Nr. 286
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Erstes Blatr. Sonntag den 7. December
Deutschland.
Berlin, 3. December Das glücklicher Weise verfehlte Attentat auf den Kaiser von Rußland hat hier in sehr wetten Kreisen einen tiefen Eindruck gemacht. Der Kaiser soll von dem Vorgänge heftig erschüttert sein und sofort em persönlich abgesaßtes Telegramm an den Kaiser von Rußland gerichtet Laben. Auffallend ist es, daß man im Auswärtigen Amt bereits gestern Kunde davon hatte und der Krtegsmtntster bet einem parlamentarischen Diner, welches er gestern gab, gestützt auf den Bericht des diesseitigen M'lttärbevoll- mächttgten, Generals v. Werder, das Ereigniß besprach, während in wettere Kreise die erste Kunde durch die heutigen Morgenblätter drang. Im Abge- orvnetenhause umdrängte man heute die neu eingegangenen Depeschen, welche Näheres über diesen Vorfall brachten. — In militärischen Kreisen erregt die Genehmigung des Abschiedsgesuchs des Prinzen Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, bisher Commandeur der 12. Division, großes Aufsehen. Man nimmt an, b, ß der wahre Grund des Abschiedsgesuchs in dem Umstande zu suchen sei, daß der Prinz, welcher der älteste General»Lieutenant von der Artillerie war, nicht, wie man erwartet hatte, zum Nachfolger des Generals v. Podbielski ernannt wurde.
Kassel, 4. Decbr. Die „Kasi. Tgpst." schreibt: „Die Mittheilung über die künftige Organisation der Matn-Weserbohn-Verwaltung, wie wir sie neulich noch als im Plane des Ministeriums liegend bezeichnen durften, ist heute nach den endgültig getroffenen Dispositionen nicht mehr ganz zutreffend, denn man schreibt uns aus Berlin unter dem 2. December in Betreff dieser Angelegenheit: „Aus einer Quelle, die ich nicht anzuzweifeln wage, beeile ich wich, Ihnen mitzutheilen, daß in maßgebenden Kreisen die Belasiung der Direction der Main-Weserbahn in Kasiel beschloffene Sache ist. — Frankfurt wurde, wie ich ferner aus nächster Nähe der entscheidenden Stelle erfahre, als Sitz der Central-Direction fest bestimmt. — Schon in der allernächsten Zeit hoffe ich Ihnen nähere Details aus derselben durchaus glaubwürdigen Quelle mittheilen zu können. — Im Ganzen stimmt ja auch meine Mitthei- luna mit den Angaben, welche die Kaffeler Deputation von Berlin mit nach Hause gebracht hat; nur daß das, was damals Aussicht war, jetzt Gewiß, heit ist."
Stuttgart, 4. Decbr. Der König hat das Protectorat über die Landes-Gewerbeausstellung im Jahre 1881 übernommen.
Frankreich.
Varis, 4. Decbr. Deputtrtenkammer. Brisson macht dem Ministerium den Vorwurf, in sich getheilt zu sein und nicht den berechtigten Wün- scheu der Majorität zu entsprechen, welche besonders eine Purificatwn des Beamtenpersonals und eine Reform der Magistratur fordere. Er schließt mit den Worten: Wir haben eine entschlossene Majorität, aber ein zögerndes Ministerium. Waddington thut dar, daß das Cabinet die Vereinigung der in der Kammer vertretenen Ansichten repräsentire. Ein neues, aus der gegenwärtigen Coalition hervorgegangenes Cabinet würde alsbald mit einem großen Theil unserer constttutionellen Prtncipten in starken Gegensatz gerathen. Waddington weist nach, was das gegenwärtige Cabinet möglich gemacht habe: ohne das Cabinet würden die Kammern nicht nach Paris zuruckgekehrt sein. Das Cabinet werde die Magistratur Respect vor der Republik lehren Aber di- Frag- dürft nicht so g-st-llt w-rd-n, wie si- g-g-nwärt.g g-st-llt ftl. Das Cabinet wolle keine absolute Pr.ßsr-ih-it; denn sie wolle ke ne Schmabsr-l. beit; es nehme die Versammlungesreiheit an, wenn die Parteien die Waffen niederaelegt hätten. Die Republik muffe aus der Vereinigung der Parteien gegründet werden; sie werde Bestand behalten, wenn diese Vereinigung Bestand habe.
