Berlin, 10. Juli. Bezüglich der heute 2 Mr beginnenden Kongreß sitzung verlautet Wetter, daß die Commission ihre Beschlüsse in den die Grenze bei Datum betr. Fragen dem Congresie vorlegen wird, womit diese Angelegen beit definitiv erledigt sein wird, da der Congreß beschlosien hat, die Commission in dieser Frage per majora für den Congreß bindende Beschlüsse fassen zu lassen uno diese Beschlüsse im Plenum nur einfach zu ratificiren. Wie verlautet, hat man eine zwischen den englischen und russischen Ansprüchen vermittelnde Grenzbestimmung getroffen; die Lazen bleiben bei Rußland. Die Frage der Entfestigung von Batum anlangend, glaubt man, daß dieselbe für Rußland eine sehr rücksichtsvolle Erledigung finden werde.
— Die „Prov.-Corresp." schreibt: Die Frtedensverhandlungen des Berliner Congreffes stehen unmittelbar vor ihrem glücklichen Abschlüsse. Alle wichtigen Fragen, die sich an den Vertrag von San Stefano knüpfen, haben unter dem fortdauernd friedlichen Gesammtwillen der aus dem Congreffe vereinigten europäischen Mächte und durch allseitig vertrauensvolles Zusammenwirken ihrer Bevollmächtigten ausgleichende Lösung gefunden. Auch die auf die Grenzregu- lirungen bezüglichen Commissionsarbeiten sind bereits zu einem befriedigenden Ergebnisse gelangt und der Congreß selbst wird sich in den nächsten Tagen der schließlichen Feststellung und Genehmigung der getroffenen Vereinbarungen widmen können. Die in den letzten Tagen bekannt gewordene Thatsache, daß England ein besonderes Abkommen mit der Türkei wegen Abtretung Cyperns zu englischer Occupation und behufs Schutzes der Türkei in ihrem asiatischen Besitze getroffen hat, wird den Abschluß der Congreßverhandlungen nicht stören pder aufhalten, da dieselbe den Vertrag von San Stefano, welcher der Beschluß nahme des Congreffes unterliegt, nicht berührt. Sonnabend wird der Friede zu Berlin unterzeichnet werden, in welchem Europa den Abschluß der jüngsten Kriegs-Aera und der seither noch drohenden Kriegsgefahr und damit, so Gott will, den Ausgangspunkt einer neuen Zelt friedlicher Entwickelung und friedlichen Anfsckwnngs freudig begrüßen wird.
Malta, 9. Juli. Die Regimenter 42, 71 und 101 (englische, keine indische) erhielten Befehl, sich zur sofortigen Einschiffung nach Cypern vorzubereiten.
Berlin, 10. Juli. Proceß Hödel. Die Verhandlungen begannen um 9 Uhr. Nach Verlesung der Anklageschrift erklärte sich der Angeklagte, der durchweg eine äußerst freche Haltung beobachtete, auf die Frage des Präsidenten für nichtschulbig; derselbe sagte ferner aus, er habe einen Selbstmordversuch machen wollen. — Das Kammergerichts-Gebäude war schon am frühen Morgen von dichten Menschenmengen umlagert. Gegen 63/4 Uhr traf unter der Escorte reitender Schutzmänner der sog. grüne Wagen mit Hödel ein, welcher, an Händen und Füßen gefeffelt, unter den Verwünschungen der an den Wagen sich herandrängenden Menge nach dem Innern des Gebäudes geschafft wurde.
Berlin, 10. Juli. Proceß Hödel. Im weiteren Verlause des Verhörs bestreitet Hödel, die in der Anklageschrift ihm zur Last gelegten auf das Attentat bezüglichen Aeußerungen gemacht zu haben. — In dem Zeugenverhör bekunden die Zeugen fast übereinstimmend, daß Hödel auf den Kaiser gezielt und geschossen habe. Ebenso bestätigen die Zeugen, insbesondere Petsch, Krüger und Photograph Dietrich, Wort für Wort ihre in der Anklage erwähnten Aussagen über die aus das Attentat bezüglichen Aeußerungen Hödel's. — Nach Schluß des Zeugenverhörs plädirt Oberstaatsanwalt v. Luck für Schuldig und beantragt die Todesstrafe. Der Official-Verthetdiger erklärt, er vermöge den Aussührungen des Staatsanwalts, die sich auf Thatsachen stützen, nicht entgegenzutreten. Der Angeklagte sei das Opfer socialdemokratischer Lehrer. — Hödel erklärt, er danke für jede Vertheibtgung. — Der Gerichtshof spricht nach kurzer Berathung die Todesstrafe aus. Hödel hörte das Urtheil mit frecher Gleichgiltigkeit an.
