Ausgabe 
30.7.1879
 
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srr. 174. Mittwoch den 30. Juli 187».

Siebener "Anzeiger

An?rise- Md Amtsblatt für de« Kreis Gießen.

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Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-»

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Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.

Nach einer Mittheilung des Kommandos des Großherzoglich Hessischen 2. Infanterie-Regiments Nr. 116 finden am 30. und 31. d. M., Vormittags, auf der Schafweide bet Wismar Schießübungen statt.

Es wird von der Einbuchtung der Lahn her nach dem Ostrand des Teufelsbergs zu geschosien.

In diesem Terrain befindet sich die Straße von Ruttershausen nach Wismar, es wird indessen der Verkehr darauf durch das Schießen nicht gestört.

Es wird dies mit dem Bemerken bekannt gemacht, daß den Anordnungen der ausgestellten militärischen Sicherheitsposten unbedingt Folge zu leisten ist. Gießen, den 28. Juli 1879. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

S-litisch

Wirtschaftliche Propheten.

Die ZukunftsPolitik er taugen bekanntlich nicht viel; oft wirft die nächste Stunde ihr Kartenhaus über den Hausen. Und doch ist die Politik, wissenschaftlich betrachtet, eine Jahrtausende alte Wisienschaft und die Geschichte läßt zuweilen Schlüsse zu. Die Volkswirthschaft dagegen hat als Wissenschaft kaum mehr als ein Jahrhundert auf dem Rücken, und dennoch verlangt auf einmal eine Spezies von Leuten von der öffentlichen Meinung Kredit, die offenbar viel weniger legittmtrt ist, als die politische Abart der Geschichts­philosophen, welche ihren Blick nur vorwärts zu richten gewöhnt sind. Es sind dies die Zukunfts-Volkswtrthe, Propheten, die neuerdings in ganz überraschender Anzahl auftauchen und ihr Urtheil über die wtrthschaftliche Zukunft Deutschlands mit einer erstaunlichen Unverfrorenheit in die Welt hinausposaunen.

Wenn wir auch Bismarck nicht völlig beistimmen können, wenn er be­hauptet, daß in der Volkswirthschaft eigentlich Niemand wisse, werdas Richtige" wisse, daß es eine Wissenschaft der angewandten National-Oeconomte nicht gäbe und daher Probiren über Studiren gehe, so müssen wir doch zuge« ben, daß Propheten, welche die wirthschaftliche Entwicklung eines Landes und Volkes Voraussagen oder berechnen wollen, schon um der Jugend der Volks- wirthschastSlehre halber weniger Beachtung verdienen, als die Zukunftspolttiker. Propheten rechts, Propheten links, wird ein kluges Weltktnd am besten thun, sich in der Mitte zu halten. Dieser Standpunkt erscheint um so richti­ger, als die Zukunfts.Volkswirthe sich direct widersprechen. Der Eine pro­phezeit eine neue goldene Aera, der Andere nicht nur ein Andauern der Wirth- schaftlichen Kalamitäten, sondern ihre baldige Verschärfung zu einem entsetzlichen Nothstande.

Wer hat nun Recht? Allerdings neigt man sich unwillkürlich der Ansicht zu, es sei besser, nicht zu sanguinisch zu hoffen, damit man nicht zu bitter enttäuscht werden kann. Die Worte eines Hobrecht, welcher die vom Reichskanzler in Aussicht gestellten Steuererleichterungen als Zukunstsmustk bezeichnete, sind schwer zu vergessen; auch bleibt es von Bedeutung, wenn ein Volkswirth und Staatsmann wie Delbrück erklärt, er müßte mit schwe­rem Herzen gegen den Taris stimmen, weil er eine schwere Schädigung blühender Export-Industrien und eine Vertheuerung der nothwendigsten Lebens­bedürfnisse zur Folge habe. Die letztere Folge ist zum Theil schon etngetreten und wir müssen nun abwarten, ob die anderen Prophezeiungen, daß eine Hebung des Handels und der Industrie, verbunden mit einer Steigerung der Arbeitslöhne die nachtheiligen Folgen des Tarifs ausgleichen werde, sich er­füllen werden. Ist dies nicht der Fall, dann soll es uns gleichgültig sein, ob die Mehrung des nationalen Wohlstandes durch den Tarif oder trotz desselben erreicht sein wird. Vorläufig wird das deutsche Volk am besten tbun, sich um die wirthschaftlichen Propheten gar nicht zu kümmern. Die Zeit allein kann lehren, wer Recht behält, und danach werden spätere Maß­regeln zu treffen sein; wir müssen im wirthschaftlichen Leben nicht mit ungen, sondern mit den Thatsachen rechnen.

Deutschland.

Berlin. Laut amtlicher Zusammenstellung des Reichskanzlers wurden im vorigen Jahre an Reichsmünzen ausgeprägt: An Reichs-Goldmünzen 2,257,118 Stück Doppelkronen, 1,707,372 Stück Kronen, 551,100 Stück halbe Kronen in den drei preußischen Münzstätten Berlin, Hannover und Frankfurt, zusammen für 64,971,580 Mk.; bet den Münzstätten München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Darmstadt und Hamburg 4,257,034 Stück Doppelkronen, 3,591,199 Stück Kronen und 729,323 Stück halbe Kronen, zus. sür 59,727,885 Mk., überhaupt im Gesammtbetrage für 124,699,465 Mk. An Reichs-Silbermünzen keine Fünfmarkstücke und keine Zwanzigpfennigstücke überhaupt. Letztere dürsten vielleicht anscheinend später eine Aenderung in der Größe und dem Umfange erfahren, doch sind bis jetzt alle dahin gehenden Anträge noch nicht zur Erwägung gekommen. Zweimarkstücke wurden 349,578 Stück in Hamburg, Einmarkstücke 5,485,584 Stück in allen Münzstätten, mit Ausnahme von Dresden', Stuttgart, Darmstadt, Fünfpfennigstücke 585,403 Stück geprägt.

