Samstag, beu 18. Januar
1879.
Np. IS
RedaetionSbureaur \ R 1R
etOrtttionäbttMaUt i Echulstr-ß-S. 18.
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Aykize- unb Amtsblatt für btn Kreis Gießen.
Nr.
lieber die letzten Ursachen der jetzigen Handelskrifis.
Das „Frkftr. Journal" entnimmt einem Hamburger Blatte eine inter» essante Untersuchung über die Gründe der so lange schon anhaltenden Stockung im Geschäftsverkehr, worin erwähnt wird, daß diese Erscheinung nicht in unserem bisherigen Zollsystem, sondern in einer Verschiebung der Handelsverhältnisse ihre Ursache habe, welch' letzterer Vorgang etwa in Vergleich zu stellen wäre mit der Umwälzung, welche durch die von Ende des 14. bis Anfang des 16. Jahrhunderts erfolgte Entdeckung des Seeweges nach Indien durch die Portugiesen, Amerikas durch die Spanier, hervorgerufen worden sei. „Damals", so heißt es in dieser Erörterung weiter, „wurde das bisherige Centrum des derzeitigen Weltverkehrs deplacirt. Genua, Venedig und die anderen blühenden mittelländischen Städte hatten bis dahin den Weltverkehr vermittelt, der ganze Welthandel war ein levantiniscker. von und nach der Levante und diese Städte waren seine Hauptemporien. Nachdem durch portugiesische und spanische Entdeckungsreisen dem Welthandel größere Absatzgebiete erschlosien und namentlich andere Wege gewiesen waren, verfielen diese Städte allmählig, und wenn wir über jene Zeiten gleich gut unterrichtet; wären, wie wir es über die Jetztzeit sind, so würden wir wahrscheinlich finden, daß die Klagen von damals den jetzigen aus's Haar gleichen, daß damals wie jetzt versucht ward, durch das schwache Rohr der Zollschranken, die damals mehr in Gestalt von Monopolen und Privilegien auftraten, die rollenden Räder der Weltgeschichte aufzuhalten. Em ähnlicher Zustand ist jetzt bet uns eingetreten, nähert sich, so hoffen wir, jetzt seinem Ende, nachdem seine Anfänge uns mehr verborgen geblieben sind. Zwar bei der jetzigen Ausdehnung des Welthandels ist es unmöglich, neue Absatzgebiete von der AuSdchnung zu entdecken, welche den Schwerpunkt des Handels in ähnlicher Weise wie vor 400 Jahren verrücken könnten; aber wenn nicht die großen Fuhr- oder vielmehr Seestraßen, in denen der Handel sich bewegt, so sind es vielmehr alle die kleinen Kanäle und Nebengewüffer, so ist es das ganze kleine und feine Adernetz, in welchem die Handelsbewegung unser ganzes geschäftliches Leben durchzieht und speist. Diese große Veränderung hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre vollzogen durch die transatlantische Dampfschtffsver- bindung und die oceanische Telegraphie. Die Veränderung, die hierdurch im Welthandel vorgtng, ist eine so erstaunliche, wie unseres Wissens auch nicht annähernd in so kurzer Zeit je in früheren Jahren geschehen. Früher ward das Weltgeschäft von einer kleinen Anzahl großer Firmen besorgt, welche große Mittel, große Geschäftserfahrung und große Verbindungen, sowohl für Ankauf als Absatz halten. Das Weltgeschäft war in den Händen Weniger, die individuell ein großes Geschäft machten und es basirte vor Allem auf Erfahrungen, Verbindungen und Lager und daraus, daß alle drei in großem Maße vorhanden waren; es ward gemacht in einer Weise, die jetzt nach so kurzer Zeit schon säst eine mythische Erscheinung geworden ist."
Es folgt hierauf die Beschreibung des Geschäftsgangs zwischen indischen Import- und englischen Export-Häusern, welche zur Ertheilung und Erledigung eines Auftrags die Zeit von etwa einem Jahr nöthig halten, während wieder ein anderes Jahr mit dem Vertriebe der Maaren in Indien drausgtng.
