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Wo. IO® Samstag, den 12. Januar 1878.

Kießener MitzeiW

AiMk- Ab Amtsblatt für iti Kreis Gießen.

Redaetion-brrreaur Gartenfiraße B. 165.

Sxpeditionsbitreairr Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Gdietalladung.

Nachdem wider den Gardisten Leonhard £ ob er aus Gießen, Kreis Gießen, gebünig, der Desertionsproceß eröffnet ist, wird derselbe hiermit aufgefordert, zu seinem Truppentheil zurückzukehren, spätestens aber in dem auf

Mittwoch den 15. Mai d. I., Vormittags 9 Uhr, vor dem unterzeichneten Gericht anberaumten Termin sich zu gestellen, widrigenfalls die wider ihn eingeleitete Untersuchung geschlossen, er in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldbuße von 150 bis 3000 Mark verurtheilt werden würde.

Darmstadt, den 7. Januar 1878.

Großherzogliches Gericht der Großherzoglich Hessischen (25.) Division.

R-lilisch t Zur Armenpflege.

II. Wie soll man die Armen unterstützen?

Das ist im Allgemeinen, und oft noch mehr im besonderen Falle eine recht schwierige Frage. Wenn es der erste Grundsatz einer richtigen Armen- pflege ist, daß die Woltaten persönlich geübt werden müßen, so ergiebt sich daraus von selbst, daß die blose Mitteilung von Geld das Allerschlechteste ist. Denn Geld ist ja das unpersönlichste von Allem. Tie blosen Geldgaben kom­men meist nicht von Herzen und gehen darum auch nicht zum Herzen, vermögen dem Armen keinen Trost und keine Ermutigung zu bieten. Geld kann man geben, one sich im geringsten um die besonderen Umstande und Nöte des Em­pfängers zu bekümmern, oder auch nur das geringste Interesse dafür zu haben. Es ist darum freilich auch die bequemste Art, sich der Pflicht der Woltätigkett zu entledigen; sie bietet dafür aber auch keine innere Befriedigung. Anders verhält es sich schon, wenn man Kleidungsstücke, wenn man Narung und Na- rungsmittel verabreicht. Tas setzt voraus, daß man auf die besonderen Be- dürfl.isse eingeht, es zeigt, daß man sich bemüht, wirklich zweckentsprechend zu Helsen, und bekundet somit ein wirkliches Herzensinteresse, das dem Notleiden­den woltut und sie ermutigt, selbst ihre Kräfte anzustrengen, weil sie sehen, daß sie doch nicht verlassen sind. Von nachdrücklicher Wirkung kann solche Unterstützung aber nur dann sei», wenn sie fortgesetzt geübt wird, so lange bis die Not wirklich gehoben ist. Daraus ergiebt sich dann freilich die Not­wendigkeit, seine Woltätigkeitsübung einzuschränken. Solche nachdrückliche Hilfe kann man naturgemäß nur wenigen gewären. Und so sollte es sein. Jede Familie, die nur irgendwie dazu im Stande ist, und dazu bedarf es gar keiner großen Geldmittel, sollte es sich zur Aufgabe machen, sich einer oder zweier Familien mit ganzer Kraft anzunehmen, ihnen mit Rat und Tat beizustehen. Es würde dadurch nicht nur die vollkommenste Bekanntschaft mit den Verhältnissen ermöglicht und dadurch mancherlei Misgriffen, die sonst auch bei dem besten Willen unausbleiblich sind, vorgebeugt, sondern es wird sich auch ein Vertrauensverhältnis bilden, das den wirksamsten moralischen Einfluß aus die ganze Familie, aus die Fürung des Hauswesens, die Erziehung der Kinder, die nur gar zu oft im Argen liegt, gestattet. Das setzt natürlich eine persönliche Beschäftigung mit den Armen und ihren Familien voraus, und dazu wiederum gehört viel Geduld und Weisheit. Wo aber diese Voraussetzungen nicht fehlen, da wird auch one großen Aufwand von Geld, wozu ja nicht viele im Stande sind, viel ausgerichtet werden. Da wird man mit derselben Summe, die man sonst planlos verzettelt hat, viel Gutes stiften können.

Zu den Unterstützungen, welche das moralische Selbstgesül der Bedürfti­gen am meisten zu heben und zu kräftigen im Stande sind, und wodurch den Armen, namentlich den Besseren unter ihnen, das ost so drückende Gefül, un- trrstützt zu werden, erspart wird, gehört die Unterstützung durch Arbeit. Mangel an ausreichender, tonender, auch für Kraft und Gaben paßender Arbeit ist ja, namentlich in unserer schweren Zeit, so ost die Quelle der Not. Darauf sollte man das Hauptaugenmerk richten, den Bedrängten Arbeit zuzuwenden. Ist das auf der einen Seite die billigste Unterstützung, so erfordert doch grade sie wiederum die meiste Geduld und Nachsicht. Man darf sich nicht so leicht irre machen laßen, wenn die Arbeit nicht ganz nach Wunsch ausfällt, und darf namentlich nicht im Gefül, daß man eigentlich einen Anspruch auf Dankbarkeit habe, allzu hohe Anforderungen stellen.

