Nr. 194. Freitag den 22. August 1879.
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Amtlicher Hheit.
B e l a n n t m a cb u n g.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntnis;, daß, nachdem eine Kuh des Großherzoglichen Bürgermeisters Lang in Wies eck an Lungenseuche gefallen ist, für die bezügliche Stallung, in welcher diese Kuh gestanden, und für die Ställe, welche im Umkreise von zweihundert Schritten um dieselbe liegen, Stallsperre verhängt wurde (stehe Art. 372 des Polizeistrafgesetzes und § 328 des Reichsstrafgesetzbuchs), daß ferner nach ausdrücklicher Vorschrift Großherzoglichen Ministeriums des Innern im Umkreise von drei Stunden um Wieseck von nun an Viehmärkte nicht mehr abgehalten werden dürfen, daß demgemäß Diehmärkte in Gießen bis auf Weiteres nicht stattfinden und daß schon der auf kommenden Dienstag den 26. August ausgeschriebene Diehmarkt ausfällt.
Gießen, den 20. August 1879. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V: vr. Hoffmann, Regierungsrath.
Gießen, am 20. August 1879.
Betreffend: Die Ausführung des Art. 1 des Gesetzes vom 10. September 1878, betreffend die Landes-Brandversicherungs-Anstalt.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern diejenigen von Ihnen, welche noch im Rückstände sind, an die Erledigung unserer Auflage vom 9. Juli l. I. binnen 8 Tagen.
I. V.: vr. Hoffmann, Regierungsrath.
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Aotitischer T-eil.
Deutschland.
Darmstadt, 20. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädtgst geruht:
Am 3. August 1879 den Ober-Staatsanwalt bei dem Hofgerichte der Provinz Starkenburg Dr. Maximilian v. Buri auf sein Nachsuchen, unter Ünerkennung seiner seitherigen treuen Dienstführung, mit Wirkung vom 1. Oc- tober !. Js. an, von seiner Dienststelle zu entlasten.
Darmstadt, 18. August. Die Kunde, daß unter der Herrschaft der am 1. Oktober d. Js. in Kraft tretenden Civilproceß-Ordnung die Hülfsvoll- streckung in Mobilien gegen früher eine wesentlich beschränktere sein werde, hat sich rasch in den dabet interessirten Kreisen verbreitet, und z. B. bet dem hie« -gen Landgericht die Wirkung gehabt, daß in einer einzigen Woche der letzt- oerfioffenen Zett ein ganzes Ries Pfandprotokolle mehr als sonst verbraucht irurde. Es mag diese auffallende Thatsache auch auf den Umstand zurückzuführen fern, daß mit der neuen Organisation die Hülfsvollstreckungen in Mobilien von den Gerichtsdienern auf die Gerichtsvollzieher übergehen werden, unb die Gerichtsdiener nicht wenig zur Verbreitung der Kenntniß von der nach der neuen Gesetzgebung den Gläubigern ungünstigeren Stellung beigetragen. — Der neue Fürst von Bulgarien scheint bereits das Schicksal anderer Souveräne zu theilen und mit Zusendungen von Ordens- oder Geldbedürftigen überschwemmt zu werden. Wie aus besten Privatsecrctariat in hiesigen Blättern ielonnt gemocht wird, sieht sich dasselbe veranlaßt, mitzutheilen, daß Einsendungen von Gedichten, Büchern, Compositionen, Kunstwerken u. s. w. an den Klüften von Bulgarien nur dann eine Beantwortung erfahren können, wenn selche vorher bei der genannten Stelle angemeldet worden sind und die Zu- smdung ausdrücklich verlangt worden ist.
Berlin, 18. August. Nach Ausweis des jetzt zur Vertheilung gelang- lkn Sprechregisters für die letzte Reichstags-Session, deren Berichte übrigens 2365 Druckseiten füllen, hat diesmal der Abg. Richter (Hagen) am häufigsten das Wort ergriffen. In 80 Sitzungen hat derselbe 163mal gesprochen, wählend Windthorst es nur auf 132mal gebracht hat. Dann folgt, mit weitem itbftande, der Abg. Rickert mit 95 Reden und Bemerkungen. An vierter Stelle erst findet sich Lasker 91mal verzeichnet. Kardorff hat es auf 75 Reden gebracht, Hammacher auf 70, Delbrück, Sonnemann und Graf Udo Stolberg nahmen jeder 48mal das Wort, Kleist-Retzow 40mal, Reichensperger (Crefeld) 3-mal, Bamberger 34mal, Stumm 33mal u. s. f. Der Reichskanzler hat diesmal ungewöhnlich oft gesprochen: 21 mal findet er sich als Redner ver- irerkt, darunter nur 8mol zum Zolltarif. — Ordnungsrufe sind 6 ertheilt, und zwar 2 durch Forckenbcck und Stauffcnberg, je einer durch Lucius und Seydewitz. — Die große Zahl der „persönlichen Bemerkungen" sind ein Symptom für die Lebhaftigkeit der geführten Debatten und die Schärfe der Ingriffe, die namentlich von freihändlerischer Seite abzuwehren waren. So haben Richter 18mal, Lasker 10mal, Bamberger 9mal Anlaß zu persönlichen Bemerkungen gehabt, Kleist-Retzow und Windthorst je 6mal. Bringt man die versönlichen und Geschäftsordnungs-Bemerkungen in Abzug, so haben „zur Lache" gesprochen: Richter 98mal, Windthorst 80mal, Hammacher 68mal, Mert 66mal, Kardorff 51mal, Lasker 50mal. — Die Zahlengruppirung schon giebt insofern ein Bild der Debatten, als sie erkennen läßt, daß wirth- schoftliche und finanzielle Fragen den Hauptbestandtheil der Berathungen bildeten.