Im Lause der letzten 20 Jahre hat sich das stufenweise in das gerade Gegeutheil verkehrt. Die Reisen, die sonst per Segelschiff in 5 oder 6 Monaten gemacht wurden (und diese Segelschiffe luden und löschten sonst ein paar Monate, was eigentlich doch der Reisedauer zugezählt werden sollte), werden jetzt von den in kürzester Frist ladenden und löschenden Dampfern in 3 bis 5, höchstens 6 Wochen gemacht. Einen großen Theil der überseeischen Länder durchziehen Schienenstränge und der Händler im Innern kommt nicht einmal im Jahre, sondern einmal im Monat, vielleicht noch öfter herunter, um feinen Bedarf dann, wann er ihn hat und für das, weffen er gerade bedarf, zu decken. Für die Dampfer existiren Monsoon und Passate nicht. Sie gehen jede Woche, alle 11 Tage, äußersten Falls alle Monat, mit gleicher Regelmäßigkeit abgehend und ankommend. Folglich existirt kein Grund für die Importeurs überseeischer Länder, vorsorgend den Bedarf eines ganzen Jahres zu einer gewissen Jahreszeit zu decken. Mit jeder Post können neue Bestellungen gemackt werden und wurden sie gemacht; ja um Zett und un- nöthiges Lager zu sparen, wird ein großer Theil aller wichtigen Bestellungen meist per Draht gemacht, sodaß man annehmen kann, daß jetzt von Manchester nach Bombay von dem Augenblick an, wo die Bestellung gemacht wird, bis wann die Waare anlangt, ein Zeitraum von 4 bis 5 Wochen verfließt, während sonst ein Zeitraum von 6i/z bis 8 Monaten für dasselbe in Anspruch genommen wird. Und rückwirkend geht auch diese Sache weiter. Der Fabrikant, der weniger als sonst auf bestimmte Saisons angewiesen ist, arbeitet jetzt in Voraussicht der Bestellungen eine Woche, wo er sonst 4 Monate im Voraus seine Arbeiten und Einkäuse begann. Der Importeur telegraphirt nach New-Orleans oder New-Aork um 1000 Ballen Baumwolle und hat sie in 14 Tagen bis 3 Wochen, während sonst der Auftrag, mit Segelschiff hin- auSgelegt und mit Segelschiff abgeschickt, 3, 4 bis 5 Monate in Anspruch nahm; kurz, während sonst das große überseeische Weltgeschäft mit einem Lager arbeitete, das sich in den verschiedensten Händen, vom Importeur des Rohstoffs bis zum überseeischen Jnlandhändler mit Fabrikaten, auf 2 bis 3
Hesterreich.
Wien, 15. Januar. Eine Deputation des ^Vereins für kaufmännische Interessen klagte dem Handelsminister Chlumecky die Nachtheile, welche der österreichischen Industrie durch den französischen „Allgemeinen Tarif" zugefügt würden. Der Handelsminister erwiderte, er lege das größte Gewicht auf den Abschluß von Verträgen mit Deutschland und Italien und hoffe, daß sich bald ein Provisorium mit Frankreich auf der Grundlage der Meistbegünstigung werde schaffen lassen.
allergnädigst geruht:
Am 8. Januar den Landrichter des Landgerichts Langen Gustav Langs- dorff zum Stadtrichter des Stadtgerichts Gießen zu ernennen.
Berlin, 14. Januar. Am 11. k. Mts. ist ein halbes Jahrhundert seit der feierlichen Verlobung unseres Kaisers, damals Prinzen Wilhelm, mit der Kaiserin, damaligen Prinzessin von Sachsen-Weimar (Vermählung am 11. Juni 1829), verflossen, nachdem im October zuvor die Schließung des Ehebundes in Aussicht genommen war. In einem Briese an Stein aus jener Zeit heißt es: „Prinz Wilhelm ist die edelste Gestalt, die man sehen kann, der Imposanteste von Allen, dabei schlicht und ritterlich, munter und galant, doch immer mit Würde. Unsere Prinzessin Auguste schien ihn sehr anzuziehen, und die Berliner träumten schon von einer zweiten Verbindung."
