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Str. 67» Donnerstag, den 20 Marz L879.

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politischer THeil.

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Darmstadt, 17. März. In der heutigen (25.) Sitzung der zweiten Kammer der Stände erklärte dieselbe in Uebereinstimmung mit dem Ausschüsse den Antrag des Abgeordneten Heidenreich, die Erhöhung der zur Unterstützung von Gemeinden in Schulhausbauten im Staatsbudget eingestellten Summen von 36,000 Mk. auf 72,000 Mk. betreffend, mit Rücksicht auf die von Großh. Regierung gegebene Erklärung für erledigt. Dem Anträge der Abgg. Kugler und Schroder über den Antrag des Abg. Reinhardt, Großh. Regierung zu ersuchen, ihre Vertreter beim Bundesrathe und der Zolltarifcommission dahin zu instruiren, daß an dem seitherigen System der Handels- verttäge festgehalten werde und daß unter keinen Umständen Eingangszölle auf Roh- producte, welche seither nicht besteuert waren und die wir in Deutschland in nicht genügender Menge produciren, erhoben werden, zur Tagesordnung überzugehen, trat die Kammer bei. Der Entwurf des Finanzgesetzes, sowie der Hauptvoranschlag der Staatseinnahmen für die Finanzperiode 1879-82, insbesondere Hauptabtheilung III, Dwecte Steuern" undAußerordentliche Einnahmen", wurde nach längerer Debatte über die Provinzialstraßenbauschuld und die Weinsteuer angenommen. Der Antrag des Abg. Wasserburg, den Gesetzentwurf, die Strafgewalt des Reichstags über seine Mit­glieder betreffend, fand durch Zurücknahme seine Erledigung. Die Kammer vertagte sich hierauf auf unbestimmte Zeit.

Berlin. DemCorr. v. u. f. Deutsch!." wird geschrieben: Unter den Finanzzöllen ist bekanntlich der Hauptartikel Kaffee. Der Koffeezoll, welcher jetzt 17 «X 50 H beträgt, bringt gegenwärtig 33^ Mill. eX oder ein Drittel der pesammten Zolleinnahmen auf. Erst 1870 wurde dreser Zoll um 2^/z -X. erhöht, nachdem er 1854 von 19y2 auf 15 «X ermäßigt worden war. Im Herbst 1877 schlug Varnbüler in derPost" eine Erhöhung des Kaffeezolls auf 21 <X vor. Gerade bei Kaffee aber droht eine weitere Erhöhung sich alsbald durch eine Abnahme des Verbrauchs zu strafen, welche möglicherweise bei höherem Zoll weniger Gesamwteinnahme bringt als bei niedrigerem. Die Familie braucht jetzt durchschnittlich einen Viertelcentner Kaffee jährlich. Die Vertheuerung bewirkt alsbald den stärkeren Verbrauch von Cichorien und in gewissen Landestheilen von Branntwein. Mit Recht bemerkte in dieser Be­ziehung der Abg. Löwe (Bochum) schon im Zollparlament, daß die Verbreitung eines billigen, nicht alkoholart'gen warmen G tränkes wie Kaffee das Familien­leben und damit die Sittlichkeit fördere, indem es die Männer dazu bringe, im Kreise ihrer Familien ihre Mahlzeit zu nehmen und nicht in Wtrihshäuserrr beim Alkohol diejenige Anregung zu suchen, die ihnen bei ihrer Arbeit nun einmal nothwendig ist. Auch Miquel bezeichnete darum 1870 eine niedrige Kaffeebesteuerung als eine eminente Cultursrage. Die Nationalliberalen lehnten ,m Zollparlament die Zollerhöhung in zweiter Lesung ab, nahmen sie aber in dritter Lesung an. Beim Kaffee ist insbesondere noch von jeder Zollerhöhung die Vermehrung des Schmuggels aus dem Kaffeestaat Holland zu fürchten, wo der Kaffee gar nicht besteuert ist.

