Telegraphische Depeschen.
Maaner'S telegr. Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 10. Februar. Abgeordnetenhaus. Eingegangen ist ein Gesetzentwurf, betr. die Abänderung des Gesetzes von 1*69 über die Hannoversche Kreditanstalt. Das Haus tritt in die dritte Berathung ves Staatshaushalts-Etats pro 1879/80 ein. Bei dem Etat der direkten Steuern verlangt Richter (Hagen) die Vorlegung eines Gesetzentwurfes, um dre Er Hebung der neu veranlagten Gebäudesteuer um ein Vierteljahr hinauszuschieben. Der Fmanz- minister rechtfertigt die neue Veranlagung und bezeichnet die Hinausschiebung der Erhebung um ein Vierteljahr als irrelevant; er vermöge daher die Vorlegung des verlangten Gesetzentwurfes nicht zuzusagen. ,,
Bet dem Etat der Eisenbahnverwaltung erklärt der Handelsminister: Er habe sich über die Gründe des Verbotes der Colportage der „Frankfurter Zeitung" auf Bahnhöfen nähet informirt; das Verbot erfolgte auf Grund einer generellen Verfügung seines Amtsvorgangers, durch welche der Debit von ordnungs- und reichsfeindlichen Blattern untersagt wurde. Er (Minister Maybach s habe diese Verfügung bezüglich der socialdemokratischcn Blätter und unsitt ltchen Schriften in Erinnerung gebracht. Sein Standpunkt nach genügender Information sei nun, daß man dem Publikum die Auswahl der Lcctüre nur insoweit beschränken solle, als es sich um solche Druckschriften handele, welche dem Gesetze verfallen sind. Er habe daher den Antrag aus dem Hause nicht erst abgewaitet, sondern bereits eine Verfügung im Sinne dieser Erklärung erlassen. (Lebhafter Beifall.) — Der Antrag Virchow, die Regierung aufzufordern, daß sie den Verkauf von Zeitungen, deren Erscheinen durch Gesetz nicht, untersagt sei, auf Eisenbahnstationen nicht hindern laste, wird mit großer Majorität angenommen.
Im weiteren Verlauf der Debatte über den Etat der Eisenbahnverwaltung beantragt Richter (Hagen) die Vorlegung einer Denkschrift über die Gründe und Wirkungen der Beschränkungen der Differentialtarife, namentlich in Bezug auf Holz, sJJie6l, Weintrauben und Hämmel. Hintze befürwortet die von ihm beantragten Resolutionen betreffs Publikationen von Tarifveränderungen und Regelung des Tarifwesens. Der Antrag Richter wird darauf angenommen; der Antrag Hintze zurückgezogen. Der Etat des Ministeriums des Innern wird ohne wesentliche Debatte erledigt. Bei Fortsetzung der wegen Abwesenheit ves Ressortministers abgebrochenen Beratbung des Eisenbahn Etats entsteht eine längere Debatte über die Position für den Centralbabnhof in Frankfurt a. M. Dieselbe wird, nachdem der Minister dafür cingetreten ist^ angenommen Die ülnigcn Thcile des Eisenbahnetats werden genehmigt. — Beim'Etat der allgemeinen Finanzverwaltung wünscht Virchow Auskunft über den Stand der hessischen Agnaten Angelegenheit. Minister Hobrrcht constatirt, daß der betreffende Proceß in der zweiten Instanz schwebe. Darauf wird dieser Etat genehmigt. — Beim Etat der Justizverwaltung kommt v Ludwig wiederum auf die Gründungen und den Proceß Diest-Daber zurück; da Redner von der Sache aisichweift, so wird ihm auf Beschluß des Hauses das Wort entzogen. Schließlich wird die Fortsetzung der Berathung auf heute Abend 7l/2 Uhr vertagt.
Herrenhaus. Die Vorlage, betreffend die sächsischen Domsttfter, wird nach der Regierungsvorlage, für welche Minister Graf Eulenburg, einkritt, angenommen. Ferner genehmigte das Haus'das Ausführungsgesctz zur Givil- und Strafproceß-Ordnung und zwei andere Iustizgesetze nach den Commissionsanträgen.
