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Nr. 231. Zweites Blatt. Sonntag den 3. Oktober 1880.
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Rundschau.
Schon seit einigen Tagen war das Gerücht verbreitet, der Sultan habe sich an den Kaiser Wilhelm gewendet, und dessen Einwirkung zur Verhinderung des acttven Auftretens der europäischen Flotte gegen Dulcigno erbeten, derselbe sei ober unter Ausdrücken deS Bedauerns und unter Hinweis auf die Solidarität der Mächte und auf die Nothwendtgkeit, die Bestimmungen des Berliner Vertrages zur Durchführung zu bringen, vom Kaiser ablehnend be- schieden worden. Dieses Gerücht wird aus Paris als begründet bestätigt. — Die Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr haben beschlossen, einer Reihe von Zollstellen die Befugniß zur Abfertigung von Maaren gewisser Tarifnummern zu anderen als den höchsten Zollsätzen der betr. Tarifposittonen beizulegen, und beantragen, der Bundesrath wolle diesen Beschluß nachträglich genehmigen. Es betrifft der Beschluß die Zollämter zu Erfurt, Koblenz, Bocholt, Borken, Hamburg (Venloer Bahnhof), Teutschen« dorf und Thorn.
Zwischen Frankreich und der Curie schärft sich der Confltct. Wie die „Köln. Ztg." mittheilt, zeigte der päpstliche Nuntius in einer langen Unterredung dem Minister des Auswärtigen an, daß er an dem Tage, wo die französische Negierung die Decrete gegen die Ordensgemeinschaften zur Ausführung bringe, sofort Frankreich verlassen werde. Da nun aber die Ausführung des zweiten Märzdecrets in der nächsten Woche beginnen soll, so wird Msgr. Czackl Paris gegen den 6. f. Mts. verlassen müssen, wenn seine Drohung ernstlich gemeint ist. „S öcle", „Evönnement" und andere Blätter fordern die Regierung auf, für diesen Fall sofort den französischen Botschaftsposten am Vatikan abzuschaffen.
Während England vor Dulcigno an der Spitze einer thörichten Demonstration steht, sieht es in seinem eigenen Lande trüber und trüber aus. Wunderbarerweise geht in dem meerumspülten Jnselreiche mit den auswärtigen politischen Divertissements stets eine innere Schwäche Hand in Hand. So stark und mächtig England ist, so sehr es seine Hand auch in den entlegensten Welttheilen fühlen läßt, so wenig erweist es sich in der Lage, in dem eigenen Heim, tn den „vereinigten Königreichen" Ruhe und Frieden und Sicherheit zu schaffen. Wieder meldet der Telegraph von einem Agrar-Morde in Irland und mehr und wehr spitzen sich die Zustände auf der „grünen Insel" zu. Wir glauben, wer zurückschauend die jetzige Leitung der englischen Politik beobachtet, wer unparteiisch die Handlungen des Ministeriums Gladstone critU sirt, wird nicht sehr viel Rühmliches von ihm zu sagen wissen. Eine thörichte Demonstration nach Außen, die das Werk des Cabinets St. James ist, Un- ruhen im Innern, blutige Kämpfe in fernen Welttheilen — das ist die Signatur der englischen Politik von heute, jener Politik, die einst durch ihre Stärke, ihre Klugheit und Sicherheit berühmt war und die es nachgerade durch ihre Schwäche und ihre Thorheiten zu werden beginnt.
In Rußland stellen sich die politischen Wintervögkl zur rechten Zeit ein, Tschcrnajeff, der einst die sog. russischen „Freiwilligen" nach Serbien führte, der bewährte Vorkämpfer des Panslavtsmus, taucht am bewölkten Himmel Ostrumeliens auf. Sein Erscheinen tn Philippopel, das für den 9. October festgesetzt ist, bedeutet den Beginn der gewaltsamen LoSretßung Ostrumeliens von der Türkei. Letztere verhält sich fortgesetzt gleichgiltig gegen hte gefahrdrohenden Momente, die sich in den jüngstin Begebenheiten in Ostrumelien kennzeichnen. Gleichgiltig gestattet sie die heute schon vollzogene Errichtung eines russischen Ccnsulats tn Slivno. Daß jedes auf türkischem Gebiet errichtete russische Consulat einen Keil bedeutet, der tn den Organismus der Türket htneingetrteben wird, bedarf keines Beweises, aber trotzdem giebt die Pforte ohne Bedenken ihre Einwilligung zur Errichtung eines Consulats an dem gefährlichsten Orte tn Ostrumelien.
