Ausgabe 
10.2.1878 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Botschafter hatte im Namen der katholischen Vertreter beim päpstlichen Stahle eine längere Unterredung mit dem Cardinal Camerlengo Pecci über die An­stalten zur Leichenfeier und die Papstwahl; der Camerlengo und das Cardinal- Collegium wollten sich in Allem an die althergebrachte Pragmatik halten

London, 8. Febr., Abends. Im Unterhause machte Schatz- Kanzler Northcote Mittheilung von den WaffenstillstandS- bedingunaen, sowie der Räumung der BertheidigungSlinien von Konstantinopel und entwickelte den Grnst der Sttuation. ES bestehe die Befürchtung einer Nuhestörung in Konstan­tinopel, daher sei ein Theil der Flotte nach Konstantinopel zum Schutz von Personen und Eigenthum beordert. Dieses fei den Negierungen notificirt worden, mit der Einladung, wenn sie dazu geneigt seien, sich dem Schritte anzuschließen, welcher auch Nußland notificirt worden sei. (Beifallssturm.)

London, 9. Februar, früh. Unterhaus. Nach längerer Debatte wurde die Creditforderung mit 328 gegen 124 Stimmen angenommen; die hervor­ragenden Führer der Opposition, darunter Hartington, enthielten sich der Ab­stimmung ; Gladstone stimmte gegen den Credit. Das Resultat der Abstimmung wurde von den Ministeriellen mit stürmischem Beifall begrüßt.

Nom, 9. Februar. Sämmtliche hier anwesende Cardinäle, ausgenom­men Amat und Panebianco, welche erkrankt sind, traten zu einer vorbereiten­den Congregation wegen dec Leichenfeier zusammen, auf welche dann innerhalb der vorgeschrtebenen Frist der Zusammentritt des Conclave erfolgt. Der Leich­nam des Papstes wird drei Tage in der sixtinischen Capelle ausgestellt, sodann nach der Peterskirche übertragen, wo er ebenfalls drei Tage ausgestellt wird.

Athen, 8. Februar. Die Mitglieder der provisorischen Regierung von Thessalien haben der griechischen Regierung eine Proclamation übersendet, in welcher die Annectton Thessaliens an Griechenland ausgesprochen und der Schutz und Beistand des Mutterlandes angerufen wird, um die unveränderlichen Wünsche der Thessalier, die für die Erreichung des von ihnen erstrebten Zieles Alles zu thun bereit seien, ihrer Verwirklichung entgegenzuführen!

Petersburg, 8. Februar. DerRegierungsbote" schreibt: Nachdem die vorläufigen Grundlagen für den Abschluß des Waffenstillstandes, aus Grund besten die Feindseligkeiten eingestellt wurden, von den türkischen Bevollmäch­tigten im russischen Hauptquartier angenommen und unterzeichnet worden sind, befinden wir uns in der Lage, den Wortlaut derselben mitzutheilen. Wir er­innern daran, daß diese Grundlagen lediglich den Zweck haben, dasjenige. Terrain abzugrenzen, aus welchem der definitive Frieden, sei es unter den Kriegführenden bezüglich der diese allein betreffenden Fragen, sei es mit Rücksicht auf die Theil- nahme der anderen Großmächte betreffs der Fragen von europäischem Jntereffe, verhandelt werden kann. Die Präliminarfriedensbedingungen, welche durch den Großfürsten-Oberkommandtrenden den türkischen Delegirten zugestellt worden, find folgende: Falls die Türken bei den Vorposten um Frieden oder Waffem stillstand nachsuchen sollten, hat der Oberstkommandirende denselben zu eröffnen, daß die Feindseligkeiten nicht eher eingestellt werden könnten, als bis die nach­folgenden Grundlagen im Voraus angenommen worden sind. Es folgen als­dann die bereits aus dem englischen Parlamente bekannten, von Derby nach den Eröffnungen Schuwaloff's mitgetheilten Friedensgrundlagen, als deren letzte aufgeführt wird, daß der Sultan sich mit dem Kaiser von Rußland verstän­digen werde, um die Rechte und Jntereffen Rußlands am Bosporus und den Dardanellen zu schützen. Die Mittheilung desRegierungsboten" schließt folgendermaßen: Als Zeugntß der Acceptirung dieser wesentlichen Bedingungen werden die türkischen Bevollmächtigten sich sofort nach Odessa oder Sebastopol begeben, um dort mit den russischen Bevollmächtigten über die Friedenspräli­minarien zu verhandeln. Sobald die Acceptation der vorgängigen Bedingungen den Oberkommandtrenden der kaiserlichen Armeen notificirt ist, sollen die Waffen­stillstands-Konventionen bei den Kriegsschauplätzen verhandelt werden, und wer­den die Feindseligkeiten provisorisch suspendirt werden können. Die beiden Oberkommandtrenden sollen die Berechtigung haben, die obigen Bedingungen zu vervollständigen, indem sie gewiste strategische Punkte und Festungen bezeich­nen, welche geräumt werden müffen, als materielle Garantie dafür, daß die hohe Pforte die Waffenstillstandsbedingungen acceptirt und in Friedensverhand­lungen eintritt.

