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Mo. 114. Freitag, den 17. Mai 1878.
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Ailffige- unb Amtsblatt für beu Kreis Gießen.
Me-a<1io«-bureaur Gartenstraße B. 165. GxpeditionSdttreaur Schulstraße B. 18.
Aokilisch
Cine ernste Mahnung.
„Es gibt keinen Königsweg zur Mathematik", soll der alte Euklid einmal einem egyptischen Königssohne geantwortet haben, als dieser den Meister bat, ihn doch, mit Rücksicht auf seine hohe Geburt und Würde, möglichst rasch, angenehm und leicht in die Geheimnisse der Geometrie und Zahlenlehre einzu- weihen. Dies Wort des griechischen Weisen läßt sich nicht nur auf den einzelnen Menschen, sondern ebenso gut auf die politischen und wirthschaflltchen Bestrebungen der Staaten und Völker anwenden. Auch für die Grsammtheit einer Nation gibt es keinen Königsweg, auf dem sie ohne Geduld und Ausdauer, ohne Mühe und Arbeit, zu politischer Macht und Größe, zu behaglichem Wohlstand und materiellem Gedeihen schnell gelangen könnte. Und zumal in Deutschland wiffen wir, oder sollten es wenigstens aus unserer eigenen Vergangenheit wissen, daß wir nicht zu den glücklichen Sonntagskindern gehören, denen alles Wünschenswerthe im Traume bescheert wird, daß uns Natur und Geschick keine Ausnahmestellung von der allgemeinen Regel gewährt haben. Es ist freilich das Eigene unserer politischen Entwickelung, daß der große geschichtliche Werde- proceß des deutschen Staates nicht von dem gesammten Volke mit deutlichem Bewußtsein durchlebt worden ist, daß die gewaltige Arbeit zweier Jahrhunderte, welche unser Volksthum aus dem Schutte des dreißigjährigen Krieges langsam wieder aufrichtete, nicht unter dem klaren Verständniß der ganzen Nation sich vollzog, so daß wir schließlich mit einem mächtigen Schlage glaubten errungen zu haben, was doch wesentlich das Resultat vorausgegangener, unsäglich schwerer Anstrengungen gewesen ist. So kam es, daß vor dem kräftigen Aufschwung des nationalen Gefühls, der die politischen und militärischen Erfolge von 1866 und 1870 begleitete, die abkühlende Mahnung zur Besonnenheit nicht das nöthige Gehör sich überall zu verschaffen wußte und neben der, unter dem Impulse gewaltiger Ereignisse erfolgten Anregung edler, herrlicher Leidenschaften zugleich die Samenkörner zu achtloser Selbstgenügsamkeit, zur Überschätzung, nicht selten zum blinden Hochmuth ausgestreut wurden.
Auf den Gewerbebetrieb unseres Vaterlandes hat die Neigung zur Selbstüberschätzung einen weit tiefer greifenden Einfluß ausgeübt, als Viele glaubten. Sie hat in derselben Nation, von welcher wir wissen, daß sie vor anderthalb und zwei Jahrhunderten noch die gründlichste Verachtung des Unechten, des Scheinwesens besaß, aümählig eine Nachsichtigkeit der Anschauungen sich entwickeln lassen, welche erschrecken kann. Das große Publikum hat es anfangs verzeihlich gesunden, dann ertragen, dann für richtig erklärt, daß der Schein dem Wesen in den Gegenständen seiner Einkäufe vorzuziehen sei. Die Industrie hat anfänglich mit kleiner Unruhe, dann mit Achselzucken und endlich mit dem Bewußtsein voller Berechtigung das Fabrikat dem entsprechend hergestellt. Imitation, Surrogat sind die verderblichen Schlagworte für eine ganze Reihe von Industrien geworden, und so sind wir denn in Bezug auf einen beträchtlichen Bruchtheil in eine falsche Richtung gerathen, welche Prof. F. Reuleaux in Berlin in seinen Berichten über die Philadelphia Ausstellung so drastisch geschildert hat.
