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Kr. ISS Samstag den 23. August 187S.

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Iiffigr- und Amtsblatt fit den Kreis Gieße».

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} Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brmgerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.

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Zur allgemeinen politischen Lage.

Was über die allgemeine Lage der Dinge in letzter Zeit bekannt gewor­den ist, läßt zwar die Gefahren ahnen, von denen der Weltfrtede später einmal bedroht werden kann, zeigt aber doch ein so befriedigendes Gesammt- bild der Lage, daß man sich nicht mit unnützen Sorgen zu quälen braucht, sondern für geraume Zeit einer ruhigen Entwickelung der Dinge mit Gewiß« heit entgegensehen kann.

Den dunkelsten Punkt am politischen Horizont im Osten bilden die täglich unhaltbarer werdenden Zustände in Konstantinopel, wo die in den höchsten Kreisen herrschende Verwirrung und Verderbniß alle Verhältnisse un­sicher macht und das von Noth und Elend geplagte Volk zur Verzweiflung zu treiben droht. Die europäischen Mächte stehen dort tndeß schon lange gemein- sam auf der Wacht, um dem Aeußerften, wenn es endlich eintreten sollte, nicht unvorbereitet entgegenzutreten. Ihr Bestreben ist vor der Hand haupt­sächlich darauf gerichtet, die Pforte zur Erfüllung der durch den Berliner Vertrag übernommenen Verpflichtungen, einerseits zur Regelung der griechischen Grenzfrage, andererseits zur Einführung von Reformen in den ihr noch ver­bliebenen Provinzen zu bewegen.

Die griechische Frage ist gerade jetzt, nachdem die Pforte ihre Com- mifsare für die neuen Unterhandlungen ernannt hat und der Beginn der letz­teren auf das Drängen der Mächte unmittelbar bevorsteht, von Neuem in Kuß gerathen, und bei der ernsten Absicht Europas, auf Durchsetzung seines Willens zu bestehen, darf man wohl auf eine befriedigende Lösung der leidigen Frage hoffen. Seitdem ferner englische Minister die Nothwendigkeit der tür­kischen Reformen im Parlament öffentlich hervorgehoben haben, ist an dem Einverständniß der Mächte, England etngeschloffen, über diesen Punkt nicht mehr zu zweifeln. Nicht mit Unrecht wird die bevorstehende Uebersiedelung Lord Duffertn's, des bisherigen englischen Botschafters in Petersburg, nach Konstantinopel dahin gedeutet, daß England von nun an die Rolle des Mah­ners und Drängers übernehmen wolle, ja sich wohl gar für gewiffe Fälle mit Rußland über eine gründliche Lösung der orientalischen Frage geeinigt habe.

Diese Vermuthung führt uns von selbst auf die Beziehungen der euro­päischen Mächte zu einander, speciell auf den westlichen Horizont un­seres Welttheils. Gewiffe durch die Thiersfeier in Nancy veranlaßte Vorgänge haben Deutschland bewiesen, daß das Feuer des Deutschenhaffes und des Strebens nach Revanche unter der Oberfläche des politischen Lebens jenseits der Vogesen noch immer weiter brennt. Mag daher auch die deutsche Regierung die maßvolle Haltung der gegenwärtigen Leiter der französischen R'publtk bei der Nancyer Feier, wie bet fast allen auswärtigen Fragen mit »och so lebhafter Genugthuung anerkennen, sie kann sich doch nicht der Ver­pflichtung entschlageu, die Bewegungen der Volksstimmung, wie der von letz­terer abhängigen Regierung scharf im Auge zu behalten und sich gegen etwaige Äusbrüche feindseliger Leidenschaften im Stande der Vertheidigung zu erhalten. Lou diesem Gesichtspunkt aus hat man auch den jüngsten Angriffen der russischen Preffe auf Deutschland von Berlin aus nicht gleichgültig zu- jeben können: unter gewissen Umständen könnten dieselben ja einen Umschwung der russischen Politik zu Ungunsten Deutschlands befördern.