Berlin, 10. Juli. Die „Provinz.-Corresp." bringt einen längeren, „Praktische und idealistssche Politik" betitelten Artikel, worin sie die Reichstagsverhandlungen von 1876 über die Strasgesetznovelle recapitulirend, nachweist, daß es der Regierung schon bei Vorlegung der Strafgesetz Novelle voller Ernst war, mit der Nothwendigkeit der Bekämpfung der Socialdemokratie, daß sie aber mit ihren Absichten nicht durchdringen konnte, weil die nationalltberale Parte: Schulter an Schulter mit der Fortschrittspartei diesen Absichten grundsätzlich entgegentrat. Durch den ganzen Widerstreit der Auffassungen zwischen der Regierung und dem Führer der Nationalen (Lasker) gehe ein greifbarer Gegensatz zwischen der practischen Politik und den idealistisch-doctrinären Partetauffassungen hindurch. Nach den von dem deutschen Volke inzwischen gemachten schweren thatsächlichen Erfahrungen werde man es in allen staatserhaltenen Kreisen vollauf gerechtfertigt finden, wenn die Regierung ihre durch das dringende Staatsinteresse gebotene Politik nicht ferner durch den Einfiuß solcher idealistischen Verirrungen gelähmt und vereitelt wissen wollte, und wenn die Wünsche und Bestrebungen der Regierung dahin gingen, die wirklich staatserhaltenden Kräfte innerhalb des sreistnnigen deutschen Bürgerthums befreit zu sehen von einer Leitung, welche in den wichtigsten Fragen der Erhaltung und des Schutzes für Staat und Geselljchast sich mit grundsätzlichen Gegnern der Regierung vereinigt, um die Absichten der Regierung ohne jeden Versuch der Verständigung kurzweg zu vereiteln.
Der Artikel schließt: Es ist und bleibt eine offenbare Unwahrheit, daß man die Socialdemokratie entschieden bekämpfen und doch die Fortschrittspartei unterstützen könne, denn diese ist nach wie vor entschlossen, der Regierung das einzig wirksame Mittel gegen das Umsichgreifen der Socialdemokratie zu versagen. Die Wähler, welche die Regierung unterstützen wollen, werden von den Candidaten entschiedene Bürgschaften dafür zu verlangen haben.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Besitzergreifung Cyperns durch England werde überall mit Recht als ein Schritt der englischen Politik angesehen, sich Einfluß und Stellung in denjenigen Theilen des Orients zu wahren, welche sie für die Macht- und Jntereffen-Sphäre Großbritanniens in Anspruch nehme Dieser Schritt könne vom Standpunkte der allgemeinen Civi- lisation und des Culturfortschrittes in Kleinasien nur zustimmend begrüßt werden. Die „Nordd." glaubt nicht zu irren in der Annahme, daß die deutsche Regierung von der Abmachung vorgängig benachrichtigt war, ohne daß dabei von ihr ein Meinungsaustausch erfordert wurde.
— Abends. Aus den Congreßvorlagen bietet Nichts mehr Anlaß zu principiellen Debatten. Von den nach Schluß des Congresses zu bildenden Local-Commissionen zur Ausführung der Congreßbeschlüffe dürfte die griechischtürkische Commission in Thessalien alsbald in Thätigkeit treten. — Graf Schu- waloff begibt sich im Laufe des Monats zur Cur nach Karlsbad.
— Nachts. Nachdem in heutiger Congreßsitzung die Commissionsbeschlüsse
bezüglich der Grenzen bei Batum ratificlrt morde -i und verschiedene andere Detailfragen erledigt waren, war die materielle Arbeit des Congreffes bändigt. Es erfolgte darauf die Vorlegung des Textes des Vertrages, von welchem ein großer Theil verlesen und erledigt wurde. Morgen wird damit fortgefahren werden.
Petersburg, 10. Juli. Das „Journal de St. Petersbourg" sagt bei Besprechung der englisch-türkischen Convention, betr. die Occupation von Cypern: Es sei zu hoffen, dieselbe werde das Fciedenswerk nicht durchkreuzen. Beaconsfield habe diese Requisition nur gemacht, um nicht mit leeren Händen vom Congreß zurückzukehren.
