&O 104. Zweites Blatt. Sonntag, den 5. Mai 1878.
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Amtlicher Jyeil.
Gießen, am 27. April 1878.
Betreffend: Die Herkunft des zu Gualilan verstorbenen Musiklehrers Adolf Mailand.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Zufolge Auftrags Großherzoglichen Ministeriums des Innern theilen wir Ihnen den nachstehenden Auszug aus einer Note des Königlich Sächsischen Gesandten am Großherzoglichen Hose mit dem Auftrage mit, falls Sie über die Herkunft des darin bemerkten Musiklehrers Adolf Mailand, der angeblich aus dem Großherzogthum Hesien gebürtig sein soll, Auskunft geben können, uns solche alsbald mitzutheilen.
Dr. Bookman n.
Auszug. München, den 10. April 1878.
Am 4. September 1873 ist im englischen Hospital zu Gualilan der ledige Adolf Mailand aus Adorf, Annaberg oder Schneeberg im Königreich Sachsen gestorben. Derselbe war zuletzt in Mendoza in der Argentina als Mustklehrer ansässig und nach Gualilan aus Rücksicht für seine Gesundheit gekommen. Sein Nachlaß ist in zwei Anweisungen, zum Betrage von «X 762. 48 und «X. 43. 20 H, nebst einer goldenen Uhr mit Kette an das Königlich Sächsische Ministerium des Auswärtigen gelangt.
Die im Königreich Sachsen nach Mailand's Herkunft und nach dessen Erben stattgehabten Erörterungen blieben erfolglos; inmittels ist im Laufe dieser Erhebungen unter anderem die Nachricht dorthin gelangt, „der Musiklehrer Mailand solle aus dem Großherzogthum Hessen gebürtig sein, wie er — Mailand — selbst geäußert"; es findet sich diese Notiz in einem Briefe aus San Carlos, welcher von der Kaiserlichen Mintfter-Residentur in Buenos Aires mit Bericht vom 27. Juni 1877 abschriftlich an das Königlich Sächsische Ministerium eingesendet worden ist. So wenig Anhalt auch diese sehr allgemein gefaßte Notiz zur Anstellung von Nachsuchungen nach der Herkunft Mailands und nach etwaigen Erben deffelben im Großherzogthum Heffen bieten mag, so glaubt das Königlich Sächsische Ministerium vvn einem bezüglichen Versuche dennoch um so weniger absehen zu dürfen, als die zeitherigen Erörterungen die Jdendität Meinel's mit Mailand eben noch nicht erwiesen haben. Zu erwähnen möchte hierbei noch sein, daß einer dem Königlich Sächsischen Ministerium vorliegenden vertrauenswürdigen Angabe zufolge ein Individuum, Namens Adolf Mailand, deffen wahrer Name jedoch „Meiner!" oder ähnlich gelautet haben soll, als Musiklehrer in Val len ar in den sechziger Jahren aufhältlich gewesen ist und daß das Alter desselben gegenwärtig etwa 42 Jahre sein würde.
rc. rc. ______________________________Rautenbusch._________________________________________________________________
Bekanntmachung.
Nachdem die Frankfurter Straße, sowie die Schoor von dem Seltersthor nach dem Neustädterthor theilweise gepflastert worden sind und von Seiten der Großherzoglichen Baubehörde die dahier vorgeschriebeue Reinigung dieser Straßenstrecken keinem Anstande unterliegt, werden die betreffenden Eigenthümer der an diesen Straßen gelegenen Häuser auf Grund des dahier gültigen Localreglemems aufgefordert, von Donnerstag den N. diese» Monat» an außer den Bankets und Rinnen die Hälfte der gepflasterten Fahrbahn zu den vorgeschriebenen Zeiten, als: Dienstag, Donnerstag und Samstag, Nachmittag» von 4 bi» 6 Uhr, bei Meidung der gesetzlichen Strafe in ordnungsmäßiger Weise reinigen zu lassen.
Gießen, am 1. Mat 1878. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
Fresenius.
Politisch
Wochen Übersicht.
Unser Kaiser hat die Reise nach Wiesbaden, welche er bald nach Ostern anzutreten beabsichtigte, um dort den gewohnten Frühlingsaufenthalt zu nehmen, der ernsten politischen Lage wegen aufgegeben. Der Besuch deS Königs Oscar von Schweden, der sich auf der Rückreise von Heidelberg, wo er seine leidende Gemahlin besucht hatte, ein paar Tage in Berlin aufhiell und am kaiserlichen Hose mit großer Auszeichnung behandelt wurde, die Audienz des Feldmarschalls Moltke beim Kaiser, unmittelbar nachdem derselbe in Kopenhagen mit dem Könige von Dänemark eine Unterredung gehabt hatte, die Abreise der Kronprinzessin nach England und endlich das große Galadiner, welches zur Feier des Geburtstags des Kaisers von Rußland im kaiserlichen Palais stattfand — Alles das war wohl auch nicht ohne Beziehung zur Politik.