**Nom, 8. Februar. Der französische Botschafter beim päpstlichen Stuhle, Baron Baude, übernahm die Aufgabe, den überkommenen Miß­brauch der Plünderung des Eigenthums des Papstes und des päpstlichen Stuhles zu verhindern. Heute sind die meisten Läden, auch von liberalen Besitzern, geschloffen. Die liberalen Zeitungen erscheinen, die clertcalen beschä­mend, mit Trauerrand. Die Cardinäle befinden sich seit 8^ Uhr im Vatican und waren bis 3 Uhr Nachmittags aus demselben noch nicht zurückgekehrt. Zwei Vermächtniffe des Papstes wurden vor der Leiche verlesen; das größere der­selben enthielt Vorschriften über die Leitung der Kirche. Auf dem St. Peters- platze ist Alles still, fast öde. Die italienische Polizei hat den Eingang ver­sperrt. Das große Thor der Kirche ist geschloffen bis aus einen kleinen Durchlaß. Das Innere von St. Peter ist fast menschenleer; Neugierige umstehen den Marmorsarkophag, welcher die Gebeine Gregor's XVI. enthält, die jetzt nach St. Maria Maggiore kommen, um den Ueberresten Pius'IX. Platz zu machen. In der Sacramentscapelle ist der Sarkophag hergerichtet. Ein Gerücht besagt, der Papst habe in seinem Vermächtniß um rasche Beerdigung gebeten. Der Beginn des Conclaves ist auf den 17. angesetzt.

London, 8. Februar, Abends. In der Sitzung des Oberhauses gab Lord Derby auf verschiedene Anfragen die gleichen Erklärungen, wie Northcote im Unterhause über die Entsendung eines Theils der englischen Flotte nach den Dardanellen ab und fügte hinzu, was die anderen Regierungen thun würden, sei ihm nicht bekannt. So lange der Waffenstillstand nicht unterzeichnet, sei die Regierung zu dem Glauben berechtigt gewesen, daß die Entsendung der Flotte in die türkischen Gewässer eine unweise und gefährliche Politik sein könne, da dieselbe von den Türken als Ermuthigung zum Widerstand, von Ruß­land als Act der Feindseligkeit und von dem britischen Volke als erster Schritt zum Kriege angesehen werden konnte. Diese Einwendungen kämen jetzt in Weg­fall und hoffe er, das Haus werde von der Mittheilung befriedigt sein, daß die Regierung eine Abweichung von der schon lange erklärten und unverändert beobachteten Politik nicht beabsichtige.

* Pesth, 8. Febr. In Regierungskreisen herrscht große Aufregung, da Rußland bei Feststellung der Vorbedingungen für die Conferenz fordert, daß einige Puncte für indiscutabel erklärt werden.

London, 8. Febr. (Ausführlicherer Bericht über die Unterhaussitzung.)