Jedenfalls hat die hohe Pforte'in Konstantinopel es wieder einmal verstanden, Zett zu gewinnen. Sie hält auch ferner an diesem Prtnctp fest und scheint dabei nicht schlecht zu fahren. So meldet der Telegraph aus Konstantinopel : Die Botschafter der Mächte haben am 26. d. Mts. gegen das Verhalten Riza Pascha's in Dulcigno bet der Pforte Protest eingelegt. Der Sultan hat darauf die Botschafter um die Bewilligung eines kurzen Aufschubs und gleichzeitig um die Zurücknahme des Protestes ersucht. Diesem Ersuchen ist, soweit bekannt, allerdings bisher nicht entsprochen worden, schließlich wird man es aber doch noch erfüllen. Wir wollen übrigens noch von einem Gerücht Notiz nehmen, das am Mittwoch tn Berlin an der Börse curstrte, dessen Bestätigung indessen abzuwarten bleibt. Es hieß nämlich, die europäische Flotte solle von Dulcigno zurückgezogen werden, und eine neue Conferenz solle am 10. k. Mts. in Berlin zur Begleichung der Differenzen zusammentreten.
Lokales.
Gießen, 2. October. (Sitzung der Stadtverordneten am 30. September.) Anwesend : Herr Bürgermeister Bramm, Herr Beigeordneter Keller; von Seiten der Stadtverordneten die Herren Batst, Gatl, Grüneberg, Hanstetn, Hoch, Homberger, Kauf, May, Ad. Noll, Aug. Noll, Petrt, Pfannmüller, Schopbach, Wenzel und Wortmann. — Die für die Ergänzungswahl des Stadtvorstandes vorzunehmende Wahl von 2 Beisitzern fiel auf die Herren Stadtverordneten Grüneberg und Wortmann. — Infolge emgegangenen Berichts über den Stand der Quellwasserleitung beschließt die Versammlung, vorerst gutachtliche Aeußerung über die fertig gestellten Arbeiten etnzufordern, den täglichen Wasserabgang de8 BrunnenS vor dem Baurath Holzapfel'schen Hause auf dem Selterweg behufs Feststellung deS täglichen VerbrauchsquantumS controliren, die Stellen, wo Brunnen anzubringen
seien bezeichnen, sowie die Quantität des aus ver Leitung zuflteßenden Wassers bestimmen zu lassen. In Betreff der Verbindung der Quellen im Annaberg und Hundseck mit dem Hauptstollen wird vorerst Beschluß auSgesetzt, da die Qualität des Waffers dort erst untersucht werden soll. — In Betreff der Vergebung Plockischer Stiftungspfründen wird beschloßen, die im städt. Bürgerhospital befindlichen vier Personen als Pfründner der Plocktschen Stiftung zu bestimmen. — Nachdem tn letzter Versammlung bezüglich der Schießplätze für die hiesige Garnison Beschluß nicht gefaßt werden konnte, bat Großh. Oberförsteret das Terrain im Dtstrtct Neuhege als geeignet erachtet und die hierfür zu entrichtende jährliche Pacht von 5 pro Morgen befürwortet. Die Versammlung schließt sich dem Anträge an. — Gegen einen Grundbesitzer, der die an ihn ergangene Aufforderung, eine auf städtischer Böschung befindliche Treppe zu entfernen, bisher nicht befolgt hat, soll Klage erhoben werden, wenn derselbe die Angelegenheit nicht noch auf gütliche Weise erledigen sollte. — Das Gesuch des Karl Stohr um fernere Ueberlaffung eines Lagerplatzes in Oswald's Garten zur Unterbringung von Marktutensilten wird abgelebnt, da die Versammlung schon früher beschloßen hatte, die Pachtverträge daselbst mit dem 1. October zu kündigen. — Dem Gesuch des Christian Keller und Karl Haas um käufliche Ueberlaßung städtischen Geländes an der Grünberger Straße wird unter Der Be- dtngung