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Berlin, 29. Novbr. Der Ausschuß des Landes-Eismbahn-Rathes soll nach den Commissions-Beschlüssen bestehen aus dem Vorsitzenden, zwri Regie- rungs Commlsiarten, je zwei Mitgliedern beider Häuser ceö Landtags und vier Delegirten der Bezirks-Eisenbahnräthe, zusammen aus 11 Mitgliedern.

Die Eisenbahn-Commission des Abgeordnetenhauses beriech heute über die Zusammensetzung des Eisenbahnrathes, welcher nach den gefaßten Beschlüssen besteht aus: dem vom Könige ernannten Vorsitzenden bezüglich dessen Stell­vertreter; je einem Commisiar der Minister für öffentliche Arbeiten, Handel, Finanzen und Landwirthschast; je drei Mitgliedern beider Häuser des Land­tags ; je zwei Mitgliedern der Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Posen, Sachsen, SchleSwig-Holstein und Hannover; je drei Mitgliedern von den Provinzen Westphalen, Brandenburg, Schlesien und Rhemprovinz; je einem Mitgliede von den Städten Berlin und Frankfurt a. M. Die Dele­girten des Provinztal-Ausschuffes für die Eisenbahn-Bezirksräthe werd.n von den Pcovtnztal-Ausschüffen direct gewählt und bedürfen, wozu der Minister Maybach seine Zustimmung aussprach, keine Bestätigung Seitens der Regierung.

Die Schanksteuer-Commtssion berieth heute den § 5, und beschloß, die Mittelsätze für Berlin auf 96 für die erste Gewerbesteuer-Klaffe, auf 72 für die zweite, auf 60 für die dritte, auf 48 für die vierte, auf 36 Mark für die fünfte Steuerklaffe herabzusetzen und denjenigen Gastschankwirthschaften, welche an einem neuen Orte ihre Gewerbe aufschlagen, den fünffachen Betrag der Mitreliätze für das erste Jahr aufzulegen.

München, 29. Novbr. Der frühere langjährige erste Bürgermeister von München, Dr. Kaspar v. Steinsdorf, ist heute früh im 83. Lebensjahre gestorben.

Abgeordnetenkammer. Der Präsident gibt bekannt, daß ein Antrag von Hafenbrädl und Genoffen in Betreff der Abschaffung des siebenten Schul­jahres eiugelaufen sei. Da ein gleicher Antrag bereits in dieser Session von der Kammer abgelehnt wurde, soll der Geschäftsordnungs-Ausschuß berathen, ob der, wenn auch modificirte, Antrag nochmals berathen werden darf. Der Finanzminister legte im Auftrag des Königs vier Gesetzentwürfe über die Ein­kommensteuer, die Eapitalrentensteuer, die Gewerbesteuer und einige Abände­rungen an den Bestimmungen der Haus- und Grundsteuer vor. Hierdurch sollen die angeregten Reformen des directen Steuerwesens etngeführt und thetls Verbefferungen gemacht werden. Der Minister mottvirte die Gesetzentwürfe in längerer Rede. Der Schwerpunkt liege in dem Entwürfe in Betreff der allgemeinen Einkommensteuer. Ec überlasse dem Hause die Entscheidung über dre Behandlung der Entwürfe. Eine rasche Erledigung könnte bezüglich einiger Steuergattungen auf die Budget-Beschlüffe noch Einfluß haben.

Hesterreich.

