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No. es .

Sonntag, den 30. September

1879.

Heuer Mnzeiger

Küzeizk- uub Amisblatt fit bei Kreis Gießen.

6dcgnni tätlich mit Ausnahme bei Montags. viertehührlich 1 »ar? 20 Pf- mit Bringerlohn,

vchulsirsße, Lit. S. Nr. IS. Durch die Post be-sgen sierteliShrlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Gefunden: 1 Portemonnaie, 1 weißes Taschentuch, 1 grauer Pferdeteppich, 1 Kriegsdenkmünze 1870/71, 1 silberner Pfeil.

In dem Borraum der Annahmestelle der Stadtpostanstalt steben geblieben: 1 Regenschirm, 2 Sonnenschirme.

Zugelaufen: 1 junger weiß und schwarz gefleckter Hund.

Gießen, den 28. September 1877. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

________________ Fresenius.

politisch

Woche nübersicht.

Unser Kaiser hat in der vergangenen Woche die Besichtigung des 14. Armee-Corps beendigt und vor seiner Abreise aus Baden nicht blos seine volle Zufriedenheit mit dem Zustande der Truppen kundgegeben, sondern auch den Gioßherzog von Baden zum General-Jnspector der aus dem badischen und dem elsässischen Armee-Corps bestehenden 5. Armee-Jnspection ernannt. Beson- ders bemerkenswerth ist, daß in dem Kaiserlichen Erli ß einerseits der Wunsch nach einem langen und dauernden Frieden, anderseits aber die Ukberzeugung ausgesprochen wird, mit so guten Truppen sei allen Ereignissen mit ruhigem Herzen entgegenzusehen. Bon Karlsruhe begab sich der Kaiser aus ein paar Tage nach Darmstadt, um die hessischen Truppen zu bisichtigen; auch dort wurde er ebenso wie in Baden mit großer Begeisterung empfangen.

Das hervorragendste Ereigniß der vorigen Woche war die Zusammen­kunft des Fürsten Bismarck mit dem Grasen Andrassy in Salzburg. Dieselbe hat länger gedauert, als Anfangs in Aussicht genommen war, und den beiden Staatsmännern Gelegenheit genug geboten, sich über die politische Lage mit einander zu besprechen. Ueber das Resultat dieser Besprechungen ist zwar bisher noch nichts Genaueres bekannt geworden, aus guter Quelle ver­lautet indeß, daß nicht blos über die orientalische Frage, sondern ai ch über die im Westen Europas vorgehenden Dinge und besonders über den bi vorstehenden Wechsel ans dem päpstlichen Stuhl ein vollkommenes Einveiständniß erreicht worden sei. Auch auf den Verlauf der Unterhandlungen über den deutsch- österreichischen Handelsvertrag soll die Zusammenkunft einen günstigen Emfluß geübt haben. Fürst Bismarck ist übrigens nur ein paar Tage in Berlin ge­blieben, hat aber während seines dortigen Aufenthalts, so kurz er auch war, sowohl mit mehreren Ministern Berathungen gepflogen, wie den Präsidenten der italienischen Deputirten-Kammer, Crispi, der ihn schon in Gastein be­sucht hatte, empfangen.

Die deutsche Kriegsflotte hat sich wieder um ein stattliches Fahrzeug ver­mehrt, indem die Corvette C, das Cchwesterschiff der CorvetteBismarck", nachdem sie im Auftrage des Kaisers durch den Admiral WernerBlücher" getauft worden, bet Kiel vom Stapel gelaufen ist.

Die Ergänzungswahlen zur zweiten Kammer im Königreich Sachsen sind für die national-liberale Partei ungünstig ausgefallen, indem die Candi- daten derselben nur in 6 Fällen, die der Conservativen dagegen in 15 Fällen den Steg davongetragen haben. Leider ist auch ein Socialdemokrat der erste seiner Art in einem deutschen Landtag gewählt worden. Die deut­schen Naturforscher und Aerzte haben in München ihre 50. Jahresversamm­lung abgehalten und zur Feier dieses Jubiläums die Errichtung eines Denkmals sür den Gründer ihrer Versammlungen, den berühmten Lorenz Oken, beschlossen.

Oesterreichs Politik hat, wie von allen Seiten her bestätigt wird, durch die Salzburger Verhandlungen keine Aenderung erlitten, wird daher nach wie vor die Linie der Neutralität inne halten. Die Ungarn haben sich durch eine zur Feier der angeblichen Siege der Türken dem Consul derselben in Pesth mit Fackelzug und Illumination dargebrachte Ovation unnütze Kosten ge­macht, dabei aber ihrem Haß gegen Rußland und ihrem Verlangen nach Revanche sür Vilagos" einen so offenen Ausdruck gegeben, daß ihre Kundge­bung zu einem bedenklichen Protest gegen die ganze gegenwärtige Ordnung der Dinge im Staate geworden ist. Glücklicher Weise hat sich der deutsche Theil der Bevölkerung bisher enthalten, seine Sympathien und Antipathien in so exiravaganter Weise zu äußern. Daß der berühmte Oberstabsarzt Dr. Mundy sich nach Konstantinopel begeben hat, um dort den türkischen Verwundeten Hülfe zu leisten, ist mehr ein Act der Humanität, als der politischen Sympathie.

