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Nr. 93. Mittwoch, den 23 April 1879

Kichener Wueiger

Ayeize- ert Amtsblatt fit htn Kreis Gieße«.

| «chulstraße B. 18.

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dem Reichstage vorgelegt worden ist. Unter den maßgebenden Persönlichkeiten der dem Programm des Reichskanzlers zustimmenden Parteien scheint eine Einignig darüber erzielt worden zu sein, daß man unter Ausscheidung der Baumwollen- und Chemikalienzölle, eventuell auch von Eisen und Leder, die an einer besondere Commission zu verweisen seien, alle übrigen Positionen des Tarifs im Plenum berathen könne. An competenter Stelle scheint dieses Procedere Anklang gesunden zu haben; Freiherr v. Varnbüler soll vor seiner Abreise von Berlin mit den L itern der der Zollreform zustimmendrn Parteien über diese Angelegenheit eingehend confirirt haben.

Das Treiben der russischen Nihilisten hat sich in den letzten Tagen vor dem Kaiseratientat durch eine ganze Reihe anderer Verbrechen fühlbar gemacht, über welche in den Provinzialblätteru des Czarenreiches die haarsträubendsten Einzelheiten erzählt werden. Man kann ohne Uebertreiburg sagen °daß Ruß­land gegenwärtig viel mehr vor dergeheimen Regierung" als vordem Czaren und der dritten Abtheilung zittert. Die Behörden stehen unter dem Eindruck der Furcht und scharenweise bitten die Beamten um ihre Entlastung.

Die Journalnachricht, daß der russische Botschafter am englischen Hofe, Graf Schuwaloff, demnächst sein Abberufuncsschretben einreichen werde, ist nach osficiellen, an das englische Amt des Auswärtigen gelangten Mittheilun- gen unbegründet.

Die Verhandlungen zwischen dem Londoner Cabinet und der französischen Regierung betreffs der eghptischen Angelegenheiten haben zu keinem Resultate geführt und sind englischerseits für abgebrochen erklärt worden. Dagegen soll der kleine Conflict zwischen Englaid und Frankreich wegen Besitznahme der afrikanischen Insel Matakong beigelegt fein, nachdem Frankreich erklärt hat, der Sache fern zu stehen. Uebrigens haben beide Mächte kein Anrecht auf die Insel.

Russische Zustande.

Die Antwort, welche die russische Regierung den Nihilisten auf das Kaiser-Attentat zu geben gedenkt, ist die Militärdespotte, der Belagerungs­zustand. Kaiser Alexander bekundet mit diesem Beschluß ein geringes Ver- ständntß für die Zustände des ihm untergebenen Landes. Allerdings wird keine Regierung die Nihilisten befriedigen können, so wenig in irgend einem Staate, Monarchie oder Republik, der Socialtsmus überhaupt zu befriedigen ist. Aber ein einsichtiger Regent sollte wenigstens jene natürliche Opposition in Rußland befriedigen, wilche es als eine Schmach empfindet, daß dem Lande nach einem Befreiungskämpfe für die Glaubensbrüder nicht einmal diejenigen politischen Rechte bewilligt werden, welche man Bulgarien zugesteht. Besäße Rußland einen großen Staatsmann, welcher den Kaiser zum Erlaß einer Con­stitution und zur Einberufung eines russischen Parlaments drängte, die Dynastie wäre gefestigt, das Volk gereitet, die Finanzen gebeffert, die Polizeiwtllkür und Beamtencorruption gebrochen, mit einem Worte: durch die Einreihung Ruß­lands in die constiiutionellen Länder wäre dem Nchilismus der Boden ent­zogen. Dos Parlament selbst würde vor den schärfsten und vom Volke unter­stützten Maßregeln den Nihilismus bekämpfen und besiegen, wie man in Deutschland durch das Soctalistengejetz den Socialismus lahm gelegt hat.

