kann füglich nicht durch die gleichzeitige Erwerbung aller zur Zeit noch vorhandenen wichtigeren Privateifenbahnen erfolgen. Abgesehen von dem Einfluß eines Gesammtankauss auf den Staatscredit würde auch die Einverleibung eines so ausgedehnten Complexes von Bahnen in die bestehende Staatseisenbahnverwaltung eine sehr schwierig zu lösende Organisations-Aufgabe bedingen. Um die Ueberleitung der Privatoerwaltung in die Staatsverwaltung zu erleichtern und eine einheitliche Organisation der Gesammthett der vereinigten Bahnen vorzuberetten, erscheint eine successive und planmäßige Erwerbung und Einverleibung der in Betracht kommenden einzelnen Privatbahn-Unternehmungen geboten. Mit Rücksicht hierauf werden zunächst nur diejenigen wichtigeren Unternehmungen zu erwerben sein, deren Linien besonders geeignet sind, die Lücken des Staatseisenbahnnetzes zu ergänzen und eine rationelle Verkehrs- und Betriebsleitung zu ermöglichen.
— Zur Ausmünzung sollen in Preußen während des nächsten Etatsjahres 1880/81 nur Goldmünzen gelangen, und zwar im Betrage von 140 Millionen Mark. Davon kommen 100 Mill. Mark auf auszumünzende Doppelkronen, 27 Mill. Mark auf Kconen und 13 Mill. Mark auf halbe Kronen.
Berlin, 3. Novbr. Der Bundesrathsbeschluß bei der Umprägung der 20-Psennigstücke geht dahin, daß solche Münzen im Betrag von 5 Mill. Mk. eingezogen und in Ein- und Zwei-Markstücke umgeprägt werden sollen und daß bet der Verthetlung nach Maßgabe der Vorschriften des Münzgesetzes bezüglich der einzelnen Münzstätten zu verfahren sei.
Schweiz.
Bern, 3. Novbr. Auf den Recurs einer Anzahl Tesstnischer Gemeinden gegen die vom Großen Rath des Cantons Tessin beschlosiene Wtederzu- lasiung der Eapuztner hat der Bundesrath mit Rücksicht auf die gegenwärtig sehr gespannten Verhältnisse in Tessin, welche durch Zulassung landesfremder Capuziner wesentlich verschlimmert würden, den Staatsrath von Tessin eingeladen, dafür zu sorgen, daß die Niederlassungen landesfremder Capuziner in Tessinischen Klöstern und Stationen unterbleibe, widrigenfalls der Bundesrath die Handhabung des Art. 51, Absatz 2 der Bundesverfassung (Verbot staats- gefährltcher geistlicher Orden) beantragen werde.
Frankreich.
Paris, 1. Novbr. Der socialistische Arbeiter-Congreß in Marseille verwarf in seiner heutigen Sitzung ein Amendement zu Gunsten des individuellen Eigenthums mit 50 gegen 26 Stimmen und beschloß die Annahme des Wunsches, daß der Grund und Boden, der Untergrund, die Werkzeuge und bte Rohstoffe als gemeinsames Eigenthum an Alle gegeben und unvei> äußerlich durch die Gesellschaft gemacht werden sollen. Der Arbeiter-Congreß beschloß sodann die Abschaffung der Besteuerung der Rente, sowie aller Privilegien und Monopole, und ging hierauf zur Tagesordnung in Betreff der Frage über Freihandel und Schutzzoll über, da dieselbe dem Proletariats keinen Vortheil biete. Der Congreß beschloß, daß der nächste Congreß 1880 in Havre gehalten werden solle. Die Annahme des Antrages, daß die Depu- tirtenkammer aufzufordern sei, die allgemeine Amnestie zu beschließen, wurde mit den Rusen: „Es lebe die Amnestie! Es lebe die demokratische, sociale Republik!" begrüßt. Der Präsident schloß hierauf den Congreß, deffen Mitglieder unter dem Rufe: „Es lebe die democrattsche, sociale Republik!" aus- etnandergtngen. (Köln. Ztg.)
Spanien.
