Einzelbild herunterladen

Straßburg, 27. Septbr. Der Oberpräsident v. Möller bringt fol­gendes kaiserliche Handschreiben zur öffentlichen Kenntniß:

Die Eindrücke Meiner diesmaligen Anwesenheit In Elsaß-Lothringen haben Mir zu Meiner lebhaften Genugthuung und Freude bestätigt, daß der innere Wtederanschluß dieses Landes an das deutsche Vaterland in erfreulichem Fort­schritt begriffen ist. Es ist Mir und der Kaiserin und Königin, Meiner Ge­mahlin, überall ein Empfang bereitet worden, welcher Unsere Erwartungen weit übertroffen hat und welcher durch die sichtbare wettere Betheiligung in sehr wohlthuender Weise Zeugntß von der freudigen Bewegung der Bevölke­rung ablegte. Ich ersuche Sie, Meinen Dank zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, dem Ich gern auch den Ausdruck Meiner Befriedigung für die allge­mein entgegenkommende und gute Aufnahme der Truppen während der Uebun- gen htnzusüge. Ich verlaffe Elsaß-Lothringen heute mit dem Wunsche für das fernere Gedeihen dieses schönen Landes und mit der erhöhten Zuversicht, daß einsichtsvolles Streben der Regierung und wachsendes Vertrauen der Bevölke­rung Beide bald mit einem festen Bande vereinigen werden.

Metz, 26. September 1879.

(gez.) Wilhelm.

Hesterreich.

Wien, 27. Septbr. DiePoltt. Corresp." meldet aus Konstantinopel: Savset Pascha erklärte auf mehrseitige Anfragen, die Pforte beabsichtige zur Zeit keine militärische Occupatio» von Ostrumelten.

DtePresse" tritt der Haltung der czechischen Organe bezüglich einer innigeren Verbindung Oesterreichs und Deutschlands entgegen und betont, daß Oesterreich mit Deutschland eine hundertjährige Geschichte und gemeinsame diplomatische Sprache verbinde. Eine engere Verbindung beider Staaten sei ein internationales Bedürfntß, nicht allein für jedes der beiden Reiche, sondern für ganz Europa und deffen friedliche Entwickelung. Die Czechen müßten sich daher an den Gedanken gewöhnen, daß diese Verbindung immerdar aufrecht bleibe. Oesterreich würde deshalb an seiner politischen Selbstständigkeit nichts einbüßen und dessen einzelne Nationalitäten durch jenen internationalen Freund­schaftsbund in keiner Weise bedrückt und in ihrer etgenthümlichen Entwickelung beirrt werden. Nach Innen gelte für dte Monarchie das Princtp der natio­nalen Gleichberechtigung aus verfaffungsmäßtgem Boden, nach Außen habe sich wie nach Innen jenes Wort zu bewähren, womit unsere Orientpolttik so richtig bezeichnet wurde, nämlich das Wort:Keine Politik nach Stämmen!" Den Slaven Oesterreichs werde somit aus der deutschen Politik kein Nach­theil erwachsen, sofern dieselben nur ehrliche, treue Oesterretcher seien und nicht panslavtsttschen Tendenzen nachjagten.

Pesth, 27. Septbr.Hon" will wtffen, das wtrthschaftliche Verhält- niß zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland werde nicht auf Grund eines Meistbegünstigungs-Vertrags, sondern auf Grund eines Tarif-Vertrags geregelt werden.

Irankreich.

Paris, 24. Septbr. Heute weht dte dreifarbige Fahne zum ersten Male seit 1871 wieder auf dem Tuilerien-Palaste, wo jetzt die Seinepräfectur und dte Gemeindeverwaltung von Paris fortan ihren Sitz haben werden.

Paris, 27. Septbr. Dte Minister der öffentlichen Arbeiten und des Post- und Telegraphenwesens, Freycinet und Cochöry, beauftragten den Archi- tecten Gnadet, nach London und Berlin zu reisen, um sich über dte Einrich­tungen der Post- und Telegraphengebäude zu tnformtren.

England.

London, 24. Septbr. Heute liegen Berichte über mehrere Unglücks­fälle vor. In Belfast brach heute Morgen eine Feuersbrunst aus, dte, ob­wohl binnen wenigen Stunden bewältigt, für 80,000 L. Schaden anrichtete, und an der Nordostküste Englands wüthete gestern ein so heftiger Sturm, daß viele Fischerbarken und Küstenfahrer zu Schaden kamen. Menschenleben sind jedoch, Dank den wackern Rettungsböten, nicht verloren gegangen.

