Platz genommen hatten. In den Zug waren außerdem Musikchöre aus Erstein und Jllkirch eingereiht. Dieser festliche Zug bewegte sich tm Zickzack durch bu Hauptstraßen der Stadt nach der Wohnung des Kaisers. Hier angekommen begaben sich der Kreisdirector Böhm und eine Deputation, bestehend aus d»m Reichstags-Abgeordneten Dr. Rack von Benfeld, 5 Bürgermeistern und 8 Mädchen, letztere in elsäsier Volkstrachten, zu den Majestäten, um dieselben Namens deö Kreises zu begrüßen. Die Majestäten sprachen ihren Dank aus und richteten freundliche Worte an alle Mitglieder dieser Deputation. Ins- besondere unterhielt sich die Kaiserin mit den Mädchen. Hierauf setzte sich der Zug in Bewegung. Der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz, der Großherzog und die Großherzogin von Baden und die übrigen Fürstlichkeiten nahmen aus der Terrasse nach der Straße zu Platz. Es war ein erhebender Anblick, als Retter und Wagen in festlich gehaltenem Schritte defilirten, die schmucken Burschen zu Pferde den Majestäten laute Hochs zurtesen und die lieblichen Mädchen ihre Grüße durch fröhliches Schwenken der Sacktücher darbrachten. Eine solche freudige, auS dem Herzen kommende Huldigung tm alten, neuen Retchslande mußte wohlthuend Ihre Majestäten berühren, lockte sie doch manchem Zuschauer Thränen tn die Augen. Der Festzug bewegte sich sodann nach Tivoli, wo ein Festmahl von 500 Gedecken für die Theil- nehmer bereitet war. Um 4 Uhr erfolgte die Rückfahrt nochmals an der Präfektur vorbei.
Se. Majestät der Kaiser sah dem Zuge auch auf der Rückfahrt vom Balkon auS zu, begrüßt von tausendfältigem, sich stets erneuerndem Hochrufen. Heute Abend findet bet Sr. Majestät ein Dtner zu 130 Gedecken statt. Dte Kaiserin und die Großherzogin von Baden reisen noch heute nach Baden ab.
Oesterreich.
Wien, 21. Septbr. Dte „Montagsrevue- enthält einen dem Besuche des Fürsten BiSmarck gewidmeten Artikel, worin es heißt, daß es sich dabei um mehr als bloße Courtoiste gegen Andraffy handle. Die Anwesenheit Bts- marck's werde dazu dienen, dte Allianz zwischen Oesterreich und Deutschland neu zu bekräftigen. Ob man dte Schwankungen der Lage für so große und besorgntßerregende erkennen werde, um ihnen durch positive vertragsmäßige Vereinbarungen einen Damm zu ziehen, daS entziehe sich der öffentlichen Dis- cussion. Nicht um eine politische Demonstration handle es sich, sondern tn der Erreichung wahrer Bürgschaften des Friedens bestehe dte Aufgabe der Staatsmänner Deutschlands und Oesterreichs. Den Fragen der Klarstellung und Pflege dieser Jntereffen werde ihr Meinungsaustausch tn erster Linie gewidmet sein.
England.
London, 20. Septbr. Das Reuter'sche Bureau meldet aus Havannah: Der General-Capitän verhängte den Kriegszustand über Santiago de Cuba und setzte das Kriegsgericht wieder ein. Derselbe verhieß den innerhalb 14 Tagen sich unterwerfenden Insurgenten Begnadigung. — Nachrichten aus Panama zufolge ist die Ausfuhr von Krtegscontrebande aus Columbia verboten worden.
London, 21. Septbr. Meldung auS Simla vom 21. d.: Die Afridis und andere Stämme in der Nähe des Khyberpaffes verbürgten sich für dte Sicherheit der von ihnen beherrschten Thetle der Straße nach Kabul. Die Shtnwarts boten freiwillig Vorräthe an.