Madrid, 2. Noobr. Die Madrider Gastwirthe sind in Verzweiflung; es sollen anläßlich der Vermählung des Königs keine Festlichkeiten stattfinden. Diese ehrlichen Patrioten — heißt es in einem Bericht der „Times" — hatten darauf gerechnet, abermals dem goldenen Kalbe opfern zu können. Ein Gesandter, welcher seinen Herrscher vertreten sollte, erkundigte sich in einem Gasthofe nach dem Preise für einen Salon und vier Schlafzimmer; man verlangte von ihm 2000 Realen für den Tag und 300 Realen für einen Wagen, mit der Verpflichtung, denselben für 20 Tage zu nehmen. Er wandte sich an einen andern Wirth; dieser forderte für die gleichen Räume 3000 Realen und 1000 Reale» für einen Wagen nebst der Verpflichtung, denselben für 15 Tage zu nehmen. Der Gesandte stand im Begriff, mit dem ersten Gastwirth abzuschließen, als die Nachricht anlangte, daß keine Festlichkeiten stattfinden werden. Ueberdies würden den übrigen Regierungen auch keine Einladungen zu- gehen. Man scheue sich vor abermaligen Einladungen, nachdem solche kurz hintereinander zur Hochzeit und zum Begräbntß der jungen Königin ergangen waren. Die Regierungen werden jedoch aus eigenem Antriebe Gesandte schicken.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correspondenz • Bureau.
Berlin, 4. Novbr. Das „Militär-Wochenblatt" publictrt die Ernennung des Generals v. Fransecky zum Gouverneur von Berlin und die Ernennung des Feldmarschalls v. Manteuffel zum commandirenden General des 15. Armeecorps.
Stuttgart, 4. Novbr. Der König ist aus der Sommecrestdenz in Friedrtchsbafen heute hierher zurückgekehrt.
Wien, 4. November. Die „Polit. Corresp." meldet aus Philippopel vom 3. ds.: Aleko Pascha hat die ostrumeltsche Provinzial-Versammlung mit einer Rede eröffnet, worin er auf das nunmehr hergestellte freundschaftliche Verhältmß zwischen der christlichen und muhamedanischen Bevölkerung, sowie aus das Elend der Bevölkerung und den schlechten Stand des Budgets hinwies und sich jeder Anspielung auf politische Angelegenheiten enthielt. Der Alterspräsident der Versammlung ist der katholische Bischof Renualdt, zum Präsidenten dürfte Resakoff gewählt werden.
Bukarest, 4. Novbr. In Bestätigung des Gerüchtes von der Demission Brattanos meldet „Romanul": In dem Ministerrathe vom 2. Novbr. sprach Bratiano, aufgebracht durch die vielen Hindernisse, wogegen er seit so langer Zeit angekämpft, den Wunsch aus, sich zurückzuziehen; jedoch der Fürst ic Master bestanden auf seinem Verbleiben, da kein Gruud für
ihn bestehe, sein Amt niederzulegen. — Der ehemalige Minister Strat ist gestern gestorben. — Die Fürstin ist nach Bukarest zurückgekehrt.
4. Novbr. Das Kriegsgericht verurteilte 9 politische Verbrecher : KrzanowSky zum Tode durch den Strang, Schurkau und Kasal- schzowsky zu 10 Jahren Zwangsarbeit, Turowttsch zu 6 Jrhrm . a. gs- arbeit, Woljansky und Stopansky zu 4 Jahren Zwangsarbeit. Orlowski zu ')
einem Monat Arrest und Gunadsi und Owttzky zu 7 Tagen Arrest. Stopansky erhielt eine Strafmilderung in G.'fängnißhafl in Aussicht gestellt.
London, 4. No^br. Fast die gesummte Presse billigt den Entschluß der Regierung, die Pforte zur Ausführung der Reformen in Kleinasien zu zwingen. — Die „Morning Post" glaubt, daß die Haltung Englands durch den Ministerwechsel in Konstantinopel hervorgerufen worden fei. — „Daily News" fürchtet, die kriegerische Demonstration gegen die Türkei .Seitens Englands dürfte internationale Verwickelungen herbeiführen.
Madrid, 3. Novbr. Die Cortes wurden heute eröffnet. Der Ministerpräsident machte Mittheilungen über die Vermählung des Königs, welche am 1. Decbr. stattfindet. Becerra brachte in der Kammer den Antraa ein, dieselbe möge ihre hohe Befriedigung über die Mildthätizkett anderer Nationen gegenüber den Ueberschwemmten aussprechen.
New-Uork, 4. November. Die ersten Berichte über die Wahlen in Maffachussets ergeben die Wahl des Republikaners Leng zum Gouverneur mit einer Mehrheit von 10,000 bis 15,000 Stimmen gegen Butler.
Paris, 4. Novbr. Der Präfecturrath des Seine-Departements an- nullirte die Wihl des Amnestirten Humbert zum Pariser Municipalrath.
Lokales.
