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Samstag den 10. Januar
1680.
Nr. 8.
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ießener 'Anzeiger
A»M- mH AmtsW fit hki Kreis Gießen.
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Die deutsche Handelspolitik.
Der Grundzug für unsere handelspolitische Entwickelung soll ein natio- naler und selbstständiger fein, so lautete die Quintessenz der volkswirthschaft- ltchen Lehren, welche Fürst Bismarck in dem Decemberbrtefe des vorletzten Jahres, sowie später in den Reichstagsverhandlungen vertreten hat. Es sind dadurch keineswegs die Verträge ausgeschloffen, nach denen man den Völker- Verkehr der Jetztzeit gleich einer besonderen national -ökonomisch- geschichtlichen Epoche als in die „Aera der Handelsverträge" eingetreten bezeichnete, aber das System Bismarck drang darauf, die Handelspolitik gleich der auswärtigen Politik von Fall zu Fall zu behandeln, d. h. also einerseits jeden Bruch und jede Umgehung oder unbequeme Interpretation des Vertrages sofort zu erledigen, und andererseits neue Verträge nur so zu fassen, daß auch alle neuen Erscheinungen im Verkehrsleben sofort geregelt werden können und nicht erst nach dem Abläufe eines langdauernden Vertrages.
Eme solche concrete Behandlung aller Detailfragen macht zwar mehr Arbeit, als die Befolgung möglichst nachsichtiger und dehnbarer Vertragsbc. sttmwungen, aber sie kommt den Tagesbedürsniffen der Industrie mehr.ent. gegen und schließt Rancunen schon darum aus, weil sich jeder Staat hütet, Represfivmaßregeln gegen sich hervorzurufen. Einen Beleg für die Zweckmäßigkeit einer an die jeweiligen Verhältniffe anknüpsenden Handelspolitik bietet auch die neuerdings erfolgte deutsch-österreichische Uebereinkunft.
Allerdings werden die Abmachungen zwischen Deutschland und Oesterreich, wie fie nun endlich erfolgt find, in vielen Blättern angefochten. Die Partei der Handelsverträge hätte am liebsten den zwischen Deutschland und Oesterreich bestehenden Handelsvertrag aufrecht erhalten und das System der Melstbegünsttgungsverträge erneuert. Nun handelte es sich aber gerade darum, dies in geschickter Weise zu beseitigen, und zwar so, daß Oesterreich dadurch veranlaßt werde, eite engere Einigung mit dem deutschen Reiche zu erstreben. Wäre der alte Handelsvertrag erneuert worden, so würde man in Oesterreich kaum noch den Wunsch geäußert haben, weitergehende Handelsverträge abzuschließen.
Jetzt aber stellt sich die Sache nun völlig anders. Das gegenwärtige Provisorium wird auch auf österreichischer Sette kaum der Verlängerung werth erachtet werden, und man wird daher danach streben, zu einer befferen Verbindung zu kommen. Die Verhandlungen sollen Mitte Januar beginnen; welches Resultat sie bringen werden, ist natürlich noch nicht abzusehen. In- deffen ist anzunehmen, daß über die Ziele eine prtnciptelle Einigung längst erfolgt ist. Gestaltet sich nur allmälig Deutschland-Oesterreich zu einem Han- delspoltlisch geeinigten Kern des Continents, so wird dadurch die Ueberlegen- heit Englands sehr verringert werden.
Es geschieht damit ein großer Schritt zur Erreichung des nationalen Systems, welches einst List empfahl, indem er als das Ziel der deutschen Handelspolitik bezeichnete: alle deutschen Lande mit Dänemark, Holland und der Schweiz zu einer kräftigen kommerziellen Einheit zu constitutren. Auch mit Oesterreich sich zu einigen, empfahl List mit der prophetischen Bemer. kung, daß jenes Land zuerst berufen sei, in der Türket festen Fuß zu faffen und Deutschland den Orient zu öffnen.
Deutschland.
m. Darmstadt, 8. Januar. Zufolge der Recommunication der ersten Kammer bezüglich der Vorlage Großh. Ministeriums des Innern, den Gesetzesentwurf, die Errichtung einer Landescultur-Rentenkasse betreffend, hat Namens des Finanzausschusses der zweiten Kammer der Abg. Schröder nunmehr folgenden weiteren Bericht erstattet: „Hohe erste Kammer hat nunmehr allen, zu der oben gedachten Gesetzesvorlage von der zweiten Kammer gefaßten Beschlüssen zugestimmt, so daß, da auch Großh. Regierung sich damit einverstanden erklärte, die Verabschiedung dieses Gesetzes zu erwarten steht. Gleichzeitig hat die erste Kammer ein bereits von ihr auf dem vorigen Landtage gestelltes Ersuchen wiederholt, dahin lautend: „Sobald als möglich ein Gesetz zur Gründung einer Landescreditbank nach dem ungefähren Muster der in Kassel, Hannover, Wiesbaden und Gotha bestehenden derartigen Institute behufs Hebung des gesammten landwirthschaftlicken Realcredits vorzulegen."
