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Kichener Anzeiger

Anikige- Md Amtsblatt für dm Knis Gießen.

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Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montag».

Preis vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit Bringerloh«. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Uositisch

Das Unterrichtswefen.

Es wird kaum irgend eine politische Partei geben, welche nicht gern sehen würde, daß ein Friedensschluß mit dem Vatikan den leidigen Cultur- kampf aus der Welt schafft. Das deutsche Volk hat noch so große politische und wirthschaftliche Aufgaben zu lösen, daß ihm ein Religionsfrieden nur er- wünscht sein kann. Aber in Preußen, wie in Deutschland hofft man, daß dieses Ziel erreicht werden kann, ohne daß die Schule wieder dem kirch­lichen Einfluffe überantwortet wird. Es ist eine freiheitliche Forderung, die man geltend macht, und sie bezieht sich nicht etwa allein auf die Katholiken, sondern auch auf Protestanten und Juden, auf alle Reltgtonsgenoffenschaften. Man will die öffentliche Schule nicht mehr im Dienste religiöser Jntereffen, sondern alsVeranstaltung des Staates" sehen.

In Preußen war der 1872 in der Person des Unterrichts-Ministers ein- getretene Wechsel auch ein Wechsel des Systems. Die weltliche Schulaufsicht deutete an, daß man die Schule als die einigende Bildungsstätte für das gesammteVolk betrachte; nur deshalb, nicht etwa aus irgendwelcher Animosität gegen die katholische Kirche wurden die klerikalen Einflüffe, welche nicht zu einigen, sondern zu zerreißen und zu trennen, und die Verbreitung gemeinnütziger Kenntniffe zu hemmen versuchen, beseitigt. Daß man damit die Axt an die Wurzel aller hierarchischen Gelüste legte, ist allerdings richtig, und wenn es einer Bestätigung für die Wichtigkeit und Richtigkeit dieses Vor­gehens des Staates bedürfte, so liegt dieselbe darin, daß man in allen Ländern, jüngst in Belgien und Frankreich, den Schwerpunkt eines Kampfes gegen die Ultrawontar.en in die Unterrichtsgesetze verlegt sieht. Ueberall erscheint es erforderlich, daß die Schulaufsicht in die Hände gelangt, in welche sie gehört, nämlich in die Hände pädagogisch erfahrener Schulmänner.

Der Erlaß eines freisinnigen Unterrichtsgesetzes für Preußen wäre von hoher Bedeutung für das deutsche Reich gewesen. Es ist gerade bei der jetzigen reactionären Strömung sehr zu bedauern, daß, obwohl der Geist der Unterrichtsleitung ein befferer geworden war, es nicht gelungen ist, zunächst das gesammte Bildungswesen in Preußen auf die feste Unterlage eines Unter­richtsgesetzes zu stellen. Daß es einmal Reichssache werden möge, ist zunächst ein schöner Traum. Seine Verwirklichung ist aber unmöglich, wenn Preußen nicht mit einem Unterrichtsgesetz vorangeht, welches der ganzen Nation begehreuswerth erscheint. Gerade im Reiche würde man begreifen und em- skhen, daß die allgemeine Schulpflicht und Volksbildung eine schöne Phrase bleibt, wenn die Mittel der Gesammthett nicht überall eingreifen und dre schwächeren Glieder unterstützen.

Ein Reltgionsfrieden, der, wenn auch nur in Preußen, die Schule wieder der Kirche überantwortete, wäre als ein harter Schlag für die Entwickelung das Unterrichtswesens, als eine schwere Schädigung des Retchsgedankens zu betrachten. ____

Deutschland.