Glücklicher Weise steht das Freundschaftsverhältniß Rußlands zu Deutsch- land, weil auf die persönlichen Beziehungen der beiden Souveräne zu einander Mündet, gesichert genug da, um von Agitationen der Preffe nicht erschüttert W werden. Die Besorgniß vor einem gegen Deutschland gerichteten russisch- französischen Bündniß wird zudem gegenwärtig gerade durch die Annäherung Englands an Rußland, die durch die überaus schmeichelhaften Aeußerungen Lord Beaconsfields über Kaiser Alexander im Parlament offenkundig gewor­den ist, ebenso sehr vermindert, wie durch die unleugbare Thatsache, daß die Destmächte, aller offictellen Versicherungen von völligem Einverständniß ungeachtet, in Egypten mit ihren Jntereffen fortwährend feindselig auf ein­ander stoßen und sich im Geheimen als Nebenbuhler betrachten, welche dort auf die Dauer unmöglich ruhig neben einander wohnen können.

Vor Allem aber darf bet der Beurthetlung der allgemeinen politischen Lage daS intimeVerhältniß zwischen Oesterreich und Deutschland nicht außer lcht gelaffen werden, welches durch den Besuch des Kaisers Franz Joseph in Gastein, sowie durch das zur Feier des Geburtstages deffelben auf Schloß Babelsberg veranstaltete Galadtner einen neuen Ausdruck gefunden, auch durch dm Rücktritt des deutschfreundlich gesinnten Grafen Andraffy nicht an Festig- lett verloren hat, da. die Pflege der bestehenden guten Beziehungen zwischen beiden Kaiserreichen für die Wahl seines Nachfolgers an entscheidender Stelle in erster Linie steht. Oesterreich im Bunde mit Deutschland sichert eine iriedliche Entwickelung der Dinge nicht blos im Orient, sondern auch in Europa selbst. _______________

Deutschland.

Au* dem Großherzogthum Hessen. Das evangelische Ver­ordnungsblatt publictrt in Form eine- Ktrchengesetzes die neue Dtenstpragmattk die Geistlichen, welche Bestimmungen über Erlangung des geistlichen Amtes, die Dienstverhältntffe der Geistlichen während ihrer Amtsführung und über die

Erledigung der Stellen, den Austritt aus dem Amte und die Versetzungen enthält. Vorbedingung zur Anstellung im Dienste der Landeskirche ist der Nachweis der erforderlichen wiffenschaftlichen und praktischen Ausbildung (Maturitätsprüfung auf einem deutschen Gymnasium, Facultätsprüfung vor der theologischen Facnltät zu Gießen, Schlußprüfung vor der Prüfungs-Com­mission zu Darmstadt). Der ersten Prüfung muß ein mindestens dreijähriges Studium auf einer deutschen Staats-Universität, der Schlußprüfung der ein­jährige Besuch des Predigersemtnars zu Friedberg vorausgegangen sein. Für nichthesstsche Theologen gilt beim Eintritt in den Dienst der Landeskirche die Prüfung vor einer Prüfungsbehörde eines deutschen Staates als Facultäts­prüfung und kann das Ober-Consistorium vom Besuche des hessischen Prediger- Seminars dispensiren, wenn der Candtdat eine andere ähnliche Anstalt besucht hat. Innerhalb seines Kirchspiels ist der Pfarrer ausschließlich zur Vornahme geistlicher Amtshandlungen befugt.

Berlin, 20. August. DieProv.-Corresp." hälr in einemDie Par­teistellung bei den Wahlen" überschriebenen Artikel gegenüber mehrseitigem Widerspruch fest daran, daß die Losung bei den Wahlen keine andere fein könne, als nationale Arbeit und Selbständigkeit oder Abhängigkeit des natio­nalen Wohlstandes von den Leistungen der fremden Industrien. Die Corre- spondenz erklärt sich gegen die Behauptung, daß die Mitfeststellung des Zoll­tarifs, also der Schutz der nationalen Arbeit, nicht zu den Aufgaben des Landtags gehöre. Die Regierung muffe die Männer, von denen sie Unter­stützung im Landtage erwarten dürfe, vor Allem daran mit Sicherheit erkennen, wie dieselben sich zu der wichtigen Entscheidung der Retchspolitik stellen, wofür die Staatsregierung mit aller Energie einzustehen die Pflicht und den Willen habe. DieProv.-Corresp." hebt anläßlich der beabsichtigten Städtetage hervor, daß von einer Zuständigkeit der städtischen Obrigkeiten zur Kritik der Reichs- und Landespolitik keine Rede sein könne. Jeder derartige Versuch sei unzweifelhafte Ueberschrettung der Zuständigkeit und ein Mißbrauch der Auto­rität der Stadlvbrigkeiten. DieProv.-Corresp." bekämpft ferner die von liberalen Blättern hervorgerufene Furcht vor dem ungreifbaren Schreckbilde, das man Reaction heiße. Die Regierung muffe erwarten, daß diejenigen Wähler, welche entschlossen seien, die Regierung zu unterstützen, von den Wahl­bewerbern das Erkennungszeichrn fordern, woran zur Zeit Freunde und Gegner der Regierung am sichersten zu unterscheiden feien: Erklärung für Schutz oder für Preisgebung der nationalen Arbeit.

