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1.6.1879 Erstes Blatt
 
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Nr. 126 Erstes Blatt. Sonntag, den i. Juni 1879.

Meßmer Myeiger

Aixrigk- iti AmtsM für de« Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

W Die nächste Dummer des Anzeigers erscheint Mittwoch Abend. "Ä®

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Pfingsten.

Zwar spät ist in diesem Jahre die Natur erwacht, aber trotz Sturm und Schneegestöber in ungewohnter Zeit, trotz allem Unheil, das entfesselte Naturgewalt zu bereiten vermochte, ries uns des Dichters Wort den Trost zu: Es muß doch Frühling werden! Es kann der heilige Odem, der die Natur erweckt, wohl einige Wochen zurückgehalten werden, aber um so reicher und üppiger keimt und sproßt und blüht es bald überall. So bietet uns die alte und treue Mutter Erde alljährlich ein Symbol für jene Ausgießung des heiligen Geistes aus Christi Jünger, welche sie antrieb, der geknechteten Mensch­heit einen geistigen Frühling zu bereuen, als sie htngingen in alle Welt und lehrten die Heiden. Ja, das schöpferische Werden und befruchtende Wirken des organischen Lebens in der Natur, ihre Ruhepause und immer neue Wicder- entwickelung, die im Laufe ungemessener Zeit zu immer vollkommeneren Formen drängen, sie bleiben uns das Symbol für die nie rastende Fortbildung des Geistes der Menschheit. Es ist der heilige Geist, der allüberall in Kunst und Wissenschaft, in der Geschichte wie in der Gegenwart fortwirkt in immer neuer und vollendeterer Gestaltungskraft.

Das ist der Trost, der der Menschheit bleibt, wenn sie die jüngste Ver­gangenheit tadeln, die Gegenwart bitter finden muß und sorgenvoll in die Zukunft schaut. Noch unversöhnt steht sie vor Gegensätzen, die tm Anfang unversöhnlich erscheinen und denen gegenüber all' unser menschliches Wiflen Stückwerk ist. Wo wir auch Hinblicken im Leben der Völker, wo auch, sei es unter wechselndem Parteikampf, wie in Frankreich, oder unter der Knute der Despotie, wie in Rußland, sei es im Chaos des Orients oder im wilvbewegten Leben der neuen Welt, allüberall überhasten sich die Ereignisse und unsere Zeit ist voll Unruhe und Ueberraschungen. Wohl flehen bedrängte Herzen im Ge­bet um Trost, wohl zittern und zagen die Menschen vor dem Geist der Zeiten, aber überall, ob Blut und Haß auch oft verzweifeln lasten an einer besteren Zukunft, bricht, gleich dem Sonnenschein nach dem Gewitter, auch wieder ein Völkerfrühling an und andachtsvoll erkennen wir den heiligen Geist im Völker- frieden und im Fortschritt der Cultur.

Wie in einer Traum- und Zaubersphäre sehen wir in Deutschland Tag für Tag neue und überraschende Ereigniste aus uns etndrtngen. Fast vermögen wir nicht mehr zu erkennen, ob der Wintersturm der Reaction dahinbraust über das junge deutsche Reich, oder ob sich in all' dem Hasten und Drängen nach neuen Formen unseres gesammten öffentlichen Lebens die Werdekrast eines Früh­lings zeigt. Schlimmer als die Ereigniste, welche als eine Art Rückwirkung nach einer vielleicht etwas zu üppigen freiheitlichen Bewegung aufgefaßt werden könnten, sind die Gerüchte, welche ihnen folgen. Hier ertöi t die Angst vor einer Demüthigung Deutschlands auf kilchenpolitischem Gtbiel, dort vor einer materiellen Schädigung des Reiches; hier spricht man von dem Sturze der beliebtesten und thatkrästigsten Minister, dort gar vom Rücktritt eines großen Staatsmannes, der hbie Karre den Berg nicht weiter hinaufschieben" will; jeder Tag erzeugt neue beunruhigende Nachrichten, wie z. B. die Abschaffung der Civilehe, die Vermehrung des Militärs, eine zweijährige Budgetperiode, die Einführung der Doppelwährung, die Beseitigung der Freihäfen u. s. w. Alles das käme hinaus auf eine Desorganisation der bisherigen Organisationen im Reich. In manchen Fragen mag wohl der Kern der Berechtigung, sie zur Sprache zu bringen und auszntragen, enthalten sein, aber es scheint uns, als wenn allzuviel auf einmal auf uns eindränge. In solchen Zetten bleibt es ein Trost, sich zu erinnern, daß über Allem, was geschieht, eine höhere Hand zu walten scheint, die unS wie eine Logik der sittlichen Weltordnung entgegentritt. Ihr heiliger Geist siegt und desten mögen wir an einem Pfingstfeste, das in unruhige und geistig erregte Zeiten fällt, eingedenk sein.