Berlin- 26. Juli. Die neuesteProv.-Corresp." läßt sich über den

er Hheil.

Rücktritt Dr. Falk's also vernehmen:Es wäre nicht an der Zeit und würte auch den patriotischen Gesichtspunkten, welchen der Minister Falk selbst bei der Einreichung seines Eutlaffungsgesuches gefolgt ist, nicht entsprechen, vurch ein Zurückgehen auf die einzelnen Akte der Kirchengesetzgebung tu den letzten 7 Jahren die Wunden zu erneuern, an deren Heilung jetzt von den betheiligten Seiten mit der Hoffnung auf Erfolg gearbeitet wird." Nachdem sodann auf die Bereitwilligkeit des Ministers, mit einem friedliebenden Papst Frieden zu schließen, hingewiesen ist, herßt es weiter:Inzwischen hat sich die Stellung der Centrums- partei zwar nicht auf dem Gebiete des kirchlichen Streites selbst, wohl aber in Betreff der allgemeinen Beziehungen zur Staatsregierung wesentlich verän­dert. Die Regierung hat zur Durchführung einer der wichtigsten Ausgaben für die Wohlfahrt und Befestigung des Reiches die Unterstützung der Centrums­partei gefunden. Daß hierdurch auch die Hoffnung auf Beilegung des kirch­lichen Conflictes gestärkt wird, ist von dem Reichskanzler soeben mit den Worten bestätigt worden:Ich muß auch hier sagen: ich halte Conflicte wohl unter Umständen für tapfer durchzukämpfen, aber nie für eine auf die Dauer zu erstrebende Institution, und wenn sich Mittel und Wege bieten, die Schärfe der Gegensätze zu mildern, ohne daß man an die Princtpien der eigentlichen Streitfrage rührt, wenn man sich gegenseitig kennen und durch gemeinsames Arbeiten an einem gemeinsamen und hohen Zweck sich gegenseitig achten lernt, so liegt es doch wahrlich nicht in meiner Berechtigung als Minister, solche Wege zu verschließen und von der Hand zu weisen." Der Minister Falk hat diese Auffassung des Kanzlers ebenso entschieden getheilt, wie er mit demselben über die Grundlagen eines möglichen Friedens eines Sinnes war. In allen bisherigen Vorverhandlungen über die Einleitungen zu jenem Ziel hat der Kanzler auf das vertrauliche Einverständniß mit dem Kultusminister den größten Werth gelegt und sich desselben durchweg versichert. Als jedoch die Möglich­keit ernster Friedensverhandlungen näher zu treten schien, gab der Minister Falk ungeachtet seines sachlichen Einverständnisses immer mehr der persönlichen Erwägung und dem Zweifel Raum, ob nach den siebenjährigen heißen Kämpfen, in welchen seine Person stets im Vordergründe der staatlichen Action gestanden hatte, und deshalb auch der Mittelpunkt aller Angriffe war, er gerade im Stande sein werde, auch das Frtedenswerk persönlich zu fördern. Dieser Zweifel vor Allem hat den Entschluß des Ministers reifen lassen, jetzt aus dem Amte zu scheiden. Wohl mögen noch andere Erwägungen mit Bezug aus die mannigfachen Schwierigkeiten und Meinungskämpfe auf anderen kirchen­politischen Gebieten auch in Betreff der evangelischen Kirche dabei mitgewirkt haben ; aber der Minister selbst hat bet der Begründung seines Wunsches vor­nehmlich jene Sette hervorgehoben, und feine Entschließung ungeachtet der erneuten Feststellung seines grundsätzlichen Einverständnisses mit der kirchlichen Politik des Kanzlers aufrechterhalten."

Aus Bayern. Aus München berichtet dieAugsb. Allg. Ztg." unterm 21. Juli. Schon jetzt dürfte es an der Zeit sein, an ein Jubiläum zu erinnern, welches in der Weltgeschichte zu den seltensten Vorkommnissen gehört. Im Jahre 1180 wurde ein Wittelsbacher mit dem Herzogthum Bayern belehnt und so sind denn nun bald 700 Jahre verflossen, seit die Wtttelsbacher die Herrschaft über Bayern angetreten und ununterbrochen aus­geübt haben. Falls osficielle Feierlichkeiten nicht angeordnet werden sollten, so wird der Historische Verein für Oberbayern das seltene Fest begehen, sei es durch eine besondere Publication, sei es durch eine feierliche Sitzung. Diese Absicht wurde bereits gestern an der eigentlichen Wiege der Wittels­bacher, der einstigen Grafen von Scheyern, in dem jetzigen Kloster Scheyern, der Ruhestätte von 120 Wittelsbachern, wohin der Historische Verein für Oberbayern unter Leitung seines Vorstandes, des Herrn Major Würdinger, gestern einen wissenschaftlichen Ausflug unternommen hatte, im Kreise der Mit­glieder besprochen, und sie wird in einer oder der anderen Weise zur Ver­wirklichung gelangen.

Metz, 25. Juli. Wie man erfährt, wird der Kaiser bei seiner Anwe­senheit in Straßburg anläßlich der bevorstehenden Herbstmanöver des 15. Armee- Corps auch der Hauptstadt Lothringens einen Besuch abstatten. An die hiesigen oberen Militär- und Civilbehörden sollen in dieser Beziehung bereits Mitthei­lungen ergangen sein, und es wird angenommen, daß der Kaiser alsdann auch die Schlachtfelder von Vionville, Gravelotte und St. Privat besuchen werde.