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1879.
172. Erstes Blatt. Sonntag den 27. Juli
scheuer 'Anzeiger
Anzeiss- eti Amtsblatt für den Kreis Gieße«.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags
Schulstraße B. 18.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Bekanntmachung.
In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nach, stehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Juli 1879 veröffentlicht:
Hafer 16 «X Heu 4 «X Stroh 4 -X. per 100 Kilogramm.
Gießen, am 2. August 1879. Großherzogliches Kretsamt Gießen.
vr. B o e k m a n n.____________________________
Bekanntmachung.
Gefunden: 2 weißleinene Taschentücher, 1 seidenes Tüchelchen, 2 Schlüssel, 1 Ring mit blauem Stein, 1 Packet Eisenwaaren, 1 Stoßkarren, 1 Ktnderjacke, 1 Körbchen mit Inhalt, 1 Rolle Formulare, 1 goldener Ohrring, 1 Taschenmesser.
Zugängen: 1 Kanarienvogel.
Die gefundenen Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Schloßgasse 258) aufbewahrt.
Gießen, den 2. August 1879. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
_______Fresenius.
politisch
Deutschland.
Berlin, 31. Juli. Der Minister Maybach hat neuerdings für Secun- därbahnen die Normal. Concessionsbedingungen ausarbeiten lassen, unter dem Titel: „Normal-Concessionsbedtngungen derjenigen für den Betrieb mittelst Dampfkrast und für die Beförderung von Personen und Gütern im öffentlichen Verkehr bestimmten Eisenbahnen, auf welche die Bestimmungen der Bahnordnung für deutsche Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung des Reichs-Eisen- vahnamtes für anwendbar erklärt sind." Aus diesem Actenstücke hebt das „D. M. Bl." den Art. 15 heraus, welcher auch für weitere Kreise Interesse hat: „Der Concessionär ist verpflichtet, den Betrieb seiner Bahn der Berwal- rung einer anschließenden Bahn gegen Gewährung einer jährlichen Rente, welche der im Durchschnitte der letzten (fünf) Jahre erzielten Rein-Einnahme gleichkommt und mindestens jährlich 4y3 pCt. ihres Anlage-Capttals beträgt, überlassen falls der Minister der öffentlichen Arbeiten diese Betriebsüberlassung im öffentlichen Verkehrsinteresse für erforderlich erachtet. Als Rein- Einnahme ist diejenige Summe anzusehen, um welche die Betriebs-Einnahme die in dem betr. Rechnungsjahre ausgewendeten Verwaltungs-, Unterhaltungsund Betriebskosten einschließlich der aus diesem Fonds zu bestreitenden Ausgaben übersteigt."
— Die Erklärung des Bundesrathes über die Besteuerung der Wanderlager hat, wie der Handelskammer-Secretär von Zittau, Dr. Löbner, consta- ttrt, die in Betreff der Berechtigung der Communen zur Besteuerung der Wanderlager herrschende Unsicherheit keineswegs gehoben. Während man im Allgemeinen angenommen hat, daß tue Erklärung des Bundesrathes die Be- fteuerung der Wanderlager durch die Communen gestatte und daraufhin vielfach von Gemeindebehörden Regulative ausgestellt find, welche auch bereits genehmigt sein sollen, hat das reussische Ministerium, welches der Stadtgemeinde Gera vor Publication des Erlasses des Bundesrathes unter Vorbehalt des Widerrufs die Genehmigung zu einem Regulativ über Communalbesteue- rung der Wavderlager und Wanderaucttonen ertheilt hatte, gerade auf Grund des bundesräthlichen Erlasses die widerruflich ertheilte Genehmigung zurückgezogen. Tie thatsächliche Rechtsverschiedenheit in Betreff der Wanderlager besieht also in Deutschland nach wie vor. Ein solcher Zustand ist aber nach beiden Richtungen nachtheilig, indem er einmal das Institut der Wanderlager einer willkürlichen Behandlung pretsgibt und statt der angemessenen Besteuerung der Geschäfte die Festsetzung von Geldabgaben, deren Erhebung einem Verbote der Wandeilager gleichkommt, ermöglicht, andererseits aber auch Städte verhindert, die bisher von der Communalsteuer meist freigebliebenen Wanderlager zu besteuern. Bei einer gerechten Besteuerung der Wanderlager durch die Communen werden freilich die vielfach laut gewordenen Wünsche der seßhaften Geschäftsleute nicht in Erfüllung gehen, welche auf die völlige Unterdrückung der Wanderlager hinauslaufen.
Schweiz.
Bern, 29. Juli. Erst am 21. d. Mts. ist der Schneetunnel eilige- stürzt, welcher in den letzten Tagen des Monats Juni im Val Tremola durch die außerordentliche Schneemasse, welche damals noch auf der Gotthardstraße lag, gebohrt werden mußte. Der Tunnel war im letzten Augenblicke noch 50 Meter lang. Die Ankunft der Post erlitt in Folge dessen eine größere Verzögerung. Die Kosten des Schneebruches sind, beiläufig bemerkt, für den Canton Tessin in diesem Jahre um mehr als das Doppelte gestiegen. Für gewöhnlich erhält derselbe vom Bund für den dortigen Schneebruch 23,000 Frcs. Entschädigung, diesmal betragen aber seine Kosten 48,000 Frcs.
