1878
Sonntag, dm 6. Januar
Ho. L
Anzeige- uab AiMlstt fit den Kreis Gießen
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Platz sichern, den es im Kreise der civilisirten Staaten einzunehmen berechtigt sei.
Zur Charakterisirung der Stimmung in Rußland dient die Nachricht, daß am Abend des Einzugs des Kaisers in Petersburg vor deut Palais des deutschen Botschafters Seitens der Bevölkerung wiederholt gemeinsame Hochs auf die Kaiser Alexander und Wilhelm ausgebracht worden sind.
In England sind die Kundgebungen für und wider Rußland aus Anlaß der Einberufung des Parlaments und der Gerüchte über vie von der Regierung beabsichtigten Creditforderungen mit neuer Lebhaftigkeit hervorgetreten. So hat der Verein zur Ueberwachung des Verlaufs der Orientfrage, unter dessen Auspicten seiner Zeit die große Conferenz in St. James Hall abgehalten wurde, eine vom Herzog von Westminster und anderen Friedensfreunden unterzeichnete Ansprache erlassen, welche zu möglichst allgemeinen und entschiedenen Protesten gegen einen Krieg zur Stützung des türkischen Reichs auffordert. In ähnlichem Sinne hat sich Gladstone ausgesprochen. Eine in Birmingham abgehaltene Versammlung liberaler Vereine beschloß, Meetings und Petitionen an das Parlament in's Werk zu setzen, damit letzteres die Negierung zur Beibehaltung der bisherigen Neutralität bewege. Unter diesen Umständen wird Lo d Beaconsfield wohl Wasser in den Wein seiner Kriegslust thun müssen, um so mehr, da die drohende Haltung der Kaffern die Regierung zwingt, so bald als möglich Truppen n-ich dem Cap zu fenditt. Die Deputation einer Arbeiterve.sammlung, welche ihm ihre russenfeindlichen Resolutionen überbringen wollte, har er denn auch nicht empfangen — angeblich, weil er augenblicklich zu beschäftigt sei!
Das französische Volk erhitzt sich nachträglich gewaltig über die Vorbereitungen zu dem militärischen Staatsstreich, welcher vor dem 15. Decbr. geplant war und durch die damit zusammenhängende Absetzung zweier höheren Osficiere in Limoges ans Tageslicht gekommen ist. Die Militärbehörde be- haupttt, es habe sich bei den betreffenden Anordnungen nur um gewöhnliche Sicherhetlsmaßregeln zur Aufrechlhaltung der öffentlichen Ordnung in Paris und den übrigen großen Städten gehandelt, doch glaubt Niemand ihren Versicherungen. Uebrigens fährt die Regierung in ihren Bestrebungen, die öffentliche Meinung durch liberale Kundgebungen für sich zu gewinnen, wie z. B. durch den Beschluß, Thiers in Versailles eine Statue zu errichten, mit so großem Erfolge fort, daß sich die Ueberzeugung befestigt, die republikanische Verfassung werde jetzt zur Wahrheit werden. Von besonders hoher Bedeutung waren die Aenßerungen, die der neue Minister des Auswärtigen über die von ihm zu beobachtende Politik den Vertretern der fremden Mächte gegenüber ge- thatr hat, sowohl durch die Entschiedenheit, mit welcher er alle Begünstigung der klericalen Tendenzen von sich wies, wie durch die Offenheit, mit der er Frankreichs bisherige Zurückhaltung in der orientalischen Frage auch fernerhin fortsetzen zu wollen erklärte.
Das Befinden des Papstes wird als in fortschreitender Befferung befindlich geschildert. Am Weihnachtsabend konnte er 17 Cardinäle im Bett sitzend empfangen, am 28. Decbr. auch das angekündigte Consistorium, in welchem er zwei Italiener zu Cardinälen ernannte, abhalten und in einem zweiten Consistorium am 31. Decbr. verschiedenen Cardinälen den rothen Hut überreichen. Er unterließ indeß nicht, die Anwesenden aufzufordern, sie möchten Gott bitten, daß er der Kirche helfen und den Geist ihres kranken Oberhauptes stärken möge. In der mit dem ersten Consistorium verbundenen Allocution soll auch der Einrichtung der Hierarchie in Schottland Erwähnung gethan sein: diese ist also jetzt als eine vollbrachte Thatsache zu betrachten. Auch das neue italienische Ministerium kann nunmehr als definitiv constituirt gelten. Die Hauptpersonen in demselben sind Depretis, welcher den Vorsitz und die auswärtigen Angelegenheiten, und Crispi, welcher das Ministerium des Innern übernommen hat. Beide empfingen vor einigen Tagen den Besuch des französischen Exdictators Gambetta, der in Rom eingetroffen ist, um sich mit den neuen Ministern über die Politik der nächsten Zukunft zu besprechen.
Don Carlos, der bekannte spanische Thronprätendent, ist unmittelbar, nachdem sich die Exkönigin Isabella tnit ihm ausgesöhnt hat — ohne Zweifel auf Verlangen der spanischen Regierung — aus Frankreich ausgewtesen worden. ___________________ _
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Telegraphische Depeschen.
Wagner'« telegr. Correspondenz-Bureau.
Erzeruur, 2. Januar. Die Ruffen fahren fort, iti den Ortschaften der Ebene Truppen zu concentrtren. Seit drei Tagen werden von den türkischen Befestigungen aus Bewegungen der Ruffen auf dem Berge Deve-Boyun bemerkt. Heute in der Frühe wurde das Dorf Ozni an der Straße nach Trapezunt von 4 Bataillonen und einem Dragoner-Regiment besetzt.