Daris, 4. December. Ein neuer Sieg der französischen Regierung, ein Sieg mit 243 gegen 104 Stimmen, welche für die motivirte Tagesordnung stimmten, zu der sich das Cabinet im Verlaufe der Verhandlungen mittelbar verstanden hatte: es wird die Reinigung der Beamten zu Ende fuhren, doch mit Bedacht, und es wird ein Gesetz vorlegen, das dem Beamtenstande Achtung vor der Republik zur Pflicht macht und die Auslegung der Gesetze im tendentiösen Sinne gegen die bestehende Verfaffung durch Beseitigung der Reaktionäre erschwert. Jrn Urbrtgen hat Waddington der Kammer dargethan, daß die allgemeinen Vorwürfe, die seinem Cabinet gemacht würden, jedem künftigen Cabinet gemacht werden können, ja, daß sein Cabinet immer noch mehr als ein Cabinet Briffon leisten dürfte, da dcffen Anhang auch gecheckter Meinung sei und ein Theil deffelben nichts Geringeres im Schilde führe, als Sturz der Berfoffung und Abschaffung des Senats und Concordats, unbe- dingte Preß-, Versammlungs' und Vereintsretheit, Wahl der Maires von Paris und Lyon, statt der Ernennung durch die Regierung. Die Ausführung dieses Programms würde die republikanische Partei in Progressisten und Con- servattve zerschneiden, während doch nur durch einmüthiges Zusammenwirken die Republik gegründet und aufrecht zu erhalten sei.
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Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correspondenr • Bureau.
Berlin, 5. December. Abgeordnetenhaus. Fortsetzung^der lEtatsberathung. Bei der Position: Erlös aus Ablösungen, Domänen-Gefällen rc. äußert v. Meyer (Arnswalde), daß die Staatsforsten >n stetem Rückgänge begriffen men, oatz man aus Vermehrung der Forsten Bedacht nehmen und einen bez. generellen Plan aufstellen möae. — Minister Lucius erwidert darauf: Culturanlagen ließen stch nicht impromstren. Die Aufstellung eines generellen Planes über Aufforstung in der ganzen Monarchie ict eine weitreichende zeitraubende Arbeit. Er habe in der kurzen Zeit seiner Amtsführung Schritte gethan, wenigstens in einer Provinz den Staatsforstbesttz zu vermehren und zu arrondiren. Man müsse sich mit schrittweisem Vorgehen begnügen. Einen Aus- sorstungsvlan zu verlautbaren, namentlich in Form eines Programms oder Gesetzes bekannt zu machen, empfehle sich nicht. Wenn darüber geklagt sei, daß für das Domänen- und Forst-Ressort nickt größere Beträge ausgeworfen seien, so entgegne er, daß )ed.s Ressort die gesammte Finanzlage zu berücksichtigen habe. Wenn eine Erhöhung der ausaeworfenen Summe möglich sei, werde er Entfprechendes beantragen. Auf Anregung Miquel's erklärt derselbe Minister: Die Regierung bat bereits m allen Landes- theilen, wo Rothstände sind, angeordnet, daß alle wahrend des Winters aussuhrbme Erd- und sonstige Arbeiten b sonders gefördert und hierzu besondere Mittel ausgesetzt werden. Die Position wird schließlich genehmigt.____
Bei dem Etat der Forstverwaltung bemängelt Rockerath die angefetzten Einnahmen als zu niedrig und beantragt Rückverweisung an die Budget-Commisslon. Minister Lucius widerspricht dem Anträge, welcher darauf abgelehnt wird- — Auf eine Anfrage Kropp's erklärt Minister Lucius, die Nachricht, daß die Einbringung der Jagdordnung durch diesbezüglich obwaltende Differenzen zwischen.den Ministern der Landwirthsckaft und der Finanzen verzögert sei, entbehre der Begründung. Die Einbringung sei i nur verzögert durch die neu angebahnte Behörden -Organisation; er hoffe indeß die Vorlage noch iin Lause der Session machen zu können. — Der Etat oer Forstverwaltung wrrd genehmigt. - Beim Etat der Berg-, Hütten- und Salinenverwaltung stellt v- Schor- lemer die Anfrage, ob die Staatsregierung Einleitungen getroffen habe oder treffe, um für die Nothleidenden in Oberschlesien aus den fiskalischen Steinkohlenbergwerken Brennmaterial zu billigeren Preisen