einer besonderen Commission, bestehend aus weiteren sieben Mitgliedern des Provinzial- tages, welche letzterer aus den sieben Kreisen der Provinz Starkenburg wählt, überlassen. Der Anlrag entspricht dem Beschlüsse des Provinzialrages vom 22. Juni 1878, den Provinzial-Ausschuß zu beauftragen, wegen Errichtung einer Siechenanstatt für die Provinz weitere Ermittelungen eintreten zu lassen und auf Grund derselben in der ordentlichen Jahresversammlung pro 1879 Vorlage zu machen. Nachdem der Prooinzial- Ausschuß diese Ermittelungen nach den verschiedensten Richtungen hin, insbesondere auch durch Besichtigung der Kreis-Pflegeanstatt zu Freiburg l. B. angestellt hat, erstattet er nunmehr dem Promnzialtag eingehenden Bericht. Die Anstatt )oU zur Aufnahme arbeitsunfähiger, der Provinz Starkenburg angehöriger Personen beitimmt fein, welche der Armenversorgung durch den Kreis oder die Gemeinde der Provinz anheirn- fallen und soll den Zweck haben, den nachfolgend bezeichneten Gebrechlichen und Kranken beiderlei Geschlechts Unterkunft, Pflege und Heilung zu gewähren: a. Unheilbare Geisteskranke, sofern sie ruhig sind und der Localversorgung überwiesen wurden; b. Blödsinnige höheren Grades, die sich nicht selbst überlassen werden können; c. Fallsüchtige und mit schweren Nervenleiden Behaftete; d. Personen mit Mißbildung und Abscheu erregenden Krankheiten; e. Gelähmte und in hohem Grade Verstümmelte- f. Blinde und Taubstumme, sofern sie in den Staatsanstalten keine Aufnahme finden können; g. Altersschwache Personen und h. Akute und chronische Kranke, ohne Rücksicht auf die Art ihres Leidens, sofern ihre Verpflegung einem Kreise der Provinz obliegt. Bezüglich der Art der Ausführung spricht sich der Bericht entschieden für die Errichtung der Anstalt in einer Stadt und für einen Neubau aus und warnt vor dem Ankauf eines alten Gebäudes, wie es hier und da bereits in's Auge gefaßt worden. Die Anstalt soll für mindestens 300 Individuen eingerichtet werden, welche, soweit es ihre körperlichen und geistigen Kräfte erlauben, in der Anstalt durch Arbeit beschäftigt werden und so zu ihrem Unterhalte beitragen sollen. Als Musteranstalt in jeder Beziehung wird in dem Berichte die Kreis-Pflegeanstalt in Freiburg i. B- bezeichnet- Der Kostenbetrag von 320,000 X soll durch ein Anlehen aufgebracht und dieses in der Art amortisirt werden, daß V» °/o jährlich zur Tilgung zur Verwendung kommen sollen. Wird dasselbe außerdem mit 43/4% jährlich verzinst, so wird die Tilgung in 65 Jahren, bei o/o Zinsen und Vz % Tilgung dagegen in 53 Jahren erfolgt sein. Die Unterhaltungskosten pro Kopf berechnen sich auf 70 H pro Tag, deren Hälfte die unterstützungspflichtigen Land-, bezw. Ortsarmenverbände tragen sollen. Der jährlich von der Provinz nach dem Communalsteuerkapital der einzelnen Kreise aufzubringende Bedarf würde hiernach 62,733 X betragen.
Berlin, 21. Juni. Fürst Gortjchakoff ist in Begleitung seines Sohnes Michael, Gesandten in Madrid, heute früh aus Petersburg hier eingetroffen. Er verweilte kurze Zett in der russischen Botschaft und reiste um 8 Uhr Vormittags nach Baden weiter. Der russische Botschafter v. Oubril empfing den Fürsten am Bahnhose und geleitete ihn bei der Abreise auf den Bahnhof.
Berlin, 21. Juni. Reichstag. Zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betteffend die Verwaltung und Verfassung Elsaß-^othringens. Bei § 1 bemängelt Simonis die Stellung des Statthalters. § 1 wird unverändert angenommen. Zu 8 2 (Vorbehaltung der Diktaturbefugnisse für den Statthalter) beantragen Kable und Gen. den Wegfall dieser Befugnisse. Kable begründet den Antrag namentlich mit dem versuchten Nachweis, daß ein Bedürfniß für diese außerordentlichen Befugnisse nicht vorhanden sei.