Deutschland.

Darmstadt, 30. Mai. Die heute ausgegebenen drei Nummern Groß- herzoglichen Regierungsblattes Nr. 14, 15 und 16 enthalten die Allerhöchste Verordnung, die Vorbereitung für den Staatsdienst im Justiz- und Verwal- lungsfache betr., die Allerhöchste Verordnung zur Ausführung des deutschen Gerichtsverfastungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfastungs- gesetze imb die Allerhöchste Verordnung, die Bildung der Schöffengerichte und der Schwurgerichte betr.

Berlin, 29. Mai. Das Sperrgesetz hat in der dritten Lesung fol­gende Fastung erhalten:

§ 1. Die Eingangszölle von den in Nr. 6a (Roheisen aller Art rc.), 25 (Material- und Speceret-, auch Conditoreiwaaren und andere Consumttbt- lien), sowie 29 (Petroleum) des Entwurfes eines Gesetzes, betr. den Zolltarif des deutschen Zollgebietes, vorgesehenen Gegenständen können durch Anordnung les Reichskanzlers in derjenigen Höhe in vorläufige Hebung gesetzt werden, welche der Reichstag bei der zweiten Lesung des Zolltarisgesetzes und des Gesetzes, betr. die Besteuerung des Tabaks, genehmigt hat oder noch geneh­migen wird.

§ 2. Die Anordnung (§ 1) ist in das Reichsgesetzblatt aufzunehmen und tritt, falls sie nicht einen anderweitigen Zeitpunkt bestimmt, sofort in Kraft. Die Anordnung erlischt, sobald die betreffenden Gesetzentwürfe (§ 1) als Gesetz in Kraft treten, oder abgelehnt oder zurückgezogen werden, späte­stens aber mit dem fünfzehnten Tage nach Schließung der gegenwärtigen Reichstags-Session.

§ 3. Nach dem Erlöschen der Anordnung sind unverzüglich diejenigen ZoÜbenäge, welche auf Grund derselben über den bis dahin gesetzlichen Zollsatz hinaus entrichtet oder zu Lasten des Zollschuldners angeschrieben sind, zu er­statten beziehentlich wieder abzuschreiben, insoweit diese Beträge nach höheren Zollsätzen berechnet sind, als die zur Zett des Erlöschens der Anordnung be­stehende Zollgesetzgebung festsetzt.

§ 4. Dieses Gesetz tritt sofort in Kraft.

Hiernach kann Roheisen sofort gesperrt werden, dagegen kann die Sperre für sämmrliche Material-, Specerei-, auch Conditoreiwaaren und andere Con- sumtibilien, sowie für Petroleum und Tabak erst nach den erfolgten Beschlüffen zweiter Lesung eintreten. Für Tabak hat das Sperrgesetz freilich keine Bedeutung mehr, da schon eine Uebrrsätttgung der Nachfrage eingetreten ist und im Falle als die Annahme der Beschlüsse der Commission im Reichstage die Reichs­regierung zur Zurückziehung der Vorlage veranlaffen würde, hätte die Specu- latton eine gewaltige Schlappe in Aussicht. Der Commisstonsbeschluß wird auf die wettere Einfuhr schon genügende Abkühlung in dem Etnfuhretfer er­zeugen. Zunächst trifft sactisch also das Sperrgesetz nur das Roheisen.