Unterstaatssecretär v. Goßler wurde bereits gestern in sein Amt ein­geführt und har sofort die Geschäfte übernommen. DieNordd. Allg. Zrg." erklärt die Meldung desBerliner Tagebl.", der Posten eines elsaß- lothringischen Unterstaatssecretärs für Handel, Gewerbe und Landwtrthschaft werde höchstwahrscheinlich nicht besetzt werden, für falsch und bemerkt, die Be­setzung werde erfolgen, sobald die bezüglich der Personenfrage schwebenden Verhandlungen ein definitives Resultat ergeben hätten.

Die Einführung des allgemeinen Stückgut-Frachttarifs seit dem 1. Januar d. Js. wird in den Berichten zahlreicher Handelskammern als ein entschiedener Mißgriff bezeichnet. Der Elberfelder Handelskammer-Bericht be­hauptet , daß er eine Vertheuerung der Fracht von 20 bis 25 pCt. zur Folge gehabt habe. Die Hoffnungen, welche bei Einführung des neuen Tarifsystems auf die Vermittelung des Speditionsgeschäfts durch Einführung von Sammel­gut-Ladungen gesetzt wurden, heißt es darin, sind nicht erfüllt worden. Den Löwenantbeil des dadurch erzielten Vortheils bat das Speditionsgeschäft an sich gehalten und durch Hinausschieben der Lieferungsfristen die Benutzung dieser Vermittelung fast unmöglich gemacht. Bet der großen Mannigsaltigkelt der Artikel einzelner Branchen, z. B. des Droguen-, Farbstoff« und Chemika­lienhandels, würde die Einführung einer zweiten ermäßigten Stückgutsklaffe, sofern damit eine Heraufsetzung des übrigen Stückguttartfs verbunden ist, eine Frachterhöhung dieser Artikel zur Folge haben und damit der Waarenhandel, soweit er nicht Maffenartikel oder besonders protegirte Maaren betrifft, erneu­ten Nachtheil erleiden. Deshalb ist die Einführung einer Sammelgutklaffe Seitens der Eisenbahnen selbst in Anregung gebracht, von der man glaubt, daß sie auch den Bahnen Vorthetl bringen werde.

Rußland.

Petersburg. Der Zeitungskrieg russischer Blätter gegen Deutsch­land dauert fort und der bekannte Artikel derNordd. Allg. Ztg.", in welchem sie das ruffenfreundliche Verhalten des Fürsten Bismarck auf dem Berliner Congreß nachwies, findet in zwei Leitartikeln der russischen Petersburger Zei­tung einen Übeln Widerhall. Das russische Blatt ereifert sich ohnmaßen über die deutsche Niedertracht, die Alles thut, um dem unschuldigen Rußland in jeder erdenklichen Weise zu schaden und die nicht ruhen wird, bis die balti­schen Provinzen von Rußland abgeriffen und dem germanischen Reiche einver- leibt fein werden. Großen Erfolg werden nun diese Hetzereien zwar unmittel­bar nicht haben können, aber sie werden doch immerhin eine Mißstimmung zwischen Deutschland und Rußland vorbereiten helfen und den Weg zu einer politischen Gegnerschaft bahnen. Warum russische Blätter gerade den gegen- wärtigen Zeitpunkt für ihre Ausfälle gewählt haben, ist auf den ersten Blick