lidje Aufnahme und gewann bald die Zuneigung der zwar sehr gebildeten, aber auch etwas extravagant empfindenden Tochter des Hauses. Man fand in dem innigen Anschluß der jungen Leute kein Bedenken; als aber endlich bei dem jungen Mädchen die Zeichen allzu intimer Innigkeit für das Auge der Mutter bemerkbar wurden, erschrak diese, machte ihrem Gatten Mittheilung, und die Tochter gestand ihren Fehltritt unter einem Strom von Thränen. Mit den heiligsten Zusicherungen und Bitten um Verzeihung für sich und seine „Braut" gab der Verführer die vom Vater geforderte bündigste Erklärung, erbat sich Urlaub, um jchleunigst nach Hause zu reisen, sich den Segen des Vaters und die erforderlichen Papiere zu holen, auch Alles auf dem Gute zum Empfang des Ehepaars Herrichten zu lassen. 2üs aber nach wochen- langem Harren keine Nachricht eintraf und ein abgesandter Brief unter der zurückgelassenen Adresie des „Bräutigams" als unbestellbar zurückkam, als man nach ängstlichem aber vorsichtigem Forschen erfuhr, daß kein Gutsherr des angegebenen Namens in Volhynien existire, wohl aber gegründeter Verdacht vorltege, daß ein armer Student der Philosophie gleichen Namens vom Nihilisten Comite als Propagandist nach Deutschland gesandt, aber jetzt nach Rußland zurückgekehrt sei und von der Polizei eifrigst gesucht werbe, da geriethen die armen Eltern in Verzweiflung und vermochten nicht, der Tochter das Entsetzliche zu verhehlen. Wenige Tage darauf war die beklagenswerthe Verführte unter Mitnahme ihrer Ersparnisse und ihrer Schmucksachen verschwunden und ein zurückgelassener Brief brachte das überraschende Gcständniß, daß sie sich selbst zum Nihilismus bekenne, daß sie ohne Paul uno als Entehrte nicht leben möge und ihn in Petersburg bei den Gesinnungsgenossen finden werde. Obschon Die Eltern eine Besuchsreise der Tochter zu verwandten nach Danzig vorgaben, konnten sie doch den tiefen Kummer vor den: Sohn nicht lange verbergen. Letzterer reiste sofort nach Petersburg; aber nach wenigen Wocben kehrte er gebrochenen Herzens zurück. Die Schwester war als Mitschuldige ihres Gatten, als welchen sich der Verführer bekannte, mit ihm zur Transportation nach Sibirien verurtheilt und unterwegs der Anstrengung unterlegen. Die Mutter überlebte die Schreckensbotschaft nur wenige Tage, der Sohn verfiel in düstere Schwermuth.
Mainz, 19. Mai. Bei hiesigen Wirthen macht gegenwärtig wieder einmal ein Jndi- vtdium den Versuch, schlechte Waare, Weißzeug, Tuchreste und berg leid) en zu maßlos übertriebenen Preisen an den Mann zu bringen. Der Schwindler, der ein sehr redegewandtes Jndividium ist, erscheint in Begleitung eines zweiten Burschen. Mögen die Wirthe, auf die es abgesehen zu sein scheint, sich hierdurch warnen lassen. (Mzr. Anz.)
— Als gestern Abend eine Dame vor ihrem Hause ankam und die Klingel zog, wurde ihr vom eigenen Dienstmädchen ein Kübel kalten Wassers übergeschüttet. Kurz vorher hatten nämlich einige Nachtschwärmer an der Glocke gezogen und das Mädchen glaubte, es seien jetzt wieder die Bummler.
Frankfurt. Die Ortsobrigkeit eines benachbarten Dorfes kam mit dem Strafqesetzbuck) in einen eigenthümlichen Confliet. Dem Schultheis wurde eines Tages (im Jahre 1*77) die Meldung gemacht, daß ein Ortseinwohner einen Wagen mit Steine, welche der Gemeinde gehörten, gestohlen habe. Der Ortsdiener wurde hingeschickt, den Frevler herbeizuholen. Am ganzen Selbe zitternd, ward der Delinquent vorgeführt, worauf ihm der Schultheiß eine große Strafrede hielt und ihn zwei Tage für die Gemeinde fröhnen, d h Grund fahren ließ. Man glaube langst Gras über die Sache gewachsen; allein der salomonische Urtbeilsipruch wurde bei ber Behörde ruchbar und gegen den Schultheiß nun Anklage wegen Beihilfe Aum Diebstahl (Derselbe ist nach beendeter Untersuchung jedoch freigesprochen, der Ortseinnehmer aber zu Haftstrafe verurtheilt worden.)
„ , ~ Elektrische Signale. Der französische Generalstab nimmt auf dem Mont-.
