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Mo. 61. Mittwoch den 13. März 1878.

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Anzeige- Mb Amtsblatt für ben Kreis Gießen.

- -----------T-, p ---------EE Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

RedactionSvnreaur Gartenfiraße B 165. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. , bie $oa bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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politischer Höeil.

kommen, die in demselben verdammteVersöhnung" mit dem Liberalismus und der mpdernen Civilisation in's Werk zu setzen; er wird der alten klugen Ge­wohnheit der Curie getreu nur so lange den Gemäßigten spielen, als die Zeit­umstände es gebieten; im geeignet scheinenden Augenblick wird er aber ebenso gut wie sein großer Vorgänger demmodernen Attila" entgegentreten. Mitt- lerweilc bleiben natürlich die preußischen Ktrchengesetze für ihn und seine An­hängernull und nichtig."

Aur Charakteristik Leo s XIII.

Noch immer wissen die Tageblätter allerhand Schönes über dieMäßi­gung" undVersöhnlichkeit" des neuen Papstes zu berichten: nicht itur mit Italien soll er auf einen guten Fuß zu kommen suchen, auch Deutschland gegen­über soll er eine entgegenkommende Politik einzuschlagen geneigt sein; ja es fehlt nicht viel, daß man es so darstellt, als stehe er im Begriffe, den Sylla- buS und das Dogma von der Unfehlbarkeit zu widerrufen!

Wer es iudeß weiß, daß das in der Lehre von der persönlichen Unfehl­barkeit des Papstes und seiner obersten Jurisdiction gipfelnde System ein Bau ist, aus dem kein einziger Stein herausgenommen werden kann, ohne daß das Ganze zusammenstürzt, wer es weiß, daß der Anspruch auf die Oberherrschaft des Papstes über alle Kaiser und Könige auf Erden ebenso nothwendig zu den Glaubensgrundsätzen der römischen Kirche gehört, wie z. B. die Lehre von dem durch die Kirche verwalteten Schatz der überflüssigen guten Werke, der kann zu solchen Nachrichten nur lächeln.Kann auch ein Mohr seine Haut wechseln oder ein Pardel seine Flecken?" Wohl geben wir die Möglichkeit zu, daß der aegknwärtige Papst, wie es seine Vorgänger unzählige Mal gethan haben,aus Rücksicht auf Zeit und Umstände" sich herbeilasse, dies oder jenes von seinen An­sprüchen nachzuloffen; möglich auch, daß er Deutschland und Italien gegenüber in Zukunst mildere Saiten auszieht, aber die Glaubensfundamente und bie auf sie gegründeten Weltherrschafts-Ansprüche der römischen Kirche kann der neue Papst ebensowenig wie irgend einer seiner Vorgänger oder Nachfolger auf­geben : mit ihnen muß das Papstthum stehen Und fallen!

Leo XIII. hat auch schon amtliche Kundgebungen erlaffen, aus denen sich deutlich genug ergibt, daß er nicht jm Mindesten daran denkt, die bisher von der päpstlichen Curie befolgten Bahnen zu verlassen. Eine der merkwürdigsten ist die Antwort, die er aus die Huldigungsadreffe derkatholischen Universitäten Frankreichs" ertheilt hat. Durch diesen Erlaß weht trotz aller Vorsicht im Ausdruck ein Geist, der den Hetzereien, mit denen sein fanatischer Vorgänger den ältesten Sohn der Kirche gegen Deutschland ausreizte, in Nichts nachsteht.

Diekatholischen" oberfreien" Universitäten waren bekanntlich in den letzten Regierungsjahren Pius' IX. unter deffen besonderer Protection in Frank­reich zu dem Zwtck gegründet worden, um die gejammten Wiffenschaften, von der Jurisprudenz bis zur Medicin, mit einem ächtkatholischen", d. h. der modernen Weltanschauung feindlichen Geist zu Durchdringen und die französische Jugend zu einem gefügigen Werkzeuge der päpstlichen Curie zu erziehen: sie sollten sein und sind faktisch heute das kräftigste Mittel zur Vorbereitung einer Revanche gegen das verhaßte ketzerische Deutschland.