Steuer Commissariat Gießen.
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Unser Kaiser hat sowohl das Weihnachtssest wie den Sylvester-Abend im Kreise der Seinen nach hergebrachter Weise und in erwünschtem Wohlsein gefeiert. Die Neujahrsgratulationen fanden in der vorher festgesetzten Reihenfolge statt. Bei dem Empfang der verschiedenen Gruppen der Minister, Gesandten und Generale, deren Ansprachen er in erfreulichster geistiger Frische beantwortete, gab der Kaiser wiederholt der Hoffnung auf Erhaltung des Friedens sowohl, wie auf eine gedeihliche Entwicklung der inneren Verhältnisie des Reiches und Preußens Ausdruck. Am 30. Decbr. empfing er den bisherigen Botschafter der französischen Republik, Grafen von Gontaut-Biron, dem er un- mitielbar vorher den Schwarzen Adler-Orden zugesandt hatte, zur Entgegennahme seines Abberufungs-Schi eibens.
Das alte Jahr ist zwar zu Ende gegangen, ohne daß es eine vollständige Lösing der „Kanzlerkrisis" gebracht hätte, es hat aber dem neuen Jahre die sichere Aussicht auf eine baldige Entscheidung derselben in dem von allen Freunden des Deutschen Reichs gewünschten Sinne hinterlassen. Die Besprechungen, welche Fürst Bismarck mit dem Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses in Varzin gepflogen und an denen, wie es scheint, zum Schluß wenigstens auch der kaiserliche Flügeladjutant Graf Lehndorff im Auftrage des Kaisers beigewohnt hat, haben das öffentliche Interesse begreiflicherweise in hohem Grade in Anspruch genommen. Nach dem, was seit der Rückkehr des Präsidenten v. Bennigsen über diese Verhandlungen verlautet, gehen die Pläne des Reichskanzlers auf eine Verbindung der wichtigsten Retchsämter mit den entsprechenden Zweigen des preußischen Staatsdienstes, sowie auf eine Heranziehung von Elementen, welche eine unmittelbare Fühlung mit der Mehrheit des Reichstags und des Abgeordnetenhauses repräsentiren. Als die Männer, welche zunächst in den Reichs- bezw. in den preußischen Staatsdienst einzutreten hätten, werden allgemein v. Bennigsen und v. Forkenbeck betrachtet. Daran, daß der Kaiser seine Zustimmung zu dem ihm vom Fürsten Bismarck vorgelegten Programm ertheilt habe, ist gegenwärtig wohl nicht mehr zu zweifeln. Man sieht denn auch der Rückkehr des Reichskanzlers und zugleich der vollen Wiederaufnahme der Geschäfte seinerseits bestimmt zu Mitte dieses Monats entgegen, die definitive Lösung der obschwebenden Krisis glaubt man indeß aus naheliegenden Gründen erst mit dem Beginn des Reichstags erwarten zu dürfen.
Was die evangelische Landeskirche Preußens betrifft, so hat man in liberalen Kreisen mit Befriedigung Kenntniß davon genommen, daß der Oberkirchenrath sich durch die Betheiligung einzelner Geistlichen an politischen Parteibestrebungen, besonders bei Wahlagitationen, veranlaßt gesehen hat, seinen Erlaß vom Jahre 1863, welcher bekanntlich die Selbstständigkeit und Unterschiedlichkeit des staatlichen Gebietes der Kirche gegenüber betont und im Interesse des geistlichen Amtes von den genannten Parteibestrebungen abmabnt, von Neuem in Erinnerung zu bringen. Von Bedeutung für die innere Entwicklung des Altkatholicismus ist die Thatsacke, daß der Vorstand der altkatholischen Gemeinde zu Mannheim allen Schwestergemeinden Deutschlands eine Erklärung für Aufhebung des Cölibarszwanges mit der Bitte har zugehen lasten, den bezüglichen Antrag zu dem ihrigen zu machen.
In Oesterreich-Ungarn ist die letzte Woche des Jahres ziemlich still verlaufen. Seitdem Graf Andrasty die Delegationen durch seine eingehenden Mittheilungen über die von ihm befolgte Politik zu der Ueberzeugung gebracht hat, daß die Jnteresten des Kaiserstaates bei der bevorstehenden Neuordnung der Dinge im Orient nachdrücklich werden gewahrt werden, seitdem andererseits das ungarische Ministerium durch energische Maßregeln bewiesen hat, daß es sich durch Straßendemonstrationen nicht in seiner Haltung beeinflussen laste, ist die Opposition gegen die Regierung mehr und mehr geschwunden. Großes Aufsehen erregte die Reise des ungarischen Ministerpräsidenten Tisza nach Berlin: Niemand will daran glauben, daß dieselbe blos dem Besuch seines dort studirenden Sohnes, wie officiös versichert wird, gelte. Daß der Leiter der ungarischen Regierung bei dieser Gelegenheit zugleich politische Zwecke verfolgt, mögen dieselben nun auf handelspolitischem Gebiet liegen oder die orientalische Frage betreffen, unterliegt wohl keinem Zweifel, wird auch durch den Verkehr des Ministers mit dem österreichischen Botschafter in Berlin hinreichend bezeugt. Die Kaiserin von Oesterreich hat sich in Begleitung ihres Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, aus längere Zeit nach England begeben.
Fürst Karl von Rumänien ist nach Bukarest/zurückgekehrt und hat aus diesem Anlaß mehrere Ansprachen gehalten, in de ) er seinen Truppen reiches Lob spendet und zugleich die Ueberzeugung auss ., die europäischen Mächte würden das Werk der Armee vervollständigen Rumänien jenen


