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keinen Anlaß, sich für den Getreidezoll zu interessiren. (Während Delbrück's Rede tritt Fürst Bismarck ein.) Der Getreidezoll werde allerdings das Brod vertheuern. Der Nothstand der Landwirthschaft sei keineswegs ein allgemeiner, wie Redner ziffermäßig nachweist. .

Fürst Bismarck erklärt: Der Vorredner ist von Getteidepreisen ausgegangen, die zu Zeiten galten, in denen die heutigen Eisenbahnverbindungen noch nicht existirten. Wenn die niedrigeren Getreidepreise den Maßstab für die Wohlhabenheit der Länder geben sollten, so müßten die Länder an der Donau und Theiß die wohlhabendsten, Deutschland und die Länder des Westens die ärmeren sein. Jm Gegentheil aber bilden die besseren Einnahmen des Landwirthes, wie ich sie von den Kornzöllen erwarte, den Wohlstand in den Niederlanden, England und im nördlichen Frankreich. Die Land- wirthschast sei durch Steuern aller Art belastet; es sei unerläßlich, ihre Einnahmen zu erhöhen. Zum Beweise citirt Redner eine Zusammenstellung der Lasten bei einer Anzahl von Gütern der Rheinprovinz .

Der Landwirth habe ein Recht darauf, in Deutschland so gut gestellt zu fein wie im Auslande. Stoch mehr als an das Gerechtigkeitsgefühl könne man an das finanzielle Gefühl appelliren. Man dürfe bei dem Tarif nicht an einzelne Positionen, sondern an das gefammte Steuer- und Zollreform-System denken, von welchem der Tarif einen Theil bilde. Wir wollen einen Theil der direkten Steuern, die auf dem Landwirth lasten ausgleichen durch einen Zoll, der die Privilegien der bisherigen Steuersteiheit aufheben soll. Ich meine, daß diese Zölle auf den Preis des Getreides keinen Einfluß bilden werden. Wir müssen die Landwirthschaft um jeden Preis lebensfähig erhalten; acht sic zu Grunde, so ist der Wohlstand Preußens, ja ganz Deutschlands geschädigt. Die 20 Millionen deutsche Landwirthe lassen sich freilich nicht zu Grunde richten; es muß uns nur zum Bewußtsein kommen, daß sie bedroht und wir verpflichtet sind, ihnen zu helfen im allgemeinen Interesse. Wir wollen dem deutschen Landwirthe nur den deutschen Markt sichern und thun dies ohne Bcnachtheiligung der Consumenten. Wenn man von den vorhandenen Vorräthen an ausländischem Getreide spricht, muß man auch die Mehlvorräthe mitrechnen, dann bekommt man ein ganz anderes Bild von der Größe der ausländischen Concurrenz. Daß so viel bei den Zwischenhändlern hängen bleibt, wie Delbrück meint, ist nicht richtig. ....

Auf's Bestimmteste bestreite ich aber, daß die Korn- und die Brodpreise m irgend einem nachweisbaren Zusammenhänge stehen. Das Brod ist jetzt ebenso theuer wie damals, als die Kornpreise noch einmal so theuer waren. Ich glaube auch nicht, daß der Handel durch den Zoll, wenigstens nicht in höherem Maße, tangirt werden wird als das Allgemeinwohl fordern kann. Fürst Bismarck verbreitet sich über die Verhält­nisse des russischen und polnischen Getreidemarktes, um nachzuweisen, daß die Be­fürchtungen vor Benachtheiligung der Ostseeftädte in ihrem Handel übertrieben seien.