Allerdings darf man sich dabet nicht der Illusion hingeben, daß mit der Verfaffung Rußland mit einem Schlage zu geordneten inneren Zuständen ge­langen werde. Es fehlt vorläufig in Rußland zu einer gedeihlichen politischen Entwickelung an nichts weniger als an Allem. Eine Zeit lang galt Rußland zwar als Hort der conservativen Jntereffen, aber auch das war nur Schein. Es gab in Rußland nichts zu conservtren, weil es nichts Stabiles gab. Alle Einrichtungen der russischen Regierung, alle Gesetze und Maßregeln waren vorübergehend, ohne Dauer, ohne Abschluß, ja ohne präcise Form. Heute verbot man, was man gcstern befahl. Weil die Basis fehlte, liebte man die Neuerungen bis zur Thorheit, und wenn sie unbequem wurden, so schaffte man sie wieder ab. Zwischen Stillstand und Ueberstürzung haben die moskowiti- chen Gewalthaber hin und her geschwankt. Das Resultat war eine Corrup- tion sonder Gleichen, die weit hinaus ging über das, was man bei uns auch nur begreifen kann.. Es ist keine Ueberrreibung, wenn die Revolutionäre pro- clamiren, daß die Justiz der Gerechtigkeit Hohn spreche.

Aus die Corruption als eineberechtigte Eigenthumlichkeit waren alle russischen Zustände zugestutzt. Es geschah in Rußland nichts als dos, was der Corrvption förderlich erschien; man betrachtete als ausschlaggebenden Ge­sichtspunkt, ob hier oder da sich eine höhere Summe der Bestechung darbot. Die Lapowe", die Bestechungssumme, sängt mit dem Rubel für den Grenz­soldaten an und steigt zum Tausend bei den Provinzialbeamten, zum Hundert­tausend bei den Chefs und zur Million, wo der Einfluß des Czaren zu gewin­nen ist. DieLapowe" ist der Fau ilienunterhalt für die Ruffen, welche sich in einflußreicher Stellung befinden. Auch dieses System kann nur der Par­lamentarismus und die Oeffentlichkeit brandmarken und besiegen. Es ist allerdings viel verlangt, daß Kaiser Alexander die guten Rathschläge der Revolution, welche soeben sein Leben bedroht, befolgen soll; aber es wird ihm nichts Anderes übrig bleiben, wenn er sein Land beruhigen und retten will. Wir fürchten, daß die geheime Revolution dem Belagerungszustände mit er­neuten Schreckensthaten Hohn sprechen wird.

Nußland.

Petersburg. (Russisch-kirchliche Zustände). Im gegenwärtigen Augenblick, wo Aller Augen auf Rußlands Zustände gerichtet find, fragt man sich, ob denn nicht auch dort die Religion eine zurückhaltende und heilende Macht ausüben könne. Was man von der dortigen griechisch - katholischen Kirche weiß, ist wenig geeignet, von ihr einen kräftigen sittlichen Einfluß zu erwarten, um so weniger, da Bischöfe und Popen kein gutes Beispiel geben und letztere schon ihres Bildungsgrades wegen in geringer Achtung stehen. Ein redendes Zeugniß dafür ist eine Petition, welche nach dem russischen Kirchenboten der heiligen Synode zugegangen ist. Sie beantragt Folgendes:

1) Daß der neue Bischof fortan nur selten Diener und ausgediente Soldaten zu Diakonen weihen möge, und daß Leute, die weder schreiben noch lesen können, nicht Popen werden dürfen.

2) Daß der neue Bischof die Kirchendiener während des Gottesdienstes in der Kirche nicht insultire.

3) Daß er während feiner oberhirtlichen Visitation die Postmeister und Postillone nicht mit Peitschenhiebe regaliren, weil sie in gebirgigen Gegenden langsam fahren.

4) Daß er sich mehr mit kirchlichen Angelegenheiten befaffe als mit Fest­esten, welche der Diöcese viele Unkosten verursachen.

5) Daß das Gefolge des Bischofs sich anständig betrage und nicht dem Trunk fiöhne.