Gießen, 5. November. ^Sterblichkeit in Gießens Die Zahl der in hiesiger Stadt während des Monats October Gestorbenen betrug im Ganzen 25 Es befanden sich hierunter 18 Erwachsene, 3 Kinder im ersten Lebensjahre und 4 Kinder vom 2. bis 15. Jahre. Bon den 3 Kindern im ersten Lebensjahre starb eins an Lebensschwäche, eins an allgemeiner Abzehrung und eins an Krämpfen. Keuchhusten forderte 2 Opfer, beide Kinder noch nicht ganz zwei Jahre alt. Ein elfjähriger Knabe erlag der Diphteritis, ein vierjähriges Mädchen, das die Eitern zu ärztlicher Behandlung von auswärts hierher gebracht hatten, der häutigen Bräune. Als Todesursache bei den erwachsenen Personen wurden verzeichnet: Lungenschwindsucht 3 mal, Entzündung der AthmungsorgaNe 3 mal, Krankheiten des Herzens 2 mal, Rückenmarksentzündung, chronisches Gehirnleiden, Krämpfe, Schlagfluß, Erweiterung der Lungen, Bronchienerweiterung, Altersschwäche, durchbohrendes Magengeschwür, Knochenfraß je einmal. An den Folgen cineS Rückenwirbelbruchs starb ein Mann, der sich diese Verletzung während eines Anfalls von geistiger Verwirrtheit durch Sprung aus einem Fenster zugezogrn hatte.
Im Monat October 1878 betrug die Sterblichkeit in Gießen eine ganz ähnliche Zahl, wie in dem verflosiencn Monat, nämlich 26 im Ganzen; davon Erwachsene 19, Kinder im ersten Lebensjahre 4, Kinder vom 2. bis 15. Lebensjahre 3. G.
Vermischtes.
— (P ostpersonalnachrichten.) 1. Angcstellt ist: der Postasststent Hoock in Viernheim als Postverwalter. 2. Ernannt ist: der Postassistent L. Hofmann in Darmstadt zum Bureauassistenten bei der Ober-Post-Direction. 3. Versetzt sind: die Postsecretäre Kohl von Colmar nach Mainz, Stoll von Hoya nach Heppenheim und Sörensen von Oppenheim nach Castel bei Mainz; der Ober-Telegraphenassistrnt Schlamilch von Bingen nach Aachen, sowie die Telegraphenassistcnten Heinrich von Castel bei Mainz nach Gießen und Müller von Aachen nach Bingen. Gestorben ist: der Bureauassistent a. D. Blenkner in Darmstadt.
Neu-Asenburg, 2. Novbr. Wie gefährlich das Spiel von Kindern mit Bohnen werden kann, mag unter den schon oft vorgekommrncn Fällen wieder nachfolgendes Beispiel beweisen, das besonders die Mütter ermahnt, ein wachsames Auge auf die Kleinen zu haben. Das 3jährtge Töchterchen eines hiesigen Schreinermeisters spielte kürzlich mit mehreren Kindern auf dem Pritschenwagcn, der vor dem Hause ihres Vaters stand. Auf dem Wagen lagen zufällig einige Stangenbohnen; das Kind nahm eine davon in den Mund, machte im Spiel einen Purzelbaum und bekam die Bohne in die Luftröhre. Da der hiesige Arzt nach genauer Untersuchung erklärte, daß die Bohne nur durch eine Operation entfernt werden könne, so ließ derselbe alsbald an Herrn Dr. Walther in Offenbach telegraphiren, der auch nach zwei Stunden eintraf. Es war die höchste Zeit, denn schon zeigten sich Erstickungsanfälle, weßhalb beide Aerzte nebst Heilgehülfen rasch zur Operation schritten Nachdem die Halsadern unterbunden, fand man die Bohne tief in der Luftröhre und zog sie glücklich heraus. Das Röhrchen wurde eingesetzt, das am zweiten Tage jedoch schon wieder herausqenommen werden konnte. Ebenso wurden die Fäden nach und nach herausgenommen und die Eltern hatten die Freude, ihr Kind nach kaum 14 Tagen wieder munter Herumlaufen zu sehen. Möge dieser Fall allen Eltern zur Warnung dienen, beim Spiel drr Kinder auf der Hut zu sein, besonders wenn sie mit Bohnen oder anderen ähnlichen harten Körpern sich beschäftigen, da die Kinder gar zu gerne dergleichen in den Mund nehmen und nicht alle Operationen einen so erfreulichen und glücklichen Ausgang haben könnten.
— (Gemüthliches aus Ungarn.) In einem Blatte aus Kecskemet ist folgendes Inserat zu lesen: „Am 21. d. hat ein Straßenvagabund meine Gewölbthür ausgebängt und davongetragen; ich fordere den mir wohlbekannten Thäter auf, mir die Thür binnen 24 Stunden zurückzubringen, weil ich sonst dieselbe ihm auf seinem Kopfe in kleine Stücke zerschlagen werde!"
