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Nr. 120. Erstes Blatt. Sonntag, den 25. Mai 1879.

Aichener Mmeiger

AiMk- mH ImtsMitt für hen Kris Cirßrn.

RedaetionSbureau t

Expediliorisbureau r

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit. Bekanntmachung.

Am 20. dieses Monats ist dahier ein Kalb aufgefangen worden, dessen Eigenthümer sich bis jetzt nicht gemeldet hat. Das Kalb mußte verkauft werden. Derjenige, welcher an den Erlös Anspruch erheben kann, wird aufgefordert, solchen binnen 4 Wochen von heute an bei uns geltend zu machen.

Gießen, den 23. Mai 1879. ' Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

Fresenius.(3601

Gefundene Gegen ft ander

1 Trauring, 1 Uhrkette, Karabinerhaken, 1 Brillenfutteral, 1 Taschenmesser, 1 Fernrohr, 1 Strickzeug, 3 Schlüssel, 1 Notizbuch, 1 schwarzer Filzhut,

1 Stock mit Horngriff. Gießen, den 24. Mat 1879.

Großherzogltcke Polizeiverwaltung Gießen. Fresenius.

BrotgEgn'nTmn

politisch

Zur inneren Lage.

Die Würfel sind gefallen! Ließen schon die Wahlen der Vorsitzenden in den verschiedenen Commissionen keinen Zweifel mehr, wohin sich das Züng­lein der Waage neigen würde, so haben die ersten Abstimmungen über den Eisenzoll auf der einen Seite die kühnsten Hoffnungen bestätigt, auf der andern alle Illusionen zerstört. Was der selige Stahl einst von der Wlffenschaft ver­langte, das thut jetzt die Volkswinhschaft: siekehrt um!" Denjenigen, die nach ihrer innigsten Ueberzeugung die bevorstehende neue Aera der Wirthschafts- politik für einen Unsegen, für eine schwere Prüfung des deutichen Volkes halten müffen, bleibt kaum noch etwas anderes übrig, als zu hoffen, daß die rück­läufige Bewegung, in die wir eingetreten sind, von ebenso geringer Dauer sein möge, wie die damals beliebteUmkehr der Wissenschaft". Wenn erst die koloffale Anzahl derwirthschaftlich Schwachen", die bei dem Wettrennen um Schutz der eigenen Interessen. gar nicht einmal mitlaufen, geschweige denn etwas für sich erhaschen können, sehen, was es mit der Blüthe des National- wohlstandcs, die uns jetzt in Aussicht gestellt wird, auf sich hat, dann erst wird man wieder auf die Stimme der Fachmänner hören, die jetzt kalt gestellt find und als Propheten in der Wüste predigen.

Einstweilen hat das Freihandelsstzstem oder sagen wir lieber das Weltwirthschastssystem, dem wir zusteuerten, denn ein wirkliches Freihandels- system haben wir nie gehabt seine vollständige Niederlage zu konstattren. Es unterliegt dem Bunde der Agrarier mit den Ultramontanen! Mit Ueber- muth und Hohn weisen diese neuenFreunde Bismarcks" auf deffm alte Feinde hin. Erstan die Wand gedrückt", dannan die Luft gesetzt", das ist das wohlverdiente Schicksal derLiberalen" aller Schattirungen! Sie habenab- gewirthschaftet". Sie haben ihre Arbeit gethan wie Fiesco's Mohr und können nun gehen.Und ihre Werke folgen ihnen nach", betet der frommeReichs­bote". Der Bruch mit dem liberalen Wirthschaftssystem, so frohlockt er, ist nur derAnfang". Folgen muß alsbald Die Abschaffung der Gew-erbesreihett, die Aushebung der Maigesetze, mit ihr die Abschaffung der obligaiorischen Civil- ehe; in der Geburt erstickt werden muß dasfreisinnige" Unterrichtsgesetz, kurz die ganze sog. liberale Aera sammt allen ihren Priestern, der Oberpriester Falk an ihrer Spitze, alles muß weichen und der neuesten agrarisch-klerikalemortho- dox-conservativen Aera Platz machen!

Wir find nun zwar nicht so pesstmtstisch gestimmt, daß wir glauben, die wirthschaftliche Reactton müfle nothwendtg wegen der Hülfstruppen, mit denen Fürst Bismarck ste durchsetzt, auch auf allen andern Gebieten eine Reaction nach dem Sinne dieser neuen Bundesgenossen des Reichskanzlers im Gefolge haben. Er nimmt ja bekanntlich die Bundesgenoffen ad hoc wo er sie finden kann, und verheirathet sich nicht mit ihnen. Aber wir find doch auf alles ge­faßt. Vor allem aber erkennen wir die Pflicht an, gegenüber der jetzt sich überall kundgebenden Neigung, vom Staate und von staatlichen Maßregeln alles Heil zu erwarten, mit aller Kraft und größtem Nachdruck darauf hin­zuweisen, daß die materielle und geistige Wohlfahrt des Volkes, insbesondere der unteren Claffen deffelben, nur durch Hebung der Tüchtigkeit und Leistungs­fähigkeit des Einzelnen gesichert werden kann. Was diesem Zwecke dient, das werden wir mit Freuden unterstützen, es komme, von welcher Sette es wolle. In diesem Sinne begrüßen wir auch mit Sympathie Bestrebungen, wie ste die Concordia", deren Constttuirung am 2 5. d. in Frankfurt a. M. flatt« finden soll, auf ihr Panier geschrieben bat.

Deutschland.