Petersburg. In Odessa beginnt es von Neuem sehr ungemüthl ich zu werden. Seit einigen Tagen werden daselbst, wie derMosk. Zrg." von dort geschrieben wird, unzählige Placate revolutionären Inhalts verbreitet, in welchen allen kaiserlichen Behörden mit deren Vernichtung und einem allge­meinen Volksausstande gedroht wird. Alle diese Placate sind mit rochen Buchstaben gedruckt und tragen an deren Spitze die gemeinsame Devise: Terror sa terror! (Terrorismus für Terrorismus!"). Die Folge der Verbreitung dieser Placate war, daß der Höchstcomrnandirende^er Truppen des Odestaer Milttärkreises, General-Lieutenant Semeka, über die Stadt Odessa den Belagerungszustand verhängte. Die Odestaer Polizei wurde, wie der Odeßky Westnik" vom 11. d. Mts. schreibt, angewiesen,zur Sicherung der Ruhe daraus zu sehen, daß in der Stadt keine Zusammenkünfte stattfinden, daß in allen öffentlichen Häusern, Gärten u. dergl. Ruhe und Ordimng herr­schen, daß nicht geschossen oder öffentlich gelärmt werde, daß die Gast- und Einkehrhäuser bis Mittag geschloffen bleiben, daß alle Arrestanten im Eentral- Gcsängniste untergebracht werden und nicht in den gewöhnlichen Arrestlocalen bleiben, daß die ganze Polizei Dienst halte, daß von allen Unruhen oder öffentlichen Versammlungen unverzüglich dem Höchstcommandirenden ge neidet werden solle" u. s. w. Zu diesem Zwecke wurde die Odestaer Stadtpolizei um 150 Mann Infanterie-Soldaten, 115 Reiter aus dem 7. Kosaken-Rcgiment und 25 Polizeibeamte aus dem Offictercorps verstärkt. Ueber die Entfüh­rung des Gouverneurs von Kiew durch die Nihilisten liegt jetzt in polnischen Blättern ein Bericht vor, nach welchem der Gouverneur noch lebt, aber in Gefangenschaft gehalten wird. Derselbe hat an den Polizeimeister einenJBrief geschrieben und ihn beschworen, er möge auf der Suche nach den Mördern Krapotkin's sehr vorsichtig zu Werke gehen; denn sonst müßte er (der Gou-

Deutschland.

Darmstadt, 21. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnängst^ geruhtM Landgerichts Beerfelden Ferdinand M-n a es auf sein Nachsuchen und unter Anerkennung feiner langjährigen treuen Dienste in den Ruhestand zu versetzen; an demselben Tage den Hauptsteuer- ^s-SKflftentcn 2. Elaste bei dem Hauptsteueramte Mainz, Christian von G öd k um Hauptsteueramts'Assistenten 1. Elaste daselbst, - sowie an dem- mLu VaaT den Finanz-Aspiranten Christoph Saßmannshausen aus Butzbach zum Hauptsteueramts-Asststenten 2. Elaste bei dem Hauptsteueramte Worms zuittnennen. @e$e(nKn Obersteuerrath i. P. Hermann Welcker unter Belastung im Penstonsstande zum Regierungs-Commistär bei der Bank für S^deutschlandozu^erne^ n.$^ ^tive zur Zolltarif-Vorlage sind im Bureau des Reichstags eingegangen nachdem ihre Ausarbeitung unter Zu- der von der Tarifcommt sion entwor enen Begründung beendet war. JXÜS gestalteten sich die Ausführungen über Getreide Holz, Eisen, welche zum großen Theil neu entworfen sind. Die der Tarifcommisflon haben keine Berücksichtigung gefunden. SX fft dem Reichstag ein überaus umfangreiches Maierial übersandt @ ?ntknuenb die Zolltarife der einzelnen Staaten Europas und den Nordamerika, sowie eine Statistik der gurren (Einfuhr au« den verschiedenen Ländern. So gestaltet sich die Zoll- urlSorhge mit «hr-n Motiven zu dem umfangreichsten Entwurf, der jemals