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Hso. 161. Erstes Blatt. Sonntag, den 14. Juli
1878.
Meßmer 'Anzeiger
Anzeige- und Amtsblatt sm den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
NedaetionSbureaur Gartenstraße 8. 165.
CxpeditionSbureaur Schulstraße v. 18.
Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 12 des Regulativs vom 26.l,Februar 1875 der Provinzialausschuß während der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.
Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sacken zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Lauf der gesetzlichen Fristen dadurch nicht unterbrochen.
Gießen, den 9. Juli 1878.
Der Provinzial - Ausschuß der Provinz Oberheffen. Dr. Boekmann, Provinzial-Director.
Bekanntmachung.
Die Organisation des Polizeiaufsschtsdienstes in der Provinzial-Hauptstadt Gießen.
Bei der am 1. October 1. I. zur Handhabung des Polizeiaufsichtsdienstes in der Stadt Gießen zu errichtenden Schutzmannschaft sind die Stelle eines Polizei-Wachtmeisters und eine Anzahl von Schutzmannsstellen zu besetzen.
Zur Aufnahme in die Schutzmannschaft werden nach §. 9 des Reglements vom 1 Juli 1878 unter Anderem in der Regel erfordert: a. ein Alter von mindestens 25 und höchstens 35 Jahren, b. körperliche Gewandtheit und völlige Gesundheit, c. guter Ruf und günstige Zeugnisse über seitherige Führung, d. Kenntniß im Lesen und Schreiben, 6. vorschriftsmäßig abgeleisteter Militärdienst.
Die Mitglieder der Schutzmannschaft haben an Gehalt zu beziehen:
1. der Polizei-Wachtmeistet 1400—1600 Mark,
2. für die Schutzmänner werden 3 Gehaltsklassen zu 1150, 1200 und 1250 Mark gebildet.
Als Beihülfe zur Beschaffung der Uniformsstücke erhält jedes Mitglied der Schutzmannschaft aus der Stadtkasse ein für allemal 150 Mark. „
Bewerber um die zu besetzenden Stellen haben sich unter Beifügung der erforderlichen Zeugnisse und einer Beschreibung des Lebenslaufes bis zum 1. August l. I. schriftlich bei der unterzeichneten Behörde zu melden und persönlich vorzustellen.
Gießen, den 12. Juli 1878. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
_______Fresenius__________________________________
~ Das Großherzogllche Steuer-Commiffariat Gießen
an die Großh. Msgerichtsvorsteher des Bezirks.
Wir müssen diejenigen von Ihnen, welche die Bau- und Culturveränderungs-Verzeichnisse noch nicht eingeliefert haben, an deren alsbaldige Einsendung hierdurch nochmals erinnern.
Gießen, 13. Juli 1878. Süffert.
Aokitisch
Zur Reichstagswahl.
So wirr und regellos sich der Wahlkampf auch gestaltet hat, nach und nach gewinnt die ruhige Ueberlegung doch die Oberhand und man fängt an, der Sache etwas tiefer auf den Grund zu sehen. Damit hat sich aber auch das Gesicht der ganzen Bewegung verändert. Die Socialdemokraten, welcke mit ihren Umsturzplänen zuerst der einzige Grund zur Reichstagsauflösung sein sollten, treten immer mehr in den Hintergrund und die conservativen Parteien rücken mit ihren wahren Absichten immer deutlicher und deutlicher hervor. Es ist ihnen nicht gelungen, das Geheimntß, daß sich der Kampf in zweiter Linie gegen die liberalen Parteien richtet, zu bewahren; ihre machtlüsterne Stimmung bricht den Conservativen aus allen Poren, ihre Candidaten schießen wie Grashalme aus dem Boden auf und alle werden sie als die einzig wahren Volksbeglücker hingestellt, die dem unter den Liberalen versumpften Deutschland eine neue herrliche, trockene Zukunft bereiten werden. Gewiße Wähler haben sich stets durch eine große Gläubigkeit ausgezeichnet, und so wird es auch den conservativen Versprechungen nicht an Seelen fehlen, welche von ihnen die Verwirklichung und das Heil des Volkes erhoffen. Wenn man aber alles Beiwerk, die Schale von dem Kern löst, so bedeutet ein conservativer Wahlsieg nichts weiter, als eine gefügige Mehrheit, welche der Regierung ihre von den Liberalen abgelehnten Steuervorlagen bewilligt. Daß man von diesen noch keine, auch nicht das Tabaksmonopol, aufgegeben hat, wird jetzt öffentlich bekannt. Man schreibt nämlich osfictös: „Liberale Blätter verwundern sich, daß das Tabaksmonopol im Regierungsprogramm noch immer als eine mögliche Besteuerungsmodalität erscheine, obgleich daffelbe vom Reichstage verurtheilt worden sei. Inzwischen ist aber doch der Reichtstag ausgelöst worden und es steht doch noch nicht fest, ob die Regierung nicht einen so veränderten Reichstag nach den Wahlen vorfindet, daß sie daraus rechnen darf, für ihr Programm Gehör zu finden." Klarer kann den Wählern die Sache nicht gemacht werden.