Berlin, 17. März. Zwischen Deutschland und Rußland, oder wenn man genauer sein will, zwischen Fürst Bismarck und Fürst Gortschakoff, ist eine Erkaltung der Beziehungen eingetreten, welche, allerdings schon seit gerau­mer Zeit datirend, dennoch erst in den jüngsten Wochen einen ziemlich acuten Charakter angenommen zu haben scheint. Zunächst sind es Artikel der mehr ober minder inspirirten Petersburger Presse, in welcher eine Verstimmung gegen Deutschland zu Tage tritt, als befänden wir uns schon am Vorabend eines Zusammenstoßes beider Reiche, an den zur Zeit natürlich nicht zu denken ist. Von deutscher Seite wird nun diesen feindlichen Strebungen soeben eine entsprechende Beleuchtung zu Theil in einem Aufsehen erregenden Artikel der LeipzigerGrenzboten", deren jetziger Redacteur derselbe Dr. Moritz Busch ist, besten Subventionen in bem Buche:Graf Bismarck unb seine Leute" so unendlich viel Leser unb kein amtliches oder halbamtliches Dementi erfahren haben. Der ersichtlich auf sehr guten Informationen beruhende Artikel, beti­telt:Gortschakoff'sche Politik", macht den russischen Staatskanzler und seinen Adlatus Baron Jomint, trotz der erfolgten amtlichen Ableugnung für die deutschfeindliche Haltung des PetersburgerGolos" verantwortlich und sagt unter Anderem, es sei allerdings in Frage gewesen, den Fürsten Gortschakoff durch den jetzigen russischen Botschafter in Konstantinopel, Fürsten Lobanoff, zu ersetzen, allein der Kanzler wolle, so lange er lebe, um keinen Preis die Zügel der Regierung aus der Ha, b legen, obwohl er eingestandenermaßen nicht die Politik Kaiser Alexanders vertrete. DerGrenzboten"-Artikel greift auf einen Zwischenfall vom Mai 1875 zurück, wo Gortschakoff vorgab, Europa den Frieden gerettet zu haben, um nachm weisen, daß der russische Staatsmann und Diplomat von sehr zweifelhafter Begabung sei, der, obwohl er zur Zeit der Reichstädter Begegnung zwischen dem Czar und dem Kaiser von Oesterreich geäußert: Er wolle nicht abtreten wie eine verlöschende Lampe, sondern wie ein niedergehen­des Gestirn", doch durch die Art seiner Diplomatie während der letzten 4 Jahre bewiesen habe, daß ihm, um einem Gestirn zu gleichen, die nöthigen glänzen- den Requisiten völlig abgingen. Das Hauptgewicht in den Ausführungen des Artikels ist aber auf die Andeutung zu legen, daß Fürst Gortschakoff noch immer ein Zusammengehen mit Frankreich im Auge zu halten scheine, das schließlich nur gegen Deutschland gemünzt sei. Es wäre zu wünschen, daß man, als Graf Schuwaloff neulich hier mit den maßgebenden Personen con- serirte, auch ihm gegenüber diese Befürchtungen ausgesprochen hätte; denn bann könnte man hoffen, daß dafür rechtzeitig gesorgt würde, die französischen

Allianzbäume des Fürsten Gortschakoff nicht in den Himmel wachsen zu lasten. *

Berlin, 17. März. DerRegier.-Anz." publicirt einen vonllHomburg vom 7. August 1878 datirten von dem Kronprinzen unterzeichneten Erlaß, betr. den Uehergang der Verwaltung der Domänen und Forsten von bem Finanzministerium auf bas landwtrthschaftliche Ministerium, die Bilbuug eines eigenen Ministeriums für Hanbel unb Gewerbe unb ben Verbleib ber übrigen bisher im Ministerium für Handel unb Gewerbe unb öffentliche Arbeiten ver­einigten Verwaltungszweige bei biefem künftig die BezeichnungMinisterium der öffentlichen Arbeiten" führenden Ministerium; ferner einen von dem neuen Palais in Potsdam vom 14. October 1878 datirten, gleichfalls vom Kron­prinzen unterzeichneten Erlaß, betr. die Ueberweisung des technischen Unter­richtswesens an den Cultusmiuister.

Die Besserung im Befinden Sr. Majestät des Kaisers ist während ber letzten Tage erfreulich fortgeschritten. Um bies aber noch mehr zu förbern, soll auf Aurathen ber Aerzte Veranlastung zu größeren körperlichen Anstren­gungen in nächster Zeit noch vermieden werben; aus dieser Rücksicht wird zur Feier des Geburtstages des Kaisers eine größere Abendftstlichkeit im königl. Schlöffe, wie solche in früheren Jahren veranstaltet wurde, diesmal nicht stattfinden.

