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1878

Anzeige- isi >mtsblatt für de« Kreis Gießen.

RedactionSbureaur Gartenstraße 8. 165.

ExpeditionSbureau r Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher H H e i l. Bekanntmachung.

Betreffend: Das Ersatz-Geschäft für 1878.

Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr-Ordnung, fordern wir alle im Jahr 1858 geborenen Militärpflichtigen, sowie die in frühe­ren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine definitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder in demselben als Studenten, Gymnasiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus- und Wirthschaftsbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen Dienstboten, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft sich aufhalten, hiermit auf, sich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der Zett Dom 13 Januar bis zum 1. Februar l. I. bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden und dabei, wenn sie an diesem Orte nicht geboren sind, ihren Geburtsschein und wenn sie bereits bei einer srüheren Musterung concurrirt haben, ihren Loosungs-Schein vorzulegen.

Wir machen zugleich darauf aufmerksam, daß Diejenigen, welche die Anmeldung unterlassen, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bis zu 30 Mark oder mit Haft bis zu drei Tagen belegt, von der Theilnahme an der Loosung ausgeschlossen und ihrer etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung 2C. verlustig erklärt werden.

Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend sind, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherrn zu diesen An­meldungen verpflichtet.

Die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lasten.

Gießen, am 2. Januar 1878.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. __Dr. B o e k m a n n._______

Gießen, den 8. Januar 1878.

Das Großherzogliche Rentamt Gießen

an die betr. Großberzoqlichen Bürgermeistereien.

Wir benachrichtigen Sie hierdurch, taß der Großh. Rentamtsdiener Grünewald beauftragt ist, den Dienst als Pfandmeister in den, durch Ableben des Großh. Pfandmeisters Bastert, erledigten Bezirken provisorisch und bis auf Weiteres zu versehen.

Schliephake.

Uotitischer Theil.

* Gießen, 9. Januar.

Die durch den Jahreswechsel hervorgerufene Zeit der politischen Reminiscenzen und Hoffnungen ist verlaufen und wir befinden uns wieder auf dem rauhen Gebiete der politischen Wirklichkeit und müssen uns bewußt wer­den, was geschehen muß und soll. Vor allen Dingen will der Erdtheil seine Ruhe wiederhaben und es wäre vielleicht an der Zeit, daß die Großmächte, wenn sie bei Rußland eine Friedensvermittelung scheuen, beiden kriegführenden Parteien einmal ernstlich in's Gewiffen redeten, damit sie den europäischen Scantal, den orientalischen Krieg, nicht gar zu sehr in die Länge ziehen. Mit der Herstellung des Friedens im Orient dürste in Europa die politische Sicher­heit wieder einkehren, denn seit der Beilegung des Regierungs-Conflictes in Frankreich findet man außer Rußland und der Türkei keinen Staat, welcher Lust hätte, im europäischen Concert die Rolle des Friedensstörers zu spielen. Die Aufgaben in unserem Vaterlande für das neue Jahr gewinnen auch mehr und mehr Gestalt. Nachdem sich bei den Etatsberechnungen das Deficit für das Reich im Betrage von wehr als 30 Mill. Mark als unabänderlich her- ausgestellt hat, sind auch die Steuer- und Verwaltungs-Reformen zur gebieteri­schen Nothwendigkeit geworden. Die Beschlüste des Bundeerathes haben daher faft nur in statistischer Hinsicht einigen Werth. Maßregeln kann der Bundes- ralh fast gar nicht in Vorschlag bringen, weil er weder dem Reformwerke vor­auszueilen, noch es zu verhindern vermag.

In einigen deutschen Mtttelstaaten, zumal in Sachsen, herrscht zum Theil eine ganz unbegründete Aufregung wegen der wahrscheinlichen Neubildung der deutschen und preußischen Regierungsorgane. Man fürchtet, daß die Organe der Reichsregierung mit einer Anzahl der höchsten preußischen Negierungsorgane gänzlich verschmolzen werden würden und steht sich, wie man sich auszudrücken beliebt, gänzlichverpreußt." Diese Furcht ist jedoch eine gänzlich unge­rechtfertigte oder übertriebene. Das Deutsche Reich ist ein Bundesstaat und wenn die Reichsregierung nicht als fünftes Rad am Wagen hängen soll, so muß sie im Staate wurzeln, welcher an der Spitze Deutschlands steht, und zwar steht Preußen deshalb an der Spitze Gesammt-Deutschlands, weil die Fürsten der einzelnen deutschen Staaten und die Mehrheit des deutschen Volkes es wünscht. Auch hat noch Niemand die Behauptung aufgestellt, daß nur preußische Minister die Factoren der Reichsregierung bilden sollen. Im Gegen- theil hat Fürst Bismarck den Wunsch ausgedrückt, daß auch die anderen her­vorragenden deutschen Staaten, zumal Bayern, Sachsen und Württemberg, durch einen oder mehrere ihrer Minister mit der Reichsregierung geeint wer­den sollen.