Diese Brutstätten des krassesten Ultramontanismus nennt nun Leo XH1. den Trost und die Hoffnung der Kirche. Durch ihre Gründung sei Frankreich ungeachtet seiner Unglückssälle seiner selbst würdig geblieben und beweise, daß es seinem Berufe nicht untreu geworden. Niemand habe mehr Grund, mit den Schmerzen Frankreichs Mitleid zu haben, alsder Stellvertreter Jesu Christi auf Erden", da der heil. Stuhl in ihm immer seine festeste Stutze finde. Heute habe Frankreich einen Theil seiner Macht verloren: geschwächt durch die tiefe Spaltung der Parteien, befinde es sich außer Stande, seinen edlen Trie­ben (!) einen freien Aufschwung zu geben. Aber was habe es nicht doch trotz seiner Unglücksfälle in der letzten Zeit für den heil. Stuhl Alles gethan! Dte zum größten Theil aus Franzosen bestehende Armee des Papstes sei von seinen berühmtesten Familien geliefert worden, seine Gaben bildeten den beträchtlichsten Theil des Peterspfennigs.So viel Edelmuth kann nicht unbelohnt bleiben! Gott wird eine Nation segnen, die so edler Opfer fähig ist, und die Geschichte wird noch schöne Seiten über die Gesta Dei per Francos zu schreiben haben." Undein Unterpfand dieser glücklichen Zukunft" erblickt Leo gerade in den katholischen Universitäten: die dort herangebildeten Geschlechter würden fähig sein, ihren Glauben zu vertheidigen und zu ehren.

Wenn noch ein Zweifel darüber bestehen könnte, welche Ausgabe derUn­fehlbare" den Universitäten Frankreichs in dieser Pflicht derVertheidigung des Glaubens" zuweift, zu deren Erfüllung er ihnen den apostolischen Segen verleiht, so würde derselbe durch die schließliche Hinweisung auf die Muster- Universität Löwen gehoben, jene fanatischste aller ultramontanen Lehranstalten, aus welcher der berüchtigte Professor Perm seinkatholisches" Staatsrecht der vollen Consequenz der Lehre von der päpstlichen Weltherrschaft entsprechend vorträgt. Die zukünftigen Gesta Dei per Francos, auf die der Papst hofft und mit deren Vorgefühl er sich und Frankreich tröstet, sind nichts anders als die unter dem Segen desStellvertreters Gottes auf Erden" zu unterneh­menden Kreuzzüge deskatholischen" Frankreich gegen das gottlose Italien und das ketzerische Deutschland 1

Nach derartigen Aeußerungeu Leo's XIII. kann man über deffen Absich ten und Pläne Deutschland und Italien gegenüber füglich nicht mehr streiten. Mag er immerhin in der Person des Cardinals Franchi einen als gemäßigt geltenden und von derGermania" als dervollendetste Diplomat" geschil­derten Mann zu seinem Staatssekretär ernannt haben, um den Schein der Un­versöhnlichkeit zu vermeiden ihm, der sich noch in seinem letzten Hirtenbrief ausdrücklich auf den Syllabus berufen hat, wird es nimmermehr in den Sinn

Deutschland.

Darmstadt, 9. März. DieDarmst. Ztg." schreibt: Die Nr. 8 derVeröffentlichungen des kaiserlich deutschen Gesundheitsamts" am 25. gehr, d. I. enthält über bie Jmpfergebnisse des Jahres 1876 im ganzen Reichsge- biete eine tabellarische Zusammenstellung, in welcher allein die im Großherzog- thum Heften erzielten Resultate mit der BemerkungAngaben fehlen" feine Ausnahme gefunden haben. In der That sind aber diese Angaben seiner Zeit der zuständigen Reichsbehörde mit dem Anfügen mitgetheilt worden, daß für eine Gemeinde des Landes die Resultate der Erst-Jmpfung, für zwei Ge­meinden die ter Wieder-Impfung wegen noch obschwebender Anstände in die Ueberstcht noch nicht hätten aufgenommen werden können. Wer mit der Natur solcher statistischen Arbeiten vertraut ist, wird sich nicht wundern, wenn bei drei von den im Großherzogthum jährlich geführten etwa zweitausend Jmpflisten erhebliche Anstände bezüglich der weiteren Vermehrung obwalten und geneigt fein, anzunehmen, daß solche Anstände auch anderwärts, in vielleicht größerer Anzahl vorgekommen, aber bei der Zusammenstellung nicht weiter be­rücksichtigt worden sind. Einen irgendwie erheblichen Einfluß auf das Gesammt- Resultat hat die Weglaffung der Ergebnifle für einen Bruchtheil der Bevölkerung, welcher sich in dem einen Falle auf J/3 pCt. der letzteren, im anderen auf noch wenige beläuft, selbstverständlich nicht. Die Gesammt-Resultate der Impfung im Großherzogthum Heften für 1876 sind nicht allein durchgängig gut, sondern bezüglich der Erst impfung (die der ein Jahr alten Kinder) mit 95,3 pCt. sogar die besten unter allen Bundesstaaten.