Gesterreich.

Pesth, 16. März. DemEgyetertes" wird unterm 13. d. Mts. aus Szegedin telegraphirt:

Nachstehend folgen sichere Daten über den Umfang des Unglücks. Von 6000 Gebäuden sind seit gestern und heute zusammengestürzt 4000, darunter 2700 Wohnhäuser. In ber Oberstadt und in der Vorstadt Rochus steht auch nichr ein einziges Haus mehr. Wegen der Balken, der Hausdächer und der schwimmenden Hausgeräthe kann man in den Straßen theils gar nicht, theils nur noch mit großer Mühe foUkommen. In der Vorstadt Rochus und in ber Obeistadt steht das Wasser stellenweise zwei bis drei Klafter hoch. Die Fluth wächst noch immer. Mau fürchtet, bis morgen kaum mehr einige Hundert Häuser aufrecht zu finden. Der Orkan wüthet. Das Rettungswerk bietet ungeheure Schwierigkeiten. Der Theißdamm ist noch immer voll von Flücht­lingen, Kranken, Frauen, Kindern und Todtkranken. Die Zahl der Tobten ist nicht bestimmbar, bisher weiß man von 400, darunter 100 Solbaten. Ich war in Szeregh. Die Hälfte der dahin Geflüchteten liegt krank. Entsetzlich ist die Lage ber in ben Eichenwald» Geflüchteten. Viele hatten 30 Stunden hinburch nichts gegeben unb nichts getrunken. Ein Flüchtling erzählt, gesehen zu haben, wie vor feinen Augen drei Frauen unb mehrere Kinber von den Bäumen herab m's Wasser stürzten unb ertranken. Die Kälte ist groß, Klei­dung und Brod fehlen."

Amerika.

New-Uvrk, 17. März.New'Aork Herald" meldet aus Taschkent vom 16. d.: Der afghanische Thronprätendent Abdurahman, der als russi­scher Pensionär in Samarkand seinen Wohnsitz hat, ist hier angekommen, um mit General Kmfmann zu conferiren.________________________________

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. «Korrespondent-Bureau.

Berlin, 18. März. Die Geschäftsordnungs-Commission des Reichs­tags beschloß beute, nur die Bestimmungen über die Entziehung des Wortes einer Revision zu unterziehen und von einer allgemeinen Revision ber Geschäfts­ordnung Umgang zu nehmen.

Berlin, 18. März. Seine Majestät ber Kaiser hat gut geschlafen; bie Hüfte, anichwellung nimmt fernerhin ab.

Wien, 18. März. Der serbische Ministerrefident Zukits ist hier gestorben..

Wiesbaden, 18. März. Im nassauischen Communal-Lanbtage brachte bie Majorität der Mitglieder ben Antrag ein, die Regierung zu ersuchen, Schutzzölle für Lanbwirthschast, Weinbau, Viehzucht unb Eisen-Industrie emzusühren.

Pesth, 18. März. Das Unterhaus verwarf bei der Debatte des Cultusbudgkts cen Antrag auf Vorlage eines Gesetzes über die Glaubensfrei­heit unb nahm dagegen den Antrag auf Vorlage eines Gesetzentwurfs über die Einführung der Civilehe an. Ministerpräsident Tisza kehrt heute Abend aus Swgedin zurück.

London, 18. März. Lord Blachford kündigte im Oberhause an, daß er für ben 25. März ein Tadels-Votum gegen ben Zulu - Krieg einbringen werde.

Petersburg, 18. März. Nach einem Telegramm aus Wetlianka vpm 16. d. sind der österreichische Delegirte Dr. Blestadecky, der türkische Delegirte Dr. Kabtadis, der ungarische Delegirte Dr. Boszahely und der ru­mänische Delegirte Dr. Petrescu am 16. März nach Astrachan abgereist. Die­selben werden aber bei dem Austritt aus dem Seuchengebiete in Semjany vorerst ben bestehenben Quarantäne-Maßregeln unterworfen.