Da die Beschäftigung der Armen mit Arbeit für den Einzlen oft große Schwierigkeiten bietet, so hat der hiesigeFrauenverein" geglaubt, auch diese Sache in seinen Bereich ziehen zu sollen, und hat begonnen, die bei ihm Hilfe Suchenden je nach ihren Gaben und Fähigkeiten zu beschäftigen. Zunächst lilß er es sich angelegen sein, Arbeit zu vermitteln und nachzuwetsen. Da aber die Zal der Aufträge zu verschiedenen Zeiten sehr schwankend, das Arbeitsbe- dürsnis aber ein meist durch längere Zeit hindurch gleichbleibendes ist, so mußte der Verein, wollte er seine Pfleglinge nicht zeitweilig arbeitslos laßen, sich ent­schließen, auch one Bestellung auf Vorrat arbeiten zu lasten, und, um einen Absatz für diese Arbeiten zu finden, eine Verkaufsstelle für dieselben zu errichten. Unbegreiflicherweise hat dies Unternehmen bei manchen Geschäfttreibenden, die nur an die ihnen daraus erwachsende im Grunde gar unbedeutende

er HHeit.

Concurrenz und nicht an die so vielen Bedürftigen dadurch erwiesene Woltat dachten, Misstimmung erregt. Im Großen und Ganzen aber fand es bei der Bevölkerung Verständnis und Beifall und hat sich in der kurzen Zelt seines Bestehens als durchaus lebensfähig erwiesen, was nicht zum geringsten Teil das Verdienst der mit großer Hingabe und Aufopferung daran arbeitenden Damen ist. In der letzten Zeit ist allerdings durch ganz zufällige Umstände eine Stockung ein­getreten. Das seitherige Verkaufslokal mußte aufgegeben werden, und ist es zur Zeit noch nicht gelungen, eine recht passende Unterkunft zu finden, da die Mittel natürlich gering sind. Hoffentlich werden diejenigen, welche der Sache bisher ihre fördernde Tnlname durch Kauf und Bestellung zugewandt hatten, die Mühe nicht scheuen, auch den Weg zu dem etwas ungünstig gelegenen Ge- schästslokal zu suchen. (Indem wir vorstehendem und dem in Nr. 9 enthalte­nen Aussatze recht gerne Ausnahme gewährten, möchten auch wir die Absicht des geschätzten Verfassers, in dieser schweren Zeit den Armen beizu­stehen, recht sehr unterstützen. D. Red.)

Deutschland.

Berlin, 9. Januar. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurden in dritter Lesung folgende gestern in zweiter Lesung berathene Gesetz­entwürfe angenommen: betreffend den Austausch von Gebiet zwischen Preußen und Mecklenburg-Schwerin, die Erweiterung des Stadtgebietes von Elmshorn und die Aufhebung der in den ehemals nassauischen und hessischen Gebietstheilen bestehenden gesetzlichen Beschränkungen der Uebergabe von Grundbesitz Seitens der Eltern an die Kinder. Hierauf erledigte das Haus eine große Anzahl von Petitionen meist von localem oder persönlichem Jntereße.

DerKreuz-Ztg." zufolge ist über die Wiederbesetzung der durch den Tod des Generals v. Schwarzkoppen erledigten Stelle des commandirenden Generals des württembergischen Armee-Corps noch keine definitive Bestimmung getroffen.

Hesterreich.

Wien, 9. Januar. TiePolit. Corresp." meldet aus Konstantinopel von heute: Die directen Anknüpfungen wegen eines Waffenstillstandes lassen längstens in drei Tagen dort die Mittheilung der russischen Waffenstillstands- Bedingungen erwarten. Man glaube, das russische Obercommando werde jedoch höchstens einen sechswöchentlichen Waffenstillstand zuzugestehen geneigt sein. Der nämlichen Korrespondenz wird aus Bukarest vom 8. Januar gemeldet: Die türkische Festungsbesatzung von Widdin hätte einen Ausfall gegen die ru­mänischen Truppen gemacht.- Die Kälte hat sich in Bulgarien bis zu 18 Grad gesteigert und fordert viele Opfer.

Rußland.

Petersburg, 9. Januar. Amtlich wird aus Bogot vom 8. d. ge­meldet : In der Nacht vom 6. auf den 7. d. sendete General Karzeff 4 Ba­taillone nebst 300 Kosaken ab, um die türkische Position zu umgehen, welche den Weg vom Trajanswall versperrte. Nachdem die Logements im Rücken der Türken bei Cornar besetzt waren, brachen auch die übrigen Truppen zum An­griff aus. Am 8. Jan. wurde eine türkische Redoute, das sog.Nest" einge­nommen und die Fahne des Jngermannland'schen Regiments aus derselben auf­gepflanzt, welche somit auf einem der höchsten Punkte des Balkans weht. Die Türken flohen, verfolgt von den Kosaken. Die russische Avantgarde wurde auf Teke dirigirt. Der russische Verlust war unbedeutend. Am 7. d. vertrieb Oberst Kraszowsky mit dem Jakutzly'schen und Wratka'schen Regiment 12 Ta­bors Türken aus der befestigten Position bei Dewitschja Mogila (Mägdegrab) und warf dieselben bis Stajara Reha zurück. Die Türken ließen über 270 Todte auf dem Platz. In Achmedli machten die Rußen große Beute. Ihr Verlust an beiden Tagen betrug: 18 Mann tobt, 2 Osficiere, 187 Mann ver­wundet, 7 Mann vermißt.

Den russischen Erfolgen im Balkan legt die öffentliche Meinung, nachdem auch der Trajanspaß forcirt worden, eine große Bedeutung bei. Man glaubt die Widerstandsfähigkeit des Feindes gebrochen. Seine Verluste gelten