Frankreich.
Paris, 12. Octbr. In ganz Frankreich hat die jüngste Rede Bis marck^s große Aufregung hervorgerufen. Sämmtliche Journale veröffentlichen über dieselbe zum Theil große Leitartikel. Die bonapartistischen und ultramontanen Organe versuchen die Rede dahin auszulegen, daß der Leiter der deutschen Politik sich als Feind der Republik in Frankreich hingestellt habe. Die Kundgebung erregt so großes Aufsehen, daß Gambetta's Rede in Grenoble erst in zweiter Linie besprochen wird, zumal sie ziemlich unbedeutend ist. „Ternps" bedauert in einem besonders hervorragenden, augenscheinlich inspirirten Artikel die jüngsten Auslastungen des Fürsten Bismarck übtr Frankreich und schließt: „Wir wünschten, daß es nicht allgemeiner Gebrauch werden wird, in den Parlamenten in so ungezwungener Weise von Nationen zu sprechen, mit denen man im Frieden lebt."
Paris, 12. October. Der Tod des Bischofs Dupanloup von Orleans erfolgte gestern Abend plötzlich in Laincey. Der Bischof war auf einer eben angetretenen Reise nach Rom begriffen. Auch der Banquter Köntgswarter, der unter dem Katserthum Deputirter war, ist heute gestorben.
England.
London, 12. October. Der „Times" wird aus Berlin telegraphirt, daß Deutschland in dem Streite zwischen der Türket und Oesterreich wegen der Occupatton von Bosnien auf Setten Oesterreichs stehe. — In Bulgarien ist eine Agitation in's Werk gesetzt worden, welche darauf htnausläuft, den Fürsten von Montenegro zum Fürsten von Bulgarien zu wählen.
Italien.
Rom, 12. October. Es liegen nunmehr auf telegraphischem Wege authentische Nachrichten über die Exceste österreichischer Matrosen und des Publikums in Triest vor. Ein eingehender schriftlicher Bericht des Consuls wird beute erwartet. Danach ist es unrichtig, daß das Consulat insultirt worden ist. Wegm der sonstigen Exceffe erhob der italienische Consul Bruno Beschwerde beim Statthalter. Die österreichische Botschaft in Rom hat bisher dem auswärtigen Ministerium noch keinerlei amtliche Erklärung abgegeben. — Die Regierung hat Sanitäts-Maßregeln bezüglich der aus Spanten eintreffenden Pilger in Civita-Vecchia angeordnet.
Aurnänien.
Bukarest, 13. October. Uebcr die gestrige Erklärung des Ministers Cogalmceano wird berichtigend mitgetheilt, daß der Minister sich nicht der Ansicht Jonesco's in der Judenfrage anschloß, sondern erklärte, nur die Judenfrage solle durch eine Constituante geregelt werden. — Die Kammer vottrte einen Credit von einer Million zur Occupation und Administration der Dobrudscha.
Serbien.
Belgrad, 12. October. Die Bildung des neuen Ministeriums hat siattgefunden. Ristic übernahm das Präsidium und die auswärtigen Angelegenheiten, Leschjanin den Krieg, Altmpitsch den Unterricht, Lazarewitsch die Justiz, Michajlowitsch das Innere, Swanowitsch die Finanzen und Wastliwitsch den Cultus.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'» telegr. Torresp-u-enz-Bnrea«.
Berlin, 14. October. In der heutigen Sitzung des Reichstags wurde die zweite Lesung des Soctalistengesetzes fortgesetzt. Zu § 6 sprach sich Richter (Hagen) gegen das Amendement Ackermann aus, weil mit diesem das Gesetz rückwirkende Kraft haben und von dem Verdacht nicht frei bleiben würde, auf Verfolgung von Personen angelegt zu sein. Der Commissions- Vorschlag sei scharf genug. Der Reichskanzler sage zu Unrecht, daß die socialistische Bewegung durch die Preßfreiheit gefördert worden sei. Die Aufhebung des Zeitungsstempels und der Cautionen seien ohne Einfluß auf jene Bewegung gewesen. Die Fortschrittspartei sei bestrebt, die bisherigen Gesetze zu erhalten; sie sei gewisiermaßen die alte Bismarckpartei; sie wolle das Wahlrecht, die Wahlperioden, die Freizügigkeit, die Gewerbefreiheit conserviren, sie sei die alt- conservative Reichspartei. Man möge nicht immer Vergleiche mit den Franzosen ziehen, unsere Verhältnisse lagen nun einmal ganz anders. Die Hauptthätigkeit der socialdemokratischen Agitatoren basire auf Erregung des Classenhasies. Windthorst habe Unrecht, wenn er sage, der Kulturkampf habe die socialistische Bewegung gefördert. Er (Richter) habe die Gefahren der Socialdemokratie niemals unterschätzt. Es sei gut. daß die Frage eingehend discutirt werde. 2)te Vorlage und namentlich der § 6 seien indeß keine Mittel gegen die Socialdcmokratie, welche mehr unter als vor diesem Gesetz zu fürchten sei.