Hamburg, 10. F bruar. Der Spnich des Seeamtes in bei Angelegenheit der „Pommerania" mißt die aussckl'eßicke Schuld an der Colltsion dem falschen Manöver der Bark „Moel Eiltan" bei. Die Besatzung der
sind, gehen in der Lage, in der sie sich befinden, auf di- Commission der n Lch sten ^10°Februar. Der Reichskanzler hat mit der Beseitigung
d.s Arltkeis 5 des Prager Friedens, der nicht nur ein Erisapfel Preußen und Dänemark war, sondern auch bei allen größeren Co. flirten Deutich- lands gegen die deutsch- Politik ausgebeutet wurde, - nen Zug
auf dem europäischen Schachbrett g-than. Es er cheint kaum zufällig, daß oer Abschluß des Vertrages in die Tag- der französischen Kttsis fiel. Di- däatsche R-aierung beabsichtigt zwar -inen Protest gegen den Vertrag -inzuleg-n, der indeß kaum gewichtiger erscheinen durste als die welfischm Proteste. Der V-r- trag beweist? daß Deutschland und Oesterreich — vom Neuem eng liirt - statt genug sind/ ohne Sonserenzen mit den anderen Großmächten, nicht nur ibre ttaenen, sondern auch Angelegenheiten von europäischer Bedeutung zu erledigen. Der Griff Englands nach Cypern mag abenteuerlicher und kühner fein® staatsmännischer ist Bismarcks geräuschlose Erledigung der Nordschieswtg- schen Besprechungen, welche die jüngsten Vorgänge in Frank
reich seitens d-b nichtsranzösischen Preffe sordern, zog sich di- Behandlung der Fräqe ob unter der veränderten politischen Lage di- vorgeschrittenen R-Pu- blikaner es auch verstehen würden, Maß zu halten. Daß die Wahl Grevy s an sich die Republik in Frankreich gefestigt habe, darin war alle Welt einig. Allerdings muß es bedenklich erscheinen, daß man Tausend- von deportirten Communards und P-troleuren nach Paris zurückkommen ließ. Man fuhrt damit der radtcalen Agitation 2000 Officiere zu, deren Wrkung sich bald genug bemerklich machen wird. Selbst hierbei aber will die äußerste Linke nicht stehen bleiben. Sie begnügt sich nicht mehr mit der Amnestie, sie verlangt di- Anerkennung der Commune, ja, gewtffermaßen -in- Belohnung für j-n- Gräuel- tbaten Die äußerst- Linke soll beschlossen haben, in der Kammer den Antrag ru stellen, die heimkehrenden Insurgenten mit einer Million Francs zu unter- stüb-n, das heißt, ihnen durchschnittlich 500 Francs pro Kopf auszuzahlen. Wer möchte heute behaupten, daß der Antrag nicht angenommen werden wird? Schlimm genug, daß er überhaupt gestellt werden konnte.
England.
London, 9. Februar. Das „R-uter'sch- Bureau" meldet aus Konstantinopel: Wegen käuflicher U-berlaffung tüttisch-r Staatsgüter ansCypern an England wurde eine Uebereinkunst abgeschloffen. Ein großer Th-il der Liegenschaften verbleibt im Privatbesitze des Sultans.
Wußkand.
Petersbura, 9. Februar. Unmittelbar nach d-r gestern stattg-funde- nen Unterzeichnung des russisch-türkischen Friedens,erging die V-rständtgung davon an die resp. Truppen Commandeure. Die Rückkehr der Truppen g-ht sofort vor sich. Die darauf bezüglichen Bestimmungen wurden bereits früher getroffen. Die Ratification erfolgt unverzüglich nach dem Eingang des Frie- dens-Jnstruments.
Montenegro.
Cettinje, 9. Februar. Ein Telegramm des Commandanten Bizo Petrovic aus Podgoritza bestätigt, daß die Montenegriner anstandslos Spuz, Podgoritza und Zabljak mit Dependenzcn besitzt haben.
Türkei.
Konstantinopel, 8. Februar. Der russisch-türkische Friedensvertrag ist gestern Abend von Lobanoff und Karatheodory Pascha unterzeichnet worden. Die Ruffeu beginnen bereits morgen die Räumung des türkischen Gebiets, welche in 35 Tagen beendet sein soll. Die U-b-rgabe von^Podgoritza an Montenegro erfolgte gestern. Die Montenegriner ihrerseits räumten mehrere von ihnen bisher besetzte türkische G^biekslheile.
„Pommerania" treffe auch keine Schuld, dieses falsche Manöver der Bark nicht früher wahrgenommen zu haben. Das Benehmen von Eipitän, Officie» ren und Man. schäft nach der Eollifion fei durchaus lobenswerth gewesen.