London, 26. Septbr. Wieder soll ein bisher als fast werthlos be­trachtetes Material der gewerblichen Verwendung zugeführt werden, nämlich die den Hüttenwerken so lästige Schlacke. Aus ihr wird nämlich ein Glasfluß hergestellt und aus diesem Eisenbahnschwellen gegossen, die mittelst des Ste- menssschen Verfahrens gehärtet werden. Versuche, die mit solchen Schwellen bet einer Pferdebahn angestellt wurden, sind zu großer Befriedigung ausge­fallen. Einzelheiten sollten bet der Versammlung des Eisen- und Stahl-Instituts zu Liverpool am 24. ds. gegeben werden. Bei der Schwierigkeit, das Holz zu den in der ganzen Welt jährlich etwa erforderlichen 60 Millionen Schwellen zu beschaffen, und der Raumverschwendung, welche durch dte Schlackenberge be­dingt wird, wäre das obige Verfahren, wenn es sich wirklich als praktisch durchführbar Herausstellen sollte, von unberechenbarem Nutzen.

London, 27. Septbr. DasReuterffche Bureau" meldet aus Simla von heute: Ein Theil der Brigade des Generals Baker rückt heute bis Zar- gunsnahr vor, wo General Roberts morgen einzutreffen beabsichtigt. Unter den britischen Truppen der Khyber-Colonne sind mehrere Cholerasälle vorge­kommen. Dte afghanischen Behörden wiesen dte Bevölkerung an, gegen den Vormarsch der Briten keinen Widerstand zu leisten. Eine kleine Abtheilung Mohmunds, welche sich unweit Lapura angesammelt hatte, wurde von den bri­tischen Truppen zerstreut.

London, 27. Septbr. Dte indische Regierung bat um Belassung dreier nach England zurückbeorderter Regimenter in Indien. Das Trup­penschiffJumna" ist nach Bombay mit 2000 Mann Verstärkung für dte Afghanistan-Armee abgesegelt.

Amerika.

New-Aork, 27. Septbr. Eine große Feuersbrunst in Deadwood zerstörte 175 Häuser; 2000 Personen wurden obdachslos._____ _____

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Correfpondenz - Bureau.

Madrid, 28. Septbr. DteCorrespondencta" hält es für wahr­scheinlich, daß Canovas del Castillo vor der Wiedereröffnung der Cortes den Vorsitz im Ministerium wieder übernehmen werde.

London, 28. Septbr. Das Reuter'sche Bureau meldet aus Simla vom 28. d.: Der Emir Jakub ist, von seinem Sohne, einer Suite von 45 und einer Escorte von 200 Mann begleitet, gestern Abend in Kusht bet General

\ Baker angekommen. Derselbe hatte zuvor schriftlich um seinen Empfang nach- gesucht. In Kabul herrschte Anarchie. Die Thore der Stadt sind geschloffen. General Roberts ist mit 3 Regimentern aufgebrochen.

Baden-Baden, 28. Septbr., Abends. Der Statthalter von Elsaß- Lothringen, General-Feldmarschall v. Manteuffel, ist heute Abend 9% Uhr hier angekommen und im Englischen Hofe abgesttegcn-

Darmstadt, 28. Septbr. In den Landtag sind an Stelle der Abge- ordneten v. Conradi, Görz und Königer in Alzey Seubert, in Wöllstein Haag und in Umstadt Lautz gewählt worden.

Sophia, 28. Septbr. Der Fürst ist heute nach Bukarest zum Be­suche des Fürsten Karl abgereist und wird auf der Rückreise dte an der Donau gelegenen bulgarischen Städte besuchen.

New-Uork, 28. Septbr. In Ost-Utah haben die Indianer 28 Bera- leute maffacrirt.______________________________________________

Ein Besuch in Marpingen.