Pesth, 29. Novbr. Unterhaus. Tisza erklärte in Beantwortung einer älteren Interpellation von Kautz über die handelspolitischen Verhand- lungen mit Deutschland, daß er, nachdem die Verhandlungen in ihrem An- fangsstadtum befindlich seien, detatlltrte Aufklärungen darüber nicht geben könne. Der Minister constatirte berettwtlltgst, daß die Absicht, mit Oesterreich-Ungarn in ein bleibendes Handels^ und wirthschaftliches Verhältntß zu treten, auf Seiten des deutschen Reiches entschieden vorhanden sei. Unter welchen Be­dingungen diese Absicht zur Geltung kommen werde, hänge von dem Verlauf dec Verhandlungen ab. Angesichts der neuen wirtschaftlichen Politik Deutsch­lands treten zwar sehr viele Hinderntffe der Aussicht auf das Zustandekommen eines allen unseren Jntereflen in jeder Hinsicht entsprechenden Vertrages ent­gegen. Die Regierung werde aber alles Mögliche aufbieten, daß die Bedin­gungen eines beiderseitig gewünschten dauernden Vertragsverhältniffes für die Monarchie und Ungarn speciell möglichst günstig seien. Der Interpellant und das Haus nehmen die Antwort zur Kenntniß. In Beantwortung der Inter­pellation Heliy's erklärte Tisza, künftighin würden Veränderungen im gemein­samen Ministerium dem ungarischen Reichstage durch den jeweiligen Minister- Präsidenten zur Kenntniß gebracht werden.

Arankreich.

Paris, 29. Novbr. Waddington erklärte den Deputirten der Linken, welche sich gestern wegen Purification des Beamtenpersonals zu ihm begaben, die Regierung betrachte diese Aufgabe keineswegs als beendet und sei mit Vor- bereitung eines Gesetzes, betr. die Reform des Beamtenstandes, beschäftigt. Der Minister versprach weitere Abberufungen von Beamten des Finanzmini­steriums und stellte die Lösung der Gensd'armeriefrage in nahe Aussicht. Die Bureaux der vier Gruppen der Linken bertethen gestern die Frage wegen einer Interpellation des Mtmstertums. Mehrere Mitglieder machten darauf aufmerksam, daß es unlogisch und gefährlich sei, das Ministerium zu stürzen, bevor man wüßte, wie es zu ersetzen sei. Da die Gruppen der Linken kein gemeinsames politisches Programm haben, so beantragte Brisson, zuvörderst ein solches auszuarbeiten. Dieser Vorschlag wurde mit großer Majorität angenommen.

Paris, 29. November. Der National - Oeconom Michel Chevalier ist gestorben.

Paris, 29. Novbr. DasJournal des Dubais" sagt: Der größere Theil der republikanischen Deputirten erachtet als Resultat des Meinungsaus­tausches der Bureaux der Linken die Gewißheit, daß das Cabinet unter der Bedingung einer Purification des B<amtenpersonals am Ruder bleibt.

Spanien.

Dkadrid, 29. Novbr. Die Vermählung des Königs mit der Erzherzogin Christine von Oesterreich hat heute in der glänzend erleuchteten Atocka-Kirche in Gegenwart des diplomatischen Corps und der Hof- und Staats Würden­träger ftattgefunden. Der König betrat die Kirche in Begleitung seiner Mutter, der Königin Isabella, die Erzherzogin Christine wurde von ihrer Mutter geleitet. Die Einsegnung erfolgte in Stellvertretung des Papstes durch einen Cardinal, welcher auch die Traumeffe celebrirte.

Serbien.

Belgrad, 29. November. Auf Vorschlag Ristics ernannte Fürst Milan den Präsidenten des obersten Rechnungshofes Jilja Marpetits zum Finanzminister.

Türkei.

Konstantinopel, 29. Ncvbr. Die Nachricht, daß Layard Namens (

der britischen Regierung gegen das finanzielle Arrangement der Pforte Pro­teste Seitens der a iswärtigen Obligations-Inhaber übermittelt habe, ist un- richtig. Layard empfing nur ein Telegramm Bouveries mit einem Protest; da er aber feine Instructionen von Salisbury hatte, so theilte er den Protest der Pforte nicht mit. Auf Verlangen Layard's wird der Sultan christliche Gouverneure für die Provinzen Erzerum und Zeitun ernennen. Der Sul­tan erließ eine vollständige Amnestie für die Theilnehmer an den Ruhestörun­gen in Zeitun. Auf Ersuchen Layard's hat die Pforte den an Midhat Pascha ertheilten Befehl, eine militärische Expedition gegen die Drusen zu unterneh­men, zurückgezogen. Baker begibt sich morgen nach Aleppo.

