sicht aus besondere Verhältnisse eine Abweichung zu gestatten — nicht weniger als 25 Km. in der Stunde betragen.
Berlin, 22. Juli. Der nunmehr fest constituirte Verein „Concordia", Verein zur Förderung des Wohles der Arbeiter, zählt bereits über 1C30 Mitglieder. Wie demjtlben früher eine außerordentlich wohlwollende Zuschrift vom preußischen Minister für Handel und Gewerbe zugekommen ist und ihm die von dem betr. Ministerium veraristalteten, auf die Arbeiterfrage bezüglichen Veröffentlichungen überlasten worden sind, so liegen neuerdings zwei freundliche Kundgebungen höchster Staatsbehörden vor. Einmal hat das Reichskanzleramt inhaltlich einer an den Verein „Concordia" gerichteten Zuschrift mit lebhaftem Jntereste von der Stiftung und den Bestrebungen des Vereins Kennt- niß genommen und die Ueberlaffung der amtlichen, die Arbeiterfragen betr. Drucksachen unentgeltlich zugesagt. Das bayerische Staatsministerium des Innern, Abtheilung für Landwirthschaft, Gewerbe und Haubel, hat seine Bereitwilligkeit erklärt, dem Verein die erbetene Förderung seiner gemeinnützigen Zwecke nach Thunlichkeit angedeihen zu lasten und die Zustellung der bis jetzt erschienenen und künftig erscheinenden amtlichen Veröffentlichungen, welche auf die Arbeiterfrage Bezug haben, ebenso wie solche über die Statistik der Bevölkerung, über die Preise der Wohnungs- und Nahrungsmittel verfügt. Auch ist die genannte Staatsbehörde dem Verein als Mitglied beigetreten. Eine derartige Anerkennung der wohlwollenden Bestrebungen des genannten Vereins ist gewiß freudig zu begrüßen.
Berlin, 22. Juli. Aus zuverlässiger Quelle geht dem „Berl. Tagebl." folgende Nachricht zu, die vermuthlich mit dem Gerüchte von dem Rücktritt des Feldmarjchalls Moltke im Zusammenhang steht. Früher war nämlich demselben der General Graf Wartensleben, jetzt Commandant von Berlin, als Adlatus beigegeben, und ist es bis jetzt nicht gelungen, einen Nachfolger für diesen zu finden. Je nothwendiger jedoch ein solcher bei der Fülle der Geschäfte geworden ist, desto lauter wurde auch das Verlangen nach Ernennung eines solchen. In neuerer Zett nun ist wieder davon die Rede gewesen, auf diesen wichtigen Posten den General v. Verdy, den berühmten Militär-Schrlst- steller, jetzt Brtg^de-Commandeur in Straßburg, oder den General Bronsart v. Schellendorf, jetzt Commandant von Potsdam, zu berufen. Die Entscheidung dürfte immerhin noch auf sich warten lasten. Dagegen steht fest, daß der Feldmarschall Graf Moltke unter allen Umständen bis nach der endgültigen Feststellung des deutschen Heeresbudgets zu bleiben gewillt ist, um in den heißen, dann zu erwartenden Debatten fein gewichtiges Wort in die Wagschale zu werfen. — Gleichzeitig können wir mtltheilen, daß es so gut wie feststeht, daß der Minister Stosch abgeht, und zwar nach den Herbstmanövern, da nach denselben der commandirende General des 15. Corps, General v. Fransecky, den Abschied nehmen n>irb und alsdann durch Herrn v. Stosch im Commando ersetzt werden soll. Das Martne^Ministerium übernimmt General-Lieutenant v. Voigts-Rhetz, der jetzige Director des Allgemeinen Kriegs-Departements. Derselbe hat bereits vor einiger Zeit seine Wohnung gekündigt.
Hesterreich.
Wien, 22. Juli. Die „Polit. Corresp." meldet aus Athen: Nachdem die Regierungspartei und die Opposition in der Kammer über die gleiche Stimmenzahl (80) verfügen, reichte das Gesammt-Mtnisterium die Demission ein, um dem Könige anheimzugeben, sich für die Entlastung des Ministeriums oder Auflösung der Kammer zu entscheiden. Der König hat heute die Führer der Opposition zu sich berufen.
Krankreich.
