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Nr. 91. Zweites Blatt. Sonntag, den 20. April 1879.
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Mige- ul Amtsblatt für kn Kreis Gießen.
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politischer HHeil.
Wochenübersicht.
Tie Besserung in dem Befinden unseres Kaisers schreitet stetig fort. Seine Abreise nach Wiesbaden zur Frühlingskur ist am Donnerstag Abend erfolgt
Das öffentliche Interesse ist noch immer den neuen Zoll- und Steuergesetzen zugewandt. Den Reichstags-Abgeordneten sind außer dem neuen Zollt ns auch die Entwürfe des Tabaks- und des Brausteuergesetzes, welche gleichzeitig der Oeffentlichkeit übergeben wurden, nachgesandt worden: es fehlte ihnen also während der Festzett nicht an Beschäftigung. Der Bundesrath hat sich, ebenso wie Fürst Bismarck selbst, gor keine Ferien gegönnt, sondern ist in Berlin verblieben, um die ihm obliegenden Aufgaben noch vor dem Wiederzusammentritt des Reichstags aufzuarbeiten.
Ueber den Stand der Dinge zwischen Berlin und Rom waren in letzter Zett widersprechende Mitlheilungen verbreitet. Während das polnische Organ des Erzbischofs Ledochowsky behauptet, die Verhandlungen gingen raschen Schrittes ihrem Abschluß entgegen, erklärte die „Germania", Alles, was geschehe, stimme die Hoffnungen auf Frieden zwischen Staat und Kirche herab, der Stand der Verhandlungen sei ihres Wissens nicht günstig.
Die aus Vertretern der deutschen, italienischen und schweizerischen Regierung bestehende Conserenz zur Prüfung des Finanzauswetses der Gotthardt- babn-Gesellschaft hat letzteren genehmigt: die ferneren Beiträge Deutschlands und Italiens — und mit ihnen der glückliche Fortgang des großartigen Unternehmens — sind damit gesichert.
Aus Rußland kommen fortwährend Meldungen von nihilistischen Morden. Trotz der Nachricht, daß Kaisir Alexander selbst ein Schreiben von dem r ihilistischen Centrai-Comitö erhalten habe, worin ihm mitgetheilt wurde, daß ihm und seiner Familie keine Gefahr drohe, sondern nur den Organen der Regierung, ist am 14. d. ein Mordanfall auf denselben gemacht worden. Der Kaiser empfing aus ollen Schichten der Bevölkerung und von fast allen Höfen sofort die lebhaftesten Glückwünsche zu seiner Errettung aus Mörderhond.
England hat Hiobsbotschaften von seinen Kriegsschauplätzen erhalten. In Afghanistan ist eine ganze Schwadron Hasaren elendiglich ertrunken, im Caplande wieder eine Proviant- und Munittons Colonne in die Hand der Feinde gefallen und sogar ein Aufstand unter den „Boers" im Transvaal-Lande aus- gebrochen. Alles dies hat einen tiefen Eindruck auf das englische Volk gemacht, doch ist die Regierung nach Wie vor entschlossen, den Widerstand mit Gewalt zu brechen. Der Staatssecretär der Colonien erklärte im Parlament, nur die vollständige Unterw«rsui g des Zulukönigs könne die Colonie sichern. Die Aussicht aus einen schließlichen Sieg wird durch das allmälige Eintreffen der Truppenverstärkungen bedeutend erhöht.