Welch' eine seltsame Verwirrung , innerlich gegensätzlicher Elemente es ist, was sich heute unter dem vieldeutigen Namen der Conservativen zusammenfindet, das zeigte sich recht eclatant in einer Versammlung conservativer Wähler Ber-
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lins und ihrer Candidatenliste. Auf dieser Liste erschienen feierlich neben einander Falk und Stöcker, also der Minister, der in seiner Person die freisinnige evangelische Ktrchengesetzgebung und den Kampf gegen den Ultramontanismus repräsentirt, neben einem der hervorragendsten und rührigsten Mitglieder jener Hofpredigerpartet, die nichts eifriger anstrebt, als das Werk dieses Ministers und ihn selbst zu Fall zu bringen und dieser Aufgabe leider bereits mit ziemlichem Erfolg obgelegen hat. Also zwei principielle Todfeinde, deren Grundsätze und Bestrebungen ebenso unvereinbar sind, wie Himmel und Hölle, finden friedlich in dem Rahmen einer conservativen Wahlliste Raum. Und conservattve Männer erheben einen Agitator auf den Schild, von dem alle ruhigen und besonnenen Urtheiler bis tief tn's fretconservative Lager hinein bezeugen, daß seine Wirksamkeit an Schädlichkeit sich mit der soctaldemokratischen wohl meßen kann, der die Begriffsverwirrung im arbeitenden Volk vollends auf den Gipfel geführt hat, der in der Grundfrage der ganzen socialen Bewegung, der des Eigenthums, Anschauungen verkündet hat, die durchaus in socialistischem Boden wurzeln, und seine conservative Qualification lediglich durch maßloses Schmähen auf den Liberalismus bewährt l Da spricht man von dem Kampf aller staatserhaltenden Elemente gegen den Socialismus und erhebt deßen leibhaftigen Bruder „christlich- socialer" Farbe auf den Schild.
Feutschkand.
Culmbach, 10. Juli. Im heutigen „Culmb. Tagblatt" werden in einem längeren Artikel die Erwägungen dargelegt, von denen das hiesige Wahl- Comit6 ausging, als es den Beschluß faßte, sich gegen Hohenlohe und für Herz zu entscheiden. Es heißt darin: „In einer Zeit, in welcher ein fo rückschrittlicher Wind weht, in einer Zeit, in welcher zum Beweis deffen der leitende Staatsmann an vier oder fünf Orten seine Söhne als deutsch-con- servattve Retchstags-Candidaten aufstellen läßt, in einer Zeit, in der die dem Reichskanzler nahe stehenden Blätter so hochverdiente Männer, wie Lasker, Stauffenberg, Bennigsen, Richter, in verleumderischer Weise bekämpfen und mit Iden Soctaltsten auf eine Stufe stellen, in einer Zeit, in welche» di« nichtswür-


