Ausgabe 
30.3.1879 Zweites Blatt
 
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Wenn ein Militärpflichtiger wegen Gebrechen oder Krankheit persönlich zu erscheinen nicht im Stande ist, oder wenn er sich in gerichtlicher Haft befindet, so ist darüber ein auf persönlicher Anschauung beruhendes Zeugniß des Arztes und der Bürgermeisterei, bezw. eine Bescheinigung des Gerichts vorzulegen.

Den Großherzoglichen Bürgermeistereien liegt es ob, darauf aufmerksam zu machen, daß ein Militärpflichtiger wegen gerichtlicher Bestrafung des Militär Dienstes unwürdig ist, und sind deßhalb die erforderlichen Nachweise amtlich zu erwirken und vorzulegen.

Die Verhandlungen über Zurückstellungsansprüche sind von den Großherzoglichen Bürgermeistereien, soweit es noch nicht geschehen, baldthunlichst, jedenfalls vor dem Musterungstermine an die Ersatz-Commission gelangen zu lasten.

Im Anschluß an das Ersatz-Geschäft findet

Dienstag den 22. April im GasthauS zum Rappen zu Grunberg, Samstag den 26. April im Saale des alten Rathhauses zu Gießen und Freitag den 2. Mai im Rathhaussaale zu Lich

die Klasfificirung der Reserve- und Landwehr-Mannschaften rücksichtlich ihrer häuslichen und gewerblichen Verhältnisse statt.

Es haben daher diejenigen Reservisten und Laudwehrmänner, sowie die Ersatz-Reservisten 1. Elaste, welche im Falle einer Einberufung auf Zurückstellung wegen häuslicher Verhältnisse einen Anspruch machen zu können glauben, an den bezeichneten Tagen, Morgens 11 Uhr, zu erscheinen und ihre Gesuche zu begründen.

Gießen, den 17. März 1879. ,

Der Civil-Vorsitzende der Ersatz-Commission des Kreises Gießen. Dr. Hoffmann, Regierungsrath.

politisch

Wochenübersicht.

Der Kaisers-Geburtstag ist diesmal in ganz Deutschland und über desten Grenzen hwaus, wo nur immer Deutsche wohnen, im Hinblick auf die traurigen Eretgniffe des vergangenen Jahres mit noch regerer Theilnahme sonst gefeiert worden. Eine große Zahl deutscher Fürsten, an ihrer Spitze der König von Sachsen, war zu der Feier persönlich in Berlin erschienen. Leider mußte sich der Kaiser in Folge des neulichen Falls den hergebrachten Festlichkeiten gegenüber eine gewisse Beschränkung auferlegen. Er empfing daher außer seiner Familie und der nächsten Umgebung nur die Fürstlichkeiten aus regierenden Familien, den Grasen Moltke und den Fürsten Bismarck, wohnte aber der in seinem Palais veranstalteten Abendgesellschaft nicht bei. Zur besonderen Erinnerung an feinen diesjährigen Geburtstag ertheilte er an demselben dem Statut der Wilhelms spende, so wie cs von der beir. Commission entworfen worden, die definitive Genehmigung. Am folgenden Tage sprach er für die zahlreichen, ihm zu Theil gewordenen freundlichen Huldigungen seinen Dank in einem an den Reichskanzler gerichteten Er­taste aus.

Prinz Waldemar, der dritte Sohn des Kronprinzen des deutschen Reiches und von Preußen, ist in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag fast plötzlich an einem Herzschlag verstorben. Die kaiserl. Familie ist dadurch wieder in die tiefste Betrübniß versetzt worden. Möge Gort die hohe Familie in ihrem Schmerze trösten!

Das zoll- und handelspolitische Programm des Reichskanz' lers steht noch immer im Vordergründe der öffentlichen Discussion. Die osficösen Blätter fahren fort, Zustimmungs-Erklärungen mitzutheilen. Es feh t aber auch nicht an entgegengesetzten Kundgebungen. So haben sich die Com- munal-Landrage von West- und Ostpreußen ausdrücklich gegen Kohlen-, Esten-, Getreide- und Holzzölle ausgesprochen.

