der republikanischen Preffe dargebrachten Banket war auch Gambetta anwesend. Derselbe gedachte bet Beantwortung
eines Toastes seiner Anwesenheit zu Cherbourg im Jahre 1870 und knüpfte daran noch folgende Worte: In unglücklichen Zetten müffen die Völker in Ruhe und Ueberlegung, in der Versöhnung aller guten Gesinnungen, frei tm Gebrauch ihrer Hände und Waffen sowohl im Innern wie nach Außen, sich abwartei.d verhalten. Große Reparationen können aus dem Recht entspringen • wir oder unsere Kinder können auf dieselben hoffen; dte Zukunft ist Niemandem verboten. Auf den Vorwurf, einen allzu prononctrten Cultus für dte Armee zu hegen, erwiderte Gambetta, es sei nicht kriegerischer Geist, welcher diesen Cultus dtcttre, sondern die Nothwendigkett, Frankreich wieder emporzuheben, da man es so gesunken sehe, damit es seinen Platz in der Welt wieder etnnehme. (Beifall). Wenn unsere Herzen schlagen für Erreichung diese- Zieles, so handelt es sich nicht um das Streben nach einem blutigen Ideal, sondern um die Erhaltung des Ganzen, was von Frankreich übrig bleibt,* damit wir auf die Zukunft rechnen und wtffen können, ob es htenteden eine Gerechtigkeit gibt, welche zur geeigneten Stunde herbetkommt.
Berlin, 10. August. Auf das Begrüßungstelegramm der geographischen und anthropologischen Gesellschaft sandte der König von Schweden an Nachttgal und Virchow folgende Antwort: Ich spreche Ihnen freundlichen Dank aus für Ihre Anerkennung der Thaten schwedischer Forscher. — Zu heute Nachmittag 1 Uhr sind Nordenskjöld, Schliemann nebst dem Vorstande und Comit6 des Anthropologen-Congreffes zum Kronprinzen geladen.
Ischl, 10. August. Der Kaiser von Oesterreich, preußische Uniform mit dem Schwarzen Adlerorden tragend, traf um 11 Uhr mit dem Prinzen Reuß und dem Generaladjutanten v. Mondel in Obertraun ein. Küfer Wilhelm traf von Auffee um 11 Vr Uhr ein, worauf Kaiser Franz Joseph zu Kaiser Wilhelm tn's Coupe stieg, wo die herzlichste Begrüßung stattfand. Hierauf fuhren beide Monarchen nach Ischl, wo sie, am Bahnhofe von der Kaiserin von Oesterreich erwartet, um 12 Uhr eintrafen. Trotz heftigen Regens war hier ein zahlreiches Publikum versammelt, welches dte Allerhöchsten Herrschaften enthusiastisch begrüßte. Der deutsche Kaiser fuhr sodann mit dem Kaiser und der Kaiserin von Oesterreich und dem Prinzen Reuß nach dem Hotel Elisabeth, wo um 2 Uhr Hoftafel stattfanv, wozu auch Fürst Milan geladen war. Wegen des schlechten Wetters unterbleibt der Ausstuz nach Strobl und die Rundfahrt um den Wolfgang-See.
Konstantinopel, 10. August. Wetteren Nachrichten zufolge schifft fich der Kriegsminister am Mitt och auf dem Kriegsschiffe „Selmie" für Dulctgno ein. Dte ihm betgegebenen Truppen werden auf ctrca 4000 Mann angegeben.
Straßburg, 10. August. Nach der „Elsaß,Lothr. Zig." hat der Kaiser den königlich preußischen Staatsmintster Hofmann zum Staatssecretär von Elsaß-Lothrtngen mit dem Prädikat „Sxcellenz" ernannt.
Loudon, 10. August. Unterhaus. Unterstaatssecretär Dilke antwortete Bourke, dte Nachricht, daß dte Pforte aufgefordert worden fei, sich den Zwangsmaßregeln gegen Albanien zum Zwecke der Regelung der montenegrinischen Frage anzuschlteßen, sei im Wesentlichen correct.
— „Reuters Bureau" meldet aus Konstantinopel von gestern: Der britische Botschafter Goschen erklärte Abeddtn Pascha, die Mächte würden einer Abänderung der von der Conferenz gezogenen türkisch-griechischen Grenzlinie nicht betstlmmen.
— Abends. Nachrichten aus Kandahar vom 6. d. zufolge war Ayub Khan tn Koharan, 6 Meilen von Kandahar etngetroffen. Dte Vorbereitungen zur Vertheidigung der Stadt waren vollständig beendet; die Stadt ist auf 35 Tage verprovianttrt, mit Ausnahme von Fourage.