Telegraphische Pepeschen.
Wagrrer's telegr. <trrefp»n>eni - BureTT.
Berlin, 1. August. Der Hauptgewinn der preußischen Lotterie von
er H-eil.
450,000 Mk. tft auf Nr. 90691 gefallen. — Die „Nat.-Ztg." meldet: Der paraphtrte Vertrag wegen des Verkaufes der ruMnischen Bahnen bedingt die Zahlung von 60 Thaler pro Actie in rumänischer Anleihe, ferner 2 pCt. Converltrungsprämte und 3 pCt- als Dividende pro 1879.
Konstantinopel, 1. August. Es verlautet, daß neue Veränderungen im Cabinet bevorstänben. — Die Zeitungen „Neologos" und „Thraki" sind suspendirt wprden
Versailles, 1. August. Die Deputirtenkammer genehmigte das Budget des Ministeriums beS Auswärtigen. Ein Amendement Raspail's auf Em- schränkung des Kredits für die Botschafter und Aufhebung der Botschaft beim Vatikan wurde abgelehnl; dagegen der Antrag auf Streichung des Ruhegehaltes von 8000 Frcs. für den ehemaligen Minister Dccazes angenommen. Nachdem noch ein Antrag auf Festsetzung einer Frist von 6 Monaten für die Conversion dec 5procentigen Rente abgelehnt worden war, genehmigte die Kammer das Budget der Ausgaben als Ganzes.
München, 1- August. Abgeordnetenkammer. Bet der Generaldis- cussron des Militäretats bringt SchelS die Mißhandlungen von Soldaten besonders durch preußische Unterofficier« zur Sprache und findet insbesondere die Möglichkeit auffällig, daß Mißhandlungen so lange unangezelgt sortdauern können. Der Kriegsminister versichert, er sei mit aller ihm zu Gebote stehenden dienstlichen Gewalt gegen die Brutalitäten ausgetreten. Die Angelegenheit gehe in der Hauptsache die Gerichte an, aus welche er mitunter leider ohne Einfluß fei. Er habe sich selbst mehrfach über die lange Dauer der Mißhandlungen gewundert. Es seien entsprechende Maßregeln dagegen getroffen. Die Commandeure seien über die Vorkommniffe so indignirt, daß sie solche ntcht nur aus Pflicht, sondern auch aus Menschlichkeitsgefühl verhindern. Die preußischen Uuterosfictere im Allgemeinen treffe kein Vorwurf. (Die Erklärungen des Ministers werden mit lautem Beifall ausgenommen). In der Specialdebatte fragt Phaler, ob für genügende Zeit zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Soldaten gesorgt sei. General v. Maillinger bejaht dt-s. Den neulichen Klagen in den Dtöcesen Augsburg und München fei abgeholfeu worden.
Bei der Spectaldebattc über den Militäretat stellt Rittler die Anfrage, ob für die im Jahre 1876 bewilligten 400,000 Mk. in den Kasernen Ver- bcsierungen und Anschaffungen gemacht seien. Die bezüglichen Erklärungen des Ministers und deö Regierungscommiffars genügen Rittler nicht und ver- anlaffen eine längere resultatlose Discussion. Schließlich wird der Etat nach den Ausschuß-Anträgen angenommen. Ferner werden 50,000 Mk. für die Reitschule in München und den Kasern enbau in Nürnberg bewilligt und schließ- lich das Mililäretatgesetz in namentlicher Abstimmung einstimmig genehmigt.
Wien, 1. August. Meldung der „Polit. Corresp." aus Konstantinopel. Die Beziehungen zwischen der Pforte und Aleko Pascha sind gespannt. Die Verstimmung ist zurückzusühren auf die Weigerung der Pforte, die Ernennung mehrerer ostrumelischcr Functionäre zu bestätigen. Andererseits soll Aleko durch sein Verhalten in Angelegenheiten der Repatriirung der ostrumeltschen Moha- medaner der Pforte Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben haben. Der Verkehr der türkischen Delegirten in der ostrumeltschen Eommission ist auf das Roth- wendigste reducirt. — Gerüchtweise verlautet, daß Osman, Kadri und Said aus dem Cabinet austreten sollen.
Rom, 1. August. Die „Jtalte" meldet: Minister Villa wies die Präfekten in einem Rundschreiben an, alle als Urheber von Demonstrationen und Unruhen bekannten Individuen aufmerksam und fortgesetzt zu überwachen und zu diesem Zwecke alle gesetzlichen Präventiv- und Repressiv-Maßregeln an. zuwenden, insbesondere jede Manifestation zu Gunsten der „Mia irredenta“ htntanM-lten.^^ * August, Abends. Einer Depesche deS „Globc" zufolge richtet die Cholera große Verheerungen unter den von Afghanistan zurückkehren.


