Ausgabe 
7.4.1878 Zweites Blatt
 
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den Etat für da- neue Etatsjahr nicht fertig stellen konnte, fo wurde der vorjährige Etat mit seiner Zustimmung auf den Monat ilpril erstreckt.

In Preußen war die dcfinitive Neubildung des Ministerrums das her. vorragendste Ereigntß der Woche- Wre derStaats-Anz." mittheilt, ist der bisherige Oberprästdent von Hannover, Graf Eulenburg, zum Minister des Innern, der bisherige Oberbürgermeister von Berlin, Hobrecht, zum Finanz­minister, und der bisherige Unterstaatsfecretär Maybach zum Handelsmrnister ernannt worden. Die Veröffentlichung der Ernennung des Grafen Stolberg zum Vicepräsidenten des Staatsministeriums läßt nur deshalb auf sich warten, weil derselbe auch zum Stellvertreter des Reichskanzlers bestimmt ist, das Stell­vertretungs-Gesetz aber erst in diesen Tagen Gesetzeskraft erhält. In liberalen Kreisen hat diese Lösung decinneren Krisis", die so ganz anders ausgefallen ist, als man es sich gedacht, freilich nicht gerade große Befriedigung hervorge­rufen; in weiteren Kreisen hält man sich indeß davon überzeugt, daß die Be­fürchtung, als würde jetzt eine Aera der Reaction hereinbrechen, durchaus unbegründet ist. Minister Eamphausen wurde bei seinem Rücktritt mit dem Stern der Großcomthure des Hohenzollern'schen Hausordens bedacht, Minister Achenbach zum Oberpräsidenten der seit dem 1. d. von Ostpreußen getrennten Provinz Weftpceußen ernannt. Minister Friedenthal, der seine Kräfce fortan wieder allein der Verwaltung der lanbwirthschaftlichen Angelegenheiten zuwen­det, hat seine Thäligkeit als stellvertretender Minister des Innern mit Berathun- gen über die Einführung der Kreisordnung in Schleswig-Holstein geschloffen, au welchen der Unterstaatsfecretär Bitter, sowie der Oberpräsident und mehrere RegierungS- und Landräthe jener Provinz Theil nahmen.

Der preußische Landtag wurde am 30. März durch den Justizmtnister Leonhardt geschlossen. Leider hat es die Mehrheit des Abgeordnetenhauses nicht über sich gewinnen können, die von dem Fürsten Bismarck so dringend gewünschte Bildung eines Eisenbahnministeriums und die Uebertragung der Verwaltung der Domänen und Forsten auf bas landwirthschaftliche Ministerium schon jetzt zu genehmigen, sich aber bereit finden laffen, das Gehalt für einen besonderen Vice Präsidenten des Staatsministeriums zu bewilligen.

Das Programm, welches der Präsident des neuen italienischen Mini­steriums, Cairoli, dem Parlament vorgelegt hat, ist zwar von diesem nicht ungünstig ausgenommen worden, hat aber seine Stellung zu den verschiedenen Parteien nicht wesentlich verbeffert.

Für Oesterreich-Ungarn war der frühere russische Botschafter in Konstantinopel, General Jznatieff, welcher einige Tage in Wien weilte, um eine Verstänoigung zwischen beiden Reichen herbeizuführen, dec Löwe des Tages. In Ungarn rief seine Anwesenheit eine gewaltige Erregung der Leidenschaften hervor, »velche sich dadurch kundgab, daß das Abgeordnetenhaus sich fast ein stimmig für eine Allianz mit England erklärte. Zu dieser Kriegslust der Ma. gyaren bildete freilich die Klage des österreichischen Herrenhauses über die schreckliche finanzielle Lage des seinem Bankerott entgegengehenden Staates einen merkwürdigen Gegensatz.

England hat durch die königl. Botschaft, welche dem Parlament die Einberufung der Reserven vorschlägt, einen Schritt weiter auf dem Wege zum Kriege mit Rußland gtthan. Die nächste Folge dieses Schrittes war eine thrilweise Veränderung des Ministeriums, indem der friedliebende Lord Derby aus dem Cablnet trat und den von der Conferenz von Konstantinopel her bekannten Marquis Salisbury zu seinem Nachfolger im auswärtigen Amt erhielt, während der bisherige Kriegsminister Hardy an seiner Stelle zum Staatssecretär für Indien und Oberst Stanley, ein Sohn Lord Derby's, zum Kriegsminister ernannt wurde. Daß übrigens nicht alle Welt in England ebenso kriegslustig ist wie Lord Beaconsfield, ergibt sich aus der Thatsache, daß eine Aeußerung des deutschen Botschafters, Grafen Münster, über die Friedensliebe des Kaisers Wilhelm mit anhaltendem stürmischem Beifall aufgenommen wurde.