Der verdienstvolle Gelehrte ist wegen der bekannten herben Kritik vielfach angefochten und verketzert worden. Und man kann ja zugeben, daß er in der Verallgemeinerung der aus seinen Beobachtungen gezogenen Schlußfolgerungen zu weit gegangen sei und über das Ziel htnausgeschossen habe. Jedenfalls hat es aber Herr Reuleaux bet Kritik und Tadel nicht bewenden lassen/ sondern sich redlich und eifrig bemüht, der daniederliegenden Industrie und dem noth- letdenden Gewerbe die Mittel zur Besserung anzugeben und die richtigen Wege zur Erlangung einer würdigen Stellung zu bezeichnen. In dieser Beziehung verdienen die von Herrn Reuleaux kürzlich wieder im Kaufmännischen Verein in Leipzig vorgetragenen und in dem neuesten Hefte der Monatsschrift „Nord und Süd" veröffentlichten Ausführungen „über Deutschlands gewerbliche Bestrebungen und Aufgaben" die Aufmerksamkeit und Beachtung der weitesten Kreise in hohem Maße. Den industriellen Fehler, in welchen Deutschland verfallen ist und welcher manche seiner Industrien schwer herabgedrückt hat, findet Herr Reuleaux mit Recht in der Concurrenz um jeden Preis- Von diesem eingesessenen Grundsatz müssen wir vor Allen Dingen wieder loszukommen suchen, wenn es besser werden soll, und zwar unter richtiger Einwirkung von drei Hauptfactoren: des Publikums, der Industriellen und der Staatsregierung.
Das Publikum hat sich bei uns dem Princip der Preisconcurrenz in die Arme geworfen; es will und verlangt in erster Linie wohlfeil bedient zu werden. Es hat beinahe ganz verlernt, die Qualität seiner Erwerbungen zu prüfen; der Preis ist ihm das Erste und Wichtigste.
Die bekannte Einrede von der Armuth Deutschlands läßt Herr Reuleaux mit Recht nicht gelten. Wer arm ist, soll nicht das Unsolide, auf den leeren Schein berechnete, sondern das Haltbare, Dauerhafte kaufen. Es ist aber durch Hunderte von Beispielen nachzuweisen, daß die unbegreiflich billigen Maaren «egen ihrer Untüchtigkeir Käufer zu weil größeren Ausgaben nöthigen, als die ein wenig theureren, daß der sog. billige Kauf thatsächlich der theuere ist. Sodann : ist Deutschland zu arm, so muß es suchen, sein geringes Capital auch rechnerisch gut zu verwerthen. Aber es hat das Borgen und lange Cre-
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
er Hheit.
ditiren eingeführt durch alle Schichten, welche kaufen und verkaufen, und zieht sich dadurch colossale Verluste zu. Am Publikum ist es, und zwar am ganzen Publikum, diesem Verlust, der bis zu 18 pCt. jährlich angeschlagen wird, durch Einführung der Baarzahlung oder Zahlung mit kurzem Ziel vorzubeugen.
Aber nicht nur im wohlverstandenen eigenen, sondern im allgemeinen öffentlichen Interesse hat das Publikum die Pflicht, abzulaffen von dem grundfalschen Systeme des Jagens nach dem leeren Schein der Waare. Die industrielle Thätigkeit ist ein hervorragender Theil unseres Volkslebens und ein gutes tüchtiges Volk soll deshalb auf eine gute tüchtige Industrie halten! Jeder muß wiffen, daß er daran Theil hat, daß die Ehre der Industrie bie Nation ehrt, daß er aber selbst an der Ehrerwerbung mitarbeiten muß durch seine Kaufweise. Jeder Einzelne, und demnach das gesammte Publikum, soll hier seine Stimme erheben und zumal die Tagespresse sollte nicht aufhören, die Grundsätze eines der Allgemeinheit wirklich dienenden Gewerbebetriebs dem Volke klar zu machen, die Verstöße gegen die Pflichten, welche die Industrie der Nation gegenüber hat, zu rügen, ihre Fortschritte in dieser selben Richtung zu fördern und zur Anerkennung zu bringen. Damit würde sie den nur zu gern auf fremde Gebiete abschweifenden Deutschen immer wieder erinnern an die richtige Verwendung seiner Fähigkeiten, sowie an die Gefahren seiner Jrr- thümer und würde ihm unangenehme Ueberraschungen ersparen.
