Wr. 300» Mittwoch den 24. December 1SW*
Meßmer Hln^eiger
AVßk- iti AmKdiE fir bei Kn!s Gießen.
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Keutschland.
Berlin, 1V. December. Die „Prov.-Corresp." giebt eine Zusammenstellung der von der Staatsregierung gegenüber den oberschlestschen Nothstän- den bis jetzt ergriffenen M ßregeln und bemerkt dabet, daß erst nach den Erfahrungen der nächsten Wochen sich werde übersehen taffen, ob die angewiesenen Mittel auSreichen weiden, dem Nothpande Einhalt zu thun. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, so werde die Staatsregierung nicht säumen (noch mehreren Wochen I) den Landtag um Bewilligung weiterer Geldmittel anzugehen. U>brigens verfehlt das halbamtliche Blatt nicht, heroorzuheben, doß die Hülfe von Setten der G metndcn, der Provinz und des Staates sich auf die Gewährung des Nötigsten beschränken müffe, so daß der Privatwohl- thäligkett ein weiterer Spielraum verbleibe.
— Die Kartoffelausfuhr aus Deutschland ist nach den bis Ende October vorliegenden Nachwcisen in dem lausinden Jahre eine sehr bedeutende gewesen. Das Octoberheft der deutschen Reichsftatistik giebt die Gesammtausfuhr auf 7.701,054 C r. m d mit Ausschluß der Ausfuhr auf der Oberelbe nach Ham- -ura auf 6 989,827 C'r. gegen 5,843,802 Cir. im vorigen Jahre an. Allein im Monat October find 3,227,910 Ctr. gegen 871,802 Crr. in 1878 ausgesührt wnfcrn. Die Karloff leinfuhr ist z tcht von besonderem Belang, es find nur 579.202 Ctr., hauptsächlich aus Oesterreich und Rußland, eingeführt worden, während unsere Ausfuhr nach Westen geht.
— Die fämmtlichen Justizbehörden unterm 12. d. Mts. zugegangene Verfügung des Justiz-Ministers über den Amtstttel der Gertchtsschreiber
Grund des § 15 des Gesetzes vom 3 März 1879, Setr. die Dtenfiverhälin sie der Gertchtsschreiber, wird hiermit Folgendes bestimmt: Die Gertchtsschreiber führen den Tuet „Sekretäre" und die gegen festes Gehalt auf L.benseett angesttllten Gertchtsschreiber - Gehülfen den Amtstttel „Assistenten." Diejenigen Bestimmungen, nach welchen die Gertchtsschreiber gewtffe Schrift- stücke ausdrücklich unter Beifügung ihrer Amtsetgenschaft als „Ger.chtsschret- ber" zu vollziehen haben, werden durch die hter getroffene Anordnung nicht Mthrzahl der in den letzten Jahren, auch in diesem Winter,
bet starkem Frost vorgekommeuen Stsenbahn-Unglückssälle ist auf das Springen
Das Ministerium Waddington.
Das Parlament in Frankreich bot von jeher ein ungemein bewegtes und feffelndes Bild des Parteistrettes. Ob unter monarchischem, ob unter republikanischem Regiment, stets platzte der Kampf der Geister so heftig aufeinander, daß die Vertreter des Volkes nicht allein sich selbst, sondern auch der Regierung, und deren gereizte Vertreter wiederum dem Parlament die größten Bosheiten und Grobheiten in's Gesicht sagten, bis der Spektakel so groß wurde, daß der Piästdent der Kammer sich den Hut aufsetzte und die Sitzung schloß. Die Berathungs-Säle waren wiederholt der Schauplatz der leidenschaftlichsten Auftritte, und zuweilen kam cs dazu, daß die Montecchts und Eapuletiö handgemein wurden. Zur Ehre Frankreichs muß es übrigens gesagt werden, daß die unwürdigen Scenen, wie sie namentlich in den letzten Jahren der napoleonischen Herrschaft an der Tagesordnung waren, sich in der Rera Grevy-Gambetta nur selten wiederholt haben. Der republikanische Geist des Volkes bestrafre die Casiagnaciaden mit allgemeiner Verachtung.