Berlin, 18. Mai. Nach dem Berichte derNat.-Ztg." über das Banket deS deutschen Städtetages vom 17. d. lautet die heute vielbesprochene Rede des Herrn v. Forckenbeck, wie folgt:

Oberbürgermeister v. Forckenbeck antwortet auf das Hoch, welches dem Reichstag und seinem Präsidenten ausgebracht worden. Wenn er die Umstände erwäge, unter denen dieses Hoch inmitten der Delegirten zum deutschen Städtetag so lebhaften Anklang gefunden habe, während doch die Beschlüffe deffelben gegen die von der Mehrheit des Reichstags voraussichtlich zu fasten­den Beschlüffe sich richten, so danke er aus Fülle seines Herzens für die unter»

er Hheif.

änderte nationale Gesinnung und die unbedingte Unterordnung unter das, was der Gesammtwille der Nation beschließt, auch wenn dastelbe den Interessen der Städte nachtheilig ist. Er erblicke darin ein Zeichen der echt deutschen natio­nalen Gesinnung, und sage in diesem Sinne für das dem Reichstage gebrachte Hoch seinen lebhaftesten Dank. Wenn man ferner auch Den Präsidenten des Reichstags habe hoch leben lasten, so bitte er zu gestalten, daß er hier seines Theils nicht als Präsident des Reichstags spreche, der stch unter den gegen­wärtigen Verhältnisse» in einer sehr schwierigen und außergewöhnlichen Lage befinde, sondern als liberaler Mann und alS Oberbürgeime^r von Berlin, und da könne er anknüpfen an die Worte, die sein College 'Ltraßmann gk- sprocheli habe. Dieser habedas freie Bürgerthnm" leben lofler. Das deutsche Bürgerthum, wie es hier im deutschen Stävtetag vertreten ist, werde sicy immer, wie er bereits betont habe, dem nationalen Gedanken, und der Ent­scheidung der gesetzgebenden Gewalt fügen. Aber er glaube sagen zu muffen: Es ist Zeit, daß das deutsche Bürgerthum gegenüber anderen Bestrebungen, die sich jetzt mit allen Kräften regen, sich zusammenfaste und sein volle« Ge­wicht in die Wagschale Der Entscheidung lege. Schon lange habe er voiaus- geahnt, daß einmal die Zeit kommen werde, wo sich au« dem Bürgerthum eine große liberale Partei entwickeln werde; er habe Dabei immer geglaubt, daß die liberale Partei nicht blos die Städte, sondern getreu ihren Tratitionen und ihrem Gerechtigkeitsgefühl alle Stände und namentlich auch das flache Land umfasten merDe. Täusche er sich nicht, so sei Die Zeit nahe, in der eine liberale Partei, als Kern in sich fastend das deutsche Bürgerthum, Einfluß gewinnen werde auf die weitere Entwickelung des deurschm Reiches. Dazu gehöre aber, daß wir uns rühren auf verfassungsmäßigem Boden, daß wir innerhalb dieser Grenzen aber alle Kräfte, Die uns zu Gebote stehen, eifrig gebrauchen. Sein Toast gelte also dem freien tatkräftigen deutschen Bürger- gerthum; dastelbe lebe hoch!

Berlin, 22. Mai. Der neue (erste) Präsident des deutschen Reicks- tages, Otto Theodor v. Seydewitz, ist am 11. Sept. 1818 zu Großbade­gast geboren und hat die Universität Berlin nach Absolvirung des Gymnasiums zu Torgau frequcntirt. Nach Beendigung seiner Studien im Jahre 1840 wurde er Auskultator beim Karnmergericht zu Berlin, trat beim Königlichen Land- und Stadtgericht zu Görlitz in den Staatsdienst, arbeitete 1842 bei Der Regierung in Merseburg, verwaltete 184445 das Landrathamt daselbst, wurde 1858 zum Landrath des Görlitzer Kreises und 1864 zum Landeshaupt­mann und Landes-Aeltesten der preußischen Oberlaufitz gewählt. Seit 1867, wo Herr v. Seydewitz in den konstituirenden Reichstag gewählt wurde, gehörre er dem Reichstage in allen Legislatur-Perioden an. Er vertritt den 10. Wahl­kreis und hat sich der deutsch-conservativen Fraction angeschlosten.

Hefterreich.

Wien, 21. Mai. Meldungen derPolit. Corresp." Ans Konstan- tinovel. Die angebliche Aeußemng Obrutscheff's, der Sultan habe auf Die Besetzung des Balkans verzichtet, wird Seitens der Pforte auf diplomatischem Wege nctificirt. Danach habe der Sultan das ihm durch den Berliner Ver­trag zuerkannte Recht keineswegs aufgegeben, behalte sich vielmehr vor, nach den Umständen und im Jntereste seines Reiches davon Gebrauch zu machen, und sei der Fall nicht ausgeschlossen, daß schon demnächst rücksichtlich bestimm- hr Oertlichkeiten davon Gebrauch gemacht werde. I" der bulgarisch- rumelischen Grenzcommission entstanden Differenzen wegen verschiedener Gebiets- theile, welche zum Nachtheile Ostrumeliens zu Bulgarien geschlagen werden sollen. Aus Philippopel. Aleko Pascha soll am 25. Mai in Der Uniform der ostrumelischen Miliz das ostrmnelifche Gebiet betreten und gleichzeitig eine Proclamation erlaflen.

England.

London, 21. Mai. Unterhaus. Bei den Verhandlungen Über die zweite Lesung Dtr irischen Universitätsbill stimmte Schatzsecretär Northcote der Vornahme der zweiten Lesung zu, ohne sich mit dem Principe oder den Be­stimmungen der Bill im Einzelnen einverstanden zu erklären. Gr erklärte, über die Wirkung der Bill erst Weiteres abwarten und erfahren zu wollen, wie Die