— In die Hetzereien der russischen Preste gegen Deutschland stimmt
jetzt auch das officiöse Organ des russischen Reichskanzlers Gortschakoff, die „Agence generale Russe", mit folgendem Artikel ein: „Einige unserer Zeitungen greift.^ tie 'deutsche Politik mit einer Heftigkeit an, welche übel angebracht scheinen könnte, wenn sie nicht eine kindliche, der Unschuld nahe Naivetät verriethe. Der erlauchte Kanzler, welcher die Geschicks Deutschlands leitet, verfolgt die Jntereffen seines Landls, wie er es versteht. Man kann sich selbst über seine Rechnung täuschen, aber er täuscht sicherlich Niemand. Er hat ganz kürzlich selbst, bei Gelegenheit der großen, in den inneren Angelegenheiten Dentschlands eingetretenen Aenderungen, sein politisches Princip nut bemerkenswerthem Freimuth dargelegt. Fürst Bismarck hat sein Ziel, er geht entschloffen darauf los. Jeder, der ihn unterstützen kann oder will, um es zu erreichen, ist sein Freund. Nun, richtige Rechnung macht gute Freunde. — Gib, so wird dir gegeben, ist seine Devise. Wenn er so mit seinen Landsleuten verfährt, um so viel mehr muß er von diesem Grundsatz dem Fremden gegenüber Gebrauch machen. Es war daher ganz natürlich, daß er, als er einen Krieg mit Frankreich voraussah, die Freundschaft Rußlands suchte, um sich seinerseits eine wohlwollende Neutralität zu sichern, ohne welche das Unternehmen sehr gefährlich gewesen wäre. — Es war die Sache Rußlands, diese Lage zum besten Vortheil seiner Jntereffen abzuschätzen. Nach dem Kriege von 1870 mußte die Möglichkeit eines französischen Revanche-Krieges auf der deutschen Politik lasten und den hohen Werth der Freundschaft Rußlands aufrecht erhalten, welches damals seine ganzen Kräfte zur Verfügung hatte und in voller Activus- und Bündnißfreiheit war. Heute ist Rußland mit den Orient-Angelegenheiten beschäftigt, Europa selbst hat sich an denselben bethei- ligt; das republikanische Frankreich scheint festzuhalten an dem Bündniß mit England. Die Situation hat sich geändert. Es ist mithin natürlich, daß die Befürchtungen und Hoffnungen der deutschen Politik sich nach derjenigen Seite wenden, von wo Gefahr oder Sicherheit kommen kann, um so mehr, als der gute Wille, welchen man in London sucht, nicht unverträglich ist mit dem in Wien unterhaltenen Jntereffenbunde. In alle dem ist nichts Erstaunliches als das Erstaunen einiger unserer Publicisten. Sie würden klüger handeln, sich an diesen Beispielen zu begeistern, als sich darüber zu beklagen. Man kann gewiß nicht verkennen, daß diese vom Ballast der Traditionen losgelöste Politik eine neue Aera in dem Gang der Cabinete und besonders des unserigen inau- gurtrt. Aber sie hat wenigstens das Verdienst, daß sie keinen Raum für Illusionen, und in Folge dessen für Täuschungen und Vorwürfe läßt."
Straßburg, 17. August. Dem „Pf. K." wird über die Auflösung der Turnvereine geschrieben: „Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen im Juni d. Js. mittheilte, wie die einheimischen, speciell aus Elsäffern bestehenden Turnvereine gelegentlich der Abhaltung ihres Gauturntages dahier durch vollständiges Jgnoriren der altdeutschen Turnvereine bei den Einladungen, durch Ausschmückung des Festplatzes mit den französischen Farben, durch Hinweg- laffung deutscher Fahnen und durch Ausschluß der deutschen Sprache beim Commando, bei Trinksprüchen u. dergl — eine Art deutschfeindlicher Demonstration verübten. Es versteht sich darnach von selbst, daß diese Braven auch letzthin die Thiersfeier in Nancy benützten, um sich dort „als die treuen Söhne Frankreichs" aufzuspielen. Einzeln, als „Bürger", zogen sie hier ab nach Nancy, um, dort angekommen, sich zu sammeln, die heimlich mitgebrachten Fahnen zu entfalten und damit die Bewunderung der „Stammesbrüder' einzuernten. Es war gar zu schön, und das „Elsäffer Journ", das für die Elsäffer in Einem fort eine Behandlung als Deutsche erster Klaffe verlangt, machte keinen Muckser dazu. Doch das Unglück reitet schnell. Vorgestern