Der Reichstag setzte die Berathung des Reichshaushalls-Etats fort und bewilligte dabei u. A. die vom Generalpostmeister für Legung unterirdischer Telegraphenkabel gewünschten Fonds dem Antrag der Budgetcommission ent­gegen in vollem Umfange. Ein hervorragendis Jntereste bot die Sitzung vom 31. d. Das Haus beschäftigte sich an diesem Tage, nachdem es einen Antrag aus Abänderung der Gewerbeordnung unter Zustimmung ^t>er Regie­rung an eine Commission verwiesen, mit dem Antrag des Abg. Schneegans auf Gewährung einer selbständigen, im Lande befindlichen Regierung für Elsaß- Lothringen. Fürst Bismarck erklärte, den Wünschen der Antragsteller soweit entgegenkommen zu wollen, als es die Rücksichten aus die Sicherhetc des Reichslandes gestatteten, und sprach sich überhaupt so günstig für den Gedan­ken einer Statthalterschaft mit verantwortlichen Ministern aus. daß man der demnächstigen Ausführung deffelben mit Sicherheit entgegensehen zu dürfen glaubt. Der Generalseldmarschall v. Manteuffel wird sogar schon als zukünf­tiger Statthalter bezeichnet.

In die Verhandlungen zwischen Berlin und Rom scheint neuer­dings wieder etwas Leben gekommen zu fein. Der Vatican soll nämlich neue Vorschläge gemacht und die preußische Regierung dieselben discutabel gefunden daben. Ultramontane Blätter melden sogarvon in der Regel gut umerrich- teter Seite", die Verhandlungen ließen einen baldigen Friedensschluß erhoffen. Das Hauptorgan der Centrumspartei setzt dieser Nachricht iudeß ein bemer- keuswerthes Mißtrauen entgegen und behauptet, es sei bisher keine genügende Basis zu einem Abkommen gefunden. Die scharfe Art und Weise, mit der Fürst Bismarck sich jüngst im Reichstage über die ultramontanen Umtriebe in Glsaß-Lothringen äußerte, spricht in der That nicht gerade für die baldige Her­stellung eines Ausgleichs.

Die belgische Repräientantenkammer hat den Posten für die Gesandt­schaft beim Vatican einstimmig bewilligt: wie der Minister des Auswärtigen vertraulich mittheilte, hatte der Papst persönlich den dringenden Wunsch aus­gesprochen, die Gesandtschaft beibehalten zu sehen. Während übrigens die Bischöfe die Agitation gegen den Unterrichts-Gesetzentwurf der Regierung im ganzen Lande organistren, hat der fanatischste unter ihnen, Bischof Dumont von Tournai, auf einen Wink von Rom her sein Amt aus ^Gesundheitsrück­sichten" aufgeben müffen!

In Oesterreich-Ungarn find nach Schluß der Delegationen die Parlamente wieder in Thätigkeit getreten. Das österr. Abgeordnetenhaus be­schäftigte sich mit dem Budget, das ungarische Unterhaus nahm euren Antrag auf sofortige Vorlage eines Gesetzentwurfs über Einführung der obligatorischen Civilehe mit großer" Majorität an.

Aus Rußland wird leider das Wiederauftreten der Pest in dem ur­sprünglichen Heerd der Seuche und zugleich ein auf den Polizeiminister, General Drentelen, gerichtetes neues Attentat gemeldet.

England wird noch immer durch seine kriegerischen Unternehmungen in Sorge gehalten. Di» befürchteten Verwicklungen mit Birma sind freilich bisher nicht zum Ausbruch gekommen, dagegen ist die Lage der Dinge im Saplande durch den Aufstand eines neuen NegerstammeS, der Baffutos, wieder bedenklicher geworden. Den Seitens der Opposition zu erwartenden An- griffen hat die Regierung durch eine Tadelnote, welche sie an den General-

er Hh eil.