Auch in den jüngsten Debatten über die Lebensfrage des gegenwärtigen Ministeriums hat es an stürmischen Momenten nicht gefehlt. Die Frage der allgemeinen Amnestie, welche seit Monaten viel Staub aufwirbelt, bot die Veranlaffung zu erregten Scenen. Aber die Regierung, welche in den letzten Wochen manchen parlamentarischen Sturm zurückgewiesen hat, hat auch den neuesten heftigen Angriff mit unleugbarem Geschick zurückgeschleudert und einen Sieg erfochten. Das glänzende Vertrauensvotum, welches sie von 234 Abge- ordneten, also von einer bcdeutenden Majorität erhielt, beweist, daß die vereinigten Elemente, welche entweder aus Radikalismus, oder aus Haß gegen die Republik den Conflicr zwischen Volk und Regierung wünschten, kläglich Schiffbruch gelitten haben. Die alberne Drohung Clcmenceau's, daß die Ccmmunards nicht vergessen würden, wenn die Regierung nicht vergäße, hat ihre Wirkung verfehlt. Das Cabinet blieb solidarisch, und auch einzelne Personalveränderungen können feite Stellung nicht erschüttern, sondern werden sie befestigen.
Die große Majorität des Volkes, das ist das Resultat der Debatten, will nichts von den Imperialisten und Monarchisten und nichts von den Reoo- lutionäien wiffen. Der neue Triumph Waddtngton's berührt in Deutschland sympathisch. Wie dieser Minister nicht dulden will, daß die Majestät der Gesetze angegriffen und durch die Amnestie von notorischen Mordbrennern die Revolution geklönt, die Commune verherrlicht werde, so ist er auch wett entfernt voü Rachegelüsten und Erobe ungsplänen, weil er die Zukunft Frankreichs nicht auf das Spiel sitzen will. Arbeit, Freiheit, Frieden — daS stad die drei köstlichen Güter, welche er seiner Nation wahren will, — und mit einem solchen Programm kann jedes Volk zufrieden sein!
der Bandagen zurückzuführen gewesen. Der Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen wird in Folge dessen, wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, in den nächsten Tagen einen Preis von 10,000 Mk. auf das beste Verfahren, Bandagen so zu befestigen, daß ein Springen derselben absolut verhindert wird, aus- schreiben. Möchte im Jntereffe der Sicherheit unseres Eisenbahnverkehrs die Lösung dieser Frage möglichst bald gelingen!
AuA Sachsen. Anläßlich des gräßlichen Grubenunglücks bei Zwickau wird das Reichshaftpfltchtgesetz vom 7. Juni 1871 zum ersten Male auf eine ernste Probe gestellt. Das Gesetz, welches gerade früheren Mafien-Verunglückungen beim Bergwerksbetriebe in Westfalen und Sachsin die Entstehung verdankt, setzt in § 2 die Haftpflicht des Bergwerksbefitzers für den Fall fest, daß „eine zur Leitung oder Beaufsichtigung des Betriebes oder der Arbeiter angenommene Person durch ein Verschulden in Ausführung der Dienstverrichtungen den Tod oder die Körperverletzung eines Menschen herbetgeführt hat." In dem Zwickauer Falle ist nach den bisherigen Untersuchungen das Unglück in Folge der Beschädigung des Wetterscheiders entstanden und dadurch, daß der Betrieb trotzdem nicht fisttrt wurde, wofür entweder der Steiger oder die Direction selbst verantwortlich zu machen find. Die Steiger würden in diesem Falle im Sinne des $ 2 des He.-tgesitzes „beaufsichtigende Personen" sein und würde somit für den Brücker berg-Steinkohlenbauverein eine hafkpflichtgesetzliche Entschädigungs'Verbindlichkeit vorliegen, bezüglich welcher der Kohlenbauverein bei der Allgemeinen Unfall-Versicherungsbank in Leipzig versichert ist. Es wird sich nun fragen, ob das genannte Versicherungs-Institut seine Verbindlichkeit anerkennt oder der Weg des Procefies beschritten werden muß. In letzterem Falle wäre der Ausgang nicht leicht abzusehen. Schon im Reichstage wurde bei Berathung dcs Haflpflichtgesitzes von Sachverständigen des Bergbaues bekundet, daß bei jedem erheblichen Unglück der Beweis des -Verschrckdens der Auffichtsbeamten in den meisten Fällen unmöglich ist. So sprach sich der Oberbergrath Ulrich im Reichstage geradezu dahin aus, „das Gesetz in feiner jetzigen Fassung bleibe für der: Bergbau ein todter Buchstabe und vollkommen unbrauchbar." Hoffentlich verwirklicht sich dieser Mißerfolg des Gesetzes an dem Zwickauer Unglück nicht, andernfalls müßte die Gesetzgebung sich für künftige Eventualitäten durch eine Verschärfung des Haft- pfllchtgefetzes in>s Mittel legen, was den an den Unfallversicherungs-Gesell- schäften auf Gegenseitigkeit betheiltgten Industriellen sehr unerwünscht sein muß und schon deshalb eine coulante Praxis nahelegen sollte.