v. Kleist-Retzow vertheidigte den Antrag Ackermann, namentlich denjenigen Theil desselben, wonach die Worte: „sobald auf Grund dieses Gesetzes das Verbot einer einzelnen Nummer erfolgt" — gestrichen werden sollen, so daß also das fernere Erscheinen von periodischen Druckschriften sofort untersagt werden könne. Redner entwickelte die Gefährlichkeit der socialtstischen Presse und exemplifictrte dieselbe durch Verlesung von Stellen aus socialtstischen Blättern. Windthorst betonte unter Bezugnahme auf die am Beginn der Verhandlungen über dies Gesetz vom Centrum abgegebene Erklärung den konservativen Charakter seiner Partei, legte die Stellung der letzteren zu den Regierungen dar und drang von Neuem auf Einstellung des Kulturkampfes. Seine Partei vertrage übrigens nicht allein kirchliche, sondern auch allgemeine bürgerliche Freiheit. Deshalb sei sie gegen das zur Berathung stehende Gesetz. Seine Partei wolle entschieden die Aufrechterhaltung der Preßfreiheit schon in ihrem eigenen Interesse. Redner erklärte sich gegen den 6. Minister Graf Eulenburg erklärte es als eine Unmöglichkeit, anzunehmen, daß die Bestimmungen des § 6 auck auf andere als socialdemokrattsche Schriften angewendet werden würden. Es sei dies eine willkürliche Unterstellung; den Beweis dafür werde man schuldig bleiben. Der Minister bat, die Anträge Ackermann anzunehmen, also Hinzufügung der Worte : insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen— und Streichung der Worte: sobald auf Grund dieses Gesetzes das Verbot einer einzelnen Nummer erfolgt. Wenn man diese Worte stehen lasse, so schwäche man die Wirkung des Paragraphen und des ganzen Gesetze-, welches einer verderblichen Literatur ein Ende machen solle und darin durch ein Versteckensspiel nicht aufgehalten werden dürfe. Eine Zeitung werde nach dem ersten Verbot nicht die Tendmz ändern, sondern dieselbe nur zu verstecken suchen.
Nachdem Minister Graf Eulenburg nochmals für § 6 eingetreten war und Stettrr (Reichspartei) die Anträge Ackermann empfohlen hatte, wurde bei der Abstimmung das erste Amendement Ackermann angenommen, die durch das zweite Amendement beantragte Streichung aber abgelehnt. Hierauf wurde § 6 nach der Regierungsvorlage abgelehnt, ebenso derselbe § nach der Commissions- fafsung. Damit ist auch die Discussion der auf § 6 fußenden 88 7—10 zunächst abzeschnitten. Die Debatte wendete sich demnach zu 8 11.
Moufang und Bebel erklärten sich gegen den S 11, betr. die Einsammlung von Beiträgen zu soctalistiscken Zwecken. Dernburg trat für den Paragraphen ein und bekämpfte ferner die
Ausführungen Moufangs, wobei er das Wahlbündniß zwischen Socialbemokraten und Ultra-
montanen erörterte. Fürst Radziwill und Windthorst wiesen die gegen ihre Partei erhobenen
Beschuldigungen zurück. § 11 ward darauf angenommen. 8 12 (Strafbestimmungen gegen Be-
theiligung an verbotenen Vereinen) wurde nach kurzer Debatte gleichfalls nack den Commissionsanträgen angenommen, ebenso 8 13 (Hergabe von Räumlichkeiten). 8 14, welcher sich auf 8 6 bezieht, wurde zunächst bei Seite gelassen. 8 15 (Strafbestimmungen gegen verbotene Sammlungen) wurde ohne Debatte angenommen. 8 15a (Strafbestimmungen betreffend fahrlässige Zuwiderhandlungen gegen das Verbot der an Vereinen und der Hergabe von Räumlichkeiten) wurde mit einem unwesentlichen Amendement angenommen. — Nächste Sitzung morgen 10 Uhr.
London, 14. October. Die Bank von England hat den Discont von 5 auf 6 pCr. erhöht.
