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Up. 241» Mittwoch, den 16. October 1878.

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APtigc- Mil AmtsMt fit -en Kreis Gießen.

Redactionsburean r yxpedilionSburearr:

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hyeil.

Gießen, am 14. October 1878.

Betreffend: Die Regulirung des Holzpreistarifs für die Gemeindewaldungen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an -ie Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

In der Beilage Nr. 24 zum Großherzoglichen Regierungsblatt für 1878 ist nunmehr ein neuer Holzpreistarif für die Domanial-Waldungen pro 1879, 1880 und 1881 erschienen. Wir machen Sie hierauf mit dem Anfügen aufmerksam, daß nach unserem Ausschrnben lohne Nummer) vom 7. Februar 1877 auch für die Gemeinde-Waldungen die Tarife der denselben zunächst gelegenen Domanial-Waldungen maßgebend sind.

Dr. Boekmann. _______________________________________

Bekanntmachung.

Droschkenbesitzer Heinrich Mahler hat unter dem Heutigen die Erlaubniß erhalten, zwei Droschken mit den Nummern 1 und 2 nach Maßgabe des Droschkenreglements für die Provinzialhauptstadt Gießen vom 3. August 1878 in Betrieb zu setzen.

Gießen, am 15. October 1878. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

Fresenius. ________________

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? Parlamentarische Wochenschau.

Der bisherige Verlauf der Debatten zweiter Lesung des S oci al ist en­ges etz es ist wohl dazu angethan, eine große Sorge von allen denen zu neh­men, welchen das Wohl des Deutschen Reiches am Herzen liegt. Nicht nur ch das Gesetz in einer für Reichstag wie Regierung befriedigenden Form schon so gut wie definitiv angenommen, sondern auch die Gefahr eines dauernden, alle unsere Verhältnisse vergiftenden und jeden Fortschritt hemmenden Conflicts zwischen der Reichsregierung und den gemäßigt liberalen Elementen des deut­schen Mittelstandes durch die entgegenkommenden Erklärungen des Fürsten Reichskanzlers sehr in den Hintergrund getreten. Aus dem reichen Inhalt der mehrtägigen hochbedeutungsvollen Debatte, soweit sie bis heute geführt ist, kön­nen wir hier nur wenige Hauptpunkte hervorheben.

Vor Allem ist es die große Rede des Fürsten Bismarck, welche das Jnteresie in Anspruch nimmt. Sehr bemerkenswerth waren die Ausführungen des Fürsten über die Ursachen, weshalb gerade Deutschland ein so fruchtbares gelb für die Socialdemokratie geworden sei. Was er dabei über den deutschen Eharakterzug des Neides und der Unzufriedenheit, über die ewige Tadelsucht I iirt> die politische Unreife, welche in jedem Angriff gegen die Regierung eine That, in jeder Anerkennung einer Regierungshandlung gemeinen Servilismus f.eht, sagte, verdient in allen Schtchten der Bevölkerung beherzigt zu werden. Desgleichen der Vorwurf, den er der Fortschrittspartei machte, daß die Art ihrer ewig nörgelnden und der Regierung stets die schlechtesten Motive unter­schiebenden Kritik sehr dazu betgetragen habe, in den Mafien die Achtung vor len Staats-Institutionen zu untergraben. Nach einem Rückblick auf die schreck­lichen Attentate, welche aus soctaldemokratischem Geiste geboren seien, sprach er die Hoffnung aus, das Gros der Arbeiter werde noch nicht in dem Maße von bm socialdemokratischen Ideen erfüllt sein, daß nicht nach Unterdrückung der gewerbsmäßigen Agitation, wie sie das Gesetz in erster Linie bezwecke, eine Wendung zum Bessern eintreten werde.

Sehr bedeutend war dann der Schluß der Btsmarck'schen Rede, worin er seine politischen Ziele darlegte, stch als frei von allen reacttonären Gelüsten unb aller Fraktionspolitik bekannte: ihm liege nur das Wohl des Reiches am Herzen und er wolle gern mit allen Parteien gemeinsam arbeiten, die in dieser Beziehung mit ihm auf gleichem Boden ständen. Nach einer scharfen Kritik der deutschen Eigenart, in der Politik nicht die großen gemeinsamen Ziele, son­dern die kleinen Fraktions-Jnterefien in den Vordergrund zu stellen, schloß der Prst mit einem warmen Appell an den Patriotismus aller wirklich staats- und mchstreuen Parteien zur dauernden und gemeinsamen Arbeit zum Schutze des neuen Reiches gegen die mannigfachen es bedrohenden Gefahren.