entsprochen, daß für das fragliche Gelände JL 2.50 pro Hs Meter bezahlt werden und eine Verständigung zwischen den Beiden zu erzielen sei. Dagegen wird das Gesuch der Ehefrau des Wilhelm Steinbach um Ueberlaßung eines Bauplatzes oberhalb der Postsecretär Mittlers schrn Hofratthe an Der Grünberger Straße vorläufig abgelehnt, da die Verhandlungen wegen Erwerbs dieses Geländes für die Kaserne noch schweben. — Die Gesuche von Karl Steinmüller I. (Erlaubniß zur Erbauung eines Stalles an das Hintergebäude seines Hauses am Hamm), Wilhelm Seipp (Erbauung eines Nebengebäudes und Anlegung einer Einfriedigung), Karl Brandes, Wilhelm Wagner II. und Heinrich Rusag (Anlegung einer Ueberfahrt an der Frankfurter Straße) werden befürwortet; desgleichen soll dem Gesuch des Kaufmanns Karl Möser (Ältcenstraßc) um Erlaubniß zur Anlegung eines Stegs über die Wteseck stattgegeben werben, wenn derselbe die hierzu erforderliche Bewilligung der Besitzer und Pächter der am rechten Ufer gelegenen Grundstücke beibringt. — Auf eingegangenes Gesuch mehrerer Grundbesitzer wird die Herstellung resp. Verbesserung des Erokauter- und Rothhohlwegs beschloßen. — Das Gisuch des Bierbrauers A. Pöschel um Erlaubniß zur Errichtung eines Eishauses wird vorläufig abgelehnt, da Petent erst eine Zeichnung des nach der Nordanlage zu stehen kommenden Giebels des bett. Gebäudes Vorleben soll. — Auf deßfallsiges Gesuch des Gewerbevereins sowohl als des Alice-Vereins für Frauenbildung und Erwerb werden denselben Räume zur Abhaltung von Unterricht im Schulgebäude am Asterweg überlaßen. — Nach Genehmigung verschiedener Baugesuche untergeoidneter Bedeutung und nachdem die Versammlung die Aufstellung einer weiteren Laterne tn der Wetzsteingaße unD die Anbringung eines Schilfes an dem Hause des Herrn Stadtcaßenrechnrrs genehmigt, wird die öffentliche Sitzung geschloßen.
Vermischte s.
— In einer Musikerversammlung zu Leipzig sprach Franz Liszt das treffende Wort aus: „Es sollte bald unter den Claviersptelern eine Bartholomäusnacht stallfinden!" In ähnlicher Weise veröffentlicht das Montagsblatt „Nord und Süo" einen längeren Aufsatz über die „Clavterseuche" unD erinnert an den Ausruf Berthold Auerbach's: „Kartätschen in die Claviere I" Es ist natürlich nur von den Stümpern die Rede, deren Klimpern „Stein' erweichen, Menschen ratend machen kann." Das Wiener Montagsblatt „Neueste Erfindungen und Erfahrungen" empfiehlt den Anfängern die sogenannten stummen Geigen und Claviere, welche alle Töne in den feinsten Nuancen, doch in gedämpfter Weise hervorbringen; für die Zimmernachbarn bleiben die menschenfreundlichen Instrumente stumm.
— Ein originelles Geschenk machte die Lehrerschaft des Cantons Baselland dem Lehrerveteran Nebel zu seinem 50jährigen Amtsjubiläum. Sie ließ ihm nämlich auf einem Carton das Lied „Goldne Abendsonne" mit Notenköpfen aus lO-Frankenstücken überreichen. Ob ein Vers oder alle zehn auf solche Weise zur Darstellung gekommen sind, können wir leider nicht melden.
— Geometrischer Plan der Provinzialhauptstadt Gießen. V4000 der natürl. Größe. — Verlag von Emil Roth, Gießen. Preis «4L 6. — Endlich! kann man mit Recht sagen, bietet der Buchhandel einen Stadtplan von Gießen, welcher sicher schon seit Jahrzehnten seine Existenzberechtigung gehabt hätte.