Dann aber müssen die Gewerbetreibende»! selbst aufhören, sich durch ein gegenseitiges Heruntertreiben der Waare Schaden über Schaden zufügen zu wollen, und vielmehr die Werthconcurrenz an die Stelle der verderblichen Preisconcurrenz setzen. Die Industrie muß überall nicht durch Herabsetzung des Preises, sondern durch Steigerung der Qualität den Käufer zu gewinnen suchen: dieser aber hat die Pflicht gegen sich wie gegen das Ganze, dem Industrielle» auf halbem Wege entgegenzukommen. Beide müssen das Streben und das Suchen nach der Güte der Waare an die Stelle des Preisdruckes setzen.
Was endlich die Staatsregierung anlangt, so ist dieselbe bekanntlich in großem Maßstabe Käufer industrieller Erzeugnisse auf Grund öffentlicher Ausschreibungen. Daß die bisherige Methode der Ausschreibungen oder Submissionen mangelhaft, zum Theil sehr unrichtig gewesen, hat man mehrfach nachgewiesen. Es bahnt sich aber jetzt eine Aenderung an. Im preußischen Ministerium beschäftigt man sich ernstlich mit der Feststellung derjenigen Methoden der Ausschreibungen, bei welcher die Concurrenz der Qualitäten, oder genauer gesagt, die Werthconcurrenz die Grundlage bilden soll. Wie sehr aber auch hier Besserung Noth thut, zeigt Reuleaux an einem sehr charakteristischen Beispiel. Für die durch das ganze Reich eingerichteten Standesämter wird der Papierbedarf regelmäßig nach dem Princip der Preisconcurrenz ausgeschrieben. Die Preise werden dabei so gedrückt, daß überhaupt die Möglichkeit, Papier aus Lumpen dafür zu liefern, ausgeschlossen wird. Die Folge ist, daß Papiere geliefert werden, in welchen Holzstoff und andere Beimengungen eine solche Rolle spielen, daß die Papiere durchaus nicht dauerhaft sein können. Nach zehn, fünfzehn Jahren werden wir deshalb die sonderbarsten Sachen zu erleben haben, indem der langsame, natürliche Zersetzungsproceß bis dahin eine Menge von Actenstücken soviel wie aufgezehrt haben wird, welche für das Wohl und Wehe von Familien von unschätzbarer Bedeutung sind. „Eine Sammlung solcher Standesamtspapiere", bemerkt der Verfasser, „welche ich besitze, läßt jetzt schon vorauserkennen, in welche Verwirrungen uns das Princip der Preisconcurrenz, gehandhabt von den Behörden, stürzen wird, wenn nicht sofort Einhalt gethan wird."
Im Uebrigen ist Herr Reuleaux mit Recht der Ansicht, daß der Industrie nicht sowohl durch directe staatliche Maßregeln, durch besonderen Zollschutz und dergl. geholfen werden kann, als dadurch, daß man die Industrie als nationale Sache auffaßt, die deutsche Industrie als National- Jndustrie ansieht. Für eine National-Jndustrte ist niemals der Gesetzgebung gleichgilttg, ob geringe oder ob vortreffliche Waare gefertigt werde, ob bie Gewerbetreibenben einzelner Zweige einander bis zu gegenseitiger Vernichtung bekämpfen, oder ob diese sich erhalten und entwickeln; für die National-Jndustrie wird die Gesetzgebung stets bereit sein, je nach den verfügbaren Mitteln Verkehrswege zu verbessern oder zugänglich zu machen. Von diesem Gedanken aus werden dann Hie Verkehrs-, Zoll-, Steuerfragen, die gewerbliche Gesetzgebung und manche anderen Fragen zu prüfen und zu beurtheilen sein und innerhalb dieser Auffassung werden sich auch Gegensätze verschmelzen und gemeinsame Anschauungen verstärken zum Wohle nicht nur der Industrie, sondern auch des Landes und Reichs.
Am Schluffe seiner mahnenden, ernsten Betrachtungen weist Herr Reuleaux noch auf die tröstliche Thatsache hin, daß sich thatsächlich nach den überraschenden Erfahrungen von Philadelphia die Leistungen der deutschen Gewerbe langsam zu heben begonnen haben. Es liegen Zeugnisse aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands vor, daß es anfängt, Helle zu werden am Horizont der deutschen Industrie. „Lasten wir noch einige Jahre rastlosen, angestrengten, verborgenen Fleißes in's Land gehen, und wenn bann wieber eine Weltausstellung beschlosten wirb — möchte sie doch sür das Jahr 1883 für Berlin
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.