Das russische Getreide habe immer Zwangscours und beschränkte Marschroute durch Deutschland. Die Anträge, welche Aenderung des Tarifgesetzes bezüglich des Transits wollen, hält der Reichskanzler für nicht angebracht; man müsse damit das Zollgewicht von 1869 ändern. Wir haben den eigenen Handel damit geschädigt, dadurch, daß wir die Transitfreiheit gewährten und die Concurrenz erleichterten. Ein eigentlicher Schutz des Handels ist durch die Vorlage nicht angestrebt; dies sollte mehr durch die Viehzölle erreicht werden. Durch die Getreidezölle hoffen wir die Landwirthschaft er­heblich zu entlasten und damit Ordnung in die Einfuhr zu bringen. Die Einfuhr russischen Getreides war bisher eine durchaus ungeregelte, was namentlich auch durch die Eisenbahntarife veranlaßt wurde, welche für Getreidemengen von 5000 Gentner an Vergünstigungen gewähren. Wenn übrigens die fremde Einfuhr ganz und gar ge­strichen würde, so würde man in Deutschland keinen Hunger leiden, da noch mehr ein­heimisches Getreide gebaut werden könne als man in Deutschland verzehre. Die vor­handenen statistischen Angaben verriethen meistentheils große Unbekanntschaft mit den Verhältnissen der praktischen Landwirthschaft. Die Gesetzgebung oon 1818 dagegen hat die praktischen Bedürfnisse sehr wohl erkannt; ich begreife nicht, wie sich die Freihändler immer auf sie berufen können. Die Landwirthschaft sei in letzter Zeit von der Gesetz­gebung stiefmütterlich behandelt worden. Auch der unangenehme Theil der Armen­pflege werde stets den Landgemeinden zugeschoben.

Ich will die Landwirthschaft, will den Landmann schützen und trete in diese Be­wegung ein, nicht der Agitation, sondern der Gerechtigkeit wegen. Wir müssen Alle mit gleichen Schultern tragen. Ich habe das Vertrauen, daß, wenn dies Bewußtsein einmal burdjgebrungen ist, die Vertreter der Landwirthschaft mit ruhiger Festigkeit den Kampf nicht einstellen werden, bis sie Gerechtigkeit erlangt haben. (Beifall rechts, äischen links.) (Die Rede des Fürsten Bismarck währte fast 2 Stunden. Ein Ver­tagungsantrag wird abgelehnt. Reichensperger (Olpe) spricht für die Getreidezölle, die keinen Schutzzoll, sondern einen Finanzzoll bildeten. Fortsetzung der Berathung Freitag 11 Uhr.

Berlin, 21. Mai. Der Reichskanzler legte dem Bundesrathe einen Antrag Preußens, betr. die Einsetzung einer Commission zur Ausftellimg des Entwurfes zu einem Retchsgesetze über das Eisenbahnwesen. vor. Dieser Com­mission sollen als Material bei Aufstellung des gedachten Entwurfes drei Ge­setzentwürfe vorgelegt werden, welche Preußen ausarbeiten ließ, nämlich: 1) ein Reichsgesetz über das Eisenbahnwesen; 2) ein Gesetz über die Errich­tung eines Reichsetsenbahn-Raths; 3) ein Gesetz' über die Errichtung eines Verwaltungsgerichts für streitige Eisenbahnfachen. Die Commission würde aus 9 Mitgliedern zu bilden sein, wovon je zwei Seitens deö Reichs und Preußens und je eins Seitens Bayerns, Württembergs, Sachsens, Heffens und Badens er­nannt würden. Rückstchtltch der am 7. Febr. und 18. März bei dem Bundes­rathe eingebrachten Präsidialvorlagen, betr. das Eisenbahn-Gütertariswesen, find in dem Entwürfe dieses Gesetzes über das Eisenbahnwesen diejenigen Ab­schnitte, welche eine gesetzliche Regelung des Tarifwesens enthalten, offen gelaffen.

Hesterreich.

Wien, 21. Mai. Prinz Battenberg wurde heute vom Kaiser in Audienz empfangen und besuchte sodann Andraffy mit welchem er eine einstün­dige Unterredung hatte. Gestern nach seiner Ankunft besuchte der Prinz den deutschen Botschafter Prinzen Reuß. Seine Abreise nach Berlin erfolgt Freitag Abend.

Arankreich.

Paris, 21. Mai. Die Tarifcommisston hat die in dem von Möline erstatteten Berichte enthaltenen Anträge auf Erhöhung der Baumwollengarn- Steuer angenommen.

Rußland.

Petersburg, 20. Mai. DasJournal de St. Petersburg" demen- tirt die Behauptung deutscher Blätter, Rußland hätte Angesichts der neuen deutschen Zolltaxen und des Zolltarifs mit Repressalien bezüglich der Einfuhr von Schienen, Eisen und Locomotiven gedroht. Die Frage sei gar nicht erwo­gen worden. Rußland habe niemals seine Tarife durch Verträge gebunden und erkenne bei anderen Staaten dieselbe Freiheit an.

Kriechenland.