Belgrad, 14. October. Die Demission des Ministeriums Stewtscba ist nunmehr angenommen. Die Zusammensetzung des neuen Crbinets ist folgende : Ristic Präsidium und Auswärtiges, Matic Justiz, Alimpic öffentliche Arbeiten, Mischkooic Krieg; der seitherige Finanzminister Jovanovic und der Unterrichtsminister Wassiljevic verbleiben auf ihren Posten.
Petersburg, 14. Octbr. Von Livadia ist an die russischen Botschaf. ter und Gesandten ein Circular-Telegramm ergangen und seit einiger Zeit in deren Händen, welches wiederholt dem Wunsche Ausdruck gibt, auf Basis des Berliner Vertrages zu einer definitiven Abwickelung mit der Türkei zu gelangen. Veranlaffung hierzu gaben mehrfache Schwierigkeiten, welche aus der Ohnmacht der türkischen Regierung in ihrem eigenen Lande entspringen. Insbesondere ist darauf htnzuweisen gewesen, daß nach dem Abzug der russischen Truppen Metzeleien stattfanden. Ferner ist es sehr häufig vorgekommen, daß die Bewohner im Gefolge der abziehenden russischen Garnisonen auszuwandern begannen und daß die russischen Militärchefs bei solchen Verbältniffen geradezu in Verlegenheit wegen der unmittelbaren Ausführung der Rückzugsbefehle geriethen. Das Circular-Telegramm hat Angesichts dieser Zustände im Auge, nach Kräften auf einträchtiges gemeinsames Handeln der vertragsmäßig betheiligten Regierung n hinzuwirken.
Agram, 14. October. Im Landtage sprach sich der Banus Mazu- ranic gegen das in die Adreffe auszunehmende Zukunftsprogramm betreffs des Anschluffes Bosniens an Croatien aus. Sectionschef Zivkovic erklärte sich gegen die auf Dalmatien, Fiume und Bosnien gerichteten Forderungen. In der Generaldebatte wurde die Adreffe gegen 7 Stimmen angenommen.
Petersburg, 14. October, Abends. Der über Berlin nach Paris reisende Finamrnimster Gretgh wird daselbst einige Wochen verweilen und die Ausstellung besichtigen. Es ist natürlich, daß man andere Motive für die Reise sucht, namentlich dieselbe mit Anleihe-Negotiationen in Beziehung bringt. Wohl unterrichtete Personen meinen, daß von einer Anleihe erst in einiger Zeit die Rede sein werde und daß den Finanzminister zunächst der Wunsch zur Reise veranlaßt habe, frühere Bekannte aus der Finanzwelt wiederzusehen, freundliche Beziehungen aufzufrischen und ihm geäußerte Anschauungen gewiffermaßen ad referendum zu nehmen. Leicht ist anzunehmen, daß solchen Besprechungen der Charakter von Anleihe-Negotiationen beigelegt wird. Wirkliche finanzielle Maßnahmen von größerer Tragweite werden erst nach der Rückkehr des Ministers eintreten, wenn derselbe Vorschläge wegen Einführung neuer Abgaben rc. bei den Budgetfeststellungen im November vorlegen wird. Auf Grund dieser finanziellen Maßnahmen könnte dann zweckdienlich eine Anleihe erfolgen. Im Princip hat sich der neue Finanzminister übrigens gegen alles künstliche Treiben der Course russischer Werthe im Auslande ausgesprochen. Es würde dies von keinem dauernden Nutzen sein, vielmehr den auswärts mit uns in Gescbäftsbe- ziehung Stehenden leicht Verlegenheiten bereiten, während doch eine stichhaltige Besserung nur durch ein geordnetes Budget zu erreichen ist.
Lokal-Notiz.
Gießen, 15. October. Tagesordnung für die Stadtverordneten - Sitzung am Donnerstag den 17. October 1878, -tach«ittags 4 Nhrr
1. Gesuch des Jacob Steinbach von Burg-Solms um käufliche Ueberlassung städtischen Geländes.
2. Gesuch des Georg Unverzagt um Bauerlaubniß.
3. Gesuch des BautechnikerS Stein um Erlaubntß zur Erbauung einer Waschküche.
4. Gesuch dts Bauunternehmers Julius Hoch wegen dergleichen.
5. Gesuch des Wilhelm LüddebeeS (?) um Erlaubntß zur Erbauung eines Hinterhauses.
6. Waldwegbauarbeiten vom Jahre 1877.
7. Gesuch des Metzgermeisters Meister um Erloubnitz zur Anlegung einer Schlächterei.
8. Desgleichen des Metzgermeifters Ruppel.
9. Bauliche Veränderungen an dem rechtsseitigen Thorhaus vor dem Neuen« weger Thor.
10. Den Ausbau der Ludwigsstraße betreffend.
11. Theilung der 4. Classe der Stadtmädchenschule.
Gießen, 15. October. Der Schwurgerichtshof verurtheilte gestern den Michael Kahn aus Ranstadt, wegen Betrugs und Bestechung, in eine Gefängnißstrafe von 3 Monaten, sowie tn eine Geldstrafe von 100 jl, welche jedoch im Falle der Unetnbring- Uchkeit mit einer Gefängnißstrafe von 2 Wochen obzubüßen ist.