ßngland.
London, 20. Decbr. Das Truppenschiff „Suphrates" führt am nächsten Mittwoch 1040 Mann Verstärkungen, Ulanen und Infanterie, nach Bombay. Etwa 1100 Mann Ersatztruppen sind gestern dorthin abgegangen.
— Die aus Brasilien eingetroffenen 91 deutsch - russischen Auswanderer sind jetzt in Southampton in einem leeren G.fängniß untergebracht und genießen von den städtischen Behörden eine gute Behandlung. Ueber ihr endgültiges Schicksal ist das Localregterungsamt in London noch zu keiner Entscheidung gelangt.
London, 21. December. In einer gestern im Leedes abgehaltenen Versammlung der Conservativen erklärte Unterstaatssecretär Bourke, die türkisch- englische Convention lege England keine besonderen Verantwortlichkeiten auf, denn er glaube, daß, wenn die von den Liberalen vorausgesetzte Zerstückelung der Türkei eingetreten sein würde, England weder Kleinasien, Mesopotamien und die Euphratroute, noch Indien in den Händen der Rufien zu sehen wünsche. Die Beziehungen Englands zum Auslande anlaugend, so stehe England mit dem gesammten Europa in freundschaftlichen Beziehungen. Die britische Regierung erkenne au, daß der russisch-türkische Krieg in einigen Theilen Europas Zustände zurückgelafien habe, welche Seitens der englischen Minister Festigkeit und Dtscretion erheischten. Die Regierung glaube, daß die bet Weitem größere Zahl der europäischen Staatsmänner auf Seite Englands stehe. England habe keinen Streit mit irgend einer europäischen Macht und wünsche vielmehr und hoffe es, daß es auch zu Rußland in guten Beziehungen bleibe.
Er sei der Ansicht, daß Differenzen mit Rußland hauptsächlich durch ehrgeizige rücksichtslose Parteien veranlaßt würden, nicht durch den Kaiser und defien weise Staatsmänner. Letztere wiffen, daß England den Frieden wünsche und nicht der legitimen Entwickelung des russischen Handels und der Wohlfahrt Rußlands entgegen sei; sie wiffen ferner, daß England die Beseitigung der inneren Schwteiigk-iten Rußlands freudig begrüßen würde. England habe keine Sympathie mit Mördern, noch mit Denjenigen, welche die Grundlagen der Ordnung und der Gesetze zerstören wollen. Lord Beaconsfield's Politik beruhte bisher auf der Zustimmung eines freien Volkes und des Parlaments. Der Premier könne davon, ohne seine politische Pflicht zu verabsäumen, nicht abweichen. Er (Bourke) glaube, daß diese Politik den Frieden, die Freiheit und den Wohlstand der ganzen Welt herbeiführe.
London, 21. December. Aus Capstadt vom 2. ds. wird gemeldet: Das Fort des Häuptlings Seconveni wurde am 28. Nvobr. bei Tagesanbruch angegriffen und genommen. Der Verlust des Feindes ist bedeutend.


