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Er. Ä33. Erstes Blatt. Sonntag, den 6. October ^878.
Kießener Mnzeiger
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^rVcbiHcndbitrcatt* \ Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
— Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
politischer Hheil.
Keukfchkarrd.
^cr^* Die „Post" theilt mit, daß ihr von der Redaction der „Deutschen Revue" jetzt die positive Erklärung zugegangen ist, Admiral Werner sei in keil er Weise an dem vielbesprochenen Artikel über den Untergang des „Großen Kurfürsten" betheiligt.
— ^on 145 verschiedenen Seiten sind Vorschläge zur Hebung des „Großen Kurfürsten" gemacht worden und dadurch soll das Marineministerium in der Annahme bestärkt worden sein, daß die Hebung des Schiffes noch nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. Auch läßt die Ordre, die „Loreley" in Wil- helmshaven fertig zu halten, um eventuell nach England zu gehen, darauf schließen , daß man noch weitere Versuche anstellen wird. | Ob nun die kaiserl. Marine selbst die Hebung des Schiffes versuchen oder Fachmännern diese Arbeit überlaffen will, darüber ist bislang noch nichts verlautet, auch drängt die Zeit nicht gerade zu einem raschen, bestimmten Vorgehen, da vor April nächsten Jahre^schwerltch an eine Wiederaufnahme der Arbeiten zu denken ist.
Berlin, 3. October. Der Kronprinz ist hierher zurückgekehrt. Der Kaiser dürfte vor seiner Rückkehr noch einen kurzen Aufenthalt in Wiesbaden nehmen. — Eine Verständigung zwischen dem Reichstag und der Regierung wird vom Plenum erwartet, nachdem mit der Commission keine herbeigeführt werden konnte.
Berlin, 3. October. Diese Woche tagten in Wiesbaden Vertreter der unter der Geschäftsführung des Berliner Lettevereins verbundenen Frauen- Bildungs- und Erwerbs'Vereine, deren allgemeiner Zweck Förderung des weiblichen Erwerbs durch gesteigerte Bildung ist. Doch haben sich, wie das natürlich erscheint, verwandte Bestrebungen hinzugefunden, denen das Ziel gemeinsam ist, die Sphäre der gemeinnützigen Wirksamkeit der Frauen auszudehnen. So steht beispielsweise diesmal auf der Tagesordnung „die Stellung und Thätigkett der Frauen in der Armenpflege", in welcher Richtung dahin getrachtet wird, daß die städtischen Armenverwaltungen eine regelmäßige weibliche Hülfe heranzieben, cheils um die Arbeit freiwilliger männlicher Pfleger sachgemäß zu ergänzen, theils nm einen sentimentalen Dilettantismus aus der Wohlthätigkeit der Vereine und der Einzelnen immer mehr zu verbannen. Hinsichtlich der Erweiterung der weiblichen Privaterwerbszweige steht im Vordergrund „der ärztliche Beruf der Frau", über den einer der wenigen bis jetzt in Deutschland vorhandenen weiblichen Aerzte sprechen wird, Fräulein Anna Dahms aus Hamburg. Auch in Berlin sind seit Jahr und Tag zwei Damen auf diese Art thätig und haben sich um die Armenkrankenpflege bei Frauen und Kindern ein anerkanntes Verdienst erworben. Nachdem so das praktische Leben selbst nicht unglücklich mit dem Experiment vorangegangen ist, erachten die verbündeten Frauenvereine es nicht mehr sür zu früh, die Frage generell und theoretisch zu öffentlicher Erörterung zu bringen. Ein derartiges Verfahren entspricht dem zugleich besonnenen und rastlos vorwärts strebenden Geiste, welchen die Leiter dieser Vereine von ihrem Haupte, dem unvergeßlichen Präsidenten Lette mit auf den Weg bekommen haben.
Köln, 3. October. Die unterirdische Telegraphenleitung zwischen Berlin und Köln ist gegenwärtig vollendet. Am 23. v. Mts. wurde dieselbe zum ersten Male aut Uebern ittelung von Depeschen in beiden Richtungen benutzt.