Athen, 21. Mai. Ein griechisches Lager von 10,000 Mann ist bei Lapeno an der Grenze des Epirus gebildet worden; ein anderes Lager befin­det sich im Osten des Landes. Zwei Klaffen der Reserve werden vollständig mobil etnberufen, wenn es nöthig wird.

Türkei.

Konstantinopel, 21. Mai. In der heutigen Sitzung der europäi­schen Commission thetlte der Präsident mit, daß das organische Statut sanctio-

nirt und promulgirt sei. Aleko Pascha und die Commission gehen am Montag nach Philippovel.

Telegraphische Depeschen.

Wagner's telegr. Sorrespondeuz-Burea«.

Wien, 22. Mai. Der Kaffer hat dem hiesigen päpstlichen Nuntius Jacobini das Großkrenz des Leopolvordens verliehen. Prinz Battenberg hatte gestern eine mehrstündige Unterredung mit dem Grafen Andraffy und nahm Abends in Schönbrunn an der Hoftasel mit dem Kaiser, der Kaiserin, dem Erbgroßherzog von Weimar nebst Gemahlin, dem deutschen Botschafter nebst Gemahlin, den obersten Hofchargen rc. Theil.

Rom, 22. Mai. DerAvvenire" meldet: Die internationalen Grenz- Commissionen haben ihre Arbeiten unter günstigen Auspicien wieder ausgenom­men. Wegen der Grenze am See von Scutari sind einige Schwierigkeiten entstanden, die bei der Einigkeit der G enzcommiffäre leicht zu beseitigen sein werden. Alle Mächte scheinen einia darin zu sein, daß eventuelle Zwischen­fälle nicht wie im Vorjahre die Arbeiten unterbrechen dürfen. Der italieni­schen Regierung fiel die wichtige Rolle zu, bie diesbezügliche Uebereinstimmung der Mächte herbeigeführt zu haben.

London, 22. Mai. Unterhaus. Schatzsecretär Northcote hält es nicht für angezeigt, auf die Details der Unterhandlungen über die griechische Frage einzugehen. Die Regierung habe aufgewendet und wende allen ihren Einfluß auf, die Pforte zu veranlaffen, die Vorschläge des Congreffes an- zunebmen.

Lokales.

Gießen, 23. Mai. Der Chiffre Rn nach zu urtheilen, scheint Herr Röschen der Verfaffer des letztenEingesandt" in diesem Blatte zu sein. Wenn nach dem letzten Satze deffelben zu entnehmen ist, daß er sich nicht mehr in einenFederkrieg" einlaffen will, so kann Schreiber dieses doch im Interesse der Wahrheit und des angeschuldigten Theiles cs nicht unterlaffen, nochmals auf die frag!. Angelegenheit zurückzukommeu. Allerdings ist eine Unter­suchung über den Ausdruckerbärmliche Person" eingeleitet worden, weil einem Schutzmann ein solcher Vorwurf gemacht worden ist. Die Untersuchung hat aber bis jetzt gezeigt, daß es nur ein ungerechter Vorwurf gewesen ist. Wenn Herr Röschen weiter sagt, sie seien aus einem Privatzimmer in der fragt. Nackt auf die Wache gekommen, so bleibt sich am Ende gleich, ob man im Bierhause Bier trinkt, oder im Privatzimmer, abgesehen davon, daß beim zweiten Erscheinen auf der Wache 1/4 nach 1 Uhr Nachts vorbei war. Der Commilitone des Herrn Röschen, welcher sein Portemonnaie verloren, hat ausdrücklich erklärt, daß er auf der Wache höflich behandelt worden ist. Was will nun Herr Röschen, den eigentlich die ganze, an sich so geringfügige Angelegenheit nichts anging? Lieb ist es dem Schreiber dieses, daß Herr Röschen seine Zeit bester anwenden will, als unnützenFederkrieg" weiter führen, es wird für ihn jedenfalls mehr dabei herauskommmen.

Die in letzter Nummer beregte Schwindlerin, welche eine goldene Kette ausschwindeln wollte, wurde in der Person eines hiesigen Dienstmädchens ermittelt und verhaftet.

Vermischtes.

