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Nr. Ä8. Zweites Blatt. Sonntag, den 9. März
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j- Schulstraße B. 18.
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Wochenübersicht.
Das zoll-- und handelspolitische Programm des Reichskanzlers stand auch in der vergangenen Woche noch tm Vordergrund der öffentlichen Diskussion, doch mehrt sich sichtlich die Zahl der Handelskammern, Stadtverordneten-Versammlungen und Vereine, welche sich gegen die Grundlinien desselben erklären. Am bemerkenswerthesten ist, daß neuerdings nicht blos die Organe der Centrumspartei, welche ihm Anfangs offen zusttmmten, Front gegen dasselbe machen, sondern daß sich sogar die Kreuzzeitung entschieden gegen eine plötzliche fundamentale Umwälzung auf wirtschaftlichem Gebiet, wie Fürst Bismarck sie beabsichtigt, aussprtcht. Bei der ersten Versammlung der sog. freien wirthschastltchen Vereinigung des Reichstags fanden sich statt der 204, welche die bekannte Erklärung am Schluffe der vorigen Session unterzeichnet hatten und auf deren Unterstützung der Reichskanzler sicher gerechnet hatte, nur — etwa 60 Mitglieder zusammen. Gleichzeitig bricht sich indeflen in parlamentarischen Kreisen die Überzeugung Bahn, daß es dem Staatsmintster a. D. und Abgeordneten Dr. Delbrück gelingen werde, auf Grund einer erhöhten Tabaksteuer und gewtffer Finanzzölle eine Verständigung zwischen der Regierung und der Majorität des Reichstags herbetzuführen.
Der Reichstag selbst beschäftigte sich mit verschiedenen Gegenständen. Er genehmigte den Weltpvstvertrag, verwies die Regierungsvorlage über das Rahrungsmittelgesetz, sowie die Anträge Stumm und Günther betreffs Einführung von Altersversorgungs- und Jnvalidenkaffen für Fabrikarbeiter, an eine Commission, ließ sich bei den Interpellationen über eine Revision des Haftpflichtgesetzes und die Vorsichtsmaßregeln gegen die Pest versichern, daß die Negierung beiden Angelegenheiten ihre ernsteste Aufmerksamkeit widme, und wandte sich schließlich der Berathung des RetchhausHaltsetats zu. Das Finanzexpose, welches Staatsminister Hofmann bet dieser Gelegenheit gab, war, da die veranschlagte Erhöhung der Matrikularbetträge sich nur auf 14 Mill. M. (101 statt wie bisher 87) belief, befriedigender, als man allgemein befürchtet hatte. Von den aus der Mitte des Hauses stammenden Anträgen verdient der der elsaß-lothringischen Autonomisten auf Schaffung einer selbstständigen, im Lande befindlichen Regierung um so größere Beachtung, da er im Einverständniß mit dem Reichskanzler gestellt sein soll. Erfreulich sind die Nachrichten von dem Stege nationalliberaler und freiconservativer Candtdaten über die der Soctal- demokraten im Duisburger und im Döbeln'schen Wahlkreise.
Von den in einzelnen Bundesstaaten während der Retchstagssessicn noch versammelten Landtagen ist am 3. d. auch der letzte, der bayerische, nachdem er die auf die Reichsjusttzorganisation bezüglichen Gesetze erledigt und das Gesetz über den Verwaltungsgerichtshof angenommen, vertagt worden. König Ludwig hat das Haupt der bayer. Altkatholiken, Prof. Döllinger, zu deffen 80jährigem Geburtstage durch ein überaus gnädiges Glückwunschschreiben erfreut.
Der preußische ev. Oberktrchenrath hat über die socialisttschen Bestrebungen eine Ansprache an die ihm untergebene Geistlichkeit erlaffen, worin er Agitationen, wie die Prediger Stöcker und Tod sie bisher betrieben, aus's Entschiedenste verurtheilt.
Der Stand der Dinge zwischen Berlin und Rom characterisirt sich am deutlichsten durch die Thatsache, daß ein osficiöses Organ des Vatikans, die „Civiltä catolica“ offen erklärt, zwischen Kaiser Wilhelm und dem Papst könne es sich „nun und nimmermehr um Frieden handeln", und daß die ultramontane Presse in Deutschland ebenso rückhaltlos versichert, sie glaube der Negierung hinfort „kein Wort des Friedens mehr". Nicht bester als mit Deutschland scheint der Papst neuerdings mit der französischen Regierung zu stehen; wenigstens deutet der Umstand, daß der französische Botschafter dem „heil. Vater" über dessen nachdrückliche Hervorhebung der Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft bei dem Empfang der katholischen Journalisten sein Bedauern ausgedrückt hat, nicht gerade auf freundschaftliche Beziehung hin. Die lumpige halbe Million Franken, welche die Vertreter der kathol. Preffe „aus der ganzen Welt" als Ertrag des Peterspfenntgs zu den Füßen des Unfehlbaren niederlegten, wird diesen über den Verlust der französischen Freundschaft schwerlich zu trösten vermögen.