Berlin, 28. Juli. In einem Sendschreiben, welches der Vertreter des Wahlkreises Offenbach-Dieburg, der Chef-Redacteur derNat.-Ztg." in Berlin, Herr Friedrich Dernburg imOdenw. Boten" veröffentlicht, bemerkt derselbe über die Zoll- und Steuergesetze: Mit dem Inhalt dieser Zoll- und Steuer- gesetze bin ich aber keineswegs in der Hauptsache einverstanden. Eine Ver- theuerung aller Lebensbedürfnisse wird die Folge sein; je geringer der Mann rst, desto mehr wird ihn das neue Zoll- und Steuerwesen drücken. Denn gerade die nothwendigsten Lebensbedürfniffe sind am stärksten herangezogen Petroleum, Kaffee, Schmalz, Wolle, Baumwolle und Eisen muffen besonders herhalten. Den Landmann hat man dafür zu gewinnen gesucht und theilweise gewonnen, indem man ihm mit Kornzöllen beizuspringen versprach. Wie wett unserm Bauernstand mit Kornzöllen geholfen werden kann, will ich hier gar nicht untersuchen, ich glaube es nicht. Die meisten Landbewohner bei uns verkaufen, so viel ich weiß, nicht viel Korn, sehr viele müssen sich sogar Korn kaufen, oder verzehren das von ihnen gezogene. Es war mir aber von An­fang an kein Zweifel, daß die Kornzölle leichter beschlossen, als durchgeführt werden können, denn bei jeder Theuerung geht der ganze Druck der Bevölke­rung alsbald gegen diese Zölle. So habe ich gefürchtet, daß der Landmann schließlich der Betrogene sein und für die Eisen- und Baumwoll-Industrien die Zeche bezahlen müsse. Und das ist noch eher etngetreten, als man glauben konnte. Die Kornzölle sind schon suspendtrt, ehe sie eingeführt sind. Die Reichstagsmehrheit hat Zölle auf Korn und Flachs beschlossen. Was geschieht aber am letzten Tage vor dem Auseinandergehen? Die Erhebung der Korn- Me wurde plötzlich auf den 1. Januar 1880 zurückgesetzt, so daß die ganze diesjährige Ernte des Auslandes noch herein kann; das Eisen aber ist bereits vor Wochen, noch ehe, daß der Zolltarif nur fertig war, durch eigenes Gesetz unter hohe Zölle gestellt worden, ebenso Petroleum und Kaffee. Der Zoll auf Flachs soll gar erst am 1. Juli 1880 beginnen. Die Mühlenindustrie und das schlechte Wetter haben zusammengearbeitet, daß es dieses Jahr keinen Kornzoll geben wird. Was das nächste Jahr für Gründe bringen wird, das kann Niemand Voraussagen, aber günstige für diese Zölle sicher nicht. Die Kornzöüe werden nie ein gesichertes Dasein haben, auch wenn sie das nächste

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Jahr in Geltung kommen. Niemand kann auf sie rechnen. Die anderen schweren Lasten der Zoll- und Steuergesetze bleiben, und der Landmann hat das Zusehen. Aber alle Warnungen sind vergeblich gewesen. .

Berlin, 29. Juli. An einen Rücktritt des Chefs der Admiralität v. Stosch, von dem schon oft die Rede war, ist feit dem Conflict mit dem Fürsten Bismarck, der allerdings immer noch nicht ganz beigelegt ist, in diesem Augenblick nicht zu denken. Wenn man, wie schon seit langer Zeit, den General-Lieutenant und Director des allgemeinen Kriegs-Departements, v. Voigts-Rhetz, abermals als Nachfolger des Herrn v. Stosch nennt, so glauben wir bestimmt versichern zu können, daß dieser selbst daran gar nicht denkt, dagegen den Rücktritt in den praktischen Dienst, sei es als Comman- beur einer Division oder Artillerie-Jnspection, welcher Waffe er früher an- gehört hat, lebhaft wünscht. Wie bereits gemeldet, ist dem Admiral Bätsch vor Kurzem das Urtheil des zweiten Kriegsgerichts in Sachen desGroßen Kurfürsten", das auf eine fechsmonatliche Festungshaft lautet, publicirt worden. Es wird davon gesprochen, daß in diesem Falle eine theilweise oder gänzliche Begnadigung eintreten wird. Unsere frühere Meldung, daß der Capitän Graf Monts in dem ersten Kriegsgericht mit einem vierwöchentlichen Stubenarrest belegt worden wäre, ist dahin zu berichtigen, daß auf einen vierwöchentlichen Festungsarrest, nicht Stubenarrest erkannt wurde. Ebenso ist der Capitän- Lieutenant Klausa in dem zweiten Kriegsgericht nicht freigesprochen, sondern zu einer vierwöchentlichen Festungsstrafe verurtheilt worden. Ueber den Zu­sammentritt des dritten Kriegsgerichts über den Grafen Monts verlautet noch nichts, ebenso sind noch keine Bestimmungen über den Nachfolger des Vice- Admirals v. Henk als Directors der Admiralität getroffen, und dürfte dies auch erst nach der Rückkehr des Chefs der Admiralität von seinem Sommer- aufenthalt erfolgen. Entgegenstehende Meldungen sind deshalb nur Vermu- thungen und mit Vorsicht aufzunehmen. Aus der Anordnung der kaiserl. Admiralität zum Bau von vier Glattdeckscorvetten und zwei Panzerkanonen­booten scheint hervorzugehen, daß dieselbe den Bau größerer Panzerschiffe, wie Panzer-Fregatten und -Corvetten, für die Zukunft nach den eigenen und den Erfahrungen im letzten türkisch-russischen und In dem jetzigen Kriege zwischen Peru, Chili und Bolivia ganz aufgegeben hat. (Köln. Ztg.)

