-kr. 292. Zweites Blatt. Sonntag den 14. December 1S7»
Kießener "Anzeiger
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politisch
Politische Ueberficht.
In der Berliner Presse wird laut der Wunsch ausgesprochen, daß, wenn Nicht die RetchLreglerung, so doch die preußische Seehandlung dem Hamburger Hause Godefroy und Sohn zu Hilfe kommen möge, damit das englische Altentat auf unsere M chtstellung auf den Samoa-Inseln zu Schanden werde. Die deutsche Wissenschaft, vertreten durch den Verein für Handels- geogrophie sprüht denselben Wunsch aus, denn leider scheint das deutsche Großkapital allein dem Kampfe mit der englischen Haute-Ftnance nicht gewachsen zu sein. Es wäre in der That schlimm, wenn sich bet dem ersten Versuch einer selbstständigen Colonialpolitik in dem Handelsreichen Polynesien kein Rettungsweg finden ließe!
Der englische Handel scheint sich gegen den deutschen Export, weil ihm derselbe jürgst roch in Australien bet der Aufstellung in Sidney, gefährlich zu werden droht, verbünden zu wollen. Es liegen in Berlin englische Geschoftsbrufe vor, welche auf Lei, en das Eingehen neuer Bestellungen ablehnen und außerdem melden, daß man aus Rancüne wegen der Zoüerhöhungen auf weitere Geschäfte verzichten wolle. Ebenso erscheint die Manufacturwaaren- und Confectronsbrarche bedroht. Wir können angesichts dieser englischen Ran- cül'tn lew deutschen Handel nur empfehlen, den Fehdebrtef aufzunehmen und zunääst in London eigene Geschäfte zu errichten, wenn England uns vom Weltv arkt verdrängen will.
Ter Nothstand in Oberschlesien wird von den zahlreichen Corre- spondrrien großer Blätter, welche das Land des Elends bereisen, als grauenerregend geschildert. Rasche H'lfe thut Nolh und doppelt gibt, wer schnell gibt. Dem prerßischen Staaie können wir, weil er sich trotz aller bösen Erfahrungen nicht dir burevuklatischeLang'amkeit abgewöhnen kann, nur empfehlen, sich dar Bitspiel Frankreichs zum Must i zu nehmen, woselbst der Minister Lepcre in Beantwortung einer Interpellation über den durch die plötzliche Kälte hereingebrochenen Nothstand sofort erklärte, daß die Regierung schon heute zur Linderung der Noth einen Kredit von fünf Millionen Franken verlange.
Ueberall neues Elend, neue Nothstände! In Ungarn wächst die Gefahr einer großartigen U berschwemmung. Der weiße und der schwarze Körös durchbrochen Wehre und Dämme; namentlich sind Arad und Gr oßwardetn bedroht. Als Ursache der Wassersnoth sind Anstauungen gewaltiger Ermessen an den Flußkrümmungen zu betrachten. Schon am Sonntag waren die Vorstädte von Großwardein überschwemmt, die Bewohner mußten sich auf die Dächer flüchten. Rasche H lse durch Pioniere thut Noth, wenn eine Eoiastrophe ä la Szegedtn verhindert werden soll.
Nur aus Amerika lauten die Nachrichten erfreulich. Der Winter, welchen man sonst in den G>oßstädten der Vereinigten Staaten fürchtet, weil er unbeschreibliches Elend im Gefolge hat, verbreitet diesmal keinen Schrecken. In all'N Arbe>tsg.b:etcn >ft reichliche Beschäftigung vorhanden und die Betriebe tbätigkett ntnimt beständig zu. Die Einwanderung ist intet diesen Verhältnissen enorm gestiegen.
Rußland und die Türket nähern sich wieder einmal freundschaftlich. Die Türken, welche jetzt nicht mehr allein England, sondern auch Oesterreich fürchten, neigen sich Rußland zu. Natürlich entspringt daraus neues und großes Mißtrauen gegen die russische Politik.
Zwischen den Montenegrinern und Albanesen haben die ersten blutigen Zusammenstöße begonnen und mit einem theuer erkauften Stege der Montenegriner geendet. D>e Türket sendet ebenfalls Truppen dahin ab, angeblich, um die Bestimmungen des Berliner Vertrages mit Gewalt durchzusetzen.
Deutschland.