London, 21. Septbr. Nach hier etngegangenen amtlichen Nachrichten hat der Vtcekönig von Indien, Lord Lytton, durch einen am 7. d. abgeserttg- ten Bries dem Emir von Afghanistan die Absendung einer starken Heeresmacht zu seinem Entsatz angekündigt und ihn zugleich aufgefordert, den Marsch der englischen Truppen nach seinen besten Kräften zu erleichtern. Der Emir hat darauf am 11. d. geantwortet, erfreut durch dte Zuschrift des Viceköntgs, fühle er sich erleichtert durch deffen Freundschaft und wiederhole sein tiefes, schmerzliches Bedauern über dte vorgekommenen Ereigniffe; gegen Gottes Willen sei aber nicht anzukämpfen; er hoffe, die Mtffethäter bald so bestrafen zu können, daß seine Aufrichtigkeit den Engländern gegenüber dadurch bewiesen werde; er habe sich seit 8 Tagen nur durch die guten Dienste freundlicher Personen erhalten, theilS mittelst Bestechungen, thetls durch Mystifictrung der Aufrührer; gewisse hochgestellte Personen seien rebellisch geworden, aber er wache mit der größten Sorgfalt und hoffe zu Gott, daß er bald Gelegenheit haben werde, England seine aufrichtige Freundschaft zu beweisen.
MxM.
Konstantinopel, 20. Septbr. Frankreich und England haben Schritte bet dem Sultan gethan, von der Forderung der Reise des Khedive nach Konstantinopel abzustehen, so lange dte neue Organisation deffen Anwe- senyeit tn Egypten erheische.
Konstantinopel, 21. Septbr. Das Individuum, welches kürzlich gewaltsam tn den Palast des Sultans etnzudrtngen versucht hatte, ist an den dabet empfangenen Wunden gestorben; es war bereits constatirt, daß dasselbe an geistiger Störung litt.__________________________________________
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correfpondenz - Bureau.
Strastburg, 22. Septbr. Gestern Abend empfing der Kaiser eine Deputation der Stadt Straßburg zur Uebcrreichung der zur Erinnerung an den ersten Besuch Sr. Maj. (Mat 1877) geschlagenen Gedenkmedatlle. Die Deputation bestand aus denselben Herren, dte damals den Kaiser am Bahnhofe begrüßt hatten. Bürgermeister Back berührte im Eingänge seiner Ansprache die alte Sitte der Reichsstadt, auf wichtige Ereignisse Denkmünzen prägen zu lassen und bat den Kaiser, die gegenwärtige Medaille huldvoll entgegenzunehmen. Der Kaiser, sichtlich aufs Freudigste überrascht, dankte in huldvoller Weise und wiederholte, daß es in der That ein wichtiger Moment sei, der ihn jenes erste Mal in die Hauptstadt des Elsasses geführt habe. Es seien allerdings schmerzliche Erinnerungen, die hier zu überwinden seien für Land und Stadt. Seinem Wunsch und Sinne entspreche es, wenn dieser Uebergang sich in mildester Art vollziehe und wolle er nur bemerken, daß die nunmehr kommende Regierung in demselben Sinne gehandhabt werden würde; dafür bürge die Persönlichkeit des künftigen Statthalters. Set derselbe auch nicht in der Verwaltung groß geworden, so habe er sich doch in ähnlicher Stellung tn Schleswig bereits bewährt. Zum Schluffe beauftragte der Kaiser den Bürgermeister, der Bevölkerung seinen Dank für den ihm und der Kaiserin zu Thell gewordenen außerordentlich erfreuenden Empfang auszusprechen.
— Gestern Nachmittag nack dem ländlichen Aufzuge besuchten der Kaiser, die Kaiserin und die Großherzogin von Baden nebst den sremdherrlichen Offi- zieren den Münster, empfangen und geleitet von dem Bischof. Dte Kaiserin und der Großherzog von Baden besuchten sodann die Wohltbätigkeitsanstait Bon-Pasteur, das Militär- und das Bürger-Spital. Abends 7 Uhr reisten dte Kaiserin und die Großherzogin nach Baden-Baden ab; das bis zum Bahnhofe zahlreich versammelte Publikum brachte begeisterte Hochrufe aus. Heute Abend findet Beleuchtung der Münsterthürme statt.
— Der deutsche Botschafter Fürst Hohenlohe ist gestern Abend hier eingetroffen.