In Frankreich hat der Ernst der gegenwärtigen politischen Lage dazu beigetragen, den von Neuem drohenden Confiict zwischen den beiden Kammern zu beseitigen: der Senat nahm nämlich das Ausgabe-Budget in der von der Deputirtenkammer beschloffenen Fassung und letztere das Preß-Amnestiegesetz nach den Beschlüssen des Senats an. Man weiß nur nicht, wie lange die Eintracht währen wird.

Die belgische Kammer hat die von der Regierung zu Militärzwecken verlangten Credite mit großer Majorität bewilligt.

In Dänemark ist das Finanzgesetz, nachdem das Landsthing dasselbe in der vom Volksthing beschloffenen Gestalt genehmigt, zum ersten Male nach einer langen Reihe von Jahren zur rechten Zeit, d. h. vor dem Beginn des neuen Etatsjahres (1. April), zu Stande gekommen, der langjährige Streit zwischen Regierung und Volksvertretung also vorläufig geschlichtet. Am 30. März wurde der Reichstag in Folge dessen geschlossen.

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Gießen, 6 April. (Sitzung der Stadtverordneten am 4. April.) Zu Anfang der heutl^kn Sitzung wurden, nachdem d 9 be.ü lich^ Testa nent o *il<fcn, m ttelst ge­heimer Abstimmung H rr Balta. Rinn, foro e Frau Karoltne Währum mit einem iegat der Löverftiftung bedachi und treten di-selben oo n 1. Ap rl an in den Genuß d ffelben. Ferner mürbe Der Ve> s «mmlung n'tgetueilt, daß be< Plan zum Neubau für die höaere Töchte,schule von G.oßv. Ministerium genehmigt fei, sowie eine Ein­ladung Dom Schulvorstande an den Sta toorftanb zum Besuch der Prüiunaen der Schulen. Punkt 2 oer Tages-Ordnung be&an'elte die für unsere Stadt so hochwichtige Frage der Tav kiteuer resp. Einsüh ung d 4 Tabakmonopols. Herr H anstein stellte auch beute wieder den Ant ug diese An elegenhut der Finanzd.putatiou mit dem Rechte oer Cooptatio.' aus Fachmännern, zu überweisen. D ese Commission könne sich wohl auS den Protokollen ves Ha^delrv rems wie auch der H rndelSk rmmer genü ren' infor- niren um dem Stadivocstande geeignete Vo schlä.e zur Annahme zu unterbreiten. Herr Homde ger betonte, daß aus oem ausführlichen Referate, welches in den letzten Tagen imGießener Anzei er" gestinden sich wvhlJeder über die Wichtigk.it der F.age informiren körne und sei es seiner Meinung nach am zwecknäßigsten wenn der StadtDorsta d einfach die Vorschläge und Ausführungen der Handelskammer eccepUre uno h;e bet eff nbe Eingabe av. G oßa. Staatsregierung unterschreibe. Ferner könne man unser-m Reichstagsabgeordneten H rtn v Rabenau eine Abschrift der Eingabe zugehen lassen bairnt berfdbe in gee'gn ter Weise im Jnteresir seines Wahlkreises wirke. Herr Han st ein w.ll unteren Landtagsabgeordn ten Hosg. A)o. Hirschhorn gleichfalls ml: d eser Frage betraut wissen, namentlich auch d-shalb, weil, wie verlautet unsere Reg een. ß beim Bundesratae für das Tabak nonopol gestimmt habe und dieselbe am Ende doch nicht miss , welch ein bedeutender I rdnstriezweig mit Einführung des Mono pols in unse-em Linde vernichtet würde. Auch oer Herr Bürgermeister bringt einen Antrag ein, welcher oohin lautet: Die Lladlverordneten-V.rsamnlung wolle beschließen: Die hiesige H'Ndelskummer zu ersuchen: Dieselbe wolle dahin wirken, daß die am 7. d. M. in Enssel znsammentretenoe Versammlung von d ligirten deutscher Handels­kammern ihre, gegen die Einführung der Fabrik itsteuec und gegen die Einführung deS Taoakmonopols g.r'chleten Resolutionen den V.rtretungen derj nigen Städte Deutsch­lands zum Anschluss mittheile, deren industrielle und wirthschaftliche Interessen durch die Emführung der F rbr>katsteu:r reso- des Tab knonopols bedroht seien. Herr Ad. Roll beantragte dann noch ferner: Die hiesige Bürgermeisterei möge die tnterefftrten Vanbgemeinben unseres Kreises, tn welchen Tabakfabrtk n existiren, zum Anschluß an das Vorgehen der Stadt Gi-ßen auffordern. Dieser Aitrag wurde zwar nicht zum Beschlüsse erhoben, cs jedoch auch für nicht unzweckmäßig erachtet, w.mn die betr. Ge­meinden sich freiwillig anschlöss n. (Wir mochten die belheiligten Herrn Bürgermeister hierauf nochmals fpecitH aufmerksam machen. D. Red.) Schließlich einigte sich die Ve:sammlung über folgende 3 Anträge: 1. Daß in einer Eingabe an Großh.Regierung er Hält werden soll, daß man sich den Anträgen Großh. Handelskammer dahier gegen Einführung der Fabrikatssteuer und des Tabak Monopols anschließe. 