Nach dem jenseitigen Ausschußbericht könne die Wirksamkeit der jetzt von beiden Kammern beschlossenen Landescultur-Rentenkasse nur dem kleineren Theil der Noth abhelfen, in der so mancher Landwirth, ja die gesammte Landwirthschaft sich befinde. Jener Bericht fährt dann fort: „Gewiß ist es von hohem Werthe, Verbesserungen von Grund und Boden vorzunehmen, die in so häufigen Fällen nur durch Zusammenwirken vieler, ganzer Gemeinden oder Verbände hergestellt werden können, gewiß sollen die segensreichen Folgen von Zusammenlegungen nicht verkannt werden, aber einem der bedeutendsten Krebsschäden der landwirthfchaftlichcn Bevölkerung, dem Wucher, wird dadurch nicht direkt entgegengetreten. Diesen zu bekämpfen, ist eine ernste Pflicht Derer, denen das Wohl der Landwirthschaft anvertraut ist, und eine Kasse, wie die Landescreditkassen, die unter verschiedenen Namen in Kassel, Wiesbaden u. s. w. bestehen, ist, wie die bewährte Wirksamkeit derselben beweist, unter den heutigen Verhältnissen, wo Wucher ein freies Gewerbe wie jedes andere ist, ein nicht zu verachtender Damm gegen denselben. Es ist ferne von uns, leichtsinniges Schuldenmachen zu begünstigen, aber wir erachten es für eine Pflicht des Staates, mit allen Kräften zu verhindern daß Nothstände, wie sie jetzt unter dem Drucke allgemeiner Verhältnisse über unsere heimische Landwirthschaft hereingcbrochen sind, durch herzlose Wucherer ausgebeutet werden, und in welchem Grade dies gerade jetzt geschieht, hat wahrlich Der Gelegenheit zn beobachten, der auf dem Lande wohnt und tu vielfacher Berührung mit , allen Klassen der ländlichen Bevölkerung sich befindet."
Auf dem XXL Landtag hatte die zweite Kammer Großh. Regierung ersucht, die Frage der Errichtung einer Landescreditkasse in nähere Erwägung zu ziehen und detz- halb den Ständen Vorlage zu machen. Die erste Kammer trat damals diesem Beschlüsse nicht bei. Auf dem folgenden Landtage brachte Großh. Regierung den in Rede
stehenden Gescnescntwurf ein und äußerte sich in den Motiven dazu dahin, daß es nicht Sache des Staates iein könne, durch Hingabe seiner Mittel Aufgaben zu erfüUen, die naturgemäß den einzelnen Gemeinden, kleineren Consortien oder gar Privaten obliegen und von deren Lösung diese zunächst Vortheil ziehen. Außerdem mache die der- malige Finanzlage des Großherzogthums die Gewährung von Mitteln des Staates hierzu vollständig unmöglich. Uebrigens wolle man der Frage wegen Schaffung eines allgemeinen Bodencredit-Jnstituts nicht vorgreifen, eine Frage, die weiterer Erwägung und umfassender Vorbereitung bedürfe.
Die zweite Kammer theilte diese Anschauung, zumal man neuerdmgs m Preußen von dec Errichtung von Landescreditbanken mit Gewährung von Staatsgarantie absah und solche nur bestehen ließ, wo sie, allerdings mit guter Wirkung, vorhanden waren (in Kassel, Hannover und Wiesbaden). Vielmehr beschränkt man sich dort darauf, Normativbestimmungen für die fakultative Errichtung von Landescultur-Rentenbanken in den verschiedenen Provinzen der Monarchie festzustellen.j
Keineswegs verkennt Ihr Ausschuß die schweren und schlimmen Folgen, welche einerseits leichtsinniges Schuldenmachen und andererseits wucherische Zinsnahme und dergleichen in nur zu vielen Fällen zu Tage fördern, glaubt aber, daß solchen Uebeli. kaum mit Aussicht auf Erfolg durch Errichtung einer Landescreditbank begegnet werden könne. Solide, geeignete Sicherung bietende Geldbedürftige finden nachweislich aud) heute bei den verschiedensten Kassen und Geldinstituten reellen Credtt gegen die landesübliche Verzinsung von kaum mehr als 5 vom 100, Creditnehmer anderer Art oder leichtsinnige Schuldenmacher werden aber am Wenigsten bei einer Landescreditbank Gewährung ihrer Wünsche finden. Auch wird tatsächlich der Wucher viel mehr im kle nen Geschäftsleben bei verhältnißmäßig kurzen Creditftisten, als im großen Verkehr betrieben, wobei wir von allen Börsengeschäften ausdrücklich absehen. Für jenen kleinen, insbesondere ländlichen Geldverkehr ist die genossenschaftliche Selbsthülfe mit Darlehenskassen u. s. w. am Meisten angezeigt und ersprießlich. Jedenfalls wäre der Staat nicht wohl anders, als durch Ausgabe von im Voraus gesicherten Pfandbriefen im Stande, für die Mittel einer Landescreditbank zu sorgen.
