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Dienstag, den 27. August
1878.
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Amtlicher tzheil. Bekanntmachung.
Betreffend: Die Herbstübungen der Truppen in 1878.
Don kommenden Dienstag den 27. August an, während der folgenden IZt Tage, finden Truppenübungen auf dem Seltersberg dahier, insbesondere auf dem Abhange nach Klein-Linden hin innerhalb des Raumes der durch aufgesteekte Stangen bezeichnet ist, statt.
Da Beschädigungen, welche nicht durch Truppenübungen, sondern dadurch entstanden find, daß die Betheiligten das rechtzeitige Abernten unterlaffen haben, gesetzlich keinen Anspruch auf Vergütung begründen, wird den betreffenden Grundbefitzerrr dringend empfohlen, die noch auf den betreffenden Feldern fitzende Frucht, insoweit es die Witterung gestattet, schleunigst abzufahren, und die noch ausstehende reife Ernte so bald als möglich einzuthun.
Gießen, den 24. August 1878.
Grofiherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.___
Gießen, nm 23. August 1878. Betreffend: Herbstübungen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Nach weiterer Mittheilung der Großh. Hessischen (25.) Division beträgt nach endgültiger Festsetzung des Verpflegungs - Zuschusses die Vergütung für Verpflegung der Truppen an Nicht-Marschtagen 61V2 statt wie früher vorläufig berechnet 62^
Dr. Boekmann.
politischer HHeil.
? Der Soeialismus.
Die Thatsache, daß die Socialdemokratie immer mehr Anhang in den großen Städten gewinnt, regt zu den ernstesten Betrachtungen an. Die Zahl der Anhänger dieser noch jungen socialpolitischew Lehre in Berlin ist so bedeutend geworden, daß sie nach Procenten neben der Fortschrittspartei die einzige Partei ist, mit welcher politisch zu rechnen ist. Die überraschenden Wahlergebnisie in Breslau zeigen ebenso wie in Dresden den wachsenden Einfluß der Socialdemokratte, obwohl das Dresdener Resultat weniger überrasch/, mtil Sachsen bekanntlich überhaupt dem Soeialismus seit langen Jahren eine günstige Stätte der Entwickelung geboten hat. Der Bezirk Chemnitz«Glauchau zählt allein beinahe so viele Socialdemokraten wie die Millionenstadt Berlin. Auch Hamburg ist zu 50 pCt. dem Soeialismus gewonnen, und im Allgemeinen ergiebt die Wahlstatiftik, daß in allen großen Städten die Zahl der Social- Demokraten wächst. Die besonderen Industriebetriebe in Schlesien, im Königreich Sachsen, im Wupperthal, in Schleswig-Holstein u. s. w. zeigen sich als gewichtige Ceutren der neuen Lehre.
Rechnet man hierzu die allerwärts zerstreuten Anhänger, vergißt man endlich nicht — und eS wäre eine große Thorheit, es zu thun — , die Thatsache In Rechnung zu ziehen, daß der Soeialismus im niederen Beamtenstande wächst, und daß sein Apostel nur auf eine günstige Zeit wartet, um den Hebel ihrer Thätigkeit im Bauernstände avzusetzrn, wie sie dies bereits mit Erfolg in Thüringen gethan haben, so hat Deutschland alle Ursache, eine energische Bekämpfung der Socialdemokratie sofort zu beginnen. Man will den Kampf des sreisinntgen Bürgerthums gegen das „Proletariat", gegen den „vierten Stand", oder wie sich sonst die Socialdemokratte der „reactionären Masse" gegenüber nennt, von Oben herab durch ein drakonisches Gesetz unterstützen. Es ist müßig, heute darüber zu disputiren, ob und in welchen Formen das Soctalistengesetz angenom« vien werden wird, es ist vor Allem unpraktisch, auf die Annahme, wie auf die Wirkung dieses Gesetzes zu warten. Der „besitzende Stand", alle Freunde unserer bestehenden gesellschaftlichen Verhältniffe haben das allerdringendste Jnterefie, diese Unterstützung nicht abzuwarten, sondern in eine fruchtbare, stetige, geistige Agi- irtion gegen den Soeialismus einzutreten. Der Staat kann sich durch ein Gesetz schützen, die Gesellschaft, welche der Soeialismus stürzen will, um auf ihren Trümmern seine Utopien zu errichten, muß sich selbst schützen. Hierzu giebt es nur ein Mittel, es liegt in der Vermehrung und Verbreitung volks- Virthschoftlich richtiger Ansichten im Volke. Es ist eine geistige Arbeit, welche der Nation zugemuthet wird, und sie muß diese Arbeit in die Hand nehmen. Diese Arbeit wird unterstützt werden vom Staat, ihr Resultat wird gefördert werden durch die fortschreitende allgemeine Bildung, die Zahl der Anhänger der Socialdemokratie wird sich verringern, wenn die Erwerbsverhältnisie besser werden, — aber davon allein Befferung unserer Zustände zu hoffen, ist falsch. Nur die angestrengte politische Arbeit der Cocialistenführer, ihre vorzügliche Agitation, welche jeden Einzelnen zum Apostel für weitere Kreise macht, hat
bas Wachsthum der Socialdemokratie in Deutschland gefördert, nicht die in sich haltlose Lehre selbst.