Unterstaatssecretär Herzog tritt dem Anträge entgegen und hebt hervor, die Reichsregierung könne die Dictatur nicht entbehren, so lange deutschfeindliche Tendenzen sich noch so offen kundgäben, wie unlängst in dem Wahlaufrufe Kable's geschehen sei. Die Regierung hätte aus der französischen Gesetzgebung die Bestimmungen über den Belagerungszustand adoptiren können, habe aber die gegenwärtige Form als die mildere gewählt. Hoffmann Namens der Fortschrittspartei spricht gegen die Aufrechthaltung des Dictatur-Paragraphen, v. Puttkammer (Löwenberg) dafür. Windthorst erklärt sich gegen denselben; er glaubt, die regelmäßigen Gesetze feien völlig ausreichend, um allen Gefahren vorzubeugen und etwaige Ausschreitungen oder Ruhestörungen zu unterdrücken. Mit der Aufhebung der Dictatur würde der Statthalter für seine Thätigkeit viel günstigeren Boden finden. Windthorst spricht sich für das Amendement Kable aus. (Während Windthorst's Rede ist Fürst Bismarck eingetreten.) Der Antrag Kable wird abgelehnt, § 2 nach der Vorlage angenommen.
Die §8 3 und 4 werden ohne Debatte unverändert genehmigt. Zu 8 5 (Einrichtung des Ministeriums und der Abheilungen) wird das Amendement v. Pntt- kammer und das Unteramendement Schlierkmanns angenommen. 8 6 wird mit den unerheblichen Amendements von North und Genossen angenommen. Die SS 7 und 8 werden mit einer unerheblichen Abänderung genehmigt. Die 88 9, 10 und 11 betreffen den Staatsrath Hierzu liegen verschiedene Amendments der Autonomisten und Protestler vor, welche eine lange Discussion verursachen. Schließlich werden alle drei Paragraphen mit den bezüglichen Amendements von North (Autonomist) angenommen. Die 88 12 und 13 bleiben unverändert. Die 88 14—17 enthalten die Modalitäten der Wahlen zum Landesausschusse. Hierzu ist ein principielles Amendement von Winterer und Genossen, sowie ein unerhebliches Amendement v. Puttkammer eingebracht. Der Unterstaatssecretär Herzog erklärt, mit dem Amendement Winterer würde der Entwurf für die Regierung unannehmbar sein. Die 88 bis 17 werden mit dem Amendement v. Puttkammer nach der Vorlage genehmigt. Der Rest des Entwurfs wird nach einer unerheblichen Debatte unverändert genehmigt. Nächste Sitzung Montag um 11 Uhr.
Stuttgart, 21. Juni. Der Fürst von Bulgarien wird h.eute Abend hier ei wartet und morgen nach Friedrichshafen zum Besuch des königlichen Hofes reisen.
Hesterreich.
Wien, 21. Juni. Die „Polit. Corresp." meldet: Nach einer von dem österreichisch-ungarischen Consulate in Burgas eingelangten Meldung von gestern haben sich bis Anfangs dieser Woche 28,000 Mann Ruffen in dem dortigen Hafen eingeschifft. — Dieselbe Correspondenz meldet aus Alexandrien, daß die weftmächtlichen Vertreter außer dem Rücktritt und der Entfernung des Khedive auch die Entfernung seiner beiden Söhne Huffein und Haffan aus Egypten gefordert haben.
Irankreich.
Paris, 21. Juni. Die Bonapartisten behaupteten, daß die Partei fortfahre, als solche zu bestehen. Wegen des Nachfolgers in den Rechten des verstorbenen Prinzen ist noch nichts entschieden.
Paris, 21. Juni. Rouher ist heute Morgen nach London abgereist. — Derselbe erklärte gestern in der Versammlung der Bonapartisten, daß er den Inhalt des Testaments des Prinzen nicht kenne. Eine am Dienstag statt- findende neue Versammlung wird eine Entscheidung treffen.
Versailles, 21. Juni. Die Kammer der Deputirten hat heute die Berathung der Unterrichtsentwürfe fortgesetzt. Die Mehrzahl der bonaparti- stischen Deputirten war abwesend. Der Gesetzentwurf betreffend die Rückkehr der Kammern nach Paris wurde in Senat und Kammer eingebracht. Darnach würden die Kammern am 3. November nach Paris übersiedeln. Die Kammer würde im Palais Bourbon, der Senat im Palais Luxembourg tagen. Auf olle Fälle könnten die Bureaus der Kammern in Folge gemeinsamen Beschlusses ihren Sitz zeitweilig anderswohin veilegen. Sitz des Kongreffes bleibt Versailles. Der Entwurf legt den Präsidenten des Senats und der Kammer das Recht bei, die Stärke und Zusammensetzung des Militärs zu bestimmen, daS zum Schutze ihrer Berathungen zu dienen hat.
tzugkavd.