Die Schweiz hat ihren Bunvespräsidenten verloren, indem Dr. Heer 1. d., 54 Jahre alt, in Glarus gestorben ist.
Von Rußland her wird die Welt noch immer in Angst vor der Pest gehalten, zumal seitdem der berühmte Professor Botkin in Petersburg selbst einen Pestsall constattrt hat. Nicht mindere Besorgntß erregen aber die dortigen nihilistischen Agitationen, welche jüngsthin in Kiew zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen der Polizei und den Arbeitern einer geheimen Druckerei geführt haben.
In Oesterreich-Ungarn sind die Delegationen von Neuem zusammengetreten. Dieselben haben sich zuerst mit dem von der Regierung verlangten Nnchtragscredit für die Occupation zu beschäftigen; man steht diesmal indeß, trotzdem daß die Occupationskosten den früher bewilligten Kredit (60 Mill, fl.) m mehr als das Doppelte überschritten haben, ruhigeren Verhandlungen entgegen, da die widerseitigen Parlamente sich mittlerweile für die Politik der
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Regierung ausgesprochen und die hervorragendsten Gegner derselben ihr Mandat ntedergelegt haben.
England gibt sich, seitdem die Nachricht eingetroffen, daß Schir Ali gestorben und fein Sobn Jacub Khan den Wunsch nach Wiederherstellung freundlicher Beziehungen kundgegeben, der Hoffnung auf eine baldige Beendigung des Krieges mit Afghanistan hin. Im Capland hält sich die englische Armee bis zum Eintreffen der Verstärkungstruppen aus der Defensive, doch kann ihr auch dort der Sieg auf die Dauer nicht fehlen, sintemal — Prinz Louis Napoleon, desten Heldenthaten bet Saarbrücken nicht vergessen sind, sich entschlossen hat, den Krieg gegen die Koffern im englischen Generalstab rmt- zumachen!
Frankreich befindet sich schon wieder in einer Cabtnetskrisis. Der Minister des Innern, Marcere, hat nämlich in Folge einer Tagesordnung, durch welche die Deputirtei kammer seine Erklärungen über die Angelegenheit der Polizeip'äfcctur für ungenügend erklärte, seine Entlassung eingeretcht und der Ftnanzmintster Leon Say sieht seine Stellung aus Anlaß seines Verhaltens in der Convertirur gsfrage, durch welches die Börse in heftige Schwankungen gerieth, bedroht. Der Ministerpräsident Waddington selbst wird sich wahrscheinlich dem Drängen der Radikalen gegenüber ebenso wenig zu halten vermögen, obgleich oder vielmehr weil er ihrem Verlangen nach Versetzung der Minister vom 16 Mai in Anklagezustand zunächst noch Widerstand ent* gegensetzt._________________________________________________________________________________
Vermischtes.
Frankfurt a. M., 6. März. Die „Vereinigung deutscher Leder-Industriellen", nicht zu verwechseln mit dem „Centralverband deutscher Leder-Industriellen in Berlin" hat bereits eine rege Thätigkeit entfaltet. Die Vereinigung, welche auf dem Standpunkte der bisherigen Zollgesetzgebung und der Handelsverträge steht, hat ihr Programm in vielen Tausenden von Exemplaren versandt und die Genugthuung erfahren, daß bereits nahe an Tausend Beitrittserklärungen aus 250 Städten ganz Deutschlands zu ihrem Vereine erfolgt sind. Es befinden sich darunter die bedeutendsten Firmen der Leder- und Lederwaarenfabrikatton, aus der Leder-, Portefeuille-, Sckuhwaaren- und Riemcnbranche, sowie zahlreiche Leder-, Fell- und Häutehändler' Außerdem hat sich eine Reihe von Schuhmacher - Versammlungen der Vereinigung und ihren Bestrebungen angeschlosien. Für alle diejenigen, welche ihren Anschluß noch nicht erklärt haben, bemerken wir, daß die Anmeldungen fortwährend von Hrn. Landauer-Donner in Frankfurt a. M. entgegengenommen werden. Die „Vereinigung der deutschen Leder-Industriellen" hat nun zunächst durch ihre 4 Sektionen Fragebogen ausarbeiten lasten und versandt. Dieselben beziehen sich auf den Bezug der Rohwaaren, die in Aussicht genommene Eingangsabgabe auf Rohwaaren, die Angabe des Exports, die Zölle auf Fabrikate rc. Auch diese Fragebogen sind noch von dem Bureau der Vereinigung in Frankfurt a. M. zu beziehen. Eine schleunige Zurücksendung derselben ist jedoch umsomehr geboten, als die Denkschrift, welche die Lage der bedrohten Industriezweige in objektiver Weise schildern soll, schon in den nächsten Wochen an den Bundesrath abgehen soll und davon bereits dem Fürst Bismarck wie auch Herrn von Varnbüler in ausführlich motivirtem Schreiben Anzeige gemacht worden ist.