Wegen der angeklagten Urkundenfälschung wurde derselbe auf Grund deS Ver- dicts der Geschworenen, freigesprochen.
Gießen. 15. October. In unserem Nachbarstädtchen Wetzlar ist eben eine Obst- rc. Ausstellung arrangirt, von der wir nur wünschen können, daß recht viele Leser aus unserer Stadt sich den Genuß des Beschauens dieser prächtigen Ausstellung nicht versagen möchten- 158 bietet diese Ausstellung den Beweis, daß man mit ein klein wenig Aufmerksamkeit und Pflege einen Ertrag von den Obstbäumen erzielt, wie er dankbarer nicht gedacht werden kann.
Der große Saal des Schützengartens hatte nicht ausgereicht, um nur die Menge des auö- gestellten Obstes zu fassen und so mußte auch noch der kleine Saal, welcher für die Erzeugnisie des Gemüsebaues bestimmt war, theilweise mit hinzugezogen und ein Theil der Gartengewächse in dem anstoßenden Zimmer untergebracht werden. Alle Sorten Gartengewächse fanden wir hier in seltener Ueppigkeit und Größe vertreten und gaben uns dieselben den Beweis, welche Resultate sich durch Fleiß und geeignete Pflege auck bet uns, die wir hierin bis jetzt noch viel auf auswärtige Zufuhr angewiesen sind, erzielen lassen Die einzelnen hervorragenden Objecte und deren Aussteller zu nennen, überladen wir sachkundiger Feder, betreten wir deßhalb den großen Saal und erfreuen uns an dem Anblicke, welchen er bietet. Derselbe gewährt mit seinen secks Reiben Tafeln, belegt mit den verschiedensten Obstsorten in allen Größen und den mannigfaltigsten Farben, bestehend hauptsächlich aus Aepfeln und Birnen, vermischt mit Weintrauben, Pfirsichen, Quitten, Nüssen, eßbaren Kastanien, Zwetschen rc., einen Auge und Sinne erfreuenden Anblick Mit Früchten besetzte und durch Hängepflanzen verzierte Gestelle, prächtige Blumenbouqueke und schwer tragende Zwergobstbäumchen bieten eine wohlthuende Abwechselung. Von der Milde des Herbstes zeugen Sträuße von Veilchen, Erdbeeren, Himbeeren und das Äestchen eines Zwetschen- baumes, an dem neben der reifen Frucht neue Blüthen und frische Triebe sprossen.
Gegenüber der reich verzierten Büste des Kaisers ist unter der Gallerte eine prächtige Gruppe hergrstellt, deren Mittelpunkt eine Blumen spendende Flora bildet, zu deren Füßen ein von einem Blumenbeet umsäumter Springbrunnen plätschert.
Wir kommen auf unserm Rundgang nun wieder in den kleinen Saal, betrachten uns die auch auf dieser Seite untergebrachten Gartengewächse, 50 Pfd. schwere Kürbisse, riesige Kartoffeln in den verschiedensten Sorten, den zu förmlichen Büschen gewachsenen Winterkohl, sowie die Ausstellung künstlicher Dünger und treten in das Zimmer für die Forstwirthschaft. Grurven der verschiedenen Baumiorten geben demselben ein waldfrisches Ansehen; aus dem Gebüsche schauen uns Rehe, Füchse und sonstige Thiere des Waldes an. Die Wände sind bedeckt mit einer großen Anzahl Geweihe, ausgestopften Raubvögeln und Thieren, Fellen der verschiedensten Waldbewohner und Karten mit Pilzen und Schwämmen. Die natürlichen Vorbilder der letzteren finden wir auf einem mit Tannenzapfen originell verzierten Tisck aus grünem Moos berauS- schauend, uns durch ihren verschiedenartigen Wuchs, Größe und Farbe in hohem Grave fesselnd. Wir sehen ferner eine schöne Auswahl Jagdmesser, Baumscheeren Flinten und sonstiger für Forst und Waidmann nöthige Geräthe, auch die Fangeisen für das Raubzeug fehlen nicht. — Nachdem wir uns noch eine vollständige Zusammenstellung von Samen der Waldbäume betrachtet haben,
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