Auf Befragen Gourleyes erklärte Unterstaatssecretär Bourke, Rußland 6eab sichtige die Torpedos in der Donaumündung während des Waffenstillstandes zu beseitigen unv vorläufig Die Donauschtfffahrt zu überwachen. Auf eine An­frage Montagu's erwiderte Schatzkanzier Northcote: er wiffe nichts davon, daß irgend ein Bündniß oder gar Schutz- und Trutzbündmß zwischen Rußland und der Türkei unterzeichnet worden sei. Von dem schwedischen und dem dänischen Kabinet habe er hinsichtlich der Absichten Rußlands und Preußens be­züglich der Ostsee keine Mittheilung erhalten. Es fei unbegründet, daß russische Truppen an der Ostsee concentrirt seien; auch wiffe er nichts davon daß dänische Truppen dlslocirt seien um in Schleswig zu landen. Die An­frage eines anderen Mitgliedes beantwortete Bourke dahin: er habe keinen Grund zu glauben, daß die Unverletzlichkeit des Vatikans und die freie Aus­übung der Rechte des Cardinalcollegiums während des Conclave in Gefahr sei. Schatzkanzler Northcote theilte den wesentlichen Inhalt der Waffenstillstands- bedingunzen mit, daraus hinweisend, daß die gestrigen Meldungen Layards sich sonach als korrekt erwiesen. Derselbe erwiderte auf Gladstone's Anfrage: der Regierung sei noch keine Antwort auf die an das Petersburger Kabinet ge­richtete Anfrage wegen des Vormarsches der Ruffen zugeganzen. Auf ei ie weitere Anfrage erklärte Northcote: die gegenwärtige Entsendung der Flotte nach Konstantinopel habe einen anderen Charakter, als die frühere. Layard sei beauftragt, von der Pforte die Erlaubniß zum Einlaufen der Flotte in die Dardanellen zu verlangen. Ob Gallipoli in die neutrale Zone miteinbegriffen sei, wisse er nicht. Der telegraphische Verkehr mit Konstantinopel sei nur über Bombay-Alex mvrien möglich. Nachdem das Haus in die Comitöberathu iz über die Creditforderung eiugetreten war, wurde letztere von Richard bekämpft, von Hartington gebilligt. Letzterer erklärte: er wolle von der Flottensendung abjehen, da diese jetzt nicht mehr als Drohung gegen irgend eine Macht ange­sehen werden, wohl aber Gutes wirken könnte durch den Schutz von Personen und Eigenthum. Da nach den mitgetheilten Waffenstillstandsbedingungen eine zeitweilige Besetzung von Konstantinopel beabsichtigt sein dürfte, so wünsche er (Hartington) die Verlegenheit der Regierung nicht noch zu vermehren. Er hätte gewünscht, daß das Haus die Regierung einstimmig unterstützte, aber die Regierung habe nicht die geringste Andeutung gemacht, über die auf der Conferenz zu befolgende Politik und die Art der Creditoerwendung. Alle Welt wiffe, daß England viel mehr Geld zum Verausgaben in der Hand habe als 6 Millionen. Die Votirung dieses Credits könne die Hände der Regierung nicht stärken.Was ist die Politik der Regierung? Die Wiederherstellung Der alten Verhältnisse in der Türkei ist unmöglich, angesichts des Waffenstill­standes auch die bedingte Neutralität unthunlich. Wozu also ein militärischer Credit? ' Er müffe der Regierung unter allen Umständen die Verantwortung überlaffeu, werde den Credit nicht bekämpfen und hoffe, die Regierung werde in freundlichstem Einvernehmen mit den andern Mächten handeln und das Ca- biuet die Politik befolgen, welche das Haus billige (Beifall). Northcote sprach seine Genugthuung über die Rede Hartington's aus.

ali^o tti>

Gießen, 9. Februar. (Sitzung der ©tabtoerorbneten am 7. Febr.) AlS nicht auf der Tagesordnung stehend, kamen zwei Posiltonen, deren Dringlichkeit erkannt wurde, zur Verhandlung. Es waren dies die Verpachtung der der Stadt zustehenden Jagd, sowie eine Offerte des Lederhandlers Herrn Z ö l l er. Die Jagdoerpachtung wurde genehmigt zumal bet der Verpachtung ein Mehrerlös von ca. 1400 je über die Taxa­tion erzielt wurde. Herr Zöller ließ durch Hofg.-Adv. Barth der Stadtverordneten' Versammlung ein Schreiben zugehen, worin er sich erbot von feiner Forderung von 8500 JL nochmals 1000 v4L herunterzufetzen. Die Versammlung beharrt jedoch auf ihrem Beschluß oom 24. Januar, wonach Herrn Zöller 5000 Jk geboten wird ever.t Einleitung des Explopriattonsverfahrens. Die Stadt hat eine Forderung an die ,ytrma (3ebr. Köhler über ersteigertes Holz. ES wurde in Betreff bitfer Forberung der Antrag ber Finanz Deputation angenommen, die Zahlung 1 Jahr lang ohne Zinsen zu flunben, wenn der Massecurator persönliche (Garantie leistet. In Betreff ber stäbt. Uhren lag ein eingehenberes Gutachten von Hof-Uhrmacher Alt von Darmstabt ber Versammlung vor. Dem Gutachten zufolge erfreuen sich die belben Uhren auf dem Stabtthurme und dem Rathhaus eines respektablen Alters von ca. 200 Jahren unb werben als nicht mehr reparaturfähig erklärt- Die Uhr auf ber Spttalktrche sei wohl etwas jüngeren Datums, aber baS System derselben ebenfalls veraltet- Die ber kath. Kirche ginge allenfalls noch an, unb könnte bei sorgsamer Behanblung Jahrelang noch gute Dienste thun, währenb bte Uhr auf ber neuen Realschule ein altes Werk mit ein­zelnen neueren Thetlen sei unb demzufolge keinen richtigen Chronometer abgebe. Die Versammlung beschließt nach längerer Debatte von den renomtrtesten Uhrmachern Deutschlands Kostenanschläge resp. Pretscourante über zwei Uhren für RathhauS unb Thurm etnzuztehen unb bemnächst weiteres zu bestimmen. Ein Gesuch ber Firma C- Schmitz u. Co. um Gestattung eines Freilagers für Kohlen wurde abgelehnt. Das RegtmentScommando beabsichtigt eine festere Babehalle bet seiner Schwtmmschule erbauen zu lassen unb bittet, bte Stadt möge ben bereits auf ein Jahr, wie gewöhnlich, bewilligten Acker auf etne längere Zeit ausbehnen. Es werben bemfelben 10 Jahre mit dem Vorbehalt jeberzeitigen Künbigung zugestanben- In Betreff des Transports von Leichen Verunglückter, sowie schwerer Kranken, entbehrte bisher die Stadt eine« Kranken-Transport-Wagens. Herr Stadtoerorbnete May wurde mit der Anfertigung eines solchen, versehen mit zwei Körben zum Wechseln, für den geforderten Preis von 275 beauftragt. Eine Heidelberger Firma verlangte 350 Auf der Stadtwtese

