dem Volke heraus eine Bewegung gegrn das neue Militärgesetz in's Leben zu rufen, in einer Reihe von n.itionallibeialcn Wahlkreisen durch Resoluitonen und andere Kundgebungen auf die Haltung dec V.rtreter einzuwirken. Dieser Versuch ist sehr kläglich gescheitert; über ein paar ganz dürftige und wirkungslose Kundgebungen tst es nicht hinausgekommen, und diejenigen Abgeordneten, welche die Stimmung ihrer Wähler hinsichtlich der neuen Anforderungen an die deutsche Wehrkraft in jüngster Zeit erforschten, werden sicherlich von einer gegen die Militärvorlage gerichteten mächtigen populären Strömung nichts bemerkt haben. Zu einem neuen Mckitär-Conflict tst die unsichere und gefahrvolle Zeit nicht angethan, diese Elkenntmß hat sich der weitesten Volkskreise bemächtigt. Die Annahme des Gesetzentwurfs Seitens des Reichstags ist denn auch bekanntlich so gut wie sicher. Immerhin aber wird es der vollzähligen Anwesenheit der Freunde der Vorlage bedürfen, wenn eine auch nur einigermaßen ansehnliche Majorität zu Stande kommen soll.
Berlin, 3. April. Die „Prov.-Corresp." findet es sehr beklagenswerth, wenn die Brausteuer, deren Vorlegung im Reichstag bereits zum zweiten Mal erfolgt, diesmal eine Ablehnung erfahren sollte, wendet sich gegen einzelne Gründe, mit welchen die Brausteuer bekämpft worden ist, und spricht zum Schluß die Erwartung aus, daß der Reichstag, wenn er in die zweite Be- rathung der Brausteuervorlage ohne commiffartsche Vorbereitung eintrete, sich die Tragweite, welche der Entschluß der Ablehnung haben wurde, zum vollen Bewußtsein bringen werde. Ein solcher Entschluß, meint das ministerielle Blatt, würde entweder die Erklärung des gegenwärtigen Reichstages bedeuten, den Grundgedanken der Steuerreform seinerseits fallen zu lasten oder aber die Erklärung, daß unter den vorhandenen Mitteln, die Reichseinnahmen genügend zu erhöhen, andere vor der zuletzt oder gar nicht in Betracht kommenden Brausteuer gesucht werden sollen, schwerlich aber könne die eine oder die an- dere Erklärung im Sinne des Reichstages liegen.
— Die Nachrichten, welche das Befinden des Fürsten Bismarck in der letzten Zeit als besonders gut schilderten, erweisen sich leider als nicht ganz zutreffend. Der Fürst ist seit den letzten Tagen durchaus nicht in erwünschtem Wohlsein; er hat deshalb die Reise nach Friedrichsruh aufgeben muffen und wird nunmehr bis zum Eintreffen des Fürsten Hohenlohe in Berlin, welchem in 14 Tagen bis längstens 3 Wochen entgegengesehen wird, hterbleiben.
Berlin, 3. April. Der Kaiser hat in der vergangenen Nacht mit Unterbrechung geschlafen. Das allgemeine Befinden ist besser, die Heiserkeit geringer. Der Kaiser hat heute Vormittag bereits wieder die regelmäßigen Vorträge entgegengenommen.
Berlin, 3. April. Der Bundesrath hielt heute eine länger als drei Stunden währende Plenarsitzung. Einziger Gegenstand eingehendster Debatten war die Vorlage über Erhebung von Reichsstempelabgaben. Dieselbe wurde angenommen, und zwar einschließlich der Quittungssteuer, letztere noch mit Aenderungen der Ausjchußanträge. Im Wesentlichen ist beschlossen, daß jede Quittung über einen Betrag von mehr als 20 JL. einer einheitlichen Steuer von 10 H zu unterliegen hat. — In Hoskreisen hat man sehr ungünstige Nachrichten über den Zustand der Kaiserin von Rußland. — Man will wissen, daß der Kaiser von Rußland in diesem Jahre ein deutsches Bad nicht besuchen werde. Gerüchte von einem Zusammentreffen unseres Kaisers mit dem Czaren, welche noch vor einigen Tagen erneut auftauchten, entbehren jeder Begründung.
Karlsruhe, 3. April. Der Kronprinz des deutschen Reiches ist heute um 3 Uhr Nachmittags nach Berlin abgereist.
Oesterreich.
