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1875

AnM- unh Amtsdiütt für heil Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS MontagS. Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.

PreiK vierteljährlich 3 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Ißeil. Bekanntmachung-

Das Bureau der 1. Bezirks-Compagnie Gießen befindet sich von jetzt ab tm Hause des Herrn Jughardt, Kanzleiberg Lit. B. 72 am botanischen Garten.

Gießen, den 22. Juli 1877. F. d. dienstl. abw. Bezirks-Commandeur: Lang, Secondelinitenant und Bezirks-Adjutant.

politischer H y e i t.

Woche n über sicht.

In Betreff des Handelsvertrages mit Oesterreich-Ungarn soll die deutsche Reichsregierung entschlossen sein, niemals einen Tarif, in welchem Oesterreich seine Zölle erhöht, durch Vertrag zu sanctioniren, und in diesem Sinne eine Note nach Wien zu richten die Absicht haben. Besteht Oesterreich also darauf, seine Zölle zu erhöhen, was wir ihm begreiflicher Weise nicht wehren können, so wird es also zu keinem Handelsverträge kommen. Die deutsche Regierung wird dann aber auch nicht mit Oesterreich ferner auf dem Fuße der meistbegünstigsten Nationen zu leben fortfahren alles Folgerungen, worin die Regierung sämmtliche Parteien des Reichstags hinter sich haben dürfte.

Das Pferdeaussuhrverb ot ist in den betheiligten Kreisen noch immer der Gegenstand einer überaus lebhaften Kritik. Allerdings sollen die Pferdehändler, namentlich Ostpreußens, von jener Maßregel hart betroffen wor- den sein, aber gewiß hat dieKölner Ztg." Recht, wenn sie die zwingende Nothwendigkeit hervorhebt, unter der die Reichsregierung stand, als sie das Verbot erließ. Mag auch für den Einzelnen in der Verordnung eine Härte liegey, so muß doch die Rücksicht auf die allgemeine politische Lage überwiegen, welche zu übersehen und zu beurtheilen die Reichsregierung jedenfalls am besten im Stande ist.

Auf dem Kriegsschauplätze hat sich der Uebergang der Russen über den Balkan als ein großer Erfolg herausgestellt, wie er auch gleich von Anfang erscheinen mußte. Wir wissen jetzt darüber Näheres; es war ein kühn erdach­ter, durch die Hülfe der bulgarischen Bevölkerung fördersam unterstützter und glücklich durchgeführter Schachzug, der vermuthlich über das Schicksal des gan­zen Feldzuges entscheidet.

In Kleinasien hat die angekündigte Vorwärtsbewegung der türkischen Streitmacht kaum erst begonnen. Die Russen fahren fort, sich vorläufig in der Defensive zu halten, werden aber nach Eintreffen der ihnen zugesandten bedeu­tenden'Verstärkungen nicht verfehlen, ihrerseits angriffsweise vorzugehen, um die schnell erlangten und bald wieder eingebüßten Vortheile zurück zu gewinnen.

In der Türkei haben die Erfolge der Russen am Balkan eine groß­artige Bestürzung hervorgerusen. Die muselmännische Bevökerung flieht in die festen Plätze, besonders nach Adrianopel; aber von dort aus treffen auch wieder Flüchtlinge in Konstantinopel ein. Der erstere Ort wird in aller Eile befestigt, und alle noch verfügbaren Truppen werden dorthin zusammengezogen; man spricht von einer Besatzung, die 30,000 Mann stark sein soll, jedoch schwerlich im Stande sein wird, den Russen nachhaltigen Widerstand zu leisten. In der Hauptstadt aber scheinen die Machthaber den Kopf verloren zu haben. Sie glauben das Versäumte durch das bedenkliche Mittel der Personalveränderung nachholen zu können: so ist der Generalissimus der in der Bulgarei stehenden Truppen, Abdul Kerim, abgesetzt worden und Mehemed Ali an seine Stelle getreten, Savfet Pascha, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, ist durch Aarifi Pascha ersetzt, des Sultans Abdul Aziz langjähriger Secretär, der einem Frieden mit Rußland geneigt sein soll. Auch die Stellung des Groß- vezirs Edhem Pascha wird als erschüttert angesehen, und selbst das Gerücht taucht auf, daß Sultan Abdul Hamid zu Gunsten seines Neffen Juffuff Jzzedin dem Throne entsagen werde.

England sucht, wie mau behauptet, durch seinen Gesandten an der hohen Pforte, Layard, sich die Erlaubniß zu erwirken, mit seiner Flotte in die Dardanellenstraße einlaufen und Gallipoli besetzen zu dürfen. Die in Bewegung gesetzten Transportschiffe sind zunächst aber dafür bestimmt, einige Regimenter nach Malta überzuführen. Die Pforte hat dem Wunsche Englands, Gallipoli zu besetzen, bis jetzt nicht nachgegeben und macht ihre Erlaubniß dazu von dem Abschluß eines Schutz- und Trutzbündntffes abhängig, welches England jedoch keineswegs einzugehen gesonnen ist, da es sich, wie Lord Derby sich ausdrückte, auf keine Unternehmung einlassen will, die es durchzuführen nicht im Stande ist- Ihm handelt es sich immer blos um denSchutz der britischen Jn- tereffen", welche mit denen der Türket keineswegs einerlei sind. Auch ist für Englands Stellung die Erklärung des leitenden Ministers charakteristisch, daß dasselbe mit seinen frischen Kräften wirksam bei den Friedens-Unterhandlungen werde eintreten können, aus welcher hervorgeht, daß es nach wie vor entschlossen ist, sich in den Grenzen der Neutralität zu halten.