2. Den Abge­ordneten der Stadt Gießen Herrn Hirschhorn unter abschriftlicher Mittheilung vorstehenden B.schiussetz za ersuchen, tn gl-chem Sinne bet Großh Regierung zu wirken. 3. Antrag des Herrn Bürgermeister (siehe vorstehend) Herr Beigeordnete Keller will im Hinblick auf die Wichtigkeit der Sache feine aus $ 36 der Stä)N- Oronung gehegten Bedenken fallen lassen. Punkt 3 der TageS-Ordnung betraf den Schießplatz bei hiesigen Sci ützengesellschaft. Derselbe befiibct sich in verwaistem Zu stände; öde und zerfallen stehen die Mauern der Kugelfänge da, ein Rest von ver­gangener Größe. Es entstand die Frage ob es nicht geratener sei, wenn die Stadt den betr. Platz wieder an sich ziehe. Die Versammlung beschließt denn auch: Die Schützen^ sellschast auszusordern, die Mauern und Kugelfänge mit Frist bis zum t. Juni wieder herzu ichlen onderns.lls soll der Platz von der Stadt wieder zurückgezogen werden. Einem hiesigen We:ngroßl»andler soll auf sein gestelltes Ersuchen das von ihm bereits bezahlte Oktroi wieder zurückoergütet werden. Herrn Backey El em mr at h wird ein Holzlagerplatz in der städt. Grube am Lutherberg unter den üblichen Be- 'ingungen gewährt. Betr. d e Wiesenanlagen im Heegstrauch beschließt die Versamm­lung Herrn Wiesenbautechmker Gred um Abgabe nnes Gutachtens über frag!. Wiesen zu ersuchen. V.rschiedene Desiderien an der Holznaturalrechnung pro 1877 werden genehmigt Herrn Pfarrer Schlosser wird oer Rathhausfaal zur Abhaltung einer Versammlung über die So wtagsseter verwilligt, ebenso Herrn Rübs amen ein Streifen Wiesen an s-tner Badeanstalt auf zwei Tage. Zum Schlüsse der heutigen öffentlichen Sitzung batte die Versammlung über ein Geschenk der modernen Zeit zu verhandeln, welches am anschaulichsten den Vortheil des Unterstützungswohnsih.s für Städte illu- strirt Wir gehen etwas ausführlicher darauf ein, weil wir «in gewisses Interesse bei unseren Lesern voraussetzen. Koth. Rauch von Kirchhain, im ehemals Surhesstschen, diente 4 Jahre bei einem hiesizen O.conomen alS Dienftmagd und erwarb sich durch diesen Aufenthalt den Umerstützungswohnsitz in unserer Stadt Rach dieser Zeit wanderte sie wieder nach ihrer Heimath, wurde dort krank und tn Folge dessen schrieb die dasi^e Bürgerin isteret nach hi-r: man möge die Kath. Rauch nach Gießen holen lassen, weil dieselbe bo:t ihren Unterstützungswobnsitz habe. Hier, im Bürgerhospital untergebracht, könn e dieselbe wegen schwererer Erkrankung nicht beherbergt werden, sondern wurde tn das academ. Hospital verbracht. Dort kann sie wegen Geisteskrank­heit ebenfalls nicht bleiben und muß die Stadt, nach dem Vorschläge der Direktion des academ. Hospitals, Kath. Rauch nach dem Landeshospital Hofheim bringen lassen und darf für dieselbe jährlich 270 Mark Verpflegungskosten zahlen. Die Ver­sammlung mutz diesen Kostenpunkt genehmigen.

Sehl (Teber lebt. Mitgetheilt von dem Agenten deS Norddeutschen Llood E. W. Dietz in Gießen.

Southampton, 3. April. Das Postdampfschiff Weser, Capt. I. B-rre, vom Norddeutschen Lloyo in Bremen, welches am 23. März von Newyork abgegangen war, tft gestern 7 Uhr Abends wohlbehalten hier angekommen uns bat nach Lanuuag der tür Southampton bestimmten Passagiere, Post und Ladung 9 Uhr Abends bte Reise nach Bremen fortgesetzt. Die Weser überbringt 117 Passagiere und volle Ladung.

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