AuS Bayern, 2. October. Die bayerische Staatsregierung beabsich- iigt mit Einführung der Reichs-Justizgesetze die Competenz der Schwurgerichte sür Abtheilung von Preßsachen zu beschränken, indem sie in den §§ 18 und 28 des Reichs-Preßgesetzes mit Strafe bedachten Vergehen wieder der Abthei- lung dr Schwurgerichte entzüht.
Hamburg, 2. October. In aller Stille fand hier in letzter Woche fin „geheimer Areopag" von Vertretern sämmtlicher socialdemokratischer Ge tiossenschaften und Zeitungen Deutschlands statt. Der einzige Gegenstand der Tagesordnung war, „wie die durch das Socialistengesctz bedrohten Gelder am besten in Sicherheit zu bringen seien." Das Resultat des Conventikel soll in d" ersten Versammlung ein erfolgloses gewesen und soll eine zweite Versamm- lung zur definitiven Beschlußfaffung angesetzt sein.
Italien.
Rom, 2. October. Seit mehreren Jahren bieten die Jesuiten Alles auf, um die Verurteilung der philosophischen Schriften Rosmini^s durchzusetzen, ^"denselben die Jünger des heiligen Ignatius mit ihrer Herrschsucht nicht c n wegkommen. Mit Hülfe von Ranken und Verleumdungen hatten 5 so viel erreicht, daß die Sache vor das heilige Officium
gebracht wurde; aber dort rückte fle aus verschiedenen Gründen nicht vor. Jetzt hat T^pst Leo XIIL von derselben Kenntniß erhalten und entschiedenen Befehl aepeben, die Angelegenheit ganz fallen zu lasien. — Unter der Führung von Heißspornen, welche dem friedensuchenden Papste Hinderniffe in den Weg legen wollen, haben die aus Deutschland ausgewiesenen Jesuiten eine Schrift ausge- Ja xli 12 bettl b' S^hle überreicht werden und ihm darlegen soll, daß die Gerechtigkeit es erfordere, die Sache der Verbannten — natürlich in ihrem c aufzugeben. Für den wahrscheinlichen Fall, daß die Ausein
andersetzung kein Gehör finden wird, darf man wohl eine Verschärfung des
geheimen Krieges erwarten, der gegen den Papst gegenwärtig geführt wird. Rach den beim Vatitan aus Frankreich etnlaufenden Berichten zuj schließen, haben die dortigen Ultramontanen den Brief des Papstes au den Cardinal Nina nichts weniger als freudig begrüßt; zumal haben die dem deutschen Kaiser und dem deutschen Volke gespendeten Lobsprüche ihnen unangenehm in's Ohr geklungen. Andererseits hat der freisinnigere Tbeil der franz. Katholiken Anstoß an den scharfen Aussprüchen Leo's XIII. gegen Italien genommen und meint daraus schließen zu müffen, daß der Papst noch immer unter jesuitischem Einfluß stehe. Freilich wird sowohl den ultramontanen, wie einem Theil der liberalen Katho- liken Frankreichs das Urtheil getrübt durch die Verstimmung, welche in ihnen die Versöhnung des Papstes mit Deutschland Hervorrufen muß, weniger ans religiösen als aus politischen Gründen. Können sie dann sich doch nicht mehr den Lieblingsgedanken einreden — wie falsch er auck sein möge — daß Deutschland durch die Fortdauer des Kulturkampfes sowohl nach innen wie nach außen eine dem abgünsttgen Nachbar keineswegs unwillkommene Schwächung erleiden würde. (Köln. Ztg.)
Telegraphische Depeschen.
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London, 4. October. In Folge des Fallissements der „City of Glasgow Bank" haben das Haus Smith & Fleming hierselbst (Laedenhall Street), sowie die correspondirenden Häuser William Nicol in Bombay und Fleming & Comp. in Kurrachee ihre Zahlungen eingestellt. Die Höhe der Passiva ist nicht bekannt.