Der Papst, welcher nachgerade wohl selbst fühlt, daß es mit ihm zu Ende geht, hat den Cardinal Pecci, einen verhältnißmäßig milde und versöhn- "ltch gesinnten Mann, zumKämmerling" der Kirche ernannt und ihm somit das wichtige Amt der Anordnung aller für die Papstwahl erforderlichen Maß­regeln übertragen. Dogegen ist der Cardinal Ponebianco, den die Jesuiten gern zum Papst haben möchten, von seinem Posten als Großpönitentiar zurück­getreten und hat in dieser Stelle dem jüngeren Cardinal Bilio Platz gemacht. Die italienische Regierung hat den übrigen Mächten eröffnet, daß sie bis in's Kleinste alle Maßregeln getroffen habe, um eintretenden Falls dem Eonclave die freieste Wahl zu sichern, daß sie demselben aber gleichzeitig die Beobachtung derjenigen Formen zu strengster Pflicht machen werde, an welche

er Theil.

durch ausdrückliche Verordnung oder mumterbrochenes Herkommen die Gültig­keit der Wahl geknüpft sei.

Der Schweizer Bundesrath hat, nachdem eine Zählung des Pferdebestandes das Resultat geliefert, daß die bei einer Mobilmachung nöthige Zahl gesichert sei, den Ausfuhrzoll von 800 auf 3 Franken herabgesetzt, d. V das Pferdeausfuhr-Derbot wieder aufgehoben. In Genf berieth ein auch von deutscher Seite zahlreich besuchter internationaler Congreß über die Aufhebung der Prostitution.

Frankreich ist, nachdem die Wahlen zur Deputirten-Kammer definitiv auf den 14. October festgesetzt worden, in die Periode der Wahlagitationen eingetreten und dadurch der Schauplatz lebhaftester Aufregung geworden. Der Marschall Mac Mahon hat die Republikaner durch sein Wahlmanifest, deffen herausfordernder, drohender Ton ganz an die verhängnißvolle Proclamation Karls X. erinnert, aus's Höchste erbittert. Sie selbst haben sich um einen von Thiers kurz vor seinem Tode verfaßten Wahlaufruf versammelt, welcher den 16. Mai mit den stärksten Morten verurlheilt und die gegenwärtige Lage der Tinge als unerträglich bezeichnet. Natürlich haben es auch die Gruppen der Rechten ni*t daran fehlen lassen, auf die Wähler durch einen Wahlaufruf ein­zuwirken. Der Ausgang des von Monarchisten und Republikanern mit gleichem Eifer geführten Kampfes ist um so schwerer vorherzusagen, da die Geistlichkeit, wie ans einem Schreiber des Erzbischofs Dupanloup hervorgeht, es jedem guten Katholiken zur Pflicht macht, au der Wahlurne zu erscheinen und für die Candidaten des Marschall-Präsidenten einzutreten. Jedenfalls sind die Aussich­ten in die Zukunft Frankreichs, mögen nun die Republikaner oder die Monar­chisten siegen, nichts weniger als erfreulich. Mittlerweile ist das Urtheil des Gerichts erster Instanz, welches Gambetta zu drei Monaten Gefängniß ver- urtheilt hatte, vom Apellhos bestätigt worden.

Der in Gent abgehaltene Welt-Congreß der Socialdemokratie hat zwar keine Einigung auf politischem Gebiete erzielt, dagegen durch Abschluß eineS Eolidaritätsvertrags zwischen den nichtanarchischen Socialisten und durch Er­richtung eines Bundes-Bureaus die Grundlagen einer neuen Organisation ge­schaffen, deren Lebensfähigkeit sich freilich erst erproben muß.

Der König der Niederlande hat am 17. d. Mts. die Generalstaaten eröffnet und in seiner Thronrede ein befriedigendes Bild von der inneren und äußeren Situation des Landes entworfen. Das Budget sür 1878 weist an Ausgaben 121 Millionen, an Einnahmen aber nur 113 Millionen Gulden auf das Deficit rührt von den Ausgaben für den Krieg in Atschin her.

Aus England ist von politischen Kundgebungen nur eine Rede des Slaatssecretärs für Irland, Hicks Beach, zu verzeichnen, welcher daraus hin- wieS, wie glücklich sich England zu schätzen habe, daß es nicht in den russisch- türkischen Krieg verwickelt worden sei; er hoffe auch, daß die bisher beobachtete Neutralität bis zu Ende beobachtet werden könne; jedenfalls werde die Regie­rung keine Gelegenheit versäumen, die Herbeiführung des Friedens eifrigst zu fördern.

Aus Amerika kommt die intereffante Nachricht, daß der provisorische Prä­sident der de» Jesuiten bisher so ergebenen Republik, Ecuador, das im Jahre 1863 mit Nom geschloffene Eoncordat gekündigt hat.

Deutschland.

Darmstadt, 28. September. Der Kaiser hat dem Großherzog seine Freude und Befriedigung üb.r den von der Stadt Darmstadt ihm bereiteten Empfang, sowie die von allen Seiten unb aus allen Landestheilen ihm darge- brachten Beweise herzlicher Verehrung ausgedrückt; dies wird Seitens der Bür­germeisterei im Auftrage des Großherzogs bekannt gemacht.

Keßeneich.

Pesth, 27. September. Im Abgeordnetenhause hat der (siebenbürgisch- sächsische) Abg. Guido Baußner eine Interpellation an den Minister-Präsidenten eingebracht, deren Wortlaut hier folgt: Mitten in der Wandelbarkeit der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse gibt es einen Punkt, in welchem sich alle europäischen Fragen berühren; dieser Punkt ist das Verhältniß unserer Monarchie zu dem deutschen Reiche. Von dem freundschaftlichen Charakter dieses Verhältniffes hängt die günstige Gestaltung Europa-, besonder- aber dieser beiden mächtigen Nachbarreiche wesentlich ab. In Anbetracht dieser hohen Wichtigkeit, welche das Verhältniß zwischen unserer Monarchie und dem deut­schen Reiche sowohl für diese Großmächte als auch für ganz Europa besitzt,,