Uolitisch
Wochenübersicht.
Die verstoßene Woche gehört der Weltgeschichte an! Das deutsche Volk hat den Tag der goldenen Hochzeit seines deutschen Kaiser- Paares gleich einem Nattonalfeste gefeiert- Es ist kein zufälliges Zusammentreffen, daß einzelne Berliner Blätter von einem Kaiser-, andere von einem Volksfeste sprechen, nicht nur unser Gefühl, sondern der Sprachgebrauch deutete damit an, daß Kaiser und Volk Eins find. Die Retchshauptstadt Berlin ist, wie stets, ihrer Verpflichtung eingedenk gewesen, der hohen Feier einen würdigen und glänzenden Ausdruck zu geben, aber auch im ganzen Reich hallte der Jubel des Festes wieder, wie dies aus Stadt und Land durch frohe Berichte bekundet wird- Vor Allem find jene Intentionen des Kaiserpaares glänzend erfüllt worden, welche dahin gingen, dem ernsten Tage durch ehrende Denkmale der Wohlthätigkeit ein dauerndes Gedächtniß zu stiften.
Die vielen Millionäre im Reich hat ein einfacher Bürger von Nordhausen, I. C- Plaut, durch eine Gabe beschämt, welche in ihrer Großartigkeit an einen Peabody erinnert. Dieser echte Bürger hat allein dieselbe L>umme (300,000 ^.) für denselben Zweck bestimmt, die von der Retchshauptstadt bewilligt worden ist. Jedenfalls ergiebt aber die Summe der für wohlthatige Zwecke geschenkten Gelder im deutschen Reich eine enorme Ziffer, und so wird denn der 11. Juni 1879 für ewig erglänzen als ein Tag, der das Volk und die Geber ehrt und unendlich viel Gutes gestiftet hat. Gekrönt wurde der Tag durch em reiches Werk der Gnade des Kaisers, indem sich für einige hundert verirrte G müther die Gesängnißthore öffneten, um sie, erschüttert durch die allerhöchste M^de — hoffentlich gebessert — der goldenen Freiheit und dem bürgerlichen Berufe wiederzugeben.
Der Kaiser, durch den jüngsten Unfall erheblicher geschädigt als man annahm, und die Kaiserin, in seltener Frische und Leutseligkeit, können mit froher Genugthuung aus das Werk der Nächstenliebe blicken, welches sie angeregt haben. Umgeben von der glücklichen Familie, von einer großen Anzahl fremder und deutscher Fürsten, von den höchsten Würdenträgern und von Deputationen aus allen Provinzen Preußens, von den Gesandten des Volkes, den schlichten Bürgern und Bauern, genoß das Jubelpaar die hohe Freude, sichtlich vor Augen zu haben, wie das ganze Volk in inniger Liebe und Treue den Tag feiert.
Wohl befremdet es, daß die zugesagten kaiserlichen und fürstlichen Besuche aus dem Auslande zum Theil ausgeblieben waren, nur Rußland hatte zwei Großfürsten entsandt, wohl hatte man außer dem König von Sachsen und den regierenden Fürsten einiger Kleinstaaten noch auf manchen Besuch gerechnet, der ferne blieb, aber dies konnte eine Feier nicht beeinträchtigen, deren schönster Schmuck die Liebe des deutschen Volkes und seine glänzend bethäligte Opfer- willigkeit bleiben wird.
Der Rerchstag hat seine Arbeiten am 9. d. wieder begonnen und sich zunächst mit der Novelle zur Gewerbeordnung beschäftigt, welche eine Verschärfung der Concesstonsbedingungen für Schank- und Gastwirthschaften be- znxckl. Der „Prov.-Corresp." zufolge hält die Reichsregterung nach wie vor an der Hoffnung fest, daß nicht nur die von ihr beabsichtigte Wirthschafts-, sondern auch die Ftnanzresorm gelingen werde: sie ist nämlrch überzeugt, daß die Bedenken, welche der Durchführung der letzteren von politischem Gesichts- punkten entgegenzustehen scheinen, in vertrauensvollem Entgegenkommen ihre Erledigung finden dürften. Ohne Zweifel rechnet sie — und zwar nicht mit Unrecht — darauf, daß ihr bei den bevorstehenden Verhandlungen über die finanzpolitischen Vorlagen, bei denen das Centrum in die alte Opposittons- stellung zurückzutreten gedenkt, die Unterstützung der nationalliberalen Partei unter Voraussetzung einer befriedigenden Erledigung der Frage der constitutio- r.ellen Garantien nicht fehlen darf.