London, 21. Juni. Die Mehrheit der Tarifcommission der internationalen Telegraphen-Conferenz hat den Antrag auf Einführung eines uniformen Telegraphen-Tarifs für ganz Europa abgelehnt.
— Die Hoftrauer für den Prinzen Louis Napoleon wurde von morgen bis zum 2. Juli angeordnet.
Rumänien.
Bukarest, 21. Juni. Der Senat genehmigte mit 37 gegen 3 Stimmen den Adreßentwurf der Mehrheit, nachdem der Entwurf der Minorität mit 35 gegen 17 Stimmen verworfen worden war.
Afrika.
Algier, 21. Juni. Eine Depesche des Commandanten der Expeditions- Truppen conftatirt, daß eine am oberen Laufe des Uled-Abiad ausgeführte umfassende Recognoscirung zu keiner Entdeckung geführt hat. Der Feind ist nirgends anzutreffen. Viel Vieh ist erbeutet worden. Ein den alzierischen Journalen zugegangenes Communiqu^ widerspricht formell den von einigen dieser Journale veröffentlichten Gerüchten und erklärt, die Meldungen aus allen Theilen Algiers lauteten sehr befriedigend. Ueberall herrscht Ruhe.
Kairo, 21. Juni. Der Khedive erklärte den Consuln Frankreichs und Englands, er könne heute nicht antworten, weil er von der Pforte eine Ant- wort erwarte.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'» telegr. GOrrespoubeur-BureM».
Berlin, 22. Juni, Abends. Se. Maj. der Kaiser ist heute Abend 91/2 Uhr nach Ems abgereist. Zur Verabschiedung auf dem Bahnhofe waren der Kronprinz, Prinz Georg, der Gouverneur, der Commandant und der Polizeipräsident von Berlin anwesend. Nachmittags 4 Uhr hatte der Kaiser eine längere Conferenz mit dem Fürsten Bismarck.
Karlsruhe, 22. Juni. Der Fürst von Bulgarien ist heute zum Besuche des Hofes hier eingetroffen und wir nach dem Diner im Residenzschloffe seine Reise fortsetzen.
London, 22. Juni. Gestern fand in Greenwich das übliche Jahres- banket des Cobden-Clubs statt. Den Vorsitz führte Lord Northbrook, die Zahl der Tbeilnehmer war etwa 200. Fast sämmtliche Reden galten der Feier des Freihandels. Northbrook sprach sich aus's Schärfste gegen die Kriege in Afghanistan und im Caplande aus.
Wien, 22. Juni. Die „Wiener Ztg." veröffentlicht die Anordnung der Hoftrauer für den Prinzen Louis Napoleon während der Zeit vom 23. Juni bis 2. Juli.
Baden - Baden, 23. Juni. Fürst Gortschakoff ist gestern hier angekommen.
Alexandrien, 22. Juni. Es wird versichert, die Consuln von Deutschland und Oesterreich hätten sich nach Kairo begeben, um die Abdankung es Khedive zu verlangen.
Lokales.
Gießen, 23. Juni. Indern wir die vergleichende Uebersicht der Resultate der Gewerbebank zu Gießen, e. G., feit deren Gründung, d. h. seit 1. October 1858, im Nachstehenden veröffentlichen, theilen wir nachträglich aus dem in der am 19. v. M abgehaltenen Generalversammlung erstatteten Bericht des Vorsitzenden der Bank, Herrn I. Hansl ein hi^r, noch folgende Daten mit, die für das größere Publikum von Jn- tereffe sein dürften Innerhalb 20 Jahren hat die Bank nur zweimal und zwar im Jahre 1870 und 1878 Verluste zu verzeichnen, und zwar im Jahre 1870 einen Verlust von X 3535 und im Jahre 1878 einen solchen von X 715. Jener größere Verlust war durch eine Wechselfälschung eines im Jahre 1870 nach Amerika geflüchteten Mitgliedes, der kleinere Verlust durch 2 in Concurs geratene Mitglieder entstanden. Bei letzterem Verlust waren auch die Bürgen zahlungsunfähig geworden. Theilt man die Summe der Verluste von X 4250 durch die Zahl 20, so ergebt dies einen Durchschnttts- verlust pro Jahr von X 212,50, gewiß eine winzige Summe zu dem in erwähntem Zeiträume stattgefundenen Gesammtumfatz von X 39,086,430.