In keinem anderen Lande der Welt hat die Socialdemokratie, welche bei uns die Anarchisten, Nihilisten und Communisten brüderlich eint, in so kurzer Zeit so große politische Bedruutung errungen. Die Partei, welche mit der Internationale eng liirt ist, hat neuerdings in Amerika sonderbarer Weise gerade im Westen, Gesinnungsgenossen gefunden, sie ist in Rußland erstarkt, weil dort das absolute Regiment die Jugend zum Nihilismus treibt, sie regt sich in Italien, in Frankreich und neuerdings in England. Aber nirgends gilt sie so sehr als ein Feikld, mit dem man rasch abzurechnen hat, als in Deutschland. Politische Parteien auf socialem Gebiet hat keines unserer Länder auszuweisen. England, welches von dem ersten constitutionellen Monarchen Preußens als ein Land der Crbweisheit bezeichnet wurde, hat niemals eine socialistische Partei gehabt, — wir können auf diesem Gebiet nicht ähnliche Lehren für unsere Zukunft von diesem Lande erhalten, wie auf den Gebieten der Versassungs-, der Handels- und Volkswirthschafts-Geschichte. Schon vor einem Jahrhundert hat uns England auf dem Gebiete der polirrschen Oeconcmie gelehrt, was heute noch als wisienschaftliche Wahrheit gilt, — socialistische Principien aber blieben immer ohne jede allgemeine Bedeutung.
Bei der Neuheit der Erscheinung, daß ein Staat mit einer einflußreichen socialistischen (im Grunde communistischen) politischen Partei zu rechnen hat, gewinnen die bevorstehenden Reichstagsverhandlungen eine welthistorische Bedeutung. Sie werden zu einer Auseinandersetzung der Verhältniffe, zu einer Klärung der Begriffe führen, welche sür alle Länder und für alle Zeiten von hoher Bedeutung sein wird. Dieses Ergebniß ist uns, ist der allgemeinen Culturgeschichle sicher, mag man über die Socialdemokratte, über die Ausnahmegesetze und über die Zukunft unserer socialen Entwickelung denken wie man will.
Deutschland.
Berlin, 24. August. Die „Berl. Börsen-Ztg." dementirt die Nachrichten von der Aufstellung der Semestral-Bilanz bei der Disconto-Gesellfchaft mit dem Htnzufügen, die bevorstehende Verwaltungsraths-Sitzung sei eine allmonatlich sich wiederholende gewöhnliche Sitzung.
Berlin, 24. August. Der Justizausschuß des Bundesraths beendete gestern die Vorberathung des Socialisten-Gesetzes. Tie Berathung deffelben im Plenum des Bundesraths beginnt am Dienstag. — Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die Meldungen verschiedener Blätter, die Protokolle der Tabaks- Enquete-Commission seien nach Kissingen an den Reichskanzler geschickt worden, ferner, es werde im Reichskanzleramt ein Gesetzentwurf über die Einführung der Petroleumsteuer ausgearbeitet, für gänzlich unbegründet. — Daffelbe Blatt erfährt, die Acten über den Untergang des „Großen Kurfürsten" seien nun»