Die preußische Regierung hat die Einführung der Robe als Amtskleidung der Richter und Anwälte beschloßen.
Die Beschlüße der m München stattgehabten Delegirten-Conferenz der deutschen Gewerbekammern, welche sich u. A. für freiwillige Bildung von Innungen, für Einführung obligatorischer Lehrlingsprüsungen und Arbeitsbücher, für Beschränkung der Schankconcessionen, aber gegen die Beschränkung der allgemeinen Wechselfähtgkeit aussprachen, haben in competenten Kreisen volle Zustimmung gesunden.
Heber den Stand der Dinge zwischen Berlin und Rom meldete vor einigen Tagen die „Weser-Ztg.", es seien neuerdings Seitens der Curie posi- live Vorschläge zur Beilegung des kirchlichen Confllcts in Berlin eingetroffen. Von wohlunterrichteter Seite wird diese Nachricht indeß m Abrede gestellt. Die „Germania" versichert, eine baldige Beilegung des Kampfes stehe jedenfalls nicht in Aussicht. In der katholischen Bevölkerung sei man längst zur Ueberzeugung gelangt, daß die friedensseligen Versicherungen der officiösen Preße nicht ernsthaft zu nehmen seien, und wenn man noch daran zweifeln wollte, so würden die Thaten der Regierung selbst sehr sanguinische Naturen ernüchtern. Noch vor Kurzem habe ein dem Reichskanzler sehr nahe stehender Reichsbeamter geäußert, jener denke nicht daran, der katholischen Kirche irgendwie nachzugeben. Ohne Nachgiebigkeit des Staates in gewissen Punkten sei aber — das begreife jedes katholische Kind — ein Friede schlechterdings unmöglich! Was über die Stimmung im Vatican verlautet, ist ebensowenig geeignet, die Annahme zu rechtfertigen, daß von dort Vorschläge komme» würden, welche eine annehmbare Grundlage für Verhandlungen bieten könnten. In Rom meint man nämlich, Fürst Bismarck werde sich, da er die Unterstützung des Centrums zur Durchführung seiner finanziellen Pläne notowendig brauche, gezwungen sehen, deffe» Stimmen um jeden Preis zu erkaufen und den Frieden mit Rom ohne wesentliche Concessionen Seitens cer Curie abrn- schließen. Bei einer solchen Verkennung der wirklichen Sachlage braucht man sich gewiß keiner Besorgniß um einen „faulen" Frieden hinzugeben. Wie rief die Hoffnungen der Ultramontanen selbst aus einen Umschwung der Dinge von oben her gesunken sind, geht u. A. aus der Thatsache hervor, daß die Geistlichkeit der Diöcesen Münster und Paderborn eine Commission gewählt hat, um Vorschläge zu einer „Selbsthülfe" zu beratben.
Der Schweizer Bundesratb hat, dem Beispiel der deutschen Regierung folgend, bei der Bundesversammlung Finanzzölle aus Tabak, Petroleum, Kaffee, Thee und Gewürze beantragt.
Oesterreich verlor in dem früheren Minister Dr. Giskra einen seiner hervorragendsten liberalen Partetsührer, Gras Andraffy, einen der gefährlichsten Gegner seiner Orientpolitik.
er Hheit.
Die Folgen des neuen deutschen Zollgesetzes für Rußland werden noch immer eifrig von der russischen Preße besprochen. Man glaubt dort allgemein, daß dem Gesetze der Gedanke zu Grunde gelegen habe, Rußland zu zwingen, seine Grenzen der Emfuhr deutscher Fabrikate zu öffnen. Ob diese Hoffnung eine begründete ist. oder ob darin nur ein Manöver zn sehen ist, mit welchem der Kanzler die Opposition zum Schweigen bringen will, das kann erst die Zukunft lehren, denn natürlich hängt Alles davon ab, wie die deutsche Regierung Rußland gegenüber ihre Kampfzölle benutzen wird.