In Frankreich wird der Culturkampf von Tag zu Tage heftiger. Nachdem die Bischöfe mit ihr«n Protesten die Agitation gegen die Ferry'schen Gesetze eingeleitet, wird dieselbe auch durch die niedere Geistlichkeit von der Kanzel herab unter das Volk getragen: schon haben in Folge aufbetzender Predigten Scondalfcenen in den Kuchen fMtgefunben, welche die Behörden zwa, gen, die Fortsetzung dr Predigten zu untersagen und die belr. Geistlichkeit in Anklogezusto,d zu versetzen. Besonders wüthend sind He Klerikalen darü Btt, duß Garnbetta es g'wagt hat, eine Petition von Bischöfen an die Kammer zurück^uweisen, weil deren Unterschriften nicht, wie dcs Gesetz es vorschreibt, von den Ortsbürgermeistern beglaubigt waren. Die Regierung, welche fühlt, daß sie mit den Ferry'schen Vorlagen st.hen oder fallen muß, scheint indeß durch das Wuthgeheul ihrer Gegner in ihren Entschlüssen nur um so fester zu werden : die Minister des Innern und des Cultus versicherten wenigstens im Budgetausschuß, daß sie entschlossen seien, der Geistlichkeit gegenüber das Gesetz unter allen Umständen zur Geltung zu bringen. Angesichts des der gemäßigten Richtung der republikanischen Partei günstigen Ausfalls der jüngsten Ersatz, wählen glaubt die Regierung auch, wie Minister Lbpöre auf einem von den neuen Pariser Maires zu seinen Ehren veranstalteten Banket erklärte, auf der Verlegung der Kammern nach Patts bestehen zu dürfen. Bemerkenswerth ist, daß der finanzielle Aufschwung des Landes fortdauert indem die dtrecten Steuern während der 3 ersten Monate d. I. wieder 17 Mill, mehr als veranschlagt, eingebracht haben l
Italiens Hauptstadt ist durch den Besuch Garibaldis überrascht worden. An eine neue kriegerische Unternehmung denkt der alte Freischärler freilich nicht — schon um seines traurigen Gesundheitszustandes willen, der ihm nicht einmal erlaubt, von seinem Bette aufzustehen. Man glaubt indeß, daß er außer dem Wunsche, in Rom Heilung von seinen Leiden zu finden, die Absicht habe, den König zu einer Aenderung des Cabinets zu veranlassen. König Humbert bat es für seine Pfl cktt gehalten, den Mann, der seinem Vater Neapel und Sicilien in den Schooß geworfen, bald nach seiner Ankunft mit einem längeren Besuch zu beehren. __________
Aukland.
— Der „Slav. Corresp." bringt folgende an den Czaren gerichtete revolutionäre Proclamation, die in Petersburg durch drei auseinander folgende Rächte (31. März, 1. und 2. April) an sämmtlichen Straßenecken angeschla-
gen erschien. Die Proclamation, welche die gewöhnlichen revolutionären Embleme und die Bezeichnung „Wola-Semlja" enthält, lautet in wortgetreuer Uebersetzung:
„An Herrn Alexander Nikolajewitsch. <
Die Warnungs- und die Drohbriefe, sowie die Uttheilssprüche, welche wir, die unsichtbaren Anwälte des blutig unterdrückten russischen Volkes, den verschobenen Trägern des jetzt in Rußland herrschenden despotischen Regierungssystems zukommen ließen, fallen insgesammt in das Bereich unserer vorbereitenden Arbeiten und ceshalb erscheinen weder Sie noch die Mitglieder Ihrer Familie vorläufig nicht in- Geringsten von einem Executtvorgan bedroht. Vorerst wollen wir ten Augiasstall der Despotie in seinen untersten Kloaken reinigen, das Volk von administrativen Wütherichen befrtten, welche dasselbe schuldlos in Gefängnisse weisen, dort erbarmungslos züchtigen, hungern und dursten lassen und hierauf des „Anstandes halber" auf den Galgen oder in die Minen der Polarregionen führen. Wir sitzen zu Gericht und werden schonungslos unseres Amtes walten, und vor keinem Mittel zurückschrecken, welches uns zu unseren erhabenen Zielen führt.' Wir werden die Höllenbrut der blutigen Despotie mit Feuer und Eisen vertilgen . . . Dem Henker rufen ihre Opfer zu: Morituri te salutant! Und immer wollen Sie, Alexander Nikolajewitsch, unsere warnende Stimme nicht hören, um den Tyrannen Halt zu gebieten, so erklären wir Ihnen, daß cs schließlich an Tyrannen fehlen wird, welche sich zu ausführenden Organen Ihres Regimes werden hergeben wollen . . . Und wollen Sie unserer Stimme kein Gehör schenken, so erhören Sie die Stin me der „rechtmäßigen" Vertreter des Volkes: die Stimme der Provinzial Vertretungen, welche eine bloS „freiheitliche Gesetzgebung" verlangen . . . Wohin soll endlich dieses System Rußland führen? Die civilisirte Welt verhöhnt und verachtet uns, spricht uns die Menschenwürde ab. Materiell ist ganz Rußland zu Grunde gerichtet. Unsere großen und unerschöpflichen Hülfsquellen sind dem Versiegen nahe gebracht worden. Das Bildungssystem in Rußland ist ein VerdummungSsystem im vollsten Sinne des Wortes geworden. Die Armee Ihrer Tschinowniks ist nichts Anderes, als eine grausame und unersättliche D'eb- bände. Tie Justiz spricht der Gerechtigkeit Hohn. Ihre Gouverneure, Polizeimcister und Generäle sind wahre Satrapen, welche eines Terxes oder Darius würdig erscheinen. Ueberall, wohin man blickt, Dummheit gepaart mit Grauiamkeit, wollüstige Verschwendungssucht, vereint mit der Nimmersatten Volksaussaugerei . . . Nur der Militarismus erfreut sich Eurerseits einer väterlichen Pflege und Gunst . . . Bedenken Sie, Alexander Nikolajewitsch, wohin dies Alles führen wird und muß. Sie steuern direct dem Abgrunde zu und deshalb wollen wir Ihr Leben schonen.