— liebet die Verluste an Wild, welche der lange andauernde Winter mit seiner in Wald und Flur Alles bedeckenden Schnee- und Eiskruste verursacht hat, schreibt man: Die Befürchtungen, welche hinsichtlich des Wildes die Jäger hegten, haben sich in ihrer ganzen Schwere bewahrheitet. Die Verluste der Wildbestände, welche von allen Seiten Deutschlands gemeldet werden, sind enorm. Nicht allein, daß ein Theil des Wildes, namentlich die Rebhühner, an Nahrungsmangel zu Grunde ging, so haben auch das Raubzeug und 'vagabondirende Hunde tüchtig unter dem Haarwild aufgeräumt. Die Verluste sind an und für sich herbe genug, und doch drohen die Consequenzcn jener Hungerzeit mit noch herberen Schlägen. Die ungesunde Nahrung, welche meist aus Baumrinde bestand, verursacht Krankheiten, die gerade durch den scharfen Wechsel zu der üppigen, bereits un Keimen begriffenen Frühlingsäsung sich um so rascher entwickeln werden. Darmkrankheiten und Ruhr werden in den Wildbahnen eine schauerliche Nachlese halten.
lieber denselben Gegenstand schreibt man aus England: Der lange und strenge Winter spielt dem Wilde in den schottischen Bergen übel mit. Natürliche Aesung gibt es seit vielen Wochen schon nicht mehr, und die Hirsche und Rehe sammeln sich in entkräftetem Zustande, aus Haut und Knochen bestehend, in den Dörfern und Pachthöfen, von den Menschen Hülfe erflehend. Selbst mit Hunden sind sie nicht aus den Höfen zu jagen. Die Grundbesitzer tbun nun ihr Möglichstes, um das Wild, dem zu Liebe ja in England und Schottland viel geopf. t wird, am Leben zu erhalten. Es sind Futterstationen errichtet worden, wo alltäglich Bohm' und Korn, Rüben und Heu in Tröge geschüttet werden. Diese Futterstationen erfreuen sich bei den hungerigen vierfüßigen Waldbewoynern reichlichen Zusvruchs, vermögen indeffen dem Mangel natürlicher Aesung nur in dürftiger Weise abzuhelfen. Das gefiederte Wild ist weniger besser daran als Hirsche und Rehe. Die in Schottland heimischen Haselhühner flattern in starken Flügen dem Hochwilde nach, um das Mahl, was diesem von Menschenhand bereitet worden, mit ihnen zu theilen. Die Aussichten für nächstes Jahr sind daher für den schottischen Waidmann nicht besonders erfreulich.
Landes - Gewerbe - Ausstellung
des
Großherzogthums Hessen
für 18 7 9 in Offenbach am Main.
Nachdem der größte Theil der an diejenigen Industriellen des Landes, welche das Projekt einer allgemeinen Landes Gewerbe-Ausstellung vornherein mit Freuden begrüßten und demselben ihre Unterstützung zusicherten, zugesandten definitiven Anmeldebogen in die Hände des Büreaus zurückgelangt, auch der Bauplan für das AusstellungSgebäude festgestellt ist, wird sich das Bau- und Aufstellungs- Comite nun mit der inneren Eintheilung des Ausstellungsraumes, sowie mit der Ein- und Vertheilung der Plätze befaffen muffen, dabei aber nur die vorliegenden Anmeldungen ins Auge fassen und später kommende Aussteller nur in zweiter Lmie berücksichtigen können, für Diejenigen, welche überhaupt noch die Absicht haben, die Ausstellung zu beschicken, gewiß ein Grund, sich recht bald dazu zu entschließen. Die genannten Comite's können sich, der vorgerückten Zeit wegen, hierdurch in ihren Arbeiten nicht aufhalten lasten, sondern müssen ohne Unterbrechung darin fortfahren, damit die Aussteller so bald thunlich die ihnen zukommenden Räume kennen lernen und ihre Vorbereitungen zeitig machen können