Hesteneich.

Wien, 9. März. Das politische Expose des Grasen Andraffy verweist aus die eingebrachte Vorlage bezüglich des außerordentlichen Credits und fährt odann fort: Die Beurteilung der politischen Situation sei heute durch zwei Ereignisse beherrscht, durch die Friedenspräliminarien und die Aussicht auf den Congreß, der berufen sei, die Resultate des Krieges endgültig zu regeln. Der Minister will nicht in eine detaillirte Analyse der noch nicht authentisch bekann­ten Friedenspräliminarien eingehen, was auch vor dem Zusammentritt des Congreftes unzeitgemäß wäre, schon um den Zusammentritt des Congresses nicht zu erschweren. Es sei ganz natürlich, daß bei den Abmachungen während eines Feldzuges die politischen Interessen von den militärischen in den Hinter­grund gedrängt würden, wobei die europäischen Jntereffen und diejenigen der einzelnen Staaten unmöglich gewahrt hervorgehen könnten. Dies sei um so mehr der Fall, wenn die Abmachungen nicht als definitiv gelten. Der Mim ster verweist daraus, wie die öffentliche Meinung sich von einem Extrem in's andere bewegt habe. Die Gesammt-Situation dürste sich auf dem Congresse in weniger beunruhigenderem Lichte zeigeck. Rußland habe wiederholt erklärt, daß es das Schwert nicht zu selbstsüchtigen Zwecken, sondern zur Verbefferung des Looses der Christen des Orients ziehen. Wir müssen eine solche Begren­zung der Kriegsresultate verlangen, daß dadurch weder unsere, noch europäische Jntereffen geschädigt werden, daß das Resultat der Friede, eine möglichst befrie­digende Lösung, nicht aber die Verschiebung der Machtverhältniffe sei. Die faktischen Ergebnisse der Kriegführung mit diesem Standpunkte in Einklang zu bringen, ist die Aufgabe des Congresses, dies ist ebenso ein russisches wie ein europäisches Interesse. f f

Rußland unternahm eine schwierige Aufgabe. Wenn die Vereinbarungen im russischen Hauptquartier in der beabsichtigten Form für die eine Hälfte der Türkei in's Leben träten, tauchten die Fragen auf: Wie sieht die andere Hälfte der Türkei aus? auf welches Maß kann die Türkei rebucirt werden, um auf einen weiteren Bestand Aussicht zu bieten? wie wird das beffere Loos eines Theils der Christen des Orients auch für den anderen Theil gesichert? worin bestehen die Garantien für die Durchführung der Reformen in dem an­deren Theile? Solche riesige Schwierigkeiten könne nur Europa einvernehmlich durchführen. Daß eine einzelne Macht ohne Unterstützung anderer oder gegen deren Willen diese Aufgabe löse, erscheint völlig ausgeschloffen. Der Staat, welcher diese Fragen nach eigenem Gutdünken regeln wollte, müßte gegenüber dem übrigen Europa auf eine Coalition rechnen können, welche aber nicht exi- stirt. Es ist nicht ein specielles Interesse Rußlands, Opfer für Dinge gebracht zu haben, die nicht die Garantie der Stabilität in sich tragen und denen Europa die Anerkennung versagen müßte. Es ist demnach die Hoffnung berechtigt, daß die Berathungen der Mächte zu einem Einverständnisse führen werden. Mit der Aufgabe für die Aufrechterhaltung des Friedens und für die österreichisch- ungarischen und europäischen Jntereffen aufs Entschiedenste einzutreten, geht die