Paris, 21. Juli. Paul de Caffagnac bringt im „Pays" heute eine längere Erklärung, die man als eine Art von Manifest der klerikalen Bona- partisten betrachten muß. Er sagt darin: „Wir treten nicht unter die Fahne des Prinzen Napoleon, so lange er nicht öffentlich erklärt, daß er sich an die Spitze der Imperialisten stellt, um die Republik zu bekämpfen und die conser- vative Politik Napoleon's IV. fortzusetzen. So lange er dies nicht thut, wird er für uns außerhalb des Kaiserreiches stehen, von dem er sich selbst gewaltsam getrennt hat. Wenn der Prinz dem konservativen, katholischen und antt- republikanischen Frankreich gegenüber seine Pflichten erfüllt hat, werden wir unsere Pflichten gegen ihn erfüllen. Bis dahin kreuze ich die Arme; ich warte, ich hoffe, aber ich rühre mich nicht." Aehnlich drückt sich auch der Petit Corporal aus. Von den 115 bonapartistischen Deputaten und Senatoren waren nur 54 tu der Samstags-Versammlung anwesend. Der in derselben gefaßte Beschluß wurde nachträglich noch von ungefähr 10 gutgeheißen, so daß also kaum 60 den Prinzen Napoleon als Familienhaupt und Partei- sichrer anerkannt haben. Des Prinzen Organ, die „Estafette", bringt heute einen Artikel, der alle für Deserteure erklärt, welche das Recht des Prätendenten nicht anerkennen wollen.
Paris, 22. Juli. Fast alle alten Staatsräthe haben ihre Entlastung gegeben. — Die Kammer nahm den Gesetzentwurf an, welcher die Regierung zur Verlängerung der Handelsverträge autorisirt. Handelsminister Tirard sprach zu Gunsten der Handelsverträge. — Der Senat berieth über die Interpellation Baragnon (Rechte), welcher die Maßregeln des Justizministers gegenüber dem Staatsrath tadelt. Der Senat nahm mit 153 gegen 112 Stimmen eine Tagesordnung an, welche das Verfahren des Justizministers Leroyer billigt und Vertrauen in feinen Gerechtigkeitssinn und seine Festigkeit ausspricht.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'« telegr. •ttrefpontctij ■ Bureau.
Wien, 23. Juli. Meldung der „Polit. Corresp." aus Konstantinopel vom 22. d. Die Botschafter Englands und Frankreichs erklärten der Pforte, daß fie mit der halbamtlichen Mtttheilung des egyptischen Jnvestiiur-Fermans keineswegs zufrieden seien, sondern die Forderung der amtlichen Mittheilung ausrechterhalten. Beide Botschafter sollen der Pforte vertraulich zu verstehen gegeben haben, daß sie ten Text des mitgethetlten Fermans als unannehmbar betrachten, da derselbe dem neuen Vicekönig nicht alle Privilegien einräumt, welche Ismail Pascha beseflen. — Es verlautet, der Sultan sei ent- schlosten, Osman und Kadri Pascha zu entlasten.
Bukarest, 23. Juli. In beiden Kammern wurde Mittheilung von der Neubildung des Cabinets gemacht und deffen Programm verlesen; sodann wurden durch fürstliches Decret die Kammern auf einen Monat vertagt. In dem Decret wird hervergehoben. die Vertagung der Session sei nothwendig,
damit Senatoren und Deputirte neuerdings sich mit den Wählern tu Verkehr setzen und damit die Regierung mir den Mächten in Unterhandlung treten könne, um eine Lösung herbeizuführen, welche Europa befriedige, ohne die Lebens-Juterefien des Landes zu gefährden.
Paderborn, 23. Juli. Freitag Morgen 9 Uhr wird hier die feierliche Beisetzung der Lerche des früheren Bischofs Konrad Marlin stattfinden.
Petersburg, 23. Juli. General > Gouverneur Loris-Melikoff trifft demnächst von Charkow hier ein, um dem Kaiser zu berichten, welcher seine Anerkennung über die hohe Befähigung ausfpracb, mir welcher Loris - Melikoff nu^ in seiner jetzigen Stellung thätig ist. In nächster Zeit ist nichts Bedeutendes aus dem Gebiete allgemeiner Maßregeln zu erwarten. Mehrere Minister treten ihren Urlaub an.