Lokales.
Gießen 11 August. Tagesordnung für dte Stadtverordneten - Sitzung am Donnerstag, den 12. August 1880, 4 Uhr, im alten Realschur,
gebäude r
1. Servi^vergütungen für dte Mannschaften des Bezirks Commandos.
2. '.'-versionirung des Octrois auf Steinkohlen.
3. Dte Bezahlung eines Beitrags zu der Besoldung d-s ersten Lehrers in Gießen ander Kirchenkaffe zu Groß Linden.
4. Die Versetzung der Pumpe auf der Mäusburg.
5. Den Brunnen in den Friedhofsanlagen betr.
6- Reparaturen im Bürgerhospitale betr.
7. Gesuch des Heinrich Becker I. von Rödgen um höhere Vergütung für Unterbaltuna der Wilhelmsstraße.
8. Gesuch des Tapezierers Wilhelm Reiber um Erlaubniß zur Vornahme von Bauveränderungen.
9. Desgleichen des Kaufmanns Karl Schlüter.
10. Gesuch des Fuhrmanns Ludwig Pfaff um Erlaubniß zur Anlegung einer Einfriedigung.
11. Gesuch des Heinrich Mühlig und des A. C. Moog um Erlaubniß zu Anlegung von Einfriedigungen.
12. Gesuch des Balthasar Lenz um Erlaubniß zur Anlegung eines Luftschachtes.
Gießen, 11- August. Am Montag Nachmittag fand eine vertrauliche Sitzung der Stadtverordneten statt. Auf der Tagesordnung stand: Unterbringung des neu zu errichtenden 3. Bataillons des Großh. Heff. 2. Infanterie-Regiments Nr. 116 Da über den Verlauf der Sitzung unrichtiae Mtttheilungen in das Publikum gedrungen sind, geben wir nachstehend den wirklichen B schluß der Stadtverordneten wieder. Derselbe lautet:
„Da eine officielle Anfrage bezüglich der provisorischen resp. definitiven Verlegung des 3. Bataillons des Großh. Hess. 2. Infanterie-Regiments Nr. 116 nach Gießen an die Bürgermeisterei noch nicht gerichtet worden ist, so sieht sich die Stadtverordneten - Versammlung nicht in der Lage, eine darauf bezügliche Entschließung zu faßen "
Wir glauben, daß die Stadtverordneten ganz im Sinne der Bürgerschaft gehandelt hat. indem sie diesen Beschluß faßte, und halten die Vermuthungen und Befürchtungen, wie sie da und dort laut wurden, für Spiegelfechtereien vielleicht eines Einzelnen.
— sSterblichkett in Gießens Während der Woche vom 1 bis 7. August kamen in hiesiger Stadt im Ganzen 9 Todesfälle vor, nämlich fünf bei Erwachsenen, drei bei Kindern im ersten Lebensjahre und einer bei einem 2 Jahre alten Kinde, welches an einem Darmcatarrh starb. Von den 3 jüngsten Kindern starb das eine gleichfalls an Darmcatarrh und bei den beiden andern ließ sich die Todesursache nicht mit Bestimmtheit feststellen, da sie nicht ärztlich behandelt worden waren. Bei den Erwachsenen erfolgte der Tod 2mal durch Altersschwäche, je einmal durch fettige Entartung des Herzens, Krebs und Knochenfraß. G.
— Gestern wurde vor hiesigem Schöffengericht ein hiesiger Bäcker wegen Verkaufs von zu leichtem Brod in eine Strafe von 80 JL und in die Kosten verurtheilt. Dieses ist der erste Fall.
— Gestern Abend 7 Uhr passirte die deutsche Kaiserin Den hiesigen Bahnhof.
— Am Mittwoch vergangener Woche ging der 17jährige Sohn eines WtrthS in Kroff dorf nach dem nahe gelegenen Wetterberg, um Futter zu holen. Dort übergab er mehreren Jungen das Fuhrwerk mit dem Bewirken, daß er alsbald nachkommen werde. Bis heute ist er jedoch noch nicht nach Hause gekommen und hat man trotz sorgfältigsten Nachsuchens noch keine Spur von ihm gefunden.
Verwischtes.
Allendorf a. d. Lva., 9. August. Heute schlug bei einem Gewitter in einer Wohnung dahier der Blitz ein, ohne jedoch besonderen Schaden anzurichten.