Loudon, 4. October. „Daily News" meldet aus Kalkutta von gestern: Das Vorgehen gegen Kabul findet unverzüglich statt. — „Standard" berichtet aus Simla vom 3. d.: Vom Emir Schir Ali ist noch kein Schreiben einge- laufen. Eingeborene melden das Zufammenziehen von Streitkräften aus allen Landestheilen Afghanistans gegen die britische Jnvafion. Eine kleine britische Abtheilung ist bereits im Anzuge gegen Tamrud. — „Daily Telegraph" wel- det, Layard werde binnen kurzer Zeit in England eintreffen, um mit der Regierung über die britische Politik im Orient zu berathschlaqen.
— Die Passiva von Smith & Fleming betragen beinahe 3 Mill. L.; man befürchtet die Zahlungssuspension dieser Firma werde andere erhebliche Fallissements in London und Glasgow nach sich ziehen. Die Passiva der „City of Glasgow Bank" werden nunmehr auf 14 Mill. L. geschätzt.
— Der Unter-Staatssecretär im Kriegsministerium, Vivian, hat seine Entlassung genommen und ist Thomson zu seinem Nachfolger ernannt worden. — Der Gouverneur von Gibraltar, Lord Napier of Magdala, hat sich auf seinen Posten zurückbegeben.
Pesth, 4. October. Der Ministerrath beschloß gestern, nachdem der Finanzmintster Szell auf seiner Demission beharrte, nunmehr auch formell und schriftlich seine Entlassung einzureichen. Tisza wird heute dem Kaiser in Goe- doello persönlich dos Demissionsgesuch überreichen.
Rew'Avrk, 4. October. Einer Depesche aus Jamaica zufolge ist unter den Negern von Santa Cruz ein Aufstand ausgebrochen; von den Aufständischen werden viele grausame Handlungen verübt.
Berlin, 4. October. Der Kronprinz empfing heute Nachmittag den Fürsten Bismarck. — Der „Reichs-Anz." meldet: Nach amtlicher Mittheilung ist russischerseits die Desarmirung der russischen Häfen am Schwarzen Meer und die Aufhebung der unterseeischen Minen angeordnet worden.
— Bei der heutigen anderweitigen Verhandlung gegen den ehemaligen Legationssecretär von Loe, welcher angeklagt ist, den Fürsten Bismarck durch mehrere Artikel der „Reichsglocke" und der „Deutschen Eisenb.-Ztg." beleidigt zu haben, erkannte der zweite Criminalsenat des Kammergerichts auf Bestätigung des Erkenntnisses erster Instanz, durch welches von Loe zu einem Jahr Gesängniß verurtheilt wird. Fürst Bismarck batte seine von dem Angeklagten beantragte Vernehmung als Zeuge unter Berufung auf § 313 der Criminal- ordnung und § 11 und 12 des Reichsbeamten-Gesetzes abgelehnt. Vom Gerichtshof wurden die Seitens des Angeklagten gestellten Beweisanträge abgelehnt, da die beleidigende Form der incriminirten Artikel ganz besonders unter Anklage gestellt, somit der Beweis der Wahrheit der vom Anaeklaaten bebauv- teten Thatsachen sachlich unerheblich sei.
— In der heutigen Sitzung der Reichstags-Commission für das Socia- listengesktz wurde der Text des Gesetzes nach den Beschlüssen der zweiten Lesung und der sehr umfangreiche von Schwarze erstattete schriftl. Bericht festgestellt. Der Vorsitzende, v. Bennigsen, dankte den Commissions-Mitgliedern für ihre mühevolle Arbeit. — Die national-liberale Fraktion tritt Montag, Vormittags 11 Uhr, zur Berathung des Socialistengesetzes zusammen.
Wien, 4. October. Vom zweiten Armee-Commando ist folgendes Telegramm aus Serojewo vom 4. d. eingelaufen: Generalmajor Sametz, Com- mandant der 1. Truppendivision, meldet, daß die 1. Infanterie-Brigade heute früh 8 Uhr in Vifegrrd ohne Kampf eingezogen ist. Die Insurgenten hatten frühzeitig ihr Lager und ihre Verschanzungen verlassen unter Zurücklassung vou ®fW^en' ßflten und Munition. — Gestern rückte die 8. Infanterie-Brigade, ohne Widerstand zu finden, in Gorazda ein und besetzte heute Caanica mit 2 Bataillonen. — Die 7. Infanterie-Brigade trifft morgen in Konjica ein.


