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Nr. ^l6. Zweites Blatt Sonntag, den 23. Februar L87Ä.
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Ailjkige- und Amtsbliltt für den Kreis Gießen.
ReraclionSbureaur 1 Ä , r_ . n ie
SxpeditionSbureaur J Schulstraße v. 18.
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Wochenübersicht.
In der „Prov-Correjp." lesen wir: Unser Kaiser ist von einer leichten Erkältung, welche er sich in den letzten Tagen der vorigen Woche zugezogen hatte, bereite wieder dergtstellt. Se. Moststät konnte sich ununterbrochen den StaatsgesLäflen widmen und empfing den Reichskanzler, den Vtcepräfidenten des Staatemrvistertums, t en Krlegsmimster u. A.
Fürst Bismarck scheint, im Gegensatz zu der im Reichstag vorherrschenden trüben Siiwmung, in bester Laune zu sein. Wahrscheinlich hofft er, daß die innere Zerfahrenheit der Parteien es ihm erleichtern werbe, für seine wirthschafrltchen Projecte eine Majorität zu gewinnen. Auf dem parlamentarischer- Tiner, welches er am 15. d. gab, bezeichnete er sein Programm als einen Weihnachtstisch, von deffen reichem Inhalte sich Jeder auSsucven könne, was ihm beliebe. Uebrigens soll er selbst zugestanden haben, daß seine Be- scheerung bet der öffentlichen Meinung keine gür.stige Aufnahme gefunden. In der That regt fich, während offictöje Organe noch immer Dank- und Zustim- mungsadreffen zu dem Schreiben vom 15. December veröff.nllichen, in den See» und Handelsstädten immer mächtiger eine Gegenströmung, welche sich besonders gegen die Einführung von Getreidezöllen richtet. Mittlerweile hat der Reichskanzler auf dem von ihm beschrittenen Wege einen wetteren Schritt gethan, indem er dem Bundesrath den Antrag zugehen ließ, die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs zur Regelung des Gütertarif wesens auf den Eisenbahnen zu beschließen. Wie vorauszusehen, tritt der an die Zolltarif- tzommijsion gelangte Bericht der Eisen-Enquete-Commlssion für Wiedereinsüh- rrmg der angeblich von allen Jntereffenten gewünschten Eisenzölle ein.
Ueber den Stand der Dinge zwischen Rom und Berlin waren in letzter Zett auffallend günstige Nachrichten verbreitet. Dieselben entbehren rndeß der Glaubwürdigkeit, da Fürst Bismarck selbst bet dem parlamentarischen Diner am 15. d. zwar die Foridauer von Verhandlungen zugestanden, aber zugleich geäußert hat, der Abschluß derselbe sei keineswegs so nahe, wie man vielfach glaube. Auch die Kundgebungen der Centrumspartei und ihrer Preffe, welche einen genauen Gradmeffer für die Beziehungen zwischen dem Vatican und der preußischen Regierung bilden, illustrtren die ungünstige Lage der Dinge deutlich. In einem Augenblick, wo die Führer des Centrums die Aufhebung der bestehenden Kirchen- und Schulgesetze „unter allen Umständen" fordern, und die ultramontane Presse Leitartikel mit der Überschrift: „Wo leben die Katholiken freier, in der Türket oder in Preußen?" bringt, kann von einem Frtedensschluß zwischen Staat und römischer Kirche nicht die Rede * sein. Bemerkenswerth ist, daß neuestens aus dem katholischen Bayern, veranlaßt durch die Ansiedlung preußischer Klosterfrauen in Mühlbach bet Neustadt a. S., Proteste gegen die „Ablagerung des geistlichen Unrathes anderer Staaten" laut werden.
In Belgien brachte der Minister des Auswärtigen in der Kammer den Antrag ein, die Gesandtschaft beim Vatican einstweilen noch beizubehalten, da die Schwierigkeiten, auf welche er bet Regelung dieser Frage gestoßen, noch nicht beseitigt seien: danach besteht also jedenfalls die Absicht, die Gesandtschaft beim heil. Stuhle aufzuheben.