Aus Schlefieu. Dem in Habelschwerdt erscheinendenGerichts­boten" geht aus der Grafschaft Glatz die Mittheilung einer Verfügung der Regierung zu Breslau zu, welche als Sittenbild weitere Verbreitung verdient. Es heißt dort nämlich:Die königliche Regierung zu Breslau hat in Erfah­rung gebracht, daß an verschiedenen Orten Vergehen der Einsassen durch Erle­gung einer von Ortsgerichten (es sind keine wirkliche, sondern nur sogenannte von Schulzen geführte Aemter) zu bestimmenden Quantität Branntweins und Biers bestraft worden, welches sodann von den Dorfgerichten vertrunken wird. (!) Sie hat daher die Kreisbehörden angewiesen, diejenigen Ortsge­richte, welche sich ein so pflichtwidriges Gebahren zu Schulden kommen laffen, zur strengsten Verantwortung zu ziehen."

Frankreich.

Paris, 28. Juli. Die Lyoner Freihändler haben gestern folgende Er­klärung beschlossen:Weil die Handelsfreiheit im In- wie im Auslande die natürliche und logische Consequenz der Arbeitsfreiheit ist, erheben wir Einspruch gegen jede Erhebung der Zölle, welche jene beiden Freiheiten beschränken könnte, und hauptsächlich gegen jede Vermehrung der gegenwärtigen, in den Conven- tionstarif eingeschriebenen Zölle für Getreide und Vieh; wir verlangen in möglichst kurzer Frist die Erniedrigung der Handelsverträge in dem weitesten und liberalsten Sinne, die Aufrechterhaltung der freien Einfuhr der Seide und der Seidencocons und die Aufhebung der Eingangszölle auf Baumwollengarn." Dieser Beschluß wird der Regierung auf dem Petitionswege zugehen.

England.

London, 28. Juli. Den jetzt seit 24 Wochen strikenden Maschinen­bauern Londons fängt es an, sehr schlecht zu gehen, und sie drohen, ihre noch in Arbeit stehenden Berufsgenoffen bei deren Arbeitgebern im Lohne zu unter­bieten, wenn sie dem Strike Ausschuß nicht reichlichere Unterstützungen für die Feiernden zugehen lassen. Letztere erhalten jetzt wöchentlich aus der Strikekaffe je 133/4s und 1s für jedes Kind, wenn sie Mitglied des bezüglichen Gewerks­vereins sind, oder je 7y2s nebst ls für jedes Kind, wenn sie diesem Vereine nicht angehören. Aus Bradford werden demnächst nahe an 300 Maschinen­bauer nach Amerika hinübergehen, von wo aus ihnen vortheilhaste Lohnsätze angeboten worden sind.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr. S-rresp-nbeur-Burea«.

Berlin, 30. Juli. Der heute geschloffene Blinden-Congreß wählte Frankfurt a. M. zum nächsten Congreßort. DieNordd. Allg. Ztg." hebt in einer Besprechung der rumänischen Frage hervor, daß, während die Groß­mächte selbst nichts unterlassen hätten, um ihre Achtung vor den Entscheidungen des Berliner Congreffes an den Tag zu legen, die rumänische Regierung sich