Am 8. Juli 1878 fand eine außerordentliche Generalversammlung statt, in welcher das revidirte Statut berathen und angenommen wurde. Dies zeichnet sich gegen das frühere durch Kürze und Uebersichtlichkeit aus. Letzteres umfaßte 108 Paragraphen, während das neuere nur 48 Paragraphen enthält. Bestimmungen, die das Genoffen- schaftsgesetz für Deutschland enthält, sind aus dem neueren Statut ausgeschieden, dagegen die hauptsächlichsten Bestimmungen vorerwähnten Gesetzes in einem besonderen Anhang dem Statut beigefügt worden.
Im abgelaufenen Geschäftsjahr fanden 51 ordentliche Sitzungen des Auffichts- rathes und 1 außerordentliche statt; Revisionen wurden durch den Vorsitzenden und dessen Stellvertteter vier vorgenommen und brauchte man hierzu 13 volle Tage. Die Revisionen fanden statt, ohne daß die Vorsteher davon vorher Kenntmß erhalten hätten. Bei diesen Revisionen wurde die Kasse gestürzt, es wurden die Bestände der dem Verein gehörigen Werthpapiere — die sich unter dreifachem Verschluß befinden — ferner die bei der Bank deponirten Effecten, die Schuldscheine, discontirten und im Giroverband zum Jncasso eingesandten Wechsel, die Sparkassebücher und die im Geschäfte gebräuchlichen Geschäftsbücher einer gründlichen Durchsicht unterworfen. Mit Freuden kann conftatirt werden, daß die Geschäftsführung der beiden Vorsteher, der Herren W a l l e n f e l s und Wagner, eine recht gute war, die zu feinen Bemerkungen Veranlassung gegeben hat.
Ueber die Baufrage ist die Bank leider immer noch nicht hinausgekommen, da die Stadtverordnetenversammlung die Erlaubniß zum Bau auf dem von der Generalversammlung im Jahr 1877 genehmigten Platz aus den bekannten Gründen nicht er- theilt hat. Unter diesen Verhältnissen glaubte der Aufsichksrath von diesem Platze absehen zu sollen und werden weitere Verhandlungen über Erwerb, resp. Neubau stattfinden, die natürlich einer späteren Generalversammlung zur Genehmigung vorgelegt werden.
Bezüglich der Steuerfrage ist zu erwähnen, daß die Bank am 26. April v. I. und V-Jahr später Vorstellungen wegen Befreiung der ihr feit 2 Jahren angesonnenen Steuer beim Präsidium der 2. Kammer eingereicht hat. Außerdem hatte sie die übrigen Vorschuß- und Creditvereine im Lande veranlaßt, das Gesuch bei der Hess, totanbe; fammer durch geeignete Eingaben zu unterstützen, was auch von einer großen Anzahl solcher Vereine geschehen ist. Weiter hatte die Bank den früheren Landtagsabgeordneten der Stadt Gießen, Herrn Hofger-Adv Hirschhorn, sowie den jetzigen, Herrn Hoiger^ Advocat Dr. Muhl, ersucht, die Eingabe zu befürworten, was beide Herren auch durch geeignete Interpellationen verwirklicht haben. Aber höchst auffallender Weile ist der Bank nach Verlauf von fast V« Jahren weder eine Antwort Seitens des Bureaus der Hess. Kammer geworden, noch hat sie in Erfahrung bringen können, ob die angeregte principielle Frage in der Hess. Kammer je zur Verhandlung kommen wird. Bei dem deutschen Reichstag findet die von Privaten oder Korporationen elngerelchten Vorstellungen eine viel promptere Erledigung.
Was nun die Resultate der einzelnen Geschäftszweige im Jahre 1^78 betrifft, so ergibt sich Folgendes: Der Gesammtumschlag hat sich gegen 1877 um 25861/ gemindert, ein Kelchen der leider immer noch andauernden Geschäftskrisis. Das Vor- schußconto weist in Einnahme ein Minus von X 116420 und m Ausgabe ein Plus von X 45753, so daß hier allerdings ein Mehl Umsatz von mehr als 161000 statt- gesunden hat, was bezüglich der bedeutenden Mindereinnahme fern günstiges Zeichen der Zettverhältnisse abgiot.