Der Hochverräther Solowjeff, welcher den Mordversuch auf Kaiser Alexander gemacht hatte, wurde zum Tode durch den Strang verurtheilt und einige Tage nachher wirklich gehängt.
Während ein Depeschenwechsel zwischen Jakub Khan und dem Vicekönig von Indien das neue Freundschasksverhältniß zwischen England und Afghanistan in ein befriedigendes Licht stellt, sind die Aussichten auf eine baldige Beendigung des Krieges im Caplande noch immer schwach: Cetewayo hatte zwar den Wunsch nach Friedensunterhandlungen ausgesprochen, der englische Gesandte, der sich in Folge deßen zu ihm begab, mußte indeß unverrichteter Sache zurückkehren. Deutschland hat wegen Zerstörung der Misstonsstation Saron und wegen Mißhandlung des deutschen Missionars Brune durch englische Soldaten ernste Reklamationen in London erhoben.
Die Ermächtigung zur Verfolgung Cassagnac's, welche die französische Deputtrtenkammer mit großer Majorität ertheilt hat, steht zwar in ziemlich schroffem Widerspruch mir der polirischen Toleranz, welche die Republik neuerdings durch die Begnadigung der Communards und die Fret- laßung Blanqui's bekundigt hat, aber andererseits m»ß man gestehen, daß es dieser bonaparlistische Raufbold doch etwas zu arg getrieben hat. Zu den sich Tag für Tag wiederhol'llden Schmähungen der Regierung in seinem Blttre „Pays" gesellte sich in der Kammer das Bestreben, diese gesetzgebende Körperschaft durch tumultuarische Scenen zu discreditiren. Schließlich han- bdte es sich, nachdem andere Parteiblätter bestraft worden waren, um eine Frage der Gerechtigkeit. Man konnte für Cißagnac schwerlich ein Privilegium gemeiner Verleumdungen dulden, weil er Mitglied der Kam ner war. Die Regierung wünschte ein Kammerootum, um ihre Stellung Den Preßdeltctea präcisirt zu erhalten. In der Genehmigung zur Verfolgung Caßagnac's sieht sie die Aufforderung, die bestehenden Gesetze gleichmäßig gegen Alle anzuwenden.
Aus Spanien wird eine große freihändlerische Demonstration gemeldet. Das Volk dort thäte bester, sich nicht um Theorien zu streiten, sondern fleißig an der Hebung seines nationalen Wohlstandes zu arbeiten.
Die blutigen Confltcte in dem Sandschak von Novibazar sind von Bedeutung. Einmal zeigen sie, daß der Berliner Vertrag keineswegs ausreicht, überall ,,da unten" auch nur für kurze Zeit Ruhe zu schaffen, zum andern ist eine Wiederholung der Greuel nicht ausgeschlossen. Die Albanstea organisiren sich wieder als Insurgenten und es stehen wahrscheinlich neue Gefechte bevor. Dieses Bergvolk will weder zur Türkei, noch zu Griechenland gehören; es wird also, da man seine Unabhängigkeit nicht refpectiren wird, schließlich zwischen zwei Feuer gerathen.
Die diplomatische Action Deutschlands gegen Egypten erfreut sich der Zustimmung aller Mächte. Nachdem Oesterreich, England und Frankreich d'.e Berechtigung des Protestes gegen die Verletzung der internationalen Conventionen anerkannt und sich ihm angeschlossen hatten, ist nunmehr auch Rußland nachgefolgt.
Die Repiäsentantenkammer der Vereinigten Staaten hat sich auf 8 Tage vertagt/ nachdem sie abgelehnt hatte, in die Berathung der Silberbill ewzutreten.
Verwischtes.
