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Donnerstag den 20. November

Nr. 271.

A«M- M Amtsblatt für den Kreis Gieße».

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Der Großfürst-Thronfolger in Berlin.

Der Großfürst und die Frau Großfürstin sind als.Sonntagsgäste in Berlin eingetroffen; ihr Zögern, die deutsche Kaisetstadt zu erreichen, schien von der Natur begünstigt zu werden, denn durch ein heftiges Schneegestöber verspätete sich der Zug um eine Stunde. Kein osficieller Empfang fand statt, nur der russische Botschafter in Civtl und der Polizeipräsident begrüßten das hohe Paar. Der Großfürst, ein Mann von sechs Fuß Höhe, grüßte die Herren mit einem Händedruck; die Frau Großfürstin, eine schlanke und anmulhige Erscheinung, nahm den Handkuß entgegen, und dann ging es fort nach dem russischen Botschaftspalais, wo ein Doppelposten des Kaiser-Alexan- der-Grenadier-Regiments saluttrte. Das großfürstliche Paar begab sich zunächst zum Gottesdienst in die griechische Kapelle. Der Großfürst fuhr darauf beim Kaiser vor, Nachmittags findet ein Galadtner im Schlöffe, Abends eine Vor­stellung im Opernhause statt.

Doch die Aeußerlichkeiten sind ja bei diesem Besuch Nebensache gewor­den. Die Reise des Czarewitsch von Paris nach Gmunden, Wien und Berlin gilt einmal als hochpolitische Wanderung im Interesse der russischen Haus- polttik. Die Legende erzählte, der Großfürst habe keine geringere Aufgabe, als die Wiederherstellung der heiligen Allianz. Minder Vertrauensselige sprachen die Befürchtung aus. es könne dem Czarewitsch gelingen, das deutsch- österreichische Bündniß zu lockern und Preußen wieder seinen Hof-Traditionen gemäß zu dem alten Bunde zu führen, welcher die Romanoff's und die Hohen- zollern umschlang. Und wenn auch die Politik der drei Herrscherfamilten aus­einander geht, so sollen doch, wie endlich Andere meinten, durch den Großfür­sten im Auftrage des Czaren den Höfen von Berlin und Wien wenigstens die Beweise überbracht werden, daß die persönlichen Beziehungen nicht gelitten haben.

Aut dies letztere Resultat dürste sich in der That der Besuch des Großfürsten beschränken. Nachdem einmal die deutschen, wie die österreichischen Hoskreise, in innmr Uebereinstimmung mit den Völkern, von der Unzuver­lässigkeit des russischen Hofes überzeugt sind, ist das alte Freundschaftsoer- hältniß für immer gelöst. Man wird dem russischen Thronfolger seine antideutschen Gesinnungen nicht übel deuten, denn er folgt darin einem natio­nalen Antriebe des slavtschen, und darum deutschfeindlichen russischen Volkes, man wird ihm auch die Gelüste nach einer franco-russischen Allianz nicht nach­tragen, denn man weiß, daß er an diesem Streben weniger Antheil hat, als Fürst Gortschakoff. In Beilin specieü ist man zu sehr von dem gegenwärtigen Frte- densbedürfniß Frankreichs, dem Graf St. Ballier in Varzm Ausdruck gegeben haben dürfte, überzeugt, als daß man an Verwickelungen irgend welcher Art von jener Seite denkt. So wird man also dem Großfürsten in liebenswür­digster Weise gestatten, dem Czaren zu melden, daß die persönlichen Beziehun- gen der Dynastien nicht gelitten haben. Das ist aber auch Alles, denn die Ansichten der Völker laffen sich nicht wechseln wie die Handschuhe. In Deutschland hat das Vertrauen auf Rußland gründlich und für immer abgewirthschaftet.

bereitet werden, die sich» gegen die Annahme des Schanksteuergesetzes aussprechen. Wie gefährlich und tief einschneidend das Gesetz für eine große Anzahl von Existenzen wirken würde, geht aus der einfachen Thatsache hervor, daß selbst große Communen von dem ihnen zugewtesenen Geschenk der Schanksteuer nichts wiffen wollen und deffen Ablehnung beantragen. Im Abgeordnetenhause dürfte, wie man hört, der Abg. Zelle die Bedenken gegen den Entwurf, welche u. A. auch de; Berliner Magistrat gegen denselben hat, des Näheren aussühren. , t ,