Wie das im Besitze der Stadt befindliche größere Original des vortrefflich ausgeführten neuen Stadtplans nebst seinen mehrfachen Ergänzungen, eine mühevolle Arbeit mehrerer Jahre bietet, so ist nicht minder die vorliegende verkleinerte Copie deßelben das Resultat mehrjähriger Thättgkeit. Der Plan ist in feiner scharfer Zeichnung ausgeführt und verräth einen in solchen Arbeiten geübten Zeichner; die Schrift ist gefällig unD der (etwas lebhafte) Farbendruck in 4 verschiedenen Tönen trägt zur Klarheit und Uebersichtlichkett Des Ganzen wirksam bei. — Der Plan wurde vorwiegend nach dem erwähnten amtlichen Stadtplan, welcher seitens verehrlichen Stadtvorstandes dem Verleger für seinen Zweck in dankenswerther Weise zur Verfügung gestellt wurde, — wie auch das städtische Bauamt diesem Unternehmen bereitwilligst entgegenkam — gezeichnet, auch hat der Verleger auf feine Kosten noch geometrische Ergänzungsaufnahmen veranlaßt, so daß die Vollständigkeit und Genauigkeit, soweit dies von einer derartigen Arbeit ihrer Natur nach btlligerwetse erwartet werden kann, wohl nicht zu bezweifeln ist, doch soll in dieser Beziehung der Beurtheilung der competenteren Baubehörde nicht vorgegriffen werden.
So viel sich jedoch ohne Vornahme einer umständlichen Controle aller Einzelheiten der umständlichen Karte mit den geometrischen Origmalaufnahmen beurteilen läßt, macht der vorliegende Plan den Eindruck einer sehr vollständigen und correcten Arbeit.
Der gewählte große Maßstab (4000 Meter — 1 Meter), sowie gutes Papier, ermöglichen mittelst Einzetchnungen Den Plan immer ä jour zu halten.
Wie dieser Stadtplan, in welchem auch alle projectirten Straßen bezeichnet sind, allen Bauunternehmern, Hausbesitzern und solchen, die es zu werden beabsichtigen, ein Bedürfniß ist, so bietet er allen Einwohnern einen willkommenen Rathgeber und Wegweiser. Namentlich für Bnreaux, Comptoirs, Amtsstuben, Gasthöfe und Wirthslocalitäten, kurz, überall da, wo über Entwickelung und Bauwesen unserer Vaterstadt gesprochen und berathen wird, dürfte dieser Plan unentbehrlich sein. Denn nur, wenn man das Gesammtbild einer Stadt zu überblicken vermag, wirv man in der Lage fein, sich ein richtiges Urtheil über die zweckmäßige und harmonische bauliche Organisation derselben bilden zu können.
Die bauliche Entwickelung einer Stadt, in welcher fast stets das eine ober andere, allgemeine Interessen berührende Bauobject im Werden begriffen ist, Straßenanlagen, Staatsgebäude, Lehranstalten, Schulen, Kasernen, Brücken, Schlachthäuser, Denkmäler :c., welche den Derzeitigen Einwohnern wie ihren fernem Nachkommen, je nachdem, zum Segen oder Schaden gereichen kann, ist eine Sache, wichtig genug, daß jeder Einwohner berechtigt, bezw. verpflichtet ist, darüber nachzudenken und dabei mitzusprechen. Die nöthige Grundlage hierzu, fpeciell für Gießen, bietet der leider so lange entbehrte, jetzt käufliche Stadtplan.
Möge dieses zeitgemäße Unternehmen unseres um die vaterstädtische Geschichte so verdienten Verlegers freundliche Aufnahme und allgemeine Verbreitung finden.
Die auf dem Blatt angebrachte Karte von Gießens Umgebung kann als eine willkommene Zugabe betrachtet werden.
Der Preis des Stadtplanes ist in Anbetracht der mit derartigen zeitraubenden Arbeiten verbundenen außergewöhnlichen Unkosten ein geringer.