Neu-Isenburg, 5. Juni. Mit freudestrahlenden Phisiognomien kehrten vorgestern unsere Jagdherren von ihrem Treiben zurück, denn sie hatten das Glück, einen Rchbock zu erlegen. Das im Geiste schon so lange ausgemaltc Rehbockeßen konnte nun endlich abgehalten werden. Alles wurde vorbereitet, der Rchbock ausgenommen und bei dem Metzger, dessen Lokal für tue Abhaltung des langersehnten Schmauses auserkoren war, während der Nacht aufbewahrt. Doch welch' ein entsetzlicher Schrecken durchzuckte am nächsten Morgen den ganzen Kreis der Gourmands — der Rehbock war fort — alle Gesichter verblaßten, sofort wurde das ganze Dorf in Allarm gesetzt und zu vielen Hausuntersuchungen geschritten Allein Alles war vergeblich, der Rehbock war fort. Heute früh nun fand man ihn im Felde liegen; der Spaßvogel, der die Beute fortschlcppte, machte sich noch das Vergnügen, folgendes Berschen dazu zu legen: „Der Rchbock ist gefunden, er ist jetzt wieder da, er war ja nicht gestohlen, er war bet seiner Fraa." Für die Jagdherrcn war der Spaß einmal verpfuscht und sie zogen es deshalb vor, das projectirte Mahl nicht abzuhalten.
Echternack, 3. Juni Das widerliche Schauspiel, welches sich alljährlich am Psingst- dienstag hier unter den Namen „Springprocession" wiederholt, war heute durchaus nicht vom Wetter begünstigt. Trotzdem blieb di? Betheiligung an der Procession so wie der Zufluß auswärtiger Zuschauer nickt hinter den Vorjahren zurück. Unter strömendem Regen sprangen sick 7-—80U0 Mensch in den Sckweiß hinein, um sich dann auf den naßen Rasen hinzulegen und ihr mitgebrachtes Mahl zu verzehren oder sich auf den Carousiells und an den Ausschreiern der zahlreichen Verkaufsbuden zu ergötzen. Man versteht eben, zu Ehren des heiligen Willibord das Angenehme mit dem Verrückten zu verbinden. Die Geistlichen, die sonst die Procession in Stärke von 30-40 Mann, aber wohlweißlick im gewöhnlichen Schritt, zu begleiten pflegen, hatten heute bei dem Regen vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Nur in der Kirche, dem Endpunkt der Procession, waren einige anwesend- (S-- u. M.-Z.)
— Ein Verbrechen, welches sehr lebhaft an die Emordung des Geldbriefträgers in Wien durch den später dafür Hingerichteten Francesconi erinnert, hat ganz Rom in Aufregung versetzt. Am 3. Juni Nachmittags kam in das Wechsetgeschäft von Eorbucci ein junger Mann und vereinbarte die Bedingungen für den Verkauf von flehen im Betrage von 3« 00fr Er ersuchte den Banquier, die flehen aus seiner Wohnung durch einen Commis, dem gleich das Geld mitqegeben werden könnte, abholen zu laßen und gab als seinen Namen Odoardo Novaro, als seine Wohnung das vierte Stockwerk eines Hauses der Straße de la Stamperia an. Bald darauf begab sich Gaudenzio Jonio, der Commis des Bankhauses, mit 3000 fr. nach der bezeichneten Wohnung. Er fand Novaro zu Hause, der ihn fragte, ob er das Geld bei sich habe, bann die Thür öffnete, um sich zu überzeugen, ob auch Niemand in ver Nähe sei und dann wieder zu Jonio zurücktrat. In dem Augenblicke, wo der letztere das Geld aus der Tasche nahm, zog jedock Novaro einen Dolch und stieß ihn dem Unglücklicken zweimal mit großer Heftigkeit in den Rücken. Trotz der fürchterlichen Verwundung behielt Jonio Geistesgegenwart und Kraft, sich zur Wehr zu setzen Ja, er biß in seiner Todesangst Den Mörder so verzweifelt in die Hand, daß der letztere laut aufschreiend zum Zimmer hinausstürzte. Jonio folgte, ihm, verlor aber auf der Treppe die Besinnung. Man hofft, ihn am Leben erhalten zu können, obwohl er sehr bedenklich verwundet ist. Die genaue Beschreibung des Thäters, welcher den besseren Ständen anzugehören sckeint, ist vorhanden. Man hofft, seiner habhaft werden zu können, da die Verwundung an seiner Hand so schwer sein muß, daß er ohne ärztliche Hilfe nicht gesunden kann. Jonio sagt, er hörte die Knochen in der Hand knacken als er zubiß, und in der That hat man die Blutspuren drei Straßen weit bis an eine Fontäne verfolgen können, wo der Derbrecker sich in Gegenwart einer Anzahl Frauen die Hand wusch und kühlte. Das Geld hat der Räuber nicht erlangt.