Wien, 23. Juli. Die gestrigen Meldungen der „Neuen grcieii Presse", daß in Serajewo und Sütbosnien ernste Vorbereitungen zum Einmarsch in Novibazar getroffen werden, daß bedeutende Verpflegungstransporte von Serajewo nach den südlichen Grenzorten abgehen und der Vorpostendienst wie im Kriege geregelt werde, endlich die weitere Meldung destelben Blattes, daß die zur Occupation bestimmten 4000 bis 5000 Mann tue österreichtürkische Commission gleichsam als Sauvegarde begleiten sollen, werden durch ein von der „Wiener Abendpost" veröffentlichtes Coürmunique auf Grund authentischer Dalen als vollständig erfunden bezeichnet. Die „Abendpost" kon- statirt ferner, daß die gestrige Meldung mehrerer Abendblätter, wonach die nächst Cainica beim Straßenbau beschäftigten ©emefolbaten u >d Arbeiter von Insurgenten überfallen worden wären, bis zur Stunde keine amtliche Bestätigung gesunden hat.
Berlin, 23. Juli. Die „Post" schreibt: Die (Konferenzen im Ministerium des Innern b°züzlich der Aenderungen in der Provinzial-Ver^ waltnng wurden am Sonnabend beendigt. Hierbei wurde namentlich die Umbildung der staatlichen Prooinzial-Derwaltungsbehörden und bie Revision des Competenzgefetzes in's Auge gefaßt. Es habe sich gezeigt, daß die Grenz: zwischen der Zuständigkeit der ordentlichen Gerichte und der Verwaltung-- gerichte nicht bestimmt gezogen ist. Nach dieser Richtung soll Abhilfe geschafft werden.
Berlin, 23. Juli. Der „Reichs-Anz." publicirt die Ernennung des seitherigen Directors im Reichskanzleramt, Michaelis, zum Vorsitzenden der Verwaltung des Reichs-Jnvalldenfonds.
London, 23. Juli, Abends. Eine Depesche des Generals Chelmsford meldet: Er überschritt am 4. Juli Morgens den Umvolosi-Fluß mit 4060 Mann europäischen Truppen, 110 Eingeborenen und 8 Geschützen. Die Truppen rückten vor und wurden alsbald von mehreren Seiten von 20,000 Zulus angegriffen. Nach zweistündigem Kampfe zogen sich die Zulus in völliger Auflösung zu'ück, verfolgt von der britischen Cavaüerre. Es heißt, Cetewayo habe selbst commandirt. Der Verlust der Zulus wird auf etwa 1000 geschätzt, der britische beträgt 10 Tobte und 53 Verwundete. Nach Verbrennung von Ulundi mib aller benachbarten Kraals kehrte Chelmsford an demselben Tage in's Lager zurück. — General Wolseley konnte in Port Durnford nicht landen und kehrte nach Durban zurück. Derselbe meldet unterm 8. Juli, er habe die unterwegs befindlichen Verstärkungen ungehalten, da er den Krieg als beendet betrachte; man solle keine Mannschaften und Munition mehr schicken und ihm angeben, welches Regiment er zuerst nach England zurückjchicken solle. Er glaube, er werde am 16. Juli eine Unterredung mit Cetewayo haben behufs Feststellung der Friedensbedingungen.
Lokales.
Gießen, 23. Juli. In der letzten Berichtswoche starben in Gießen im Ganzen 6 Personen. Ein Kind von 9 Jahren an organ. Herzleiden, ein Kind von auswärts, 7 Jahre alt, an Diphtcric. Don 4 erwachsenen Personen je eine an Hirnentzündung, Bauchfellentzündung, Schlagfluß und Lungenschwindsucht. G.