Valerien gegenwärtig Versuche mit der eleetrischen Beleuchtung vor, welche dahin zielen, durch elektrische Lichtsignale eine Verständigung mit entfernten Punkten, namentlich bei Nackt, zu er- reichen, also eine Art Telegraphie auf diese Weise herzustellen. Durck) zweckmäßige Anbringung starker Rcfl-ktoren ist es bereits gelungen, den 7500 Meter vom Aufstellungspunkte der Lampe oitt cCn Trokadero-Thurm derartig zu erleuchten, daß man mittels eines Fernrohrs an dem Ziffernblatte der an dem Tliurme. angebrachten Uhr selbst bei starkem Nebel die Zeit genau nrennen kann. In Folge dieser günstigen Ergebnisse ist der Gedanke aufgetaucht, das elektrische L ® ,n non Signalen auf Eisenbahnen und auf Schiffen zu verwenden, und man hofft dadurä) em Mittel zu gewinnen, um den immerhin noch zahlreichen Unfällen vorzubeugen.
daß Die gegenwärtig im Gebrauch befindlichen Lichi-Warnnn-ssignnI. nicht stark genug sind, um namentlich den Nebel zu durchdringen. 9 9 t
.. "Ein gewiß seltenes Familienfest wurde am 29. v. M in Vlotbo (Westfalen) gefeiert Äaufmann« 8. 2B. SBrftggemann dortselbst heirathete den jüngsten Sohn des verstorbenen Kaufmanns Tmtelrath aus Lemgo, nachdem schon früher drei Schwestern der Braut von drei Brüdern des Biäutigams als Gattinnen heimgeführt waren, so d7ß vier Brüder vier Schwestern zu Frauen haben. ' 1 * r öruDer
Hildesheim, 15 Mai. Die 27 Jahre alte Julie D. aus Sorsum welche schon längere Jahre hier bei Verwandten wohnt, blieb gestern am Tage absichtlich in der St. Maada: lenen-Kirche zurück, als dieselbe wieder vom Küster verschlossen wurde. Abends gegen 11 Ubr junbete utc D. sämmtliche Kerzen in der Kirche an und fing an zu läuten. Die erschreckten Anwohner, welche rasch auf die Straße eilten, erstaunten nicht wenig über die erleuchtete Kj'cke Nachdem die beiden Geistlichen zur Stelle waren, wurde die Kirche aufgeschlossen und fand man nun die D., welche erklärte, „es sei ein Wunder geschehen". Auf Veranlassung der Geistlichen wurde sie bann der Polizei überliefert, von dem wachehabenben Polizeibeamten aber der nach einigen an sie gerichteten Fragen sofort erkannte, baß er es mit einer geistig Gestörten in Me imter ^1^ i^en Verwandten zugeführt. Auf der Polizei sagte sie aus, daß ihr die Mutter Gottes enchienen jei und gesagt habe, sie solle auf jede Ecke des Altars ein Veilchen legen und die Lichter anzünden, bann würbe ihr in Frankreich verwundeter Bruder wieder gesund. Das bade sie auch gethan und zur Verherrlichung außerdem geläutet. Wer sich davon überzeugen wolle, könne hin nach ihrem Bruder gehen, und er werde finden, daß er wieder gefunb geworden. Von den Verwandten wird außerdem erzählt, daß sie in den letzten vier Tagen nichts gegeffen. Die offenbar Geistesgestörte wird vermuthlick) dem Jrrenhause übergeben werden. (H Z)
, A""' 14 Mai. Wie der „Oberländer" berichtet, hat sich am Samstag kurz nach
5 QUJ bcrder Jungfrau eine gewaltige Staublawine gelöst, welche
mit solcher Wucht über den Stufestein in’S Thal stürzte, daß auf viele Meilen alle Wälder ver wüstet wurden und die Stamme wie gemähtes Gras herumlicgen. Ahornbäume, die seit Menschengedtnkcn dort den Lawinen Trotz boten, sind entweder mitsammt den Wurzeln oder geknickt wie Hcuhalrne zu Boden gerissen und große Strecken weit fortgetragen worden Auf der entgegcngeietzten Seite sind die Staubwolken über die Alp Busen bis zfim Wildhorn und bis nach tem Sevmenthal hinauf gestiegen, thalabwärts bis zum Trümmelbach vorgedrungen Die ältesten Mann.r von Lauterbrunnen können sich eines solchen Ereigniffes nicht erinnern Glücklicherweise vernahm man bis jetzt nicht, daß Menschenleben gefährdet worden feien • ba- Den^tai^ Hcu'chober und Scheunen verschüttet und zerstört. ' Der Waldschaden 'trifft » ~ Aus Dessau wird der „Saale-Ztg." geschrieben, daß daselbst der Tenorist und Herzog'.
Kammerlanger Franz Diener gestorben ist. Der Verstorbene stammte aus Dessau, wo fein Vater noch heute als Fleischermeister lebt. Seine künstlerische Laufbahn hat er in Berlin als (Seiger der berühmten Bilse'schen Kapelle begonnen. Nach seiner Ausbildung zum Sänger geboTte er nach einander den Bühnen von Köln, Berlin und Dresden an. Bei seinem ®afb Wiel in Frankfurt erkrankte er, so daß er beim ersten Auftreten mitten in der Rolle abbrechen mußte. Er ging von da nach Halle a S, wo er in der Klinik aufgenommen wurde und von dort noch leidend, in fein elterliches Haus in Dessau, wo er starb.
®bet p 1 *-816 • Mitgetheilt von dem Agenten des Norddeutschen' Lloyd
<£. W. Dietz in Gießen.
Neworleans, 19. Mai. «Per transatlantischen Tclegraph.t Der Postdampfer Braunschweig Capt. C. Undütsch, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 26. April von Bremen abgeqangen war, ist am 17. d. M. wohlbehalten hier angekommen.
Southampton, 20. Mai. Der Postdampfer Oder Capt. C. Leist, vom Nord- deutlchen Lloyd in Bremen, welcher am 10. Mai von Newyork abgegangen war, ist heute " Abends wohlbehalten hier angekommen und bat nach Landung der für Southampton bestimmten Passagiere, Post und Ladung 10 Ubr Abends die Reise nach Bremen fortgesetzt. Die Oder überbringt 33* Passagiere und volle Ladung.
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