Hesterreich.

Wien, 29. Mai. DiePolit. Corr." meldet aus Philtppopel von heute: General Stolypin erklärte, als er sich gestern von den Consuln ver­abschiedete, daß sämmtliche bulgarische Beamte provisorisch eingesetzt seien und deren Bestätigung Aleko Pascha Vorbehalten bleibe. Die Räumung werde nun rasch vorschretten. Stolypin reiste nach Slivno ab, wo sich vorläufig das Hauptquartier befindet. Der Abschied der Bevölkerung von Stolypin war em herzlicher. In der Mtlizfrage beharren die neuen Autoritäten darauf, daß die Cadres aus Eingeborenen bestehen, während die Ruffen die zu diesem Zwecke in die Miliz eingetretenen russischen Unteroffictere beibehalten wiffen wollen. Diese Differenzen drohen in der Miliz selbst eine Spaltung hervorzuruscn. DiePolit. Corr." meldet aus Bukarest: Gestern passtrte bei der Probe­fahrt die erste Locomotive der rumänischen Bahnlinie Plojesti-Predeal. Der Zustand der Bahn wurde solid befunden.

Amerika.

Washington, 29. Mat. Präsident Hayes sendete heute an das RepräieutantenhauS eine Botschaft, mittelst welcher er gegen die sogenannte Legislative Appropriation Bill, durch welche der Credit für die Ausgaben der Legislative bewilligt wird, sein Veto einlegt. Dieses wendet sich gegen die­jenigen Artikel, welche dem Entwurf der Bill von der demokratischen Majorität hinzugesügt wurden und die Bestimmung des gegenwärtigen Gesetzes über die Ernennung der Beamten zur Ucberwachung der Congreßwahlen modificiren oder ausheben. Hayes erklärt, daß die Congreßwahlen nicht die einzelnen Staaten allein betreffende Wahlen, sondern nationale Wahlen seien, und folglich die Ueberwachung durch die Bundesbehörden gesetzlich sei. Schließlich weist die Botschaft darauf hin, daß die gegenwärtigen Gesetze genügen, um Wahlfälsch­ungen zu verhindern. Nach Verlesung der Botschaft nahm das Haus die Bill von Neuem mit 113 gegen 91 Stimmen an; da jedoch das Votum nicht mit der zur Beseitigung des Prästdenten-Vetos erforderlichen Zweidrittel- Majo^ität abgegeben ist, so gilt die Bill für gescheitert. Der Congreß hat sich bis Montag vertagt.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'- telegr. Eorresponbeur-Burea«.

Berlin, 30. Mai. Der Bundesrath hat heute das Sperrgesetz noch den ReicbStogsbeschlüffen angenommen; die Publication des Gesetzes gilt für unmittelbar bevorstehend. Ferner genehmigte der Bundesrath den Gesetzent­wurf über die Verfassung und Verwaltung Elsaß - Lothringens nach den Aus­schuß-Anträgen.

London, 30. Mai. DasReuter'sche Bureau" meldet aus Simla: Die Regierung hat fast sämmtliche britische Truppen aus Jellalabad zurück­beordert. Die Ratification des mit Jakub Khan abgeschloffenen Friedensver­trages wird heute erwartet.

Petersburg, 30. Mai. Wegen des bedenklichen Zustandes der Groß­fürstin Maria Paulowna beabsichtigt der Kaiser, derAgence Tuffe" zufolge, morgen Lwadia zu verlaffen und Dienstag in Zarskoe-Selo einzutreffen.

Messtna, 30. Mai. Die Ausbrüche des Aetna dauern fort. Neue Okffnungen bedrohen die Orte Biancaviüa, Randazzo und Castiglio. Dichte Aschenwolken bedecken Piedimonte; es herrscht fast vollständige Finsterniß. Die Gebirgscommunicationen zu mehreren Dörfern sind bedroht. Die Rich-