Darmstadt, 10. Decbr. Auf Antrag des Oberbürgermeisters Ohly beschloß der Kreistag in seiner außerordentlichen Sitzung vom 8. ds., die Re-
er Hh eit.
gierrmg zu ersuchen, die Function der Landarmen-Verbände, welche jetzt den Kreisen obliegen, auf den Staat oder doch die Provinzen zu übertragen. Veranlaßt ist dieser Beschluß durch die feststehende Thatsache, daß in Landarmensachen fast nur solche Kreise m Anspruch genommen werden, m welchen sich größere Städte befinden, die auf die flotttrende Bevölkerung wie das Vagabunden- thum eine große Anziehungskraft ausüben.
Berlin, 11. December. Aus Kose! meldet das „Tageblatt": Im Koseler Kreise ist der Gesundheitszustand ziemlich gut, nur im Dorf Alt-Kosel erkrankten in einem Hause fünf Menschen am Flecktyphus, der indeß von einem aus Polen kommenden Arbeiter eingeschleppt wurde. Die Krankheit dürfte auf das Haus localifirt bleiben. Zwei starben bis jetzt, einer ist Recon- valescent, drei Erkrankte liegen'noch. Nur bet wirklich anhaltender Hungers- noth befürchtet der Arzt weitere Typhus-Entwickelungen. Bereits errichtete Volksküchen suchen solchen energisch vorzubeugen. Seitdem angefangen ward, in Schulen Kindern Eß-Marken auszuthet!.'», hörten die Schuloersäumnifse auf. Sechsjährige Kinder kamen eine halbe Meile nach der Schule herbei. Aus dem Dörfchen Rogau war heute etwa der vierte Theil der Bevölkerung auf dem Koseler Rathhaus, um Kohlen und Lumpen zu erbitten. Daffelbe Blatt sogt: Die schon als unrichtig bezeichnete Nachricht der „Germania", daß Geh. Rath Hübler, der in Wien mit Nuntius Jacobtnt confertrt, wieder in Berlin eingetroffen sei, erklärt sich daraus, daß derselbe auf einige Zett mit Urlaub erwartet wird, dann aber nach Wien zurückkehren wird. — Die Uebersiedelung deutscher Staatsangehöriger rach Rußland in Folge der neuen deutschen Zollgesetzgebung nimmt nach der „Mosk. Ztg." große Dimensionen an. Besonders sollen viele dem Handelsstande angehörige Preußen aus Königsberg, Danzig, Memel und anderen preußischen Hafenstädten, welche mit russisch-^-. Getreide und Rohstoffen einen bedeutenden Handel getrieben haben, nach westlichen russischen Seestädten, namentlich Riga und Libau, überstedel». Im russischen Finanzministerium liefen, nach genannter Zeitung, wöchentlich 5 bis 10 Gesuche solcher Personen um Gestattung zollfreien Transportes ihrer Effekten ein.
Berlin, 11. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die fünf Gesetzentwürfe des Ministers des Innern Über den Ausbau der Verwaltungsreform hätten bet Denen, die unablässig »ach Fortführung der Ausdehnung des Reformwerkes gedrängt, zunächst nur die Klage über eine angebliche Ueberbürdung des Landtags zur Folge gehabt. Die Regierung sei mit den Vorlagen nicht blos dem oft ausgesprochenen Verlangen des Landtages prompt begegnet, sondern auch, insofern es sich um die Organisation der allgemeinen Landesverwaltung handele, dem Gebote der Nothwendtgkeit gefolgt. Die Vorlagen nähmen in eminentester Weise die Dringlichkeit in Anspruch, und wenn man, wie nicht anders denkbar, die Dringlichkettsfrage bejahe, könne auch eine Verständigung über die Möglichkeit der Behandlung nicht fehlen. Das Blatt hofft, die erste Lesung werde noch vor Eintritt der Ferien möglich sein.
Berlin, H. Decbr. Bezüglich des Beschluffes der rumänischen Kammer, betr. die Verlegung des Sitzes der rumänischen EtsenbahmVerwaltung nach Bukarest, schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": Es erscheine unglaublich, daß eine Fundamentalbestimmung des Vertrags, über deren Bedeutung der rumänische Minister, welcher hier die Verhandlungen führte, völlig klar sein müffe, nun ohne Weiteres fallen gelaffen werden sollte, während man in Bukarest auch über die Folgen nicht im Jrrthum sein könne, die ein derartiges Votum unausweichlich haben müffe.
Frankreich.
Paris, 10. December. Der Pariser Gemeinderath hat wegen der strengen Kälte und „wegen der Weigerung der reactionären Partei, zur Abstellung des allgemeinen Nothstandes betzutragen", dem Dtrector der öffentlichen Unterstützung eine halbe Million Frcs. zur Verfügung gestellt.
Allgemeiner Anzeiger.
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