Wien, 22. Septbr. Heute Vormittag empfing Fürst Bismarck den Besuch des deutschen Botschafters Prinzen Reuß. Der Staatsminister v. Hofmann und der russtsche Botschafter gaben im Laufe des Vormittags ihre Karten tn der Wohnung des Fürsten Bismarck ab.
Augsburg, 22. Septbr. Zur dritten Generalversammlung des Centralverbandes deutscher Industrieller haben sich über 300 Thetlnehmer eingefunden. Gestern Abend fand festlicher Empfang und Bewirthung durch daS Local-Comits in den Räumen der Schießgrabengeselljchaft statt.
Wien, 22. Septbr. Fürst Bismarck begab sich heule Mittag 12 Uhr mittelst zwetspänniger Hoseqmpage nach dem Ministerium des Auswärtigen, woselbst Andraffy, von einer Privataudtenz bei dem Kaiser kommend, gleichzeitig mit ihm eintras.
Augsburg, 22. Septbr. Die Generalversammlung des Centralverbandes deutscher Industrieller wurde heute Mittag durch den Vorsitzenden, Schwarzkopf (Berlin) im goldenen Saale des Rathhauses eröffnet. Regte- rungsdtrector Braunwart begrüßte die Versammlung im Auftrage des Mini- sters des Innern, v. Pfeuffer, Bürgermeister Fischer im Namen der Stadt. Hierauf reserirte Director Haßler über dte Thätigkeit des Centralverbandes im abgelaufenen Jahre und wurden von den Punkten der Tagesordnung dte über die Arbetter-Unterstützungskaffen, über den volkswtrthschafrlichen Senat und über dte Handelsverträge durch Annahme der vorgeschlagenen Resoluttonen erledigt. An den Reichskanzler Fürsten Bismarck tn Wien wurde ein einstimmig genehmigtes Telegramm gesendet, in welchem der Centralverband seinen tiefgefühlten Dank für die energische und erfolgreiche Wahrung der Ja- tereffen der vaterländischen Arbeit dem Fürsten ausspricht. Dte Sitzung wurde gegen 5 Uhr geschloffen. Heute Abend findet ein Festbanket statt. Dte nächste Sitzung ist morgen.
Metz, 22. Septbr. Die Stadt ist bereits festlich geschmückt. Dte Via triumphalis ist über einen Kilometer lang. Dte „Lothringer Zeitung" erfährt, daß der Kaiser schon am Dienstag Abend um 7^ Uhr etntreffen und am Donnerstag um 21/2 Uhr Nachmittags nach Baden-Baden abretsen werde.
Wien, 23. Septbr. Dte osficiösen Journale erfahren über dte gestrige Conferenz zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Andraffy Folgendes: Beide Staatsmänner unterzogen die Europäische Situation einer eingehenden Prüfung und gelangten zu der Erkenntntß, daß dte Jntereffen Oesterreich- Ungarns und Deutschlands allen schwebenden Europäischen Fragen gegenüber zusammensallen und daß die Europäische Conpellatton eine derartige sei, daß an der friedlichen Geltendmachung dieser Jntereffen nicht zu zweifeln sei.
Wien, 22. Septbr. Fürst Bismarck conferirte heute von 12 bis l1 /, Uhr mit Andraffy und Haymerle und fuhr hierauf zur Audienz beim Kaiser, welche 3/< stunden währte. Um 2l/2 Uhr stattete Bismarck in Begleitung Andrassy's dem Ministerpräfidenten Graf Taaffe Besuch ab, sodann einen kurzen Besuch der Baronin Haymerle. Von da fuhr der Fürst, immer in Begleitung Andraffy's, tn sein Hotel zurück. Um 3 Uhr traf daselbst der Kaiser ein; Bismarck erwartete den Kaiser tm Vesttbule; der Kaiser reichte dem Fürsten die Hand und verfügte sich tn dte von der fürstlichen Familie bewohnten Gemächer. Der Besuch währte eine halbe Stunde. Bet der Anfahrt wie bei bet der Abfahrt wurde der Kaiser von der dicht angesammelten Volksmenge stürmisch begrüßt. Um 4^ Uhr begann vor dem Schönbrunner Hose dte Auffahrt der zur Hoftafel geladenen Gäste. Fürst Bismarck erschien tn Galauniform. Nach dem Diner hielt der Kaiser eine Stunde Cercle. Sodann verabschiedete sich der Kaiser, der sich heute Abend 9 Uhr zur Jagd nach Steiermark begibt, von dem deutschen Reichskanzler. Morgen ist Dtner bet Andraffy. Für übermorgen tst ein Ausflug aus den Kahlenberg projectirt. Die Abreise des Fürsten tst für Donnerstag tn Aussicht genommen. Die Fürstin Bismarck dtnirte heute bet der Prinzessin Reuß und besuchte AbendS das Hoftheater. Der Fürst verläßt heute seine Gemächer nicht mehr
Lokales.