Gouverneur Bärtle Frere gerichtet und dem Parlament mitgetheilt hat, die Spitze abgebrochen.

Der Bestand des Ministeriums Waddington kann für die nächste Zukunft als gesichert gelten. Daffelbe hat nämlich beschloffen, nicht selbst dir Initiative zu seiner Modlfication zu ergreifen, sondern ein etwaiges directes Mißtrauensvotum abzuwarten. Ein solches steht aber um so weniger zu be­fürchten, da die Kammer einen gegen den Finanzminister Say gerichteten An­trag auf Eins-tzang einer Commission zur Untersuchung der Börsenvorgänge vom 22. bis 27. Februar mit großer Majorität abzelehnt hat und die Regie­rung ihrerseits allen E fer zeigt, die Wunsche der Linken, sowohl betreffs Rückkehr der Kammern nach Pans, wie in der Bekämpfung des Klecikalismus zu befriedigen. Die zur Erreichung des ersteren Zweckes erforderliche Vcr- faffungsrevision ist schon beschloffen.

Die italienische Regierung hat die lange in Aussicht gestellte Vorlage Über die Erweiterung des Wahlrechts nunm-hr endlich in der Kammer einge- bracht und zur Durchbringung derselben zugleich die Ernennung von 27 neuen Senatoren veranlaßt. Am 23 d. wurde auf dem Schlachtfelde von Novara ein Denkmal enthüllt. König Humbert wohnte dem Acte zwar nicht persönlich bei, gab aber zur Feier deffelben em Diner. In Mailand fand an demselben Tage ein Zusammenstoß zwischen Volk und Militär statt.

König Alfons von Spanien hat sich wieder verlobt, und zwar mit der Tochter des Grasen von Paris.

In den Vereinigten Staaten Nordamerikas macht der Bankerott des Erzbischofs Purcell von Cincinnati ungeheures Aufsehen. Der Hochwür­digste hatte zurKatholistrung des C ipitals" eine Bank gegründet, bei welcher seine Schäflein ihre Sparpfennige deponirten. Eines schönen Morgens brach indeß das vom Bruder des Bischofs geleitete Institut mit 4 bis 6 Mill. Doll. Passiva zusammen. Die allzu gläubigen Gläubiger sind dadurch fast ohne Ausnahme an den Bettelstab gebracht, werden aber ohne Zweifel bedenken, daßfreiwillige Armuth" eins Der höchsten Verdienste römischer Katholiken ist, und sich daher über ihren Verlust bald trösten.

Ein neues Attentat in Petersburg.

Ein neuerSchuß" hat die russische Gesellschaft erschreckt. Aus den Ches der berüchtigten dritten Abiheilung der kaiserlichen Kanzlei, den General Drentelen, wurde Dienstag Nachmittag em Attentat unternommen. Dieses neue Attentat ist ein weiteres Glied in der großen Kette von politischen Attentaten, welche in jüngster Zeit die russische Gesellschaft in Schrecken setzen. Auf Trepoff folgte Mesenzoff, auf Mesenzoff Kropotkin und jetzt ist Drentelen als das Ziel der mörderischen Kugeln der Umstürzler erwählt- Diesmal ging der Sckuß noch fehl.

Sollte cs wie in dem Falle Mesenzoff und Krapotkin nicht gelingen, alsbald den Mordgesellen zu entdecken, dann dürfte es nach den bisherigen Erfahrungen wohl außer Zweifel sein, daß dem ersten mißlungenen Attentate weitere Angriffe auf das Leben des General Drentelen folgen werden Es ist eine unheilschwangere Atmosphäre, in welcher das Czarenthum athmet. M't Hilfe des Meuchelmords will man neue soziale und politische Ordnungen herbeiführen und DieFreiheit" soll von der Heim­tücke geboren werden. Das sind wahnsinnige Hirngespinnste, die mit Ekel erfüllen, aber keine Sympathie erzeugen, so wenig auch West-Europa mit dem herrschenden Knutenregiment, welches in dieser Weise bekämpft wird, sich befreunden mag.