London, 10. Februar. Das „Reuter'sche Bureau" meldet aus Konstantinopel: Der türkisch-russisch? Friedensvertrag enthält 12 Artikel : Art. 2 zählt das durch den Berliner Vertrag bereits Modificirte auf. JDie übrigen Artikel betreffen die Abänderungen des aufgehobenen Vertrags von San Stefano. Der Ausgleich der Tüikei mit Rußland erfolgt durch den gegen oärtigen Vertrag. Die Kriegsentschädigung ist auf 300 Mill. Rubel Papier festgesetzt. Wegen der Zahlung findet eine weitere Regelung statt. Die Vergütung der Unterhaltungskosten für die türkischen Kriegsgefangenen erfolgt in 21 Terminen. Eine sofortige Zahlung ist nicht stipulirt. Die Rechnungen werden von einer besonderen Commiision geprüft. Die Räumung des türkischen Gckiets Seitens der russischen Truppen soü 40 (?) Tage nach der Ratification des Vertrags vollendet sein. Der Secretär des Fürsten Lobanoff ist mit dem Fciedensoertrag nach Petersburg abgereist.
Loudon, 10. Februar. Zur A ifrechthaltung der Ordnung unter den strikenden Arbeitern in Liverpool sind 300 Mann Infanterie und 50 Mann Caoallerie dahin abgesendet worden. — Der Bericht der Untersuchungs-Commission in Betreff der Geschütz-Exvlosion auf dem „Thunderer" constatirt, daß das Geschütz das erstemal versagt hatte und dann nochmals geladen worden war, so daß sich also eine doppelte Ladung in dem Geschütz befunden hatte.
— Die Maschinenbauer von London stellten in Folge einer Lohnreduc- tion von 71/, pCt. die Arbeit ein.
Wien, 10. Februar. Nachdem dem Grafen Taaffe die Bildung eines parlamentarischen Ministeriums nicht gelungen ist, begibt sich derselbe nach Innsbruck auf seinen Statthalterposten zurück.
London, 11. Febr. Nachrichten aus der Capcolonie vom 27. Jan. melden: Eme englische Truppenabtheilung, bestehend aus Theilen des 24. Regiments sowie 600 Eingeborenen mit einer Batterie, erlitt eine schwere Nieder- läge und wurde fast vollständig vernichtet. Die Engländer verloren zwei Geschütze, eine Filme und es blieben 60 Officiere und 500 Mann tobt. Der Verlust der Zuln-Kaffern bevffect sich auf 5000 Todte. Die Schlacht fand in der Nähe des Tugala-Fluffes statt. Die Zulu's bedrohen ernstlich Port Natal. Der General Gonv-rneur e^bit fick Verstärkung ans England.
Lokales.
Gießen H. Februar. Eine neue Auflage des Liedes vom braven Mann erlebten viele Zuschauer gestern Morgen an der Lahn vor dem Neustädter Thor. Am alten Heuchelheimer Weg steht mitten vom Hochwasser umfluthet ein kleines Backsteinmacher-Häuschen. Drinnen war der Bewohner desselben mit drei kleinen Kinderchen von den tosenden Wellen eingeschloffen ohne daß es ibm möglich war an das Land zu gelangen. Drei beherzte Männer ein Commis aus der Burk'schen Mühle, ein hiesiger Restaurateur und ein Schutzmann, wagten sich in einem kleinen Boote auf die stark strömende Fluth und retteten nach Ueberwindung der groyten Schwierigkeiten die armen fast der Verzweiflung nahen Meschen. Diese heldenmuthige That verdient alles Lob und darum Ehre den braven Mannern!
Ein Gang durch die Löwengasse, Reichensand re. nota bene wenn em solcher möglich, giebt dem Paffanten eine Idee, wie es sich zu Zeiten der Pfahlbauten gelebt und gewandelt haben muß. Die ganzen Straßcnstrecken sind mit Floßbalken und Feuerleitern belegt, auf welchen sich Bohlen und Bretter besinden, um so notdürftig die Passage zu vermitteln. Gießen bot gestern Nachmittag fast den Anblick einer Völkerwanderung. Tausinvk strömten nach der Lalm und Wieseck um den schaurigen Anblick des Hochwassers zu genießen.
Eine paar bange Tage und Nächte müssen die »om '-Wt ;Ln9e^Io^nenb^e^ "nd was die kommenden Tage noch bringen werden, ist nicht ^cr selbst sind
wohl die meisten Keller mit Wasser versorgt. Wenn die Wasserleitung im Stadtwalde nur den tausendsten Theil der Waffermenge spenden könnte, dann waren wir glücklich zu nennen, so werden durch die Wegschaffung des Eises aus der Stadt und die momentan nothwendig gewordenen Pontonierarbeiten unsere Communalfteuerzettel nicht magerer werden.