Wie sich die Zeiten ändern! so schreibt ein Mitarbeiter desSchw. Merk." mußte ich unwillkürlich ausrufen, als ich dieser Tage das so schnell berühmt ge­wordene Dorf wieder betrat. Bei meinem ersten Besuche vor zwei Jahren wimmelte die von der Station St. Wendel nach dem neuen Gnadenorte führende Straße förmlich von Pilgern, welche zu Fuß und zu Wagen ihrem Ziele zueilten. Im Dorfe selbst war manchmal das Gedränge so stark, daß man sich kaum durchzuwinden vermochte. Wer in den Wirtschaften gegen theures Geld Unterkommen fand, konnte sich glücklich schätzen. Alle Geschäftsleute, besonders solche, die sich auf den Handel mit religiösen Bildern, Rosenkränzen u. s. w. legten, machten brillante Geschäfte. Wer sich nicht zur Eröffnung eines Geschäfts verstehen konnte, suchte wenigstens durch Beherbergung von Pilgern oder als Fremdenführer etwas zu verdienen. Kein Wunder, wenn Niemand mehr arbeiten wollte, wenn man in Gedanken aus dem armen Dörflein ein zweites Einsiedeln mit prächtiger Gnadenkirche, großen Hotels und eleganten Magazinen ent­stehen sah. Alle diese Träume sind zu Wasser geworden! Heute war das Dörflein förmlich verödet; von Wallfahrern war nichts mehr zu sehen. Die an der zur Kirche führenden Straße errichtet gewesenen Verkaufsbuden sind verschwunden, und die sonst so beschäftigt gewesenen Wirthe haben jetzt vollauf Zeit, über die Vergänglichkeit alles Irdischen nachzudenken. Ich lenkte zuerst meine Schritte zu der wenige Minuten von dem Dorfe entfernt gelegenenGnadenstätte", dem vielgenannten Hartelwald. Hier war es, wo diedrei Gnadenkinder" am 3. Juli 1876 die bekannten Wundererschein­ungen hatten, deren Ruf sich so schnell verbreitete, daß Monate lang Tag für Tag 20- bis 25,000 Wallfahrer zum Besuche kamen, welche unter Schreien und Lärmen, Stoßen und Drängen sich der Gnadenstelle zu nähern versuchten, bis eine Compagnie Infanterie durch Besetzung des Waldes und Dorfes dem widrigen Treiben ein Ende machte Freilich war damit der einmal im Gang befindliche Wunderschwindel noch lange nicht zu Ende. Nachdem die Wunderkinder nicht mehr zu der Erscheinung im Walde kommen durften, kam letztere zu den Kindern in's Dorf. Die Visionen wieder­holten sich in der Schule, in den Schlafzimmern, Ställen, Scheunen, selbst auf offener Straße. Nach und nach wurde aber doch die Sache selbst den Starkgläubigen zu bunt; die drei Kinder welche von den Pilgern förmlich abgöttisch verehrt wurden, sahen schließlich nicht blos die Muttergottes, sondern überhaupt alles, wonach man fragte: Die heilige Dreifaltigkeit, biblische ©eenen, wie Mariä Verkündigung, ferner Sehaaren von Engeln, ganze Leichenzüge und zu guterletzt auch noch den leibhaften Gottseibeiuns, den sie jedoch durch wurmstichige Aepfel u. s. w. auf alle mögliche Weise foppten und schließlich durch Anwendung von geweihtem Wasser zum Rückzüge zwangen. Schießlich hatten auch die sogenannten Concurrenzkinder Erscheinungen, welche aber von zu­ständiger Seite alsunecht oder wenigstens nicht göttlichen Ursprungs" erklärt wurden. Auch in den Nachbarorten zeigten sich Seherinnen, welche ebenfalls die Auimerksamkeit der Frommen auf sich zu ziehen versuchten, freilich mit geringerem Erfolg als die Marpinger. Als dann noch die angeblichen Heilungen sich als reine Täuschungen herausstellten, zogen sich die Verständigeren von der Angelegenheit zurück und der Be­such Marpingens ließ bedeutend nach. Für die Uebrigen war der bekannte Saarbrücker Proceß nöthig, um ihnen die Augen zu öffnen. Zurückgekehrt von dem gänzlich ver­einsamten Härtelwald, stattete ich der unweit der Kirche gelegenenGnadenquelle" einen Besuch ab. Auch hier war alles öde; das Wunderwasser, welches früher in ganzen Wagenladungen abgeholt und in alle Weltgegenden versandt wurde, floß unbenutzt fort. Anstatt der frommen Pilger drängte sich eine Enten sch ar um die rothtrübe Pfütze. Niemand zeigte sich mehr, der wie früher den weichgetretenen Koth auf Brod ge­schmiert und einem hülfesuchenden Kranken gereicht hätte. Auch in der Kirche zeigte sich der stattgehabte Umschwung, besonders im Opferstock, der Tag für Tag eine so reiche Ernte geliefert hatte, jetzt aber einsam und trauernd in einer Ecke stand. Und woher kommt dieser auffallende Umschwung? Der Besuch Marpingens hatte aller­dings schon nach kurzer Zeit nachgelassen, als die erste Ueberraschung vorüber war und der gesunde Menschenverstand wieder in seine Rechte trat Den Gnadenstoß aber hat der Ruf Marpingens durch die Gerichtsverhandlungen zu Saarbrücken erhalten. Zwar wurde es vielfach als ein Mißgeschick bezeichnet, daß sämmtliche Angeschuldigte frei- gesprochen wurden. Aber gerade dadurch gingen der Menge die Augen auf. Im Falle der Verurtheilung hätte man die Betreffenden als Märtyrer gefeiert. So aber haben die Verhandlungen die Verlogenheit und die Widersprüche derGnadenkinder" so klar dargethan, daß nur böser Wille ober aber unbegreifliche geistige Beschränktheit das Lug- und Truggewebe nicht zu durchschauen vermag. Die Freisprechung durch das Gericht bildete also zugleich dte Verurtheilung durch die öffentliche Meinung. Der Marpinger Wunderschwindel gehört nunmehr der Geschichte an. Freilich ist es ein dunkles Blatt, welches davon berichtet, wie in unserem für aufgeklärt geltenden Jahrhundert und da­zu noch in Deutschland, das sich seines Schulwesens rühmt, Tausende, und zwar nicht blos aus den unteren Schichten, Jahre lang am Narrenseil herumgeführt werden konnten.