Demnach hält es Ihr Ausschuß für angezeigt, mit der Errichtnng eines solchen Creditinstituts mindestens zu warten, bis sich über die Wirkun§en der erst zu errichtenden Landesculiur-Rentenkasse mit Sicherheit Einiges sagen laßt, und beantragt, dem von der ersten Kammer beschlossenen Ersuchen nicht beizutreten.
Berlin, 7. Januar. Durch Erlaß des Chefs der Admiralität ist das bisherige Ruder-Commando von den Kriegsschiffen verbannt und dafür das entgegengesetzte eingeführt. Die Worte „backbord" und „steuerbord" und die zur Bestätigung oder Wiederholung dieser Commandoworte dienenden Zeichen und Signale werden in Zukunft diejenige Richtung bezeichnen, nach welcher der Kopf des vorwärts zu bewegenden Schiffes sich wenden soll, und nicht mehr die Stellung, welche der Ruderpinne zu geben ist. Die „Wes.Ztg.", welche sich mit den technischen Einzelheiten dieser Neuerungen beschäftigt, knüpft daran folgende Betrachtung: In Deutschland sind wir durch das Vorgehen der Admiralität nunmehr in die eigenthümliche Lage gerathen, daß auf der Kriegsmarine die Ausdrücke „backbord" und „steuerbord" künftig gerade die entgegengesetzte Bedeutung von derjenigen haben werden, welche fie in der Kauffahrtet'Marine besitzen. Dort beziehen sie sich auf den Kopf des Schiffes, hier nach wie vor auf die Stellung der Pinne. Wenn „backbord" gerufen wird, wird der Matrose aus einem Kriegsschiffe das Rad nach links, auf einem Kauffahrer das Rad nach rechts drehen muffen. Da die Besatzung der Kriegsschiffe aus der Handelsmarine entnommen wird und nach zurückgelegter Dienstzeit in dieselbe zurückkehrt, so steht allerdings zu befürchten, daß es ohne Irrungen nicht abgeben wird, und man kann nur hoffen und wünschen, daß dieselben nicht böse Folgen haben mögen. Ganz angenehm sind die Aussichten nicht. Unsere Kapitäne und Steuerleute werden den Matrosen, welche nach vollendeter Dienstzeit auf der Kriegsflotte wieder in die Handelsmarine ein- treten, scharf auf die Finger zu paffen haben, damit sie am Ruder nicht arges Unheil anrichten. Für die Matrosen ist die Sache auch nicht leicht. Dieselben werden ihre fünf Sinne gut bei einander halten und in jedem Augenblick deffen eingedenk sein müffen, ob sie das Rad eines Kauffahrers oder eines Kriegsschiffes in der Hand haben.
— Unmittelbar von einem Ohrenzeugen höre ich, daß die Aeußerung des Kronprinzen, er habe sich in Italien geschämt, als er von den Agitationen gegen die Juden in Deutschand hörte, Montag den 29. December, Abends, im Englischen Hause gethan worden ist, und zwar in der Sitzung des Cura- toriumS der Victoria.J'.validensttstung (1866), dem Stadtrath Magnus gegenüber. welcher bekanntlich erster Vorsitzender im Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde ist. Mehrere Mitglieder des Stiftungs-Curatorinms, welche dabei standen, haben die Aeußerung gehört.
— Die kaiserliche Tabaks-Manufactur in Straßburg hat zur Umgehung des erhöhten Zolls noch weit stärkere Speculations-Emkäufe von Tabak gemacht, als die Privat Industrie. Nach ihrem neuen Etat braucht diese Manu- factur auch un ganzen, eist im April 1881 ablaufenden Etatsjahr keinen Tabak einzukaufen. — Wiederum hat der Finanzmtnister für 39 Mill. Mk. 4V2procentifle Prioritäten der angekauslen Bahnen gekündigt (im Ganzen find jetzt 116 M'll. Mk. gekündigt), obwohl alle Börsenberichte dahin Übereinkommen, daß die Abgtneigtheit des deutschen Foudsbcsitzers sich in dieser Zeit steigender Preise eine Verminderung seines Zinseinkommeus im Verbältniß von 9 zu 8 gefallen zu lüffen, das sretgeniackte Capital entweder der Actienspecu' lation oder den Auslagen in ausländischen Prioritäten und Renten zuführt. — Börsenkundige wollen den Geschäsisgewinu des mit allen unseren staats- wirthschastlichen Transactio'-en so eng verflochtenen Hauses Bleichröder pro 1879 auf 6 Mill. Mk. beziffern. Die Neujahrs-Ausmerksamkeiten des Herrn Bleichröder für distingiiirte Persönlichkeiten sind diesmal besonders geschmack- voll und kostbar ausgefallen.
___ Prinz Wilhelm ist, wie man dem „Tagebl." mnthetlt, von seinem