Wien, 3. April. Die Petersburger Polizei arbeitet in letzter Zeit mit mehr Glück als bisher. So ist es ihr jetzt auch gelungen, einen Mann Namens Kowialkowski zu verhaften, der an der Explosion im Winterpalast stark betheiligt sein soll und vielleicht mit dem einen verschwundenen Haustischler identisch ist. Das Hans, in welchem die letzte Geheimdruckerei aufgehoben wurde, ist, wie die „Wiener Presse" meldet, Eigmthum eines Adjutanten des Großsürsten-Thronsolgers. Die Nihilisten scheinen sich dasselbe ausgesucht zu haben, weil sie sich dort vor Beobachtungen sicherer glaubten. Die neue russische Regierungs Zeitung „Bereg" meldet, daß die Regierung beabsichtige, die Acten über den Fall Hartmann zu veröffentlichen, sobald der französischen Regierung die Abschriften derselben eingehändigt sind. Die Documente sind bereits nach Paris abgegangen.
IranLreich.
Paris, 3. April. „Gazette de France" und „Moniteur" melden: In der gestrigen Versammlung der Oberen der Congregationen wurde definitiv beschlossen, die Statuten nicht mitzutheilen, auch die Autorisation nicht nachzusuchen, sondern auf dem Boden des gemeinen Rechts zu bleiben.
England.
London, 3. April. Die „Times" bespricht die etwaige Zusammensetzung eines neuen Cabmets und vertritt die Ansprüche Lord Graiwille's auf den Posten eines Premier-Ministers und Lord Hartington's und Gladstone's auf Cabinetssitze. Ein liberales Cabinet ohne Gladstone sei undenkbar.
Italien.
Rom, 2. April. Das neue Organ der Curie, die „Aurora", hält den Franzosen vor, daß sie einer schweren Krisis entgegengehen, wenn sie die angedrohten Maßregeln gegen die geistlichen Gesellschaften durchsetzen. Insbesondere macht es sie darauf aufmerksam, daß Deutschland nicht lange mehr warten dürste, um über sie herzufallen. In welchem Zusammenhänge gerade Deutschland mit der Strafe des Himmels für die Austreibung der Jesuiten aus Frankreich stehen soll, das will uns nicht recht einleuchten. Wir erwähnen die Aeußerungen der „Aurora" nur als Beispiel für die sonderbaren Htrn- gespinnste, auf welche die klerikalen Geister verfallen, wenn ihnen, wie jetzt in Frankreich, etwas Unliebsames unabwendbar scheint.
— In der römischen Campagna giebt es augenblicklich so viele Heuschrecken, daß man ernstlichen Schaden oon ihnen befürchtet und die Stadt Rom sich veranlaßt gesehen hat, Vereine aut Vernichtung der Thiere zu bilden.
Telegraphische Depeschen.
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München, 4. April. Die hiesige Polizeidirection hat auf Grund des Socialistengesetzes die von der deutschen Volkspartei für Montag Abend arbc»
räumte allgemeine Volksversammlung behufs Abhaltung eines Vortrages des Re-chstagsabgeordneten Sonnemann über den Militarismus verboten. Ja Folgr dessen wird nur eine Parttiv-rsammlung stattstnven.
Petersburg, 4. April. Gegenüber neu in der russischen und aus- länd'schni Presse ausgetauchten oft unrichtigen Gerüchten und Nachrichten über die Angelegenheit Hartmann veröffentlicht der „Regierungsbote" eingehend den ganzen Sachverhalt nebst bezüglichen osfic ellen Schriftstücken.
London, 5. April. Parlamentswahlen. Bis Mitternacht waren 412 Depuline gewählt, von welchen 271 Liberale, 141 Conseroative sind. Der Reingewinn der Liberalen an neugewonnenen Sitzen beträgt 59. Wie es scheint, werden die Liberalen auch ohne die Homeruler die Majorität im Parlamente haben.
Berlin, 4. April. Das Präsidium des Reichstages beabsichtigt die Militärgesetz - Novelle am 8. April zur zweiten Berathung im Reichstage zu stellen.___________
Lokales.