Oesterreich bleibt gleichfalls der bisher von ihm sestgehaltenen Politik der Nicht-Intervention treu, zumal sich Serbien wie Rumänien ruhig verhalten und der Hauptschauplatz des Krieges von seinen Grenzen so weit entfernt ist. Uebel bemerkt man in Wien freilich, daß die Ruffen in Bulgarien sich so häus­lich einzurichten anfaugen, aber ehe man den Wünschen-der interventionslustigen Kriegspartei nachgäbe, müßten noch ganz andere Uebergriffe Rußlands stattfin­den, als jene Maßregeln, welche der Drang des Augenblicks, wenn nicht recht­fertigt, so doch entschuldigt.

In Frankreich läßt das Ministerium durch sein Preß-Bureau alle Gerüchte von Meinungsverschiedenheiten über die Feststellung des Wahltermins, welche in seinem Schooße bestehen sollten, schlechtweg abläugnen. Dennoch glaubt man an solche Differenzen. Die Bonapartisten sind offenbar bestrebt, den Marschall Mac Mahon auf die Bahn der. offenen Ungesetzlichkeit und des Staatsstreiches zu drängen; Decazes sucht ihn auf der Bahn wenigstens for­meller Gesetzlichkeit zu erhalten. Inzwischen geht es mit den Gewaltmaßregeln be: Regierung gegen die Republikaner immer weiter eine viel wildere Reac- lion, als zu den blühendsten Zeiten der napoleonischen Herrschaft gewagt wurde. Zunächst ist unter den höheren Beamten, welche der republikanischen Gesinnung verdächtig sind, gründlich aufgeräumt worden, jetzt werden auch Maires, Schul­lehrer und Eisenbahnbeamten in Maffe abgesetzt und sogar die Freimaurer- Logen mit Maßregelungen bedroht. Ein Gemeinderath wurde aufgelöst, weil seine Mitglieder die Frohnleichnams-Procession nicht mitgemacht hatten! Das Ministerium der moralischen Ordnung ist also beschäftigt, die großartigste Un­ordnung zu schaffen, wobei es sich aber häufigen Processen aussetzt, da durch seine Gewaltstreiche auch der Besitzstand der Gemaßregelten unrechtmäßiger Weise in Mitleidenschaft gezogen wird. Das Resultat kann nur eine gewaltige Verwirrung und Erbitterung des Volkes sein, deren weitere Folgen sich jetzt noch nicht überschlagen lassen. Daß die republikanische Partei bei den Wahlen mit ungeschwächter, wahrscheinlich sogar verstärkter Majorität siegen werde, ist nach wie vor die Ansicht aller der Verhältniffe Kundigen und die geheime Furcht der Regierung, welche den Termin der Wahl absichtlich in der Schwebe zu halten scheint, um ihren Gegnern durch Ueberraschung zu schaden.

Aus Pennsylvanien kommen Nachrichten, welche auf die Zustände der einst hoch gepriesenen und als eine Art Musterstaat betrachteten nordameri­kanischen Union ein eigenthümliches, aber höchst unerfreuliches Licht werfen. Eine von der Verwaltung der Baltimore-Ohio-Bahn als nothwendig erachtete Herabsetzung der Löhne gab Veranlaffung zu einem großartigen Strike der Heizer und Bremser, die den Betrieb der Bahn störten und, durch Zuzug ver­stärkt, allerhand Unfug ausübten. Diese Meuterei, wie man es nennen darf, hat nach den neuesten Meldungen einen so bösen Charakter und solche Aus­dehnung angenommen, daß regelmäßiges Militär aufgeboten werden mußte, um Ordnung zu schaffen, die jedoch noch immer nicht erzielt werden konnte, ob­gleich den Aufständischen förmliche Gefechte geliefert wurden und eine größere Anzahl derselben verwundet und getödtet wordm war.

Deutschland.

Darmstadt, 27. Juli. In dem Proceß gegen den Redacteur der Neuen Offenb. Ztg.", Ulrich, wegen Beleidigung des Chef-Redacteurs der Nation.-Ztg.", Dernburg, wurde nach dem heute verkündigten Urtheil des hiesigen Bezirks Strafgerichts der Angeklagte zu einem Monat Gefängniß und in die Kosten verurtheilt.

Hesterreich.

Wien, 27. Juli. Midhat Pascha wurde nach Konstantinopel zurückbe- rusen; er verließ bereits Plombiöres, reist über Wien und beabsichtigt, Andrasiy zu sprechen. Es ist noch unbekannt, welches Amt Midhat übernehmen wird, vermuthlich das Groß-Vezirat. Das Pesther Türken-Meeting ist imposant verlaufen. Es waren 6000 Teilnehmer anwesend, darunter die Intelligenz sehr zahlreich vertreten. Helfy sagte unter stürmischem Beifall:Gebt uns Waffen gegen Rußland!" Helfy verlas Depeschen, wonach Russen in einem bulgarischen Dorfe 637 Einwohner ermordet haben. Klapka steht nach Nieder­werfung der Türkei Oesterreich angegriffen und verlangt eine österrelchijch- englische Allianz; dem entsprechend wurde eine Resolution angenommen.

Nach einem Telegramm derNeuen Fr. Pr." aus Konstantinopel