an der Lahn nach ben Babeanstalten sink» mehrere Bäume, welche einestheils den Ver­kehr behindern, sodann auch einige, welche wegen ihres Alters am Absterben sind. Es wird der Antrag der Bau-Deputation auf thetlweise Entfernung derselben angenommen. Ein Gesuch des Schreinermetsters Herrn CHr. Hoffmann um Aufbauung eines 3. Stockes auf seinem Hause in ber Kaplansgasse wucbe, nachbem sich berfelbe be- schweroeführenb an bas Kretsamt gewanbt, trotzdem wiederholt als nicht ausführbar abgelehnt. Dagegen das Gesuch des Maurermeisters Balth. Strauch um Er- laudnttz zum Bau eines Hauses tn ber Bleichftraße genehmigt, ebenso bte Anlegung eines Treppentritts an bem Hause bes Herrn Stabtoerordneten Kauf in derKaplans­gasse. Im Zimmer des Herrn Schulinspekcors Vtgeltus in dem unteren Stocke ber alten Realschule ist eine bringenbe Reparatur erforderlich unb wirb der auf 103 jl vorgesehene Kostenanschlag genehmigt. Zur Auffüllung der Straße tm Gartfeld resp. Schwarzlach stnb 2609 nach dem Voranschlag nöthtg unb werden dieselben bewilligt. Nachdem noch einige Kleinigkeiten zur Erledigung kamen verwandelte die öffentliche Sitzung sich tn eine geheime unb endigte dieselbe gegen 6 Uhr.

Gießen, 9. Februar. (AuS den Verhandlungen der Grobherzoglichen Handels­kammer ) Sitzung 4. Februar.

Anwesend: Sämmtliche Mitglieder.

Die Eingänge werden zur Kenntnitz gebracht.

Die Winhschaftsrechnung pro 1877 wird verlesen und genehmigt.

Einem Ersuchen des Vorstandes des Localgewerbeoereins in Darmstadt um Mittheilung deS bitffeittgen Gutachtens betr. bte Rückwirkung ber Gefängmßarbeit auf bte gewerbliche unb industrielle Prioatarbeit war durch das Büreau bereits entsprochen worden.

Der Vorsitzende berichtet über die Verhandlungen der Versammlung für Reform des deutschen Crebitwesens, in welcher er als Delegirter ber Kammer mttanrkte unb bemerkt unter Anberem, baß bie 7 stündige Debatte bewiesen habe, wie sehr man all­seitig von ber Ueberzeugung durchbrungen ist, baß bte Anbahnung abgekürzter Credite auf bte wirthschaftltche Lage Deutschlanbs nach allen Richtungen hin günstig einwirken würbe. Viele Anwesende huldigten der Ansicht, daß die Befferung von unten nach oben anzustreben fei, d. h. daß in erster Linie Baarzahlung, bezw. kurze Fristen in dem Ver-