Konstantinopel, 29. Novbr. Die Pforte hat ihren Vertretern im Auslande heute folgendes Telegramm zugesendet: Nach authentischen Nach­richten, die der Pforte zugingen, sind die Gerüchte von Mukhtar Paschas Er­mordung vollständig unbegründet; derselbe befindet sich auf dem Marsche nach Gusinje.

Nach einer der Pforte zugegangenen Depesche befand sich Mukhtar Pascha am 28 ds., Abends, in Perlepe, wird heute in Kalkaudelen und am Montag in der Nähe von Gusinje eintr ffen.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Correspondenz Bureau.

Edinburg, 30. Novbr. Gladstone wohnte hier zwei weiteren Mee­tings bei. In dem einen, welches von 5000 Personen besucht war, sprach er bch auf's Schärfste gegen die Finanzpolitik der Regierung aus, welche er als eine extravagante und unredliche bezeichnete. Die Kosten für die Feldzüge in Afghanistan und Afrika seien ungenügend veranschlagt und würden bis nach den Parlamentswadlen geheim gehalten. Ja dem anderen Meeting, an welchem 17,000 Personen theilnahmen, erklärte Gladstone den Zeitpunkt für unmittelbar bevorstehend, wo die türkische Herrschaft in den Balkanländern aufhören werde. Die Erbschaft dürfe nicht an Rußland, Oesterreich und Eng- land übergeben, sondern an die den Balkan bewohnenden Völker. Der Balkan dürfte niemals unter das Joch einer despotischen Macht zurückfallen. Es sei Wachsamkeit noihwendig. nicht allein Rußland, sondern auch Oesterreich gegen­über, welches vielleicht beabsichtige, die russische Suprematie durch die seinige zu ersetzen.

Sevilla, 30. Novbr. Der Guadalquivir ist 5 Meter gestiegen und hat die Umgegend unter Waffer gesetzt; über den verursachten Schaden und etwaige Unglücksfälle ist noch nichts Zuverlässiges bekannt.

Berlin, 30. Novbr. Der Kaiser empfing heute den russischen Reichs­kanzler Fürst Gortschakoff und später den deutschen Botschafter in Konstanti­nopel Graf Hatzfeld in Audienz.

Paris, 1. December. Die Versammlung der republikanischen Linken sprach sich formell für die Erhaltung des Cabinets aus. In der Zusammen­kunft der Bureaux der Linken traten der Präsident v. Lavergne und andere Delegirte der Linken für dir Erhaltung des Cabinets ein, die Delegirten deS linken Centrums verhielten sich abwartend bis zur ftattgehabten Berathung ihrer Gruppe. Die Delegirten derUnion republicaine" und der äußersten Linken verlangten ein neues Cabinet. Definitive Entscheidung wurde noch nicht getroffen, indeß ist der allgemeine Eindruck für die Erhaltung des Ministeriums ein günstiger. In der zweiten Hälfte der Sitzung einigte man sich über folgende Programm-Punkte: Purification des Beamtenpersonals, Reform auch des unabsetzbaren Richterstandes, Reduction des Militärdienstes, Aufhebung des Instituts der Einjährig-Freiwilligen, Widerstand gegen alle Eingriffe des Clerus, vollständigere Unterordnung der Gensdarmerte unter den Minister des Innern als bisher. Morgen findet Beratbung von Preßgefetziebungsfi-ggen statt.

Lokales.

Gießen, 1. December. [6 o n c e r t tt e r e i n ] Das zweite Concert, dessen Programm die nächste Nummer bringen wird, findet Sonntag, den 7. December statt. In demselben werden durch das Auftreten des Fräulein Dora Schirmacher, des Herrn R. HauSmann und des Oesterreichischen (Grazer) Damen-Ouartettö musikalische Genüge geboten, die durch ihre Gediegenheit und Mannichfaltigkeit voraussichtlich die Mitglieder unseres Vereins und weitere Kreise in hohem Grade befriedigen werden.