Aus Schwarzburg - Sondershausen, 16. Novbr. Die durch den Noihstand in unferm Lande ap, härtesten "betroffenen Orte sind: Alten­feld, Mafferberg, Neustadt und Oelse, indeüi die Ernte in letzteren kaum einem Dritttheile, zum Theil sogar nur einem Vtertheile einer gewöhnlichen Ernte im Durchschnitt gletchkommt, imb noch wett hinter der schon sehr spär­lichen Ernte des vorigen Jahres zurückbleibt. In vielen Familien sind jetzt schon die Kartoffeln aufgezehrt und wenn auch durch Waldwegebauten einiger­maßen für Gelegenheit zur Arbeit und zum Verdienst gesorgt ist, so steht doch zu befürchten, daß namentlich bei denjenigen, welche vielleicht in Folge kör­perlicher Schwäche oder aus ähnlichen Gründen von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch machen können, die Nothlage sich im Lause der nächsten Monate noch steigern wird. Was die in Mafferberg 'ausgebrochene Typhus-Epidemie betrifft, so ist sie bis jetzt zwar noch auf mäßige Grenzen beschränkt geblie­ben, dock läßt sich keineswegs im Voraus bestimmen, ob der Verlauf der Krankheit, welche sich nach ärztlichem Gutachten als Abdominal-Typhus charak- terisirt, derselbe bleiben und nicht vielmehr, trotz der getroffenen Voibeugungs- maßregeln, größere Ausdehnung annehmen werde.

Von der Ostseeküste, 15. Novbr. Es ist ganz unverkennbar, schreibt man derAugsb. Allg. Ztg.", daß seit ungesähr Jahresfrist von Seiten des preußischen Kriegsmintstertums eine vermehrte Sorgfalt aufgewendet wird, um längs der Untschen Ostseeküste alle Anstalten für eine etwaige Defensive mög­lichst zu verstärken: Besonders der Anlegung strategisch wichtiger Küstenbah­nen, der Befestigung der Häfen und der genauesten Erforschung aller Ver- hältniffe der Küstenstriche, die bet einer etwaigen Verthetdtgnng gegen Landungsversuche auswärtiger Feinde von Nutzen sein könnten, wendet man die größte Aufmerksamkeit zu. In dieser Absicht fanden in den letzten Wochen in Mecklenburg und an der Q(tfeefü|le unter g^rung be6

Oberstlieutenants v. Unruh wieder sehr umfangreiche, vom Generalstabe ange­ordnete Bereisungen statt. Ebenso waren schon im letzten Sommer mehrere Kanonenböte unserer Kriegsflotte längs der deutschen Ostseeküste eifrig mit Forschungen über die Verhältntffe des Meeres, Meffungen, Peilungen und Sondirungen der Einfahrten in die verschiedenen Häsen und genauer Aufnahme aller Stellen längs der Küste, an denen die Möglichkeit einer feindlichen Lan­dung annehmbar ist, beschäftigt. Auch die Pläne zur Ausstellung einzelner eiserner Panzerthürme an mehreren dazu besonders geeigneten Stellen und zur Anlegung von Schlenensträngen, um schwere Geschütze schnell und ohne son­derliche Kosten dahin transportiren zu können, sind in Berlin bereits ausgearbeitet.

Mühlhausen, 16. Novbr. DieMainzer Neue Ztg." (ultramon­tan) , thetlt das Schreiben mit, durch welches der Stadtpfarrer Wtnterer in Mühlhausen sein Erscheinen beim Empfange des Statthalters ablehnte. Das­selbe lautet:Die Einladung ist wohl nicht an den Reichstagsabgeordneten, sondern ari den Pfarrer gerichtet. Der Pfarrer aber kann leider nicht ver- aeffen, daß ihm die Seelsorge einer katholischen Bevölkerung von nahezu 36 000 Seelen anvertraut ist, welche sich in ihren heiligsten Rechten tief ver­letzt fühlen (!) Meine Pflichten gegen Gesetz und Obrigkeit habe und werde ich nickt vergeffen. Ick würde aber glauben, Se. Excellenz den Statthalter über unsere Lage in Mühlhausen zu täuschen, wenn ich bet dem Empfange erscheinen würde."

Hetzerreich.