Paris, 10. Juli. Anläßlich verschiedener Kritiken gegen England erinnert das „Journal des D6bats" daran, daß das Circular Salisburys nicht blos eine Proclamirung von Prtncipien, sondern auch ein Appell an Europa gewesen sei. Da dieser Appell nicht gehört worden und England auf Niemand rechnen konnte, um die Russen in Asien aufzuhalten, so hatte es das Recht, allein zu handeln. Das genannte Organ wünschte, daß Oesterreich in Europa dieselbe Rolle spielen möchte, wie England in Asten, indem es mit der Pforte eine gleichartige Convention abschließe.
Wien, 10. Juli. Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel vom Heutigen: Zwischen der Pforte und General Totleben fi '.den Verhandlungen wegen Abzuges der russischen Trupp 'n aus San Stefano statt. Die Russen wollen San Stefano nicht verlassen, bis die Schumla dominirenden Höhen und Varna an die Russen ausgeliefert sind. Eine türkisch-russische Commission soll die Räumungsmodalitäten der türkischen Festungen Bulgariens festsetzen. Die Verhandlungen über die Occupation Bosniens sind noch nicht zu endgültiger Vereinbarung gelangt. Die Lage der Flüchtlinge im Rhodopegeblrge ist nach Schilderung der englischen Consular-Functionäre herzzerreissend. Der „Polit. Corresp." wird aus Athen von heute gemeldet: Auf Kreta ruht der Kampf seit mehreren Tagen. Die an der dortigen Küste kreuzenden englischen Kriegschiffe sind nach Cypern abgegangen. Trotz der Bemühungen des englischen Konsuls Sandwich verweigern die Kretenser die Niederlegung der Waffen und reharren nach wie vor auf Vereinigung mit Griechenland.
Berlin, 7. Juli. Die ersten verantwortlichen Vernehmungen des Meuchelmörders Dr. Karl Nobiling haben am Mittwoch, Donnerstafl und Freitag in der von ihm bewohnten Gefängnißzelle der Stadtvoigtei durch den Untersuchungsrichter Herrn Stadt- qerichtsrath Johl in Gegenwart des Herrn Stadtgerichts-Präsidenten Krüger und des Herrn Staatsanwalts Tessendorff stattgefunden. Bevor zu denselben geschritten wurde, hatten die Aerzte, der Geheime Rath Professor Dr. Liman, der Medizinalrath Dr. Wolff und der Santtätsrath Dr. Lewin den Zustand ihres Patienten sorgfältig untersucht und waren dieselben dahin übereingekommm, daß kurze, die Dauer von täglich zwei Stunden nicht überschreitende Vernehmungen innerhalb von vier Tagen zulässig seien. Nobiling gab über seine Person und seine Famtlien-Verbältntsse die weitgehendste Auskunft; er nannte alle seine Familien-Mttglieder und erklärte sich nach eindringlichen Vorstellungen bereit, die volle Wahrheit zu sagen, um sich dereinst der Milde s-tner Richter zu empfehlen. Am Tage des Attentates hatte er bekanntlich bei seiner Vernehmung auSgesagt, daß er seiner Partei angehörige Mitschuldige besitze und sie zu schonen auch keine Veranlassung habe, dennoch aber wolle er sie nicht nennen. Auf dieses Geständntß hin war der ganze Apparat unserer Kriminal-Polizei in Thätigkeit gesetzt worden, um die Mitschuldigen zu ermitteln. Dies ist jedoch bisher ohne wesentliche Resultate geblieben. Einzelne der Verhafteten sollen zwar im Verdacht stehen, von der meuchelmörderischen Absicht des Dr. Nobiling vorher Kenntniß gehabt zu haben, aber sie mußten wegen Mangels an hinreichenden Beweisen ihrer Haft wieder entlassen werden. Die noch nicht bekannten Mitschuldigen zu ermitteln, darin lag der Schwerpunkt der ersten Vernehmungen. Mit Bezug auf die dahin gehenden Fragen erklärte nunmehr Nobiling: Ich habe die That allerdings allein ausgeführt und mir zu dem Behuf die Waffen selbst in Stand gesetzt. Von Anfang an war es meine Absicht, die That allein auszuführen und sodann meinem Leben selbst durch einen Schuß in den Kopf ein Ende zu machen. Bevor ich jedoch mein Vorhaben ausführte, habe ich mehreren Personen von demselben Kenntniß gegeben und bei diesen keinen Widerspruch gefunden; mithin könnte ich wohl annehmen, daß dieselben mein Vorhaben gebilligt haben. Ich kann und werde indessen ihre Namen nickt nennen." Dies ist