Fräulein Dora Schirmacher, die jugendliche Pianistin, hat sich jetzt schon durch ihr Auf­treten in London (Crystall-Palcist u. s. w.), im Gewandhause in Leipzig, in Cöln und vielen anderen Orten, woselbst sie überall mit durchschlagendem Erfolge gespielt hat, weit über die musikalische Welt hinaus einen bedeutenden Namen erworben. Zur besseren Orientirung der Loncertbesucker erlauben wir uns aus den Recensionen ihrer jüngsten Leistungen hier einige Sätze mitzutbeilen. So schreibt die Danziger Zeitung (2>. October 1879):

Die junge Künstlerin spielt Schumann's ichwteriges A-moll-Goncert. Schon daß sie den Beruf in sich fühlt, mit einer so tiefsinnigen Composition vor die Oeffcntlichkeit zu treten, stellt nicht nur ihr Talent und ihre Virtuosität, sondern auch ihre musikalische Durchbildung und Intelligenz außer Frage. In der That erfüllte Frl. Schirmacher die technischen und geistigen Ansprüche dieses Werkes in überraschender Weise. Die Beleuchtung der Schumann'schen, theils männlich energischen, theils zart sinnigen Gedanken war eine von künstlerischem Geiste getragene, klare und lichtvolle, dabei klangschöne und durch die wechselnde Nuancen deS An­schlages dem Ausdrucke Farbe gebende. Die Aufnahme der jungen Künstlerin war eine äußerst warme.

DieKönigsberger Allg. Zeitung" (2. November 1879) äußert sich etwa folgender­maßen: Die hochbegabte, im besten Rufe stehende Pianistin spielt- zuerst ein Concert von Scharwenka. Dieses musikalisch feine, recht schöne Stück erfordert hohe musikalische Befähigung des Spielers, um zur Geltung zu kommen. Desto mehr will cs sagen, wenn Fel. Schirmacher mit dem Vortrag desielben einen schönen Erfolg erzielte. An Klarheit und Brillanz der Technik, an Eleganz in der Ausführung blieb nichts zu wünschen übrig. Ueberaus reizend und wahr­haft wundervoll spielte die junge Dame eine Etüde und einen Walzer von Chopin. Daran erwärmte fick das Publikum dermaßen, daß es noch eine Zugabe verlangte, die Frl. Schirmacher freundlichst gewährte.

Herr Hausmann, Solo-Cellist an dem königlichen Hoforchester in Berlin, ist in musikalischen und weitern Kreisen längst hinreichend gekannt und hoch geschätzt, so daß wir es für uimöthig erachten, über dessen Bedeutung Ausführliches zu berichten, und sehen wir mit Spannung den ausgezeichneten Leistungen eines der ersten jetzt lebenden Künstler in diesem Facke entgegen.

Gießen, 1. December. Am Samstag wurde von einem jungen Bürschchen in einem Stalle vor dem Wallthor ein Teppich vom Pferde herunter gestohlen. Der resolute Besitzer, ein Gastwirth, verfolgte die Spur des Diebes über Wieseck nach Lollar, wo er den Burschen faßte und hierher transportirte.

Einem Mann aus Wieseck, welcher am Samstag einem Frachtfuhrmann 2 Kisten aufladen half und dabei seinen Ueberrock ouszoa und nebenhin hängte, kam derselbe aus noch nicht aufgeklärte Art abhanden. In der Tasche des Rockes befand sich eine Brieftasche mit einem Wechsel über 64 JL. und diverses Papiergeld.

Die Samstag Nacht war zur Abwechslung einmal wieder ungemein lebhaft. Die Heinzelmännchen verübten wieder mancherlei Schabernack. Auf dem Asterwcg oer- barikädirten sie die Brücke mit 5 großen Kisten und Steinen, wurden aber dabei gestört als sie noch eine auszuhängende Thür beifügen wollten. In der Wagengasse standen anderen diverse Fässer, sowie ein Stoßkarren im Wege und wurden dieselben hin- und hergerollt u. f m. Die Polizei hatte die Unfreundlichkeit auch hier zu erscheinen und die Spaßmacher abzufassen.