Fürst Bismarck ist in Friedrichsruh an der Gürtelrose erkrankt, seine Krankheit nimmt indeß einen regelmäßigen und leichten Verlaus: sein Zustand ist jetzt schon ganz unbedenklich und seine völlige Wiederherstellung in kurzer Zeit zu erwarten. Sein Verhältniß zum Kaiser ist durch ein höchst ehrenvolles Schreiben, welches Letzterer jüngsthin an den Dr. L. Hahn, Verfasser der Schrift „Fürst Bismarck, sein politisches Leben und Wirken" gerichtet, in Helles Licht gestellt worden: der Kaiser spricht darin nämlich seine Genugthuung darüber aus, daß die Thätigkeit des Mannes, welcher auf die politische Neuordnung der vaterländischen Verhältnisse in so bedeutsamer Weise eingewirkt habe, durch systematische Aneinanderreihung authentischen Materials öffentlich dargelegt werde, damit sich der ganze Werth seiner geistigen Arbeit dem Bewußtsein der Nation einpräge.
Der Reichshaushalt-Etat für das Jahr 1878/79 wurde noch im Laufe des April vom Kaiser vollzogen und durch das Reichsgesetzblatt verkündet, so daß er zum 1. Mai in Kraft treten konnte. Dem Bund es rat h ist ein Gesetzentwurf betreffs Gewährung einer Ehrenzulage an die Inhaber des Eisernen Kreuzes von 1870/71 zugegangen, durch welchen dieselben den Inhabern aus der Zeit der Freiheitskriege annähernd gleichgestellt werden sollen.
Berlin bekam am 28. April wieder einmal eine großartige social-demokratische Demonstration zu sehen, indem der als Untersuchungs-Gefangener verstorbene Redocteur der „Berl. Freien Presse", Dentler, durch ein Leickenbe- gängniß, an dem sich mehrere Tausend Arbeiter betheiligten, als „Märtyrer" gefeiert wurde. In dem Halle'schen Professor H. Leo ist ein Mann gestorben, der seiner Zeit eine Hauptstütze der Kreuzzeitungspartei gewesen, in Folge
er Hheil.
schweren körperlichen Leidens aber schon lange vom politischen Schauplatz abgetreten war.
Italien gegenüber nimmt der Papst noch immer keine klare Stellung ein. Während er in der Encyklika alle Proteste seines Vorgängers gegen die Occnpation des Kirchenstaates wiederholt, läßt er dem Exjesuiten Curct, der bekanntlich die Entbehrlichkeit der weltlichen Herrschaft behauptet und auf Versöhnung mit dem Königreich Italien dringt, durch die Cardinäle, welche zu Besprechungen mit ihm über seine Ideen beauftragt waren, das freundlichste Entgegenkommen beweisen; er soll sogar schon den Beschluß gefaßt haben, den Vatican im Sommer zu verlassen und sich in ein Seebad zu begeben, also die Gefangenschasts-Comödie ganz aufzugeben.
In Oesterreich-Ungarn wurde das öffentliche Interesse weit mehr von den inneren Angelegenheiten, als von den orientalischen Verwicklungen in Anspruch genommen : überall sprach sich eine tiefe Verstimmung über die unfertigen Verhältnisse aus, welche den Einfluß der Monarchie nach Außen hemmen, vor Allem über die bisherige parlamentarische Verzettelung des Ausgleichs. Die jüngst in Wien unter Thetlnahme des Kaisers abgehaltenen Ministerräthe, welche sich mit dem Ausgleich beschäftigten, scheinen indeß ohne Ergebniß geblieben zu sein, so daß die Hoffnungen auf ein Zustandekommen desselben wiederum gesunken sind. Die Ernennung des Grafen Andraffy zum Feldmarschall- Lieutenant wurde allgemein als ein Zeichen der Fortdauer des Vertrauens, welches der Kaiser dem Leiter der auswärtigen Politik schenkt, angesehen.
Die englische Regierung hat unmittelbar nach.Vertagung des Parlaments den Befehl zur Bereitstellung indischer Regimenter für den Krieg erlassen: ein Theil derselben ist sogar schon eingeschifft worden. Gleichzeitig werden die Rüstungen aufs Eifrigste fortgesetzt. Selbst aus Canada sollen Truppen herbeigeschafft werden. Diese Maßnahmen beweisen deutlich genug, daß die Regierung fest entschlossen ist, zum Schwerte zu greifen, falls es ihr nicht gelingen sollte, Rußland zur Nachgiebigkeit zu bewegen. An der Zustimmung der Bevölkerung zu dieser energischen Politik scheint es dem Ministerium nicht zu fehlen — hat sich doch ein Londoner Meeting kürzlich sogar für Bildung einer Fretwilligen-Armee für den activen Dienst ausgesprochen.
In Frankreich concentrirte sich natürlich alles Interesse auf die Ausstellung, welche trotz ihrer Unfertigkeit am 1. Mai eröffnet wurde. Die Ruhe, welche seit einiger Zeit in den inneren Partetkämpfen eingetreten ist, gibt sich nunmehr auch durch die allmählige Zerbröckelung der bonapartistischen Partei kund, indem sich eine Fraction derselben mehr und mehr den Republikanern zu-