Das Executiv-Comitö."
Und diese Proclamatton konnte trotz aller Polizei-Wachsamkeit 3 Nächte hintereinander in Petersburg auf allen Gassen und Märkten veröffentlicht werden, ohne d ß die Urheber abgefaßt wurden?!
Petersburg, 17. April. Die „Agence Russe" erklärt wiederholt die Nachricht, daß Rügland den Zusammentritt einer Conferenz beantragen werde, fü- vollständig unbegründet.
Lokales.
Gießen, 19. April. (Sitzung der Stadtverordneten am 17. April.) Anweseno: Herr Bürgermeister Bramm, Herr Beigeordnete Keller; von Seiten der Stadtverordneten: die Herren Baist, Diery, Gail, Grüneberg, H-vch, Homberger, Kauf, Lüde- fing, May, Ad. Noll, Aug. Noll, Pfannmüller, Sckeel, Schopbach, Wenzel und Wortmann. — Unter Beiwohnung des Herrn Steucreommifsärs wurden in die Einschätzungs-Commission für die I. und II. Abtheilung die früheren Mitglieder und Ersatzmänner wiedergewählt mit Ausnahme des Herrn Bürgermeisters in der I. und des Herrn C. Gail in der 11. Abtheilung, an deren Stelle Herr Julius Höch, bczw. die Herren L. Kauf und als Ersatzmann Herr Emil Steinberger treten. — Bekanntlich ist die hiesige katholische Schule als solche aufgehoben und den städtischen Schulanstalten einverleibt worden. Das Vermögen derselben beträgt 2630 J4 57 und übernimmt die Stadt dasselbe, wogegen sie sich verpflichtet, das katholstche Pfarrhaus, worin seither die Schule sich befand, wieder Herrichten zu lasten. — Pos. 3 der Tages-Ordnung handelt von der Straßen- Reinigung. Der Versammlung wird mitgetheilt daß ein Theil der Bewohner der Schulstraße bei dem Kreis-Ausschuß Beschwerde gegen den Beschluß der Stadtverordneten eingelegt habe, wonach ein früherer Gemeinderaths- bejchluß, die Schulstraße auf Kosten der Stadt reinigen zu lassen, wieder aufgehoben wurde. Zweitens wird ein Bericht des Polizei-Wachtmeisters verlesen, worin darauf aufmerksam gemacht wird, daß die Reinigung der Droschkenhalteplätze wohl auf Kosten der Stadt zu geschehen habe. Die Versammlung genehmigt k. h. einen Vertrag mit einem hiesigen Einwohner, welcher die Reinigung zu 30 H per Tag übernimmt. Die Hauptdebatte veranlaßte jedoch der Antrag der Bau Deputation, dah das Reglement vom 7. Oktober 1878, bctr. Reinigung und Wegsamkeit der Sttaßen nnd Plätze :c. wieder aufgehoben und der frühere Modus der Stratzenreinigung wieder hergestellt werde. Nach sehr erheblichen und ausführlichen Debatten, bei welcher sich die Herren Diery, Gail, Aug. Noll und Grüneberg für das Reglement, der Herr Büigermeister, Herr Homberger, Wenzel und Ad. Noll gegen dastelbe aussprechen, beschließt die Versammlung mit knapper Majorität bei Großh. Ministerium zu beantragen, daß es der Stadt Gießen gestattet fein möge qu. Reglement wieder aufheben zu dürfen. — Herr Ehr. Keller war bisher Pächter des städt. Steinbruchs int Hangelstein. Derselbe hat den Bruch an Herrn Fr. Wirbelaner in Wieseck weiterverpachtct. Die Versammlung genehmigt den Pachtvertrag und sieht nunmehr Letztgenannten als Pächter an. — Zur Unterhaltung der städt. Wiesen wird der erforderliche Gras- und Kleesamen zur Anschaffung aus der Hand genehmigt — Am Wallthor vor den beiden Thothäuschen sollten die Gärtchen entfernt und Bousquets mit Rubebänken angebracht werden. Letztere werden nunmehr aus erläuterten Gründen nicht dahin placirt. — Die Baugesuche des Herrn 8. Nauf, welcher an der Wallrhor^ schoor ein Wohnhaus erbauen will, des Herrn Weißbinder Kämmerer, welcher eine Waschküche, der Frau Aug. Nauheimer Wittwe, welche im Ehr. Löver schen Hause auf der Grünberger