Es steht zu hoffen, daß diese Rede auf unsere ganze weitere politische Entwickelung von dem wohlthätigsten Einfluß sein wird. Die sehr bedeutsame Rede Bennigsen's beweist, daß dieser Staatsmann und mit ihm der aller­größte Theil der national-liberalen Partei die offen gebotene Hand nicht zurück- ßößt, sondern freudig einschlägt, um mit Verbannung aller Conflictsgedanken Ms alte freundschaftliche Verhältniß zwischen der liberalen Mittelpartei und öer Reichsregierung wieder aufzunehmen. Dem gegenüber hatte der Abg. I hänel einen schweren Stand, die unfruchtbare Position der Fortschrittspartei )ti rechtfertigen: war doch gerade ihm, der es versucht hatte, auf dem sog. Boden des gemeinen Rechts Mittel zur Bekämpfung der Socialdemokratie zu jinden, das Unglück passirt, von den hervorragendsten Organen seiner eigenen Partei darob aus das Heftigste angegriffen zu werden. Seine Vorschläge batten allerdings so viel Aehnlichkeit mit dem s. Z. so viel geschmähten Haß­md Verachtungs'Paragraphen des Strafgesetzbuches, daß es nicht zu wundern ist, wie sie in einem ächten Fortschritts-Gemüthe nur Entsetzen erregen konnten. Eine glänzendere, wenn auch unwillkürliche Rechtfertigung für die Regierung in ibttm Auftreten gelegentlich der Strafgesetz-Novelle vor zwei Jahren ist wohl noch nie daqewesen.

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Für die conservativen Parteien sprachen v. Marschall und v. Schmid, beide sehr sachlich und versöhnlich gegen die National-Liberalen. Von den Socialdemokraten zeigte Hassel mann in einer zweistündigen Rede, bis zu welcher moralischen Verwilderung es in dem Kopfe eines solchen berufsmäßigen Agitators kommen kann. Neues brachte er natürlich ebenso wenig, wie er den Vorwurf der unfruchtbaren Negation entkräften konnte. Charakteristisch war das offene Drohen mit Aufruhr und Gewalt für den Fall der Annahme des Ge­setzes. Soweit dies nöihig war, erfuhren seine Ausführungen, die ihm außer­dem wiederholte Ordnungsrufe eingetragen hatten, eine ausführliche Widerlegung durch den Abg. Löwe-Bochum, welcher in sehr guter Begründung den Stand­punkt der nach ihm benannten Gruppe darlegte und sich offen für das Gesetz erklärte, sowie in der vorhin schon berührten großen Rede Bennigsen's, welche den Glanzpunkt der Debatte ausmachte. Alle Vorzüge Bennigsen'scher Rede, seine Ruhe und Klarheit, die geschloffene Deduction und der hohe poli­tische Gehalt der Rede ließen in ihm wiederum den berufensten Führer der national-liberalen Partei erkennen. Hervorzuheben aus den Debatten, die sich mehr mit den Einzelheiten des Gesetzes beschäftigten, wäre dann noch, daß auch Delbrück zum eisten Mal wieder stch an der Dtscusston bethetligte und zwar zu Gunsten der Genofienschaften, die er im Falle, daß sie socialdemokrattscher Umtriebe verdächtig sind, nicht den Verwaltungsbehörden, sondern dem Richter unterstellt wifien will. Absolut passiv und negativ den Gesetzen gegenüber stellte sich das Eentrum, die Polen und die Elsäfier Protestler : das Centrum wie immer mit der Erklärung, daß außer der Aushebung der Kirchenverfolgung und des Culturkampfes kein Heil gegen alle Uebel der modernen Gesellschaft zu finden sei.

Deutschland.

Berlin. Nicht nur die Fragebogen für die Baumwollen-Enquete find Seitens der Industriellen sehr mangelhaft beantwortet worden, auch in der Beantwortung der Fragebogen der Tabaks-Enquete-Commission haben sich so viele Lücken gefunden, daß man sich genöthigt gesehen hat, dem statistischen Amt, welches bekanntlich mit der Verarbeitung der Fragebogen beauftragt ist, eine Commission von drei Sachverständigen unter Anführung des Mitgliedes der Enquete-Commission, Herrn Schöpplenberg, zur Sette zu stellen, welche die Sei­tens der Interventen nicht beantworteten Fragen nach Analogie beantworten soll. Daß durch dieses Verfahren ein absolut sicherer Boden für die weiteren Arbeiten der Enquete-Commission beschafft werden wird, ist nicht anzunehmen.

Berlin, 12. October. Zwischen der deutschen Reichspost-, der bayeri­schen und württembergischen Postverwaltung einer- und der österreichischen wie der ungarischen Postverwaltung andererseits ist ein Fahrpost - Uebereinkommen abgeschlossen worden, welches am 1. k. Mts. in Kraft tritt. Von diesem Tage gilt für ale Fahrpostsendungen im deutschen Reiche wie in Oesterreich-Ungarn ein vollständig gleicher Tarif.

Während die im Jahre 1810 ein geführten Universitätsgertchte am 1. October 1879 aushören werden, soll dennoch die akademische Disciplin fort­geführt werden, weshalb die Neuordnung abgetrennt vom Unterrichtsgesetz er­folgen wird. Die Universitätsbehörden sind mit ihren Gutachten gehört worden und es wird sich zeigen, wie die Zeitforderungen berücksichtigt werden. Die Angelegenheit soll, wie es scheint, nicht auf dem Wege der Gesetzgebung erledigt werden, und doch scheint dieser erforderlich, weil Rechte von Staatsbürgern in Betracht kommen. Nach Einführung des Deutschen als Amtssprache der Be­hörden erfolgen endlich die Einladungen der Universitätslehrer zu ihren Vor­lesungen nicht mehr lateinisch, sondern deutsch, wogegen die Doctor-Promotioren noch lateinisch geschehen. Der Reichstag wird erst in 8 Tagen geschloffen, der preußische Landtag frühestens in der zweiten Woche des November eröffnet werden.