Die Befürchtung, daß die Pest die Grenzen Rußlands überschreiten werde, hat sich in Folge des etngetretenen Thauwetters gesteigert. In Rußland ist man auffallender Weise über die Asperrungs-Maßregeln, welche das Ausland, besonders Deutschland, wider die Seuche getroffen hat, höchst erbittert, doch hat die deutsche Pestcommtssion sowohl in Warschau, wie in Moskau eine sehr entgegenkommende Ausnahme gesunden.
Die österreichische Mtntsterkrtsts ist endlich zum Abschluß gekommen, lindem sämmtliche bisherigen Minister, mit Ausnahme des Fürsten Auersperg - und Dr. Unger, wiederernannt und an Stelle der beiden letzteren Dr. Stre- mayer mit dem Präsidium, Graf Taaffe aber mit dem Ministerium des Innern betraut wurden. Von Jntereffe waren die Aeußerungen des Ministerpräsidenten Tisza im ungarischen Reichstage über die Aushebung des Art. 5 des Prager Friedens.
Die Linke des dänischen Volksthings verlangte, die Regierung solle in geheimer Sitzung Aufklärungen über die betreffs Art. 5 des Prager Friedens gepflogenen Verhandlungen, sowie über die Beziehungen Dänemarks zu den auswärtigen Mächten geben; das Ministerium Estrup hat darauf tndeß bisher nur eine ausweichende Erklärung abgegeben.
Die Engländer haben sich in Folge einer Nachricht über einen Steg ihrer Truppen im Caplande von ihrem anfänglichen Schrecken über die dort erlittene schwere Niederlage einigermaßen erholt. Die Regierung erklärte bei Iber Wiedereröffnung des Parlaments, sie habe die Absendung bedeutender Bestärkungen nach dem afrikanischen Kriegsschauplatz beschlossen. Sonst ist aus England noch zu berichten, daß sich selbst in diesem Mutterland des Frei- handels neuerdings eine starke schutzzöllnertsche Bewegung regt.
In Frankreich hat die neue Regierung durch die einschneidenden Ver- drebeiunßen, welche sie in den Reihen der Armee-Corps Commandanteu und Iber General'Procuratoren vorgenommen, sowie durch Einbringung einer Vortlage über die Amnestie die gemäßigten Republikaner befriedigt. Andererseits list sie freilich auch den radikalen Elementen durch Anerkennung der Marseillaise
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als Nationalhymne, wie durch eine Creditforderung zur Unterstützung der zurückkehrenden Amnestirten nicht wenig entgegengekommen. Doch scheint sie im Ganzen fortan den Weg kluger Mäßigung einschlagen zu wollen. Darauf deuten wenigstens Grevy's Aeußerungen beim Empfang der Pariser General- und Gemetnderäthe. Selbst Gambetta ist, einer Ansprache an seine Wähler nach zu urtheilen, gegenwärtig eifrig daraus bedacht, „sage“ zu sein, um bie Früchte der Republik zur Reife zu bringen._________________________________
Deutschland.
Darmstadt, 19. Februar. Ueber die Vorlage der Großh. Ministerien des Innern und der Finanzen, die Uebernahme der Beiträge zum Eisenbahn- Gelände-Erwerb von Gemeinden, welche nach der Entscheidung des Großh. Obir-Appellationsgerichts über die Entfernungsberechnungen beitragsfrei werden, auf die Staatskaffe betreffend, hat Namens des Finanz-Ausschuffes der zweiten Kammer der Abgeordnete Theobald Bericht erstattet. Der Ausschuß beantragt hiernach, die Kammer wolle nach dem Anstnnen der Regierung die erforderlichen Mittel bewilligen, beziehungsweise sich damit einverstanden erklären, daß die vorläufig auf zusammen 167,593 «X 10 H berechneten Beiträge zum Eisen- bahn-Gtlände-Erwcrb aller derjenigen früher als bettragspfllchtig behandelten und den belrrffenden, mit den Etsenbahn-Gesellschaften abgeschloffenen Verträgen unbedingt oder mit Vorbehalt beigetretenen Gemeinden und selbstständigen Gemarkungen, deren Entfernung von der nächsten dermalen bestehenden Station oder Haltestelle noch Maßgabe der nächstfahrbaren Verbindungswege mehr als 1500 Klafter beträgt, aus die Staatskaffe definitiv übernommen werden.