Aus Starkenburg, 30. October. Die hessischen Volksschullehrer haben tm Jahre 1874 eine Anstalt ins Leben gerufen, die den Zweck hat, hilfsbedürftigen Lehrerwaisen — ohne Unterschied der Confession — zu deren Verpflegung, Erziehung und Ausbildung Unterstützungen zu gewähren. Das Institut, bas sich Lehrerwaisen-Stift für das Großherzogthum Heffen nennt, hat seither segensreich gewirkt, denn es konnte
im Jahre 1875 ........... 471 JL 42
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„ „ 1877 885 „ — „
„ „ 1878 ........... 735 „ — „
als Unterstützungen verthcilen und außerdem einen Kapitalstock von 7185 X 71 H ansammeln, der sicher und gut angelegt ist. Die Verwaltung des StifteS erkennt als eine Hauptseite ihrer Wirksamkeit das Bestreben, solche bedürftige Lebrerwaisrn zu unterstützen, welche Den Beruf ihres Vaters erwählt haben. Die Erfolge des Stiftes wurden wesentlich ermöglicht durch Gaben, welche ihm von edeldencenden Personen außerhalb des Lehrerstandes zufloffen. Aber auch Kirchen und Sparkaffen des Landes haben die Anstalt wesentlich unterstützt. Da aber die Nolh der Waisen sehr groß, so hat die Verwaltung des Stiftes (Vorsitzender Lehrer Marbach zu Offenbach, Rechner Lehrer Erkmann zu Darmstadt, Bankdirektor Wendelstadt zu Darmstadt, Rentner Scholz zu Mainz und noch vier Lehrer deS Landes) in dem Schulboten für Hessen einen Aufruf um wettere Unterstützungen erlassen. Da die Bewohner unseres Landes für humae und wohlthätige Zwecke freigebige Hände haben, so wird hoffentlich auch dem erwähnten Aufruf der gewünschte Erfolg nicht fehlen. Als ein gutes Zeichen für diese Annahme dürfte die That- fache sprechen, daß bereits ein Fabrikant zu Offenbach in edler Absicht dem Lehrerwaisen Stift einen jährlichen Beitrag von 100 JL überwiesen hat.
— (Sonderbare Rache und noch sonderbarere Justiz.) Eine charakteristische Verhandlung fand am 18. d. vor dem Kreisgerichte in der südrussischen Gouvernementsstadt Cherson statt. Die Realschüler Alexcjeff und Tschepurnoff der vierten Klaffe und 16 Jahre alt, und der 17jährige Realschüler Godzinowski der fünften Klaffe wurden beschuldigt, am 6. d. und am 9. d. das im Ntkolajewer Hafen vor Anker gelegene englische Schiff „Bcta" besucht und jedeS- mal dem Capttän desselben Gegenstände, wie eine goldene Uhr und Kette, eine Börse und ein Paar goldene Manschetten Knöpfe gestohlen zu haben. Der Capttän erstattete die Anzeige an den englischen Konsul, Herrn Baxter, und dieser an das competente Gericht. Bei der Schlußverhandlung gestanden Die Angeklagten ihre Schuld vollkommen ein, erklärten aber unter Thränen, daß „fie uuf diese Weise an den Engländern, welche Rußland so viel Schlechtes zugefügt haben Rache nehmen wollten."' Der Unsinn siegte und die Geschworenen sprachen einstimmig lhr „Nichtschuldig", In Folge deffen die Angeklagten sofort aus der Haft entlassen, die englischen Kläger aber in die Zahlung der Gerichtßkosten verurtheilt wurden! Die russischen Blätter fügen noch hinzu, daß die Berathung der Geschworenen kaum ein paar Minuten lang währte.
(Das verwechselte Ich.) Chopin, welcher zuweilen sehr an Zerstreuung litt, probtrte bei einer Dame ein neues ©lavier. Rach den ersten Griffen stand er auf und ging in s Nebenzimmer, wo die Dame des Hause« ihn In aufmerksam lauschender Stellung fand. Auf ihre Frage, was er hier suche, erwiderte er: „Ich wollte nur hören, wie es in der Ferne Hingt.* Er hatte eigentlich die Dame zu diesem Zwecke in's Nebenzimmer schicken wollen, war aber in der Zerstreung leibst dahin gegangen
— (Gelöstes Räthsel.) Ein Mann, der in zweiter Ehe lebte, beklagte sich fortwährend, daß ihm die Speisen, welche seine Frau zubereitete, nicht mundeten. Einmal war zufällig ein Gericht angebrannt und dieses fand merkwürdiger Weise den Beifall des Gatten. Jetzt zeigte cs sich, daß ihm seine Frau nie andere als verbrannte Speisen^borgksctzt hatte.
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