Wien, 17. November. Meldung derPolit. Corresp." aus Konstanti­nopel : Musurus Pascha wurde von der Pforte bereits am 14. ds. beauf- tragt, Salisbury die positivsten Zusicherungen über ihre ernste Absicht zu geben, baldmöglichst zur Durchführung der Reformen nicht blos in Klemasien, sondern auch in den europäischen Provinzen zu schreiten. Musurus zeigte gleichzeitig die demnächstige Berufung Baker Paschas auf einen wichtigen Posten atx _ In einer jüngst erlaffenen Note des Ministers des Auswärtigen, Savas Pascha, an den Agenten Bulgariens wird wiederum Beschwerde erho- ben über die üble Behandlung der Mohamedaner in Bulgarien. Aleko Pascha wurde Samstag vom Sultan zur Tafel gezogen.

DasFremdenblatt" veröffentlicht einen eingehenden Bericht über die Conserenz sämmtlicher Partetobmänner bet Gras Taaffe betreffs der Wehr- frage. Taaffe betonte, dte Wehrfraqe sei keine Parteifrage, sondern eine Reichs« und Existenzfrage. Man müffe über eine schlagfertige Armee versu- gen, wolle man einerseits in den orientalischen Verhältniffen Ordnung herbei- führen, andererseits den Frieden erhalten. Falls der intacte Armeeverband.an kurze Kündigungsfristen geknüpft wäre, könnte Oesterreich künftig kaum kräftige

Deutschland.

m. Darmstadt, 18. Novbr. Der Abgeordnete Freiherr von Nordeck zur Rabenau hat wie s. Z. mitgetheilt, bei der zweiten Kammer der Stände den Antrag eingebracht, die'Großh Staatsregierung zu ersuchen: 1. eingehende Untersuchung darüber anzu­stellen, inwieweit der Bau von localen Secundär-Eisenbahnen geeignet sei, die Rentabi­lität der vorhandenen Eisenbahnen zu heben, den Absatz landwirthschaftlicher Erzeug­nisse, sonstiger Rohproducte und Fabrikate, sowie den Verkehr überhaupt zu erleichtern; 2. ferner so bald als möglich Vorlage auch darüber zu machen, inwieweit die Erbauung solcher localen Secundärbahnen durch Maßregeln der Gesetzgebung und Verwaltung, beziehungsweise durch Staats-, Provinzial, Kreis' oder Gemeindebeihülfe zu unter­stützen sein würde. Noch bevor dieser Antrag bei der 2. Kammer emgebracht war, waren die Einladungen zu einer nach Echzell auf den 8. October d. I. einberufenen Versammlung von Vertretern derjenigen Gemeinden, sowie größerer industrieller und landwirthschaftlicher Besitze ergangen, welche ein Interesse an der Erbauung einer der natürlichen Vei kehrsrichtung folgenden Eisenbahnstraße in der Richtung von der Station Mücke der Gießen - Fuldaer Eisenbahn über Laubach und Hungen durch die Wetterau und mit dem Endpunkt Friedberg oder Nieder - Wöllstadt haben. In dieser von den Vertretern von 18 Orten besuchten Versammlung wurde beschlossen, ein Comite zu er­nennen mit der Aufgabe: 1. bei Großh. Regierung sowohl, wie bei den beiden Kam­mern der Stände dahin zu wirken, daß womöglich noch dem jetzigen Landtage ein Ge­setzesentwurf wegen Erbauung und Subventionirung von Secundärbahnen im Groß- Herzogthum vorgelegt werde; 2. die Interessenten an der Erbauung der Strecke Mücke- Friedberg zu bewegen, diejenigen Mittel aufzubringen, welche nöthig sind, um eine specielle Aufnahme der'Bautrace nebst Berechnungen zum Zwecke der eventuellen Con- cesssonseinholung unfertigen zu lassen. In Folge dieses Beschlusses trat nach einem an beide Kammern der Stände gelangten Schreiben des Präsidenten des genannten Comites, Sr. Erlaucht des Grafen Friedrich zu Solms-Laubach, unterm 11. d. Mts. zu Hungen das Comite zusammen und faßte den Beschluß, zunächst die beiden Kammern der Stände zu bitten, nicht nur dem Anträge des Freiherrn von Nordeck zur Rabenau Folge zu geben, sondern auch speciell die Großh. Staatsregierung um alsbaldige Aus­arbeitung und Vorlage eines Gesetzesentwurfes wegen Erbauung und Subventionirung von Secundärbahnen im Großherzogthum ersuchen zu wollen. Das Schreiben enthält die Bitte an beide Kammern der Stände, diesem Beschlüsse bei der Großh. Regierung die geeignete Unterstützung zu Theil werden zu lassen.

Berlin, 17. Novbr. DieVolksztg." vernimmt, daß von einigen Magistraten größerer Städte Petitionen an beide Häuser des Landtages vor-