a Ein Frauenzimmer von Auswärts wurde gestern wegen Betrugs verhaftet
Am Sonntag Abend vergriff sich ein Hausbursche in einem Laden am Reichensand an der Ladenkasse und entlieh derselben einen Betrag von 6 JL und etlichen Pfennigen. Der Dieb ist bereits in Verwahrung. n
_ 1 In einer Restauration und Fleischerladen auf dem Neuenweg erquickten sich gestern Nacbmittaq 3 B-w°hn-r von Stößen. 318 s>° genug g-g°ff-n und 5Ctrunfen wollten sie vom Mirtbe noch Fleisch geborgt haben, weil sie momentan nicht mehr bei Caffe seien. Es wurde ihnen solches invessen^ abgeschlagen und glaubte einer der drei sich das Verlangte auf billigere L zuv«chnff-n'?nd°m 7r im Hausflur ein Stück Sp.-k im Gewichte von 2-/. Vfund -asck abschnitt und unter dem Rock verbarg Der Wirth, auf den Verlust aufmerksam geworden, schickte nach der Polizei, welche denn auch bald den Thatbestand feststellte und den Annectirer hinter Schloß und Riegel verbrachte, während die beiden Anderen ihres Weges gehen konnten. ' Ein Betrunkener und eine Anzahl Bettler wurden gestern arretirt.
Heute Morgen stürzte am Oswalds Garten ein Theil des stodt. Canals ein. Jedenfalls hat das Hockwaffer den Einsturz veranlaßt.
Daß die Brücke über den Klingelbach in der Ludwigsstraße so schmal, dazu ohne Geländer und nicht einmal durch eine Laterne beleuchtet ist, hätte gestern beinahe ein bocken!eben gekoste QUg seiner Werkstatt rasch in die Fortbildungsschule dahin
eilende 16jährige Schlofferlehrling Heinrich Weigel trat in der völligen Dunkelheit nebtti die Brücke und verschwand sofort in dem doch über seine Ufer getretenen Dache. Gluckucherwche warf ibn die Strömung gegen ein etwa 25 Sckrltte von der Straße stehenves Weidengebusch, an welches er sich festkl'ammerte. Alles Hülferufen war anfänglich vergeblich, endlich kam eia Soldat, welcher das Schreien schon von ferne gehört hatte herbeigelaufen; ohne sich zu besinnen und nickt achtend der eigenen Lebensgefabr springt erUn'8JBafter, ben imnie. werdenden
Rufen folgend, erreicht er trotz der undurchdringlichen Finstcrnlß den Unglücklichen und bringt den fast vor Frost Erstarrten glücklich an's Land.
Der Name des braven Soldaten ist Häuser, er ist gebürtig aus Lang-Gons.
Verebrlichen Stadtvorstanv glaubt man Angesichts eines solchen Unglücksfalles i)o6> wohl um die Aufstellung einer Laterne an der B'ücke ersuchen zu dürfen!
.. __ Es wird uns mitgecheilt, daß der Verkehr auf der Main-Weser-Rahn zwsichen Gießen und Caffcl gestört sei. Bedeutende Dammrutschungen bei Station Fronhausen sei die
Ursache hiervon. t
Gießen 11 Februar. Tagesordnung für die Stadtverordneten - Sitzung am Donnerstag den 13- Februar 1878, Nacbmtttags 4 Uhr:
1. Gesuche um Freistellen an der Realschule.
2. Die Realschule I. Ordnung.
3. Die Verpachtung des Kellerraums in der alten Realschule.
4. Die Handwerkerschule betreffend.
5. Das Feuerlöschwesen. , ,
6 Gesuch des Derems für Geflüael- und Vogelzucht um Ueberlaffung der Turnballe- 7. Gesuch des Gottfried Helfenbein um Erlaubniß zur Errichtung einer Eüi- 8. Gesiick^ d^e's Heinrich Capeller um Erlaubniß zur Anlegung einer Einfriedigung.
9. Die Errichtung von Grabdenkmälern.
10. Die fiscaliscke' Schleuß« in der Wieseck.
11. Ge'uche um Erlaß von Communalrückständen.
12. Fristgesuche. -----------
Das Concert vom 9. Februar.
Das letzte Eoneert, in welchem das berühmte österreichische Damen - Quartett auftrat, war nickt von der drastischen Wirkung, wie das Säuret - Coneert in welchem die Stimmuna der Fuhörer'chaft oft zur bochaufschlagenden Flamme angefacht wurde. Wir hatten dafür vor. gesteni es mit einem sanften Feuer zu tbun, das von jungfräulichen Händen fein säuberlich angezündet und in einer für das Gemüth wahrhaft wohlthuenden Weise vom Anfang bis za