Gießen, 4. April, lieber die am Samstag Abend stattgehabte Generalsammlung der freite. Gail'schen Feuerwehr wird uns Nachstehendes mitgetheilt:
Unserer Stadt dürfte das Bewußtsein, eine einheitliche freiwillige Feuerwehr zu besitzen, noch für längere Zeit vorenthaiten bleiben, denn wie man vernimmt, hat bie hiesige Freiwillige Gatl'sche Feuerwehr in ihrer gestrigen außerordentlichen Generalversammlung den ihr Seitens der Freiwilligen Siavtischen Feuerwehr gemachten Vorschlag: die hiesigen beiden Feuerwehren aufzulösen und an deren Stelle eine einzige Freiwillige Gießener Feuerwehr zu gründen, abgte lehnt und beschlossen, dem Vorschlag gegenüber zu erklären, daß sie ein selbstständiges Corps bleiben, sich aber im Falle der Ernennung eines Brandbirectors unter das Commando desselben als geschlossenes Glied des großen Ganzen stellen will. Der Weg zu einer Vereinigung tst doch somit geschaffen, nur daß es noch längere Zeit dauern dürfte, als Viele vielleicht erwartet hätten. Eine Bereinigung wie geplant, erfordert allerdings mehr Zett, als es auf den ersten Augenblick scheinen mag; auch sind die durch eine Verschmelzung beider Wehren in Betracht zu ziehenden Kosten nicht gering; ist es doch vor Allem nöthig, um dem Ganzen einen einheitlichen Anstrich zu geben, daß eine einheitliche Uniformirung durchgeführt wird, und um das zu erreichen, bedarf es jedenfalls bedeutender Mittel, über deren Aufbringung bisher noch nichts verlautete. Diese Opfer selber zu bringen, kann man der zu gründenden Feuerwehr nicht zurnuthen, wenn man erwägt, daß sich Die Gatl'sche Feuerwehr erst vergangenes Jähr neu uniformirt und eine ziemliche Summe Geld für Ausrüstungsstücke ausgegeben hat. Daß sich aber nach Unterstellung beider Wehren unter das Commando eines Branddireetors nach und nach eine Vereinigung vollziehen wird, ist sehr wahrscheinlich und hängt von den guten Beziehungen der beiden CorpS zu einander ab. Diese Beziehungen zu pflegen, sollte fortan das Bestreben sein, welchem sich beide Feuerwehren neben ihrem hohen Ziele hinzugeben hätten, und dieses soll auch der Zweck dieser Zeilen sein.
Gießen, 5. Avril. Der Gau Heffen, wozu auch der hiesige Turnverein gehört, hielt gestern Morgen von 10 Uhr ab in den Räumen des Wenzel's Garten seinen 36. Gauturntag ab. Nachdem der Vorort Wetzlar das Bureau errichtet und der Gauvertreter über die seitherige Lage des Gaues einen ausführlichen Bericht erstattet, und der vorjährige Vorort Nidda die Rechnung pro 1879 zu weiterer Prüfung vorgelegt hatte, schritt man zur Wahl des Gau- vertretes und Gauturnwarts und wurde der seitherige (Carl Dernuth, Gießen) durch Aecla- rnation wreoergewählt. Außerdem wurde als einheitliches Vorturnerbuch für den Gau das von Puritz angenommen. In Betreff des deutschen Turnfestes in Frankfurt a. M. wurde beschlossen, den Vereinen anzuempfehlen, in möglichst einheitlicher Kleidung (Hut und Jacke) zu erscheinen, und eine Musterriege, zusammengesetzt aus sämmtlichen Vereinen des Gaues, für genanntes Fest zu stellen und soll qu. Riege am 23. Mai ihr erstes Probeturnen in Gießen abhalten. Am 2. Mai findet eine Gauturniahrt >ad) Burg Münzen berg statt. Nachdem die Arbeiten des Turntags gegen 2 Uhr beellder, und ein gemeinschaftliches Mittagsmahl in Wenzel's Garten eingenommen war, begann kurz nach 3 Uhr ein Schauturnen des Gießener Turnvereins. Wenn den Leistungen im Allgemeinen nicht das Prädieat „Ausgezeichnet" beigelegt werden kann, so konnte man aber doch sehen, daß trotz der Schwierigkeiten, mit welchen der hiesige Turnverein zu kämpfen hat, innerhalb desselben, soweit es das Vereinsleben erlaubt, die größte Zucht und Ordnung, verbunden mit großem Eifer, herrscht; und wäre nur zu wünschen, daß der Turnverein so fortschreiten möge, bann können die Früchte und Palmen für denselben nicht ausbleiben (wenn auch in schlichtem leinenem Hemde und leinener Jacke aus ächter, uralter Zeit). Die Betheiligung von Seiten des Publikums war eine sehr starke, die Gallerieen und Saalräume waren überfüllt und konnte man es sehr genau sehen, mit welch sichtlichem Jntereffe einer jeden Hebung gefolgt wurde, denn nur daß das Turnen eingestellt wurde, nöthigte die Zuschauer zum HHmgehen, den befferen und eomplicirteren Hebungen fehlte es auch nie an dem nöthige« Applaus. Von den speeiell eingeladenen Corporationen, welche ein gewisses Jntereffe für das Turnen haben sollten, war das hiesige Offizierkorps, was dankend anerkannt wirb, fast vollzählig erschienen unb folgte basselbe einer jeden Hebung mit der größten Gespanntheit. Von unserem verehrten Stadtverordneteneollegium läßt sich dasselbe leioer nicht constatiren, denn von demselben waren nur drei Vertreter anwesend und diese waren theilweise erst gekommen, als da« Turnen beinahe beendigt war. Der Abend vereinigte die Gauvertretcr unb die hiesigen Turner noch zu einem gemächlichen Zusammensein beim Glase Bier im Veretnslokal. Gut Heil!