Lokales.

Gießen, 28. Septbr. Heute nahm Herr Pfarrer Dr. Seel, der kommenve Woche von hier scheidet und nach Wiesbaden übersiedelt, im Morgengottesdienst in einer kurzen An­sprache vom Altäre aus Abschied von der Gemeinde. Er legte darin dar, wie er nach vierzig­jähriger Amtswirksamkeit nicht mehr Die Kraft in sich gefühlt habe, die immer wachsenden Pflichten seines Berufes so zu erfüllen, wie eS zum Heile der Gemeinde und zu seiner eignen Befriedigung nöthig sei, und wie er darum nach schwerem Kampfe und mit schwerem Herzen zu dem Entschluß gekommen sei, der Gemeinde den letzten Dienst damit zu leisten, daß er einer frischen Kraft Platz mache. An die Erinnerung an sein vierzigjähriges Wirken in der Gemeinde und an die Bande der Gemeinschaft, dte ihn dadurch mit ihr verknüpfen, an die Bitte, um ein freundliches Andenken, wie er es selber bewahren werde, schloß sich dann die ernste Mahnung, daß die Gemeinde ihr aufblühendes religiöses Leben nun nicht wieder verkümmern lasten, sondern es treulich pflegen und fördern möge. Die mit tiefer Bewegung gesprochenen Worte haben sicherlich ihres Eindrucks auf die versammelte Gemeinde nicht verfehlt. Sie wird es ihrem scheidenden Pfarrer nimmer vergesten, in wie hohem Maße er vor Allem durch seine geistvollen Predigten zu dem Wachsthum des religiösen Lebens in unserer Stadt beigetragen hat. Wir begleiten den hochverdienten Mann bei seinem Scheiden mit dem herzlichen Wunsche, daß ihm an seinem neuen Wohnort ein ungetrübt schöner Lebensabend beschieden sein möge.

Gießen, 29. September. Ein Dienstmädchen versuchte gestern auf den Namen ihrer früheren Herrschaft Maaren zu entnehmen, hatte aber dabei kein Glück, indem die betreffende Handlung Unrath witterte. Beim Ausfragen wurde die Schwindlerin verlegen und plötzlich kniff sie aus. Ein zweiter Kaufmann war weniger vorsichtig, denn dieselbe Schwindlerin pumpte hier mit Erfolg, was ihr oben verweigert worden, und zwar auf den Namen einer Herr­schaft, bet welcher sie nicht gedient hatte.

Vermischtes.

Hochzeit mit Hindernissen. In einer Gemeinde bei Deggendorf konnte kürzlich ein Brautpaar am anberaumten Tage nicht kirchlich getraut werden, weil das Standesamt zwei Tage außer Funktion war, indem der bäuerliche Herr Standesbeamte mit Kühen und sein Stell­vertreter mit Ferkeln auf den Markt gegangen war.

Dreißig Kinder verletzt. In Chrudim brach am 19. d. M. nach 8 Uhr früh im Hause eines Bäckers in der Klostergaste Feuer aus. In wenigen Augenblicken stand der ganze Dachstuhl in Flammen und auch das Dach ves benachbarten Schulgebäudes fing schon zu