das Gesammtresultat der Nobilingschen Aussage aus den bezeichneten drei Vernehmungen, von denen jede etwa 1V2 Stunde gedauert haben mag. Nach dem letzten Vernehmungstage hielten die Aerzte abermals unter einander Berathungen; in diesen gelangten sie zu dem Resultat, daß eine weitere Vernehmung des Dr. Nobiling nicht mehr angänglich sei, da sein Zustand sich in Folge der stattgehabten Anstrengung merklich verschlimmert habe. Die Nachricht einiger Berliner Zeitungen, daß an dem Bette Nobilings eine Vorrichtung angebracht sei, die seine Hände der Art fessele, daß er mit denselben seinen Kopf^nicht erreichen könne, beruht auf einer Erfindung. Mit Bezugnahme darauf ist der excibt- gerichtsrath Johl der Meinung, daß, sobald der Zustand Nobilings eine Fesselung im Bette, sei sie auch nur ganz leichter Art, gestatte, derselbe auch vernehmungsfähig sein würde. Leider dürfe man aber ohne die orößte Schonung Nobilings trotz seines anscheinend guten Befindens die Gefahr für sein Leben keineswegs als beseitigt ansehen. Was die am Freitag geschehene Vernehmung des Chefredakteurs der Germania Dr. Majurcke betrifft, so handelte es sich bei derselben nicht etwa darum, zu ermitteln, ob Nobiling vielleicht der ultramontanen Partei angehört habe, sondern, nach der Auffindung einiger Nummern der Germania in seiner Wohnung festzuftellen, ob er auch früher für dieses Blatt gearbeitet habe, da er sich ja erwiesenermaßen schriftstellerisch beschäftigt hatte.
Lokal-Notiz.
Gießen, 11. Juli. Wie unseren Lesern durch ein Inserat in Nr. 157 bekannt, wird nächste» Samstag der Oberhessische Verein für Localgeschtchte einen Ausflug nach der Capersburg veranstalten und dürfte cs auch für den weiteren Leserkreis interessant sein, einige Notizen über dies römische Bauwerk zu lesen. Die Capersburg ist ein römisches Castell von ca. 6 Morgen Flächengehalt, dessen Ringmauern etwa 4 Fuß über die Erdoberfläche herausstehen. Trotz deS colossalen Umfanges und ihrer strategisch wichtigen Lage in Mitten des Taunus ist die Capersburg einer gründlichen Untersuchung noch nicht unterzogen worden. Ein Hauptgrund war der, daß sie dicht mit hohem Gebüsch überwachsen war. Der größere Theil ist jetzt abgeholzt und da die Ortsbehörde von Ober-Roßbach, welcher der Wald gehört, in lobenswerther Bereitwilligkeit dem Ausschuß des historischen Vereins Nachgrabungen gestattet hat, so wird auf dem abgeholzten Theil an zwei Stellen (am linken Thor und am Praetorianum) gegraben werden und zwar wird unter Leitung eines Theils des Ausschusses bereits Morgens damit begonnen werden. Die Capersburg liegt etwa eine Stunde von Oder- Roßbach, von wo aus ein herrlicher Waldweg in allmählicher Steigung auf das etwa 1000 Fuß hohe Plateau führt. Oben genießt man die prächtigste Aussicht in den Taunus, insbesondere auf den noch IVz Stunde entfernten Feldberg und Altkönig, sowie das noch eine Stunde weite Wehrheim. Um auch den leiblichen Bedürfnissen bei dem Ausflug Rechnung zu tragen, wird im Walde und in Ober-Roßbach aus Ansuchen des Vereins-Ausschusses ein bewährter Wirth von letzterem Orte für einen guten Imbiß und Getränke sorgen, und hat sich derselbe auch bereit erklärt die Gesellschaft auf Verlangen Abends von Ober-Roßbach per Leiterwagen nach dem noch ^4 Stunden entfernten Friedberg zu befördern. Hoffentlich wird es gelingen, daß durch diese Ausgrabungen das Museum des Vereins in den Besitz von werthvollen Fundstücken gelangt. Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch bemerken, daß Herr Rstchs-Oberhandelsgerichtsrath Buff dem Verein eine reichhaltige Bibliothek zum Geschenk gemacht hat. Möge der gütige Geber viele Nachahmer finden, damit unsere Stadt einen weiteren Anziehungspunkt mehr besitze.
Gießen, H. Juli. Der Schwurgerichtshof erkannte in nachbemerkten Anklage- fachen: r
Am 10. Juli gegen Marie Heppert, geborne Braun, von Gießen, wegen angeklagter Brandstiftung auf Grund des Ausspruchs der Geschwornen, auf Freisprechung.