Gießen, 5. April. Beim Hmzuge in bie neue Aula würbe aus dem mineralogischen Cabinet ein Glaserdiamant im Werthe von 12 va* gestohlen. Die Polizei ermittelte ben Dieb in der Person eines in der Aula zufällig arbeitenden Schloffergesellen von hier, welcher, der That geständig, inhaftirt wurde.
— In neuerer Zeit vergnügen sich viele unserer Jungen mit Schießen nach Fensterscheiben, Tauben u. dergl. So wurden z. B. in einem Hause am Neuenwegerthor gestern 6 Scheiben eingeschossen. Gleichfalls beschw.-rte sich gestern ein Mann, daß ihm eine Scheibe eingescboffen sei. Heute Morgen angestellte Recherchen ergaben jedoch, daß di, eigenen Söhne des Beschwerde Führenden 2 Schießinstrumente und die nöthige Munition be aßen. Bestrafung a posteriori dürfte in diesem Falle am Platze sein.
— Gestern Nachmittag gegen 5 Hhr erregte ein Mann von Lich in Begleitung eineß Soldaten, welche beide des Guten wohl zu viel genossen, einen großen Auflauf auf dem Seltersweg dadurch, daß der Sicher einen Jungen von 9 Jahren auf die schändlichste Art mißhandelte. Das empörte Publikum wollte interveniren, hierauf soll der Soldat aber blank gezogen unb seinen Kameraden vertheidigen haben wollen, auf die Mahnung eines anderen Soldaten steckte er jedoch sein Schwert wieder in die Scheide. Der Name des Ltchers ist festgestellt (derselbe drückte sich unb marschirte per pedes nach seiner Heimath), während das Nationale deS Soldaten jedenfalls auch ermittelt wird.
— Seit einigen Tagen ist an Dem alten Rathhaus ein neuer zweckmäßiger Briefkasten angebracht worden. Die Anwohner vermissen jedoch an diesem neuen Behälter die Tafel, zu welcher Stunde die nächste Abholung flattfinbet Vorgesehen ist an diesem Briefkasten bie Einschiebung bes beheffenben Täfelchens, aber bis heute starrt Den Beschauer nur bet leere Platz an. Hoffentlich wirb diesem Hebelstande balbigst Abhilfe geschafft.
Gießen, 5. April. Einem vielfach ausgesprochenen Wunsche nachkommend und veranlaßt durch bie letzte Ausschußsitzung des oberhessischen Bienenzüchter-Vereins, welche als S 1 ihrer Tagesordnung die Bildung von Zweigvereinen verhandelt hat, laden mehrere Bienenzüchter Gießens bie verehrten Bienenfreunde von Gießen und Hmgegend zu einer Besprechung: Bildung eines Zweigvereins betreffend, auf Samstag, den 10. ds. Mts., Abends 8Vz Uhr, im Cafs Klein ergebenft ein.
Temperatur in Gietzen.
März 1880.
Niederste..........— 4,0 0 R.
Mittlere .......... 4- 4,47 „
Mittel früherer Jahre........+ 2,64 „
Höchste...........4-13,0 „
Niederschlag an 6 Tagen . 2,03 Par. Zoll.
„ im Mittel früherer Jahre an 14 Tagen • • 1,34 „
Der Lonsirmaiweiumlerricht
für die Mädchen beginnt morgen wieder.
Gießen, den 5. April 1880.
Schlosser, Pfarrer.