Gießen, 23. Sept. Dte neue Uhr für das alte Rathhaus ist gestern von Bockenem etngetroffen. Dte Bewohner des Marktplatzes und Umgegend werden nicht böse sein, daß nunmehr Spinnefuß & Co. außer Funktion treten.
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Vermischtes.
— In Zarskoje-Selo hatte vor nicht langer Zeit ein Mann seine Frau wegen Trunksucht an dte Kette gelegt und war deßhalb in Untersuchung gezogen worden. Wie nun die „Neue Zeit" hört, hat die Frau in der Untersuchung ausgesagt, zwilchen ihr und ihrem Manne bestände eine Abmachung, daß der betrunkene Theil von dem nüchternen an die Kette gelegt werden dürfe. Von einer Gewaltthat oder wtederrechtlichen Freiheitsentziehung könne gar keine Rede sein. Wer an die Kette kommt, erhält neben sich gestellt ein wenig Branntwein mit einem Imbiß. Die Kette wird abgenommen, sodald der Gefeffelte nüchtern geworden ist und um Befreiung bittet.
— Der „Deutschen Mosk. Ztg." wird aus Odessa eine grauenhafte Geschichte mttge- theilt, welche die herrschende Panique vor den Nihilisten wohl begreiflich macht. Vor einigen Jahren gerieth in Kiew ein 19jähriger Gymnasiast, Namens Nicolai Groinewttsch, tn nihllisttsche Kreise, deren Treiben jedoch bald einen solchen Abscheu in ihm erweckte, daß er sich von ihnen zurückzog. Da man aber fürchtete, daß er zum Derräther an seinen bisherigen Kameraden werden möchte, beschloß das nihilistische ExekutionS-Comite seinen Tod. Die ihm drohende Gefahr ahnend, flüchtete sich der junge Mann nach Odessa; aber auch hier wurde er verfolgt. Auf einem entlegenen Platze, wohin man ihn gelockt hatte, wurde er am Abend von mehreren Personen überfallen und tödtlich verwundet. AlS er besinnungslos am Boden lag, übergoffen die Bösewichter, die ihn wahrscheinlich für todt hielten, sein Gesicht mit Schwefelsäure, um ihn unkenntlich zu machen. In diesem entsetzlichen Zustande, fand man ihn am nächsten Morgen und brachte ihn, da er noch Lebenszeichen von sich gab, in ein Hospital. Hier wurde er soweit wieder hergestellt, daß er nach Petersburg transportirt werden konnte, wo inzwischen bit Untersuchung in Sachen der nihilistischen Propaganda begonnen hatte. Der Zustand des Unglücklichen befferte sich allmältg, aber seine rechte Hand, sowie sein rechte- Bein blieben gelähmt, und sein Gesicht gewährte einen wahrhaft entsetzlichen Anblick. Die ätzende Säure hatte fast alle Flerjchtheile desselben verbrannt; Nase, Ohren und Haare waren fort, die Augen vollständig ausgelaufen. Einen lebenden Todtenkopf glaubte man zu erblicken! Zerrüttet wie sein Körper war auch seine Seele. Er versuchte, Hand an sich zu legen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu machen. So fand ihn ein hochgestellter Mann, Herr P—w, der, von edler Menschenliebe getrieben, fängnisse und Hospitäler besucht, um deren Jnsaffen mit Trost, Rath und That beizustehen. Er nahm den beklagenswerthen Jüngling aus dem Gefängnißhospitale in sein Haus, ließ ihm
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