Gießen, 23. Juli. (Aus den Verhandlungen der Großhcrzoglichen Handelskammer.) l. Der Vorsitzende berichtet über 38 Eingänge. 2. Die Direktion der Köln-Mindener-Eisenbahn- Gesellichaft theilt durch cm Circularschrcibcn mit, daß der Württembergische Handelsausschuß mit dem Anträge bervorgetretcn sei, die unter dem Begnff „Mühlenfabrikate" zusammcngefaßten Transportartikel nicht mebr, wie dies seit langer Zeit der Fall ist, mit Getreide gleichmäßig zu taxifiten, sondern durch Aufnahme in die allgemeinen Wagenladungsklassen theuerer als dieses zu verfrachten, uud ersucht um gutachtliche Äeußerung über die Folgen einer solchen Tarifänderung. Die Kammer spricht sich einstimmig gegen den Antrag aus, da eine solche Maßnahme sowohl für die Müllereien selbst, wie auch für den betheiligten Handelsstand und insbesondere für das eonsumirende Publikum von den nachtheiligften Folgen begleitet sein müßte. Da der Kleintransport bei Getreide 31/2 0 0. dagegen der Frachtaufschlag auf alle Müblenfabrikate ca. 30 % betragen würde, so könnte in dieser enormen Mehrbelastung der letzteren nicht einmal ein etwa wünschenswerthec Ausgleich geschaffen sein; es wäre vielmehr die Coneurrenzfähigkeit der inländischen Mühlenbesitzer nur noch in erhöhtem Maße gefährdct alö bisher, wenn die Transportkosten auf das Fabrikat in solcher Weise vertheuert würden; aber auch die deutschen Eisenbahnen könnten nur durch diese Tarifänderung geschädigt werden, da die Transporte vom Auslande ihnen in sehr vielen Fällen gänzlich entzogen würden.
3. Der Präsident referirt über die am 26. v. Mts. in Cassel stattgefundene Eisenbahn- Conferenz. Aus den Verhandlungen ist bezüglich Personenverkehrs - Angelegenheiten der diesseitige Antrag hervorzuheben, die Main-Weser Bahn möge auch im Winter einen Zug so zeitig von Frankfurt a. M. nach Gießen ablassen daß dort der Anschluß an den ersten um 7’/2 Uhr abgehenden Zug der Oberhessischen Bahnen erreicht werde, da eine solche Verbindung der südlichen mit den nördlichen oberhessischen Orten sowohl, wie auch mit der Provinzialhauptstadt höchst nothwendig und wünschenswerth sei. Die Vertreter der Main-Weser-Bahn glaubten, mit Rücksicht auf die übrigen in Betracht kommenden Anschlüsse bie gewünschte Einrichtung nicht zusagen zu können, werden aber dem Herrn Minister Vorlage über dieselbe machen.
Der Antrag betreffend Einführung von Retour-Billets mit 8 bis lOtägiger Gültigkeitsdauer nach Berlin wurde zwar seitens der Eisenbahnverwaltungen zur Zeit und unter Hinweis auf die stets sinkenden Erträge des Personenverkehrs in der Conierenz abgelehnt, hat jedoch inzwischen nach soeben eingegangener '.Viitpdlung der Königlichen Eiienbahn-Direetion in Frankfurt a. M. die sehr erwünschte Berücksichtigung gefunden, daß vom 25. d. Mts. bis auf Weiteres auf Anordnung des Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten folgende Retour - Billets nach und von Berlin via Rordbausen-Belzig zur Einführung kommen:
a. mit tägiger Gültigkeit von und nach den Stationen Frankfurt-Sachsenhausen, Offenbach, Hanau. Gelnhausen und
b. mit tägiger Gültigkeit von und nach den Stationen Fulda, Hersfeld, Bebra, Eschwege und Gaffel.
Der wiederholt eingebrachte Antrag: die Abrundung des Gewichts von 10 zu 10 Kg. bei Stückgut in der Weise auf den früheren Satz von 5 zu 5 Kg. abzuändern, daß die über- schießende Gewichtsmenge bis zu 5 Kg. bei der Frachtberechnung außer Betracht gelassen, dagegen ein Mehrquantum über 5 Kg. für volle 10 Kg in Ansatz gebracht werde, soll durch Aufnahme in das Protoeoll zur? Kenntniß des Herrn Ministers gelangen.
Der Antrag: bei der Tarifposition unter Specialtarif III „Erdfarben, auch Bolus und Far^enerden, lose oder in Säcken" die Worte „lose oder in Säcken" zu streichen, welcher seitens der Eisenbahnverwaltungen zur Wiederaufnahme nicht geeignet befunden wird, da ein gleicher Antrag von der Relchstarif-Commission abgeiehnt worden sei, wird auf Wunsch zu Protokoll genommen, damit er zur Kenntniß des Derkehrs-Ausschuffes gelinge, um durch diesen bei der Reichstarif-Commission wiederholt eingebracht werden zu können.