Die Episode der so glanzvoll (?) eröffneten diplomatischen Action Englands bezüglich der Friedensvermtttlungen im orientalischen Kriege ist vorläufig zu Ende, ohne daß die Situation klarer geworden, als sie vor acht Tagen war. Berichte aus Konstatinopel lasten es wahrscheinlich erscheinen,

daß die Pforte nicht lange zögern und einen Bevollmächtigten zum Abschlüsse von Waffenstillstands-Verhandlungen in das russische Hauptquartier senden werde. Doch wie die Dinge stehen, werden die Hauptschwierigkeiten erst dann ihren Anfang nehmen. Es ist nämlich eine Thatsache, daß Rußland zum Ab- schluste eines Waffenstillstandes sich nicht eher bereit finden lasten wird, als bis es sich der Annahme seiner Friedenspräliminarien durch die Pforte ver­sichert haben wird, und zwar in ausgiebiger Weise versichert, nicht blos durch Versprechungen, sondern durch factische Garantieen.

Mitt Heilungen aus Konstantinopel können, wenn sie auf Wahr­heit beruhen, einem Abschlüsse des Friedens im Orient günstig sein. Die tür­kischen Minister Sadyk, Mahmud Damat, Safvet und der Minister des Aeußeim, Server, sind zu einer Quadrupel-Allianz zusammengetreten, welche gegen Suleiman Pascha und auf eine Verständigung mit Rußland hinarbeitet, bevor noch die Russen den Balkan in größeren Masten überschreiten. Diese Partei hat heute die Oberhand im Palaste, sie verfügt auch über einen großen Anhang im Senate und in der Deputirtenkammer, in welcher sich schon viele Stimmen für eine baldige Beendigung des Krieges hören lassen. Von einer Rückberufung Midhat Pascha's ist daher für jetzt keine Rede mehr, da diese vier Pascha's davon abrathen. Dagegen erwartet man, daß Sadyk Pascha bald ein wichtiges Portefeuille erhalten werde. Auch noch andere wichtige Personalveränderungen stehen bevor, sobald Rußland nur seine Bereitwilligkeit zum Abschlüsse eines Friedens erklärt haben wird.

Deutschland.

Darmstadt, 6. Januar. Der jetzt erschienene Bericht des Finanz- Ausschusses der Zweiten Kammer bringt die amtliche Aufklärung über die in letzter Zeit viel besprochenen Vorgänge. Das Finanzministerium giebt die be­deutenden Rückstände in dem Rechnungswesen der Hauptstaatskasse, sowie die ganz zufällige Entdeckung der Defekte bei der Staatsschulden-Tilgungskasse zu. Unter diesen Umständen findet es der Ausschuß außerordentlich bedauerlich, daß dem bereits anfangs 1876 gefaßten Beschlüsse der Stände wegen Vereinigung beider Kassen, wodurch die Entdeckung des Zustandes früher herbeigeführt sein würde, keine Folge gegeben wurde. Es wird ferner auf den Umstand aufmerk­sam gemacht, daß mit der Vereinigung beider Kaffen die bedeutenden Betriebs­fonds derselben wesentlich verringert werden können. Einige Millionen hätten zinstragend werden können. Der Ausschuß war entschlossen, die Ausgaben für die Gehälter nur für die vereinigte Kassenführung zu bewilligen. Nachträglich jedoch erkannte die Regierung die Nothwendigkeit einer derartigen Reorganisa­tion an und sagte eine dahin gehende Vorlage so zeitig zu, daß es den Ständen möglich sein werde, in der ersten Hälfte des Jahres zu beschließen und so die Vereinigung der Hauptstaats- mit der Hauptstaatsschulden-Tilgungskasse für den