Dem Attentate auf den General Drentelen war, wie schon kurz gemeldet wurde, einpolitischer Mord" in Moskau oorausgegangen. Der Hergang war in dem Falle zu Moskau nach der deutschen St. Petersburger Zeitung der folgende:

In das ehemals Mamontowfche, jetzt Nobelsche Gasthaus zu Moskau trat am 25. v. M. ein junger Mann von mittlerem Wüchse, mit kleinem Schnurrbart: er trug einen Tuckpaletot mit Winterkragen. Den Oberkellner bat er, ihm einige unbesetzte Nummerzimmer zu zeigen, m denen eine Familie untergebracht werden könnte. Die Zimmer Nr. 60 unb 61, die durch die Zwischenthür nut einander in Verbindung gefetzt werden konnten und täglich 2 Rubel kosten sollten, gefielen dem jungen Mann: er zahlte ö Rudel als Handgeld und ging fort, mit dem Bemerken, er werde zur Abend­zeit einige Effekten mitbringen Es waren ein Reisesack und ein Kissen. Der neue Gast ließ sich den Thee aufs Zimmer bringen, legte sich, nachdem er davon getrunken hatte zu Bett nieder und gab die Weisung, ihn am anderen Morgen um 10 Ubr zu wecken. Als der Diener deshalb ins Zimmer trat, war der junge Mann bereits ab­gestanden und angefleibet; er trank Thee und ging fort. Etwa nach einer Stunde war er wieder zuruckgekehrt; ob allein ober in Begleitung, hatte Niemand bemerkt (wenn auch einige Bewohner des Gasthauses zwei junge Leute im Konidor gehen und in die Nr 60 treten gesehen haben, so kann doch nicht angegeben werden, um welche Seit speziell die Beiden dort bemerkt worden find'. Acht Tage waren vergangen, seitdem der neue Bewohner von Nr. 60 die Thür des Zimmers verschlossen batte und Daoongegangen war. Niemand kehrte sich daran. Nur ein Mal war die in Nr 63 wohnende Hebamme von einer hochgewachsenen Dame darnach gefragt worden, wo Nr. 60 läge. Diese Dame hatte einen langen Paletot an unb ihr Antlitz war von einem gelben Schleier so bicht verdeckt, daß man ihre Züge unmöglich erkennen formte. Sie hatte als die Hebamme ihr die gesuchte Thür gezeigt hatte die Hand auf die Klinke gelegt unb sich mit dem Ausspruche:Ja, sie ist verschloßen' wieder entfernt. - Inzwischen spürte man, daß sich ein übler Geruch über den Korridor verbreite An­fangs achtete man auch nicht hierauf. Als aber der Geruch immer ärger wurde, da erst fielen die geschlossenen Nummernzimmer den Leuten ein. Die ^0.1$« rouröc requirirt; sie öffnete die zur Nr. 60 führende Thüre. Dort fand man die Uebei rette einer spärlichen Theemahlzeit und einer Flasche Cognac; das Theeglas war geleert, an dem Ständer hing ein Pidjak, in dessen Tasche ein ^ogen ipapier unb ein aut den Löjährigen Sobn eines verstorbenen Kollegien Sekretärs M>ckael ^ickerkaßki lautend^ Paß steckten. In der Nr. 61 lag der Leichnam eines Menschen; das Antlitz war nach unten gekehrt: die Füße lagen nach der in die Nummer 61 führenden Thure zu gerichtet; das-Haupt war zum Theil mit einem Kissen bedeckt; unter dem letzteren war eine Lacke geronnenen Blutes. Auf dem Rücken der Leiche war mit einer Stecknadel