Der Gesetzgebungs-Ausschuß der zweiten Kammer wird am 27. d. Mts. wieder zusammentreten, um die zur Berathung reifen Referate über noch zu erledigende Gegenstände entgegenzunehmen.
Berlin, 20. Februar. In der gestrigen Sitzung der medicinischen Gesellschaft hielt Profeffor Vrrchow einen Vortrag über die Pest. Er hob hervor, daß es nach neueren wiffenschaftltchen Methoden angestellte Untersuchungen über die Pest nicht gebe. Die älteren Untersuchungen aber widersprächen sich in ihren Resultaten. Im Gouvernement Astrachan herrsche die orientalische Pest. Davon sei zu unterscheiden die durch Prof. Hirsch näher bekannt gewordene indische Pest. Letztere komme vor als epidemische Pali- Pest im westlichen Vorder-Jndien, als epidemische Pest am Himalaya und in einzelnen Orten, von wo sie nie verschleppt wird. Die orientalische Pest komme von Syrien nach Mesopotamien, Persien und dem schwarzen Meere. Die von Deutschland angeordneten Schutzmaßregeln erscheinen dem Redner als auf breiter Basis beruhend. Größere Ländermaffen könnten überhaupt nicht abgesperrt werden. Man müffe dahin wirken, daß die zurückkehrende russische Armee unter ärztliche Jnspectton gestellt werde. Die türkischen Aerzte hätten im letzten Decenntum die Pest vielfach für Fleckentyphus erklärt. Die Pest sei nicht schlimmer als die Cholera. Kranke wären zu isoliren und unter gute äußere Bedingungen zu bringen. Die Pest sei unzweifelhaft contagiös. Worin aber das Contagium bestehe, sei nicht bekannt. Vielleicht würde man bet genauer wiffensckastlicher Untersuchung im Blute die Träger des Contagtums wie beim Milzbrand finden. Wegen der Nichtkenntniß des Contagiums wäre eine genaue Bezeichnung der von der Einfuhr auszuschließenden Gegenstände schwierig. Die rationellste Destnsection sei die in den hiesigen Baracken angewandte trockene Hitze.
Berlin, 20. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Notiz verschiedener Zeitungen, daß der Tarif-Commission das Material zur Tabakssteuer-Vorlage mit dem Auftrag zur Ausarbeitung der entsprechenden Gesetzentwürfe zugegangen sei, ist irrthümlich. Daß in dem preußischen Finanzministerium ein auf die Besteuerung des Tabaks nach dem Gewicht bezüglicher Gesetzentwurf ausgearbettet worden sei und bereits dem Staatsmtnisterium vorliege, dürfte dagegen richtig sein.
— Der „Reichs-Anz." meldet: Die Hasenbehörde in Nizza ordnete für die Provenienzen aus dem Schwarzen und Asow^schen Meere eine zweitägige Quarantäne an und bestimmte, daß die aus den östlichen Mtttelmeerhäfen kommenden Schiffe einer ärztlichen Untersuchung unterzogen werden. Der internationale Gesundhettsrath von Alexandrien verfügte für alle direct aus dem Schwarzen und Asow'schen Meere mit reinen Gesundhettsplänen ankommenden Schiffen dreitägige Quarantäne. Dagegen sollen Schiffe, welche pestverdächtig sind, zurückgewiesen werden, weil kein für Quarantäne geeignetes Lazareth vorhanden ist.
Dänemark.
Kopenhagen, 20. Februar. Heute Abend geht kein Postdampfer aus der Linie Korsör-Ktel. Der große Belt ist mit Eis belegt. Zwischen Seeland und Falster hat der Transport aus dem Eis wieder begonnen.
Rußland.
Petersburg, 20. Februar. Gras Lorts-Melikoff meldet aus Zarizin vom 19. d.: Im Gouvermment Astrachan und den übrigen inficirten Ortschaften sind keine neuen Erkrankungen oder Todesfälle vorgekommen. In den