Berlin, 15. Januar. Die „Prov.-Corresp." reproducirt den allgemeinen Theil der Denkschrift zur Begründung des Gesetzentwurfs, betreffend die Strafgewalt des Reichstages über seine Mitglieder, erwähnt die lebhafte und erregte Aufnahme, welche die Vorlage gefunden, und knüpft daran folgende Ausführungen: Vor Allem werde die Frage zu entscheiden fein, ob für »en- derungen der Reichsdisciplin ein dringendes Bedürfniß vorhanden fei. Werde diese Frage bejaht, so werde sich auch eine Verständigung erreichen lassen. Für die Lösung dieser Vorfrage fei es von günstiger Vorbedeutung, daß inmitten der augenblicklichen Erregung neben conservativen Blättern auch eine Anzahl bedeutender national-liberaler Zeitungsorgane ftheilweise in ausdrücklichem Gegensatz gegen die kurzweg ablehnende Haltung anderer Blätter das Bedürfniß zur Erweiterung der Dtsctpltnargewalt des Reichstags offen und entschieden anerkenne. — An anderer Stelle schreibt die Correspondenz: Die Eröffnung des Reichstags könne schwerlich über den 12. Februar hinauSgß- schoben werden.
Jahre bemaß, lebt die Welt jetzt von einem Lager für 6 bis 7 Monate in allen verschiedenen Händen. Das zwischenliegende Lager von 17 bis 24 Monaten ist es, mit dessen mangelnder Verdauung, mit dessen langsamer Ausbrauchung wir jetzt beschäftigt sind. Eine Zuviel-Production an Fabrikaten existirt nicht, (?) sabricirt wird nicht mehr, als im Großen und Ganzen im Laufe des Jahres die Welt verbraucht; aber das alte ange- häufte Lager muß erst geräumt und namentlich muß auch geräumt fein mit den alten Geschäftsideen, nach denen man in früheren Jahren und den damaligen Communicationsmitteln vollkommen angemessen die Geschäfte betrieb. Wenn es in früheren Jahren hieß: „langsame Communication, große Läger, lange Zahlungsfristen, große Profite", so lautet jetzt die Devise: „Rasche Commumcation, kleiner Vorrath, kurze Zahlungsfristen, kleiner Nutzen."
Die ganzen Ursachen der jetzigen Geschästskrisis find natürlich in dieser Modification in der Erzeugung und im Verschleiß von Industrie-Artikeln nicht zu erblicken, da z. B. eine faktische Ueberproduction solcher Artikel und eine Bevorzugung der industriellen Thätigkeit auf Kosten der landwirthschaftlichen stattgesunden hat. Immerhin erscheint die vorstehende Erörterung sehr beach- tenswerth und wohl dazu angethan, manche irrige Vorstellungen über die litztei! Gründe der herrschenden Mißstände im Geschäftsleben, somit über die zur Beseitigung der Letzteren zu ergreifenden Maßregeln zu berichtigen.
1 enthält:
1. Bekanntmachung, die Apothekergehülfen-Prüfung betr.
2. Bekanntmachung, die Aufhebung des Rentamts Homberg und die Organisation der Rentämter Alsfeld und Gießen betr.
Darmstadt, 16. Januar. In der telegraphisch bereits gemeldeten Regierungs vorlage, betr. den Verkauf des hessischen Antheils der Main-Weser-Bahn ist der Verkaufspreis auf 17,250,000 Mk. festgesetzt.
Darmstadt, 16. Januar. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben
Türkei.
Konstantinopel, 14. Januar. Wallace und Walpole, die von dem Botschafter Layard in das Rhodope Gebirge entsandt worden, um sich durch den Augenschein von der Lage der Bevölkerung zu überzeugen, berichten , dap die Noth außerordentlich groß und daß an 40,000 Menschen der Hülfe bedürfen. - Die Commission für türkische Finanzreformen bildete mehrere Sud- Comiws für die einzelnen Budgets. Der dritte türkische Commissar für die griechische Grenzregulirung ist noch nicht ernannt. — Der nordamerikanische
Deutschland.
Darmstadt, 15. Januar. Das Großherzogliche Regierungsblatt