oder umsonst herzugeben Reg'erungs-Commis)ar Serlo erwidert: Eine allgemeine Erwägung der angeregten Frage habe bisher nickt stattgefunden; es sei aber in den einzelnen Fällen, wo Vereine oder Behörden die Anforderung gestellt, unentgeldlich Kohlen aus ben Malischen Gruben zu erhalten, ohne Weiteres dem Verlangen entsprochen worden und werde m den einzelnen Fallen der officiellen MM-ung unterliegen, ob mit diesen Bewilligungen fortgefahren werden könne. Leuschner bemängelt die Rentabilität der Salinen und empfiehlt Erhöhung der Salzpreise. — o. Chlapowski macht der Bergverwaltung Oberschlesiens verschiedene Vorwürfe. Hammacher nimmt die Verwaltung dagegen in Schutz und erklärt fich für Erhöhung der Preise der Bergbau-Producte im Interesse sowohl des Fiscus wie der privaten Bergwerksbesitzer und der Arbeiter. Redner erörtert die Ursachen der geringen finanziellen Erträgnisse der Bergwerke, insbesondere der Salinen und dringt auf Erhöhung der Salzpreise. — Regierungs-Commissar Serlo stellt eine Besserung der finanziellen Erträgnisse in Aussicht. Was die Preise beMffe, so wurden dieselben durch die Eoncurrenz geregelt. — Windthorst beleuchtet die Rothstände in Oberschlesien und führt aus der Culturkampf und die fehlende Seelsorge und Tröstung der Kirche hatten jene Zustände mitverschuldet. Redner gibt zu erwägen, .ob die Klrchengefetze nicht wenigstens für Oberschlesien zu suspendiren seien. — Richter wacht die Zolle aus Lebensmittel für die Rothstände verantwortlich. - Hierauf wird die Fortsetzung der Berathung auf morgen vertagt.
Dublin, 5. December. Thomas Brennan ist als Hauptanstifter der Fenischen Agitation verhaftet worden; ebenso Paruell wegen aufrührerischen Reden auf einem Meeting in Valla.
Kairo, 5. Decbr. Die Gerüchte über gespannte Beziehungen zwischen Egypten und Abessinien werden als übertrieben bezeichnet. Bis jetzt sind keine egyptischen Truppen dahin abgegangen; nur ein schon lange von Gordon Pascha verlangtes Bataillon befindet sich in Ausrüstung.
Dresden, 5. Decbr. Bei dem Gruben-Unglück im Zwickauer Kohlenrevier find, wie jetzt festglstellt, 89 Personen uncks Leben gekommen. Als mitwirkende Ursache des Unglücks bezeichnet das „Dresd. Journal" das Leck- werden des Wetterauszugsthurms des zweiten Schachtes. Heute beginnt wieder die Kohlenbeförderung im zweiten Schacht.
Petersburg, 5. Decbr. Die russische „Peterburger Zeitung meldet: Gerüchtweise verlautet, daß auf einer Station der Nischny-Bahn zwei Individuen verhaftet wurden, welche angeblich mit dem Attentat vom 1. ds. in Verbindung stehen. — Fürst Gortschakoff ist gestern Nachmittag hier einget^^jW Decbr. Auf der an der Börse ausgelegten Sammelliste für den Nothstand in Oberschlesien find bis heute 32,000 Mark gezeichnet.
Wien, 5. Decbr., Abends. Meldung der „Polit. Corresp." aus Konstantinopel. Der Sultan sendete an den Kaiser von Rußland anläßlich des mißglückten Attentates einen telegraphischen Glückwunsch. Es heißt, Kara- weloff hätte den Präsidenten der ostrumelischen Provinzialvertretung Gueschoff und den Präfekten des ostrumelischen Distriktes Slivno Ekonomoff eingeladen, in das neue bulgarische Cabinet einzutreten.
Wien, 5. Decbr., Abends. In der Abendsitzung des Abgeordnetenhauses wurde die Regierungsvorlage betreffs Verlängerung des Handelsve^ träges mit Deutschland eingebracht. Nachdem sodann die das Wehrgesetz betreffende Vorlage in dritter Lesung angenommen worden war, wurden die Delegationswahlen vorgenommen.
Bukarest, 5. December. Deputirtenkammer. Vicenti ersucht den Minister des Auswärtigen, die diplomatiicke Correspondenz über die Arabtabia- Frage und die Anerkennung Rumäniens durch die vier Westmächte vorzulegen. I Minister Börescu erklärt, beide Fragen gingen einer günstigen Lösung entgegen.
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