Mainz, 21. Mai. In Sachen der Versammlung, welche am 4. d. M. von Seiten i hiesiger Soeialdemokraten berufen werden sollte welche Versammlung aber auf Verfügung des Kreisamtes nicht abgehalten werden durfte, weil der Reichstags-Abgeordnete Liebknecht über die Zoüvolitik des deutschen Reichs einen Vortrag halten wollte, hat nun das Ministerium auf eine Beschwerde des hiesigen Socialisten Leyendecker folgende Entscheidung getroffen: Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz an das Großh. Kreisamt Mainz. Unter Rückschluß der Anlage des Berichts vom 3. d. M. benachrichtigen wir Sie, daß wir die von dem Schneider I. Leyendecker zu Mainz unter dem 1. d erhobene Beschwerde gegen das in Ihrem Auftrage erlassene Verbot der von ihm auf den 4. d. einberufenen allgemeinen Bürger-Versammlung als unbegründet zurückgewiesen haben, daß die Annahme, daß diese Versammlung zur Förderung der in § 9, Absatz 1, des Reichsgesetzes vom 21. October 1878 bezeichneten Bestrebungen bestimmt gewesen sei, durch die Thatsache gerechtfertigt worden, da die Versammlung von einem notorisch als Agitator bekannten Socialdemokraten einberufen und ein anderer nicht weniger bekannter socialdemokratischer Agitator den Bericht über den vorgesetzten Gegenstand zu erstatten bestimmt war. Sie wollen dem p. Leyendecker durch Mittheilung einer Abschrift dieser Verfügung von deren Inhalt Machricht zugehen lasten, gez. v. Starck."

Tann a. d. Rhön, 16. Mai. Erst heute ist es möglich, den vollständigen Schaden zu überblicken, den der mit so rapider Schnelligkeit um sich greifende Brand in unserer Stand an- gerichtet. Nach genauer Zählung sind 86 Wohnhäuser mit 150 Nebengebäuden ein Raub der Flammen geworden. Hierunter sind als öffentliche Gebäude zu verzeichnen: das Rentamt, die Poft, die Kircke, die Synagoge, drei Pfarrhäuser, eine Lehrerwohnung, die israelitische Schule und das anstoßende Gemeindehaus. Die Apotheke und das evangelische Schulgebäude sind nur durch die angestrengteste Thätigkeir der Feuerwehren erhalten. Bis heute Morgen hat da» ver­heerende Element gewüthet, dem seit zwei Tagen nur die hiesige Turn- und Feuerwehr gegen; überstand Die auswärtige Lösckmannschaft ist zwar bald und zahlreich erschienen, aber hat sich an dem folgenden Morgen wieder entfernt. Die Roth ist wie nach jedem großen Brande sehr groß. Es herrscht großer Mangel an Lebensmitteln und besonders an Wohnungen, lieber den Ausdruck des Feuers sind nur Vermuthungen im Umlauf. Wenn auch Brandstiftung als höchst­wahrscheinlich gelten kann, fo ist die Nachricht, daß es an verschiedenen Stellen zu gleicher Zeit entstand, nicht zutreffend. Die hohen Gebäude, wie Kirche und Synagoge, wurden bald ergriffen, und von hier aus hat sich das Feuer nach den verschiedensten Richtungen weiter verbreitet, was durch den ungünstigen Wind beschleunigt wurde.

Hand-l und Verkehr.

Limburg, 2 1, Mai. (Fruchtmarkt.) Rotber Weizen JL 18.10, Weißer Wetzen JL Korn JL 11.55, Gerste 9.40, Hafer JL 7. , Erbsen JL, Kartoffeln Jt (Durchschnittspreis pro Malter.)

Irischbäcker in Gießen.

Sonntag den 25. Mai. Eduard Noll, Neustadt. Karl Steinberger, Löwen gaffe. Heinrich Faß, Kreuz. __

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I Kirchliche Anzeigen

der evangelisch en Gemeinde ni Gießen.

Gottesdienst:

Sonntag den 25. Mai.

Morgens um 9 Uhr: Missionsprediger Schrenk.

(Collecte für die Mission.)

Nachmittags.- Pfarrer Schlosser.

Prüfung und Vorstellung der Konfirmanden.

Der Missionsprediger Schrenk wird Nachmittags in einer noch zu bestimmenden Stunde in der Hospitalkircke einen Vortrag über die Mission halten.

Am 2. Pfingstfeiertage wird daS heilige Abendmahl gefeiert werden.

Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 25. bis 